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Jüdische Zeitung · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 51 Sektion „Jung-Juda“. Zur intensiven Pflege des national-jüdischen Gedankens und zur Verbreitung des Interesses am Studium der jüdischen Geschichte und Literatur wurde im Jahre 1907 eine besondere Sektion im Vereine unter dem Namen „Jung-Juda“ gegründet. Anfangs lag die Leitung der Sektion in den Händen des Tumratsinitgliedes Dr. Israel Littmann, nach dessen Rücktritt das Turnratsmitglied Herr Moriz L a m b e r g die Führung der Sektion übernahm. Dieselbe betätigte sich in Veranstaltung von Vorträgen, welche von Vereinsmitgliedem und nicht dem Vereine angehörigen Gesinnungsgenossen über Themen der jüdischen Geschichte und Literatur gehalten wurden, woran sich in der Regel Diskussionen der Mitglieder schlossen. Die Sektion veranstaltete regelmäßige Ausflüge in die Umgebung Wiens, errichtete einen hebräischen Sprachkurs für Vereinsmitglieder, nahm Sammlungen für den jüdischen Nationalfond vor (— ins goldene Buch wurden der „Erste Wiener Jüdische Turnverein“ und der Vereinsobmann Herr Dr. Ludwig Werner eingetragen —), wobei sich Herr Arnold Donath, der gegenwärtige Nationalfondkommissär des Vereines, besonders hervortat, und legte den Grundstock für eine Vereinsbibliothek, welche Bücher tum-theoretischen, jüdisch-geschichtlichen und literarischen Inhaltes umfaßt. Die Sektionsabende wurden im Turnratszimmer des Vereines abgehalten. Bei dem Umstande, daß sich am Turnplätze selbst für national-jüdische Propaganda weniger Zeit und Gelegenheit bietet, hat die Sektion „Jung- Juda“ für die Plege des nationalen Gedankens im Vereine ganz besondere Bedeutung. * * * Außerordentliche Hauptversammlung. Aus Anlaß des 10jährigen Bestandes des Vereines fand Sonntag den 12. Dezember im Turnsaale IX. Liechtensteinstraße 20, eine außerordentliche Hauptversammlung des Vereines statt, die einen überaus würdigen Verlauf nahm. Es hatten sich fast sämtliche Vereinsmitglieder, ferner das Ehrenmitglied des Vereines, Herr Fabrikant Hermann Kön i g, sowie die Delegierten des Proßnitzer Brudervereines eingefunden. Der Vereinsobmann Herr Dr. Emil Krasny begrüßte die Erschienenen und würdigte unter stürmischem Beifall der Anwesenden zunächst die großen Verdienste des Ehrenmitgliedes Fabrikanten König, der — ein weißer Rabe unter den Wiener Juden — dem Vereine in Zeiten der Not immer noch bereitwilligst zu Hilfe kam und schon große materielle Opfer für denselben gebracht hat. Herr König dankte bewegt für die ihm zuteil gewordene Ehrung und erklärte beim Anblicke der Turnerschaft aus Anlaß des tags vorher abgehaltenen Schauturnens die größte Genugtuung erlebt zu haben. Er sicherte dem Vereine auch seine weitere werktätige Unterstützung zu. Und nun will ich von dem großen Tag im Leben Eli Beli Teilhabers erzählen: An einem Donnerstag war es, an dem Tage, da die zwei Wochenschriften des Verlages zu erscheinen pflegten, als Eli am Vormittag ins Bureau des Direktors gerufen wurde. Der Direktor überreichte ihm ein Telegramm und sagte: „Um halb 12 Uhr kommt am Anhalter Bahnhof Baron Reichmond mit dem Wiener Schnellzug an. Holen Sie den Baron von der Bahn ab und bringen Sie ihn hieher“. Eli erledigte sich seines Auftrages. Baron Reichmond war ein liebenswürdiger junger Mann, der Eli nicht nur die Hand reichte, sondern ihn ganz wie seinesgleichen behandelte. Als sich Eli auf der Fahrt zum Verlag neben dem Chauffeur setzen wollte, rief der Baron: „Hier ist Platz genug, lieber Freund“ und Eli mußte im Automobil neben ihm sitzen. Sie kamen ins Gespräch und der Baron erfuhr bald von Elis Verhältnissen. Er staunte nicht wenig über Elis Begeisterung fürs Verlagsfach. „Sehen Sie, ich bin Mitinhaber des Verlages, aber ich habe mich nie um die Sache gekümmert“, sagte er. „Mir wäre es lieber,' wenn ich nichts mehr davon wissen würde.“ -Um ein Uhr, als Eli sich zum Mittagessen begeben wollte, begegnete er dem Baron auf dem Hofe. Eli grüßte und wollte sich entfernen, als der Baron plötzlich stehen blieb und ihn zu sich heranwinkte. Der Baron dachte über etwas nach, dann ergriff er den Arm Elis und fragte: „Wieviel Geld haben sie auf der Bank, lieber Freund?“ „Es werden bei neuntausend Mark sein“, erwiderte er. Es gelangte sohin, der Antrag des Turnrates auf Ernennung des verdienstvollen langjährigen Vereinsobmannes Herrn Dn Ludwig Werner zum Ehrenpräsidenten des' Vereines unter jubelnder Zustimmung der Versammlung zur Annahme, wofür Dr. Werner in -kernigen Worten seinen Dank aussprach. Hierauf erfolgte die Verteilung von Ehrenzeichen an jene Mitglieder, welche dem Vereine, seit seiner Gründung angehören. Es sind dies die Herren: Obering. Emil Fried, Dr. Artur Immerglück, Dr. Max Immerglück, Dr. Max J erusalem, Hermann König, Gustav Löbl, Isidor Löwenbein, Rudolf Po 11 ak, Hugo Spitzer, Dr. Ludwig Werner. Der Vereinsobmann würdigte in markiger Rede die Verdienste derselben und überreichte ihnen die Ehrenzeichen, welche das Vereinsabzeichen mit silbernem Lorbeerkranz darstellen und die mit einer Widmung versehen sind. Im Namen der solcherart Ausgezeichneten dankte Herr Dr. Jerusalem, der dem Vereine die weitere tätige Mitarbeit der jungen Veteranen zusagte. Es sprachen ferner Herr Löwenbein und namens des Proßnitzer Brudervereines der Delegierte Kien, der die herzlichsten Glückwünsche seiner Organisation überbrachte. Unter den Klängen des Turnerliedes „Wohlan lasst uns singen und sagen“, schloß die überaus feierliche und eindrucksvolle Hauptversammlung. Die Vereinsmitglieder verblieben noch lange bei einer gemütlichen Unterhaltung im Vereinslokale. Von der Woche. Der Präsident des Abgeordnetenhauses als chistlichsozialer Parteimann. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 11. d. M. kam es zu einem lebhaften Zwischenfalle zwischen dem Präsidenten Pattai und den Abgeordneten Dr. Straucher und Stand. Währen der Rede des czechisch-klerikalen Abg. Dr. Mysliwec führte Vizepräsident Dr. Steinwender den Vorsitz, während Dr. Pattai die Angriffe dieses Abgeordneten gegen die Juden mit lebhäftJerZustimmung begleitete. Dr. Mysliwec wurde von den Abgeordneten Dr. Straucher und Stand gebührend abgeführt. Dr. Straucher rief: „Das ist eine Schände, daß der Präsident des Abgeordnetenhauses so ostentativ den Parteimann hervorkehrt; es ist unwürdig, ein solches Benehmen offen zurSchau zu tragen und ein derartiger Präsident kann keinen Anspruch auf Vertrauen erheben“. Stand : Sie schimpfen über die Vertreter der armen Juden, machen aber mit den Groß- „Wollen Sie mir für diesen Betrag meine Aktien vom Verlag abkaufen?“ fragte der Baron. „Sie haben einen Wert von nahezu hunderttausend Mark.„ Eli konnte vor Ueberraschung nicht sprechen. Es war wie ein Nebel vor seinen Augen. ... Er konnte sich später nur erinnern, daß sie in einen Wagen stiegen und daß ihn der Baron mit seinen Privatangelegenheiten vertraut machte. Die Aktien hatte er von einer Tante als Geschenk bekommen, aber sie brachten ihm vorläufig nichts ein, denn die Unternehmungen des Verlags verschlangen immer größere Summen und der Direktor vertröstete ihn von Monat zu Monat. Nun habe er aber die Geschichte satt.Eli erweise ihm nur einen Gefallen, wenn er die Papiere kaufe. Er werde mit ihnen gewiß viel mehr. anzufangen wissen. -Und so wurde der Vertrag noch an demselben Tage abgeschlossen. Eli überwies dem Baron sein Depot bei der Bank. Dafür wurde er Mitinhaber des Verlages und hatte bald ein Wort in der Leitung mitzusprechen. Seinen ersten Erfolg hatte er, als er einige ältere klassische Werke in geschmackvoller künstlerischer Ausstattung herausgab und heute prangt der Name E. B. Teilhaber auf vielen schönen Büchern, die überall Freunde finden. — - Somit sind die sechs ersten Stationen unseres Helden abgeschlossen. Noch liegt das Leben vor ihm, denn er ist jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, kaum 30 Jahre alt.Vielleicht werde ich einmal auch auf seine späteren Schicksale zu sprechen kommen. juden, wie Taussig und Lohenstein gute Geschäfte! Prochaska: Wir sind nicht in der Judenschule! Stand: Aber auch nicht im Rathauskelller! Der jüdische Klub und mit ihm alle jüdischen Abgeordneten, die auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe haben, werden wohl von nun an dem parteiischen Präsidenten Pattai gehörig auf die Finger schauen. Er hat die höchste ethische Pflicht des Präsidiums — die sogar sein Parteigenosse Weißkirchner stets hochgehalten hat — die Pflicht der unbedingten Neutralität aufs Gröbste verletzt. * * * Prof. Sombarts vierter Vortrag. „Die jüdische Religion in ihrer Bedeutung für den Kapitalismus“, so lautete der Titel des letzten Vortrages Prof. Sombnrts, der ebenso geistvoll und anregend, wie die drei vorhergehenden Vorträge in dem interessanten Zyklus war. Nachstehend geben wir kritiklos den Inhalt wieder und behalten uns eine kritische Besprechung vor, bis die Vortragsserie in Buchform vorliegt: Redner begann, daß die Gedankensymphonie, die er in seinen vier Vorträgen behandelt habe, nicht ganz geschickt aufgebaut sei. Nach dem Allegro vivace des letzten Vortrages habe man wohl ein glänzendes Finale erwartet, während man sich mit einem stillen Andante begnügen müsse, weil sachliche Gründe diesen Aufbau notwendig machten. Aus den Zeitungen habe er ersehen, daß seine vorwöchentlichen Ausführungen nicht befriedigt hätten; aber er tröste sich mit Hans Sachs: „Schwer zu behalten, und das ärgert unsere Alten.“ Vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten wäre die eigentümliche Zusammenstellung „Religion und Wirtschaft“ nicht möglich gewesen, weil die materialistische Geschichtsauffassung, die ein Menschenalter vorgeherrscht hat, allen wirtschaftlichen Problemen eine wirtschaftliche Motivierung geben wollte. Seitdem seien wir zu der Ueberzeugung gelangt, daß es kaum verwandtere Gebiete gibt, als Religion und Wirtschaft, und daß eine ganze Reihe wirtschaftlicher Phänomene auf religiöse Bedürfnisse zurückzuführen ist — nicht umgekehrt. Jüngst habe Max Weber mit Glück nachzuweisen gesucht, daß ein großer Teil des modernen Kapitalismus auf puritanischen Ideen basiert, und gerade das was vom Puritanismus Einfluß auf den Kapitalismus1 ausgeübt hat, sei jüdischen Ursprungs. Das Fundament des jüdischen Religionssystems sei die Thora, deren beide Kerne das Deuterönohflüm ' und ~ die’beiden Absätze des Esra undNehemia bilden. Hochbedeutsam für die Entwicklung der jüdischen Religion wurde die Tatsache, daß das jüdische Volk im Talmud ein theologisches Buch von ganz überragender Bedeutung bekam, dessen Traditionsstotf in späterer Zeit dem der Thora gleichgestellt wurde. Mit der Kodifizierung dieses Traditionsstoffes um 500 n. Chr. sei im wesentlichen das jüdische Religionssystem festgelegt. Für kein zweites Volk als Gesamtheit habe die Religion eine solche Bedeutung besessen, wie für das jüdische. Ihm erfülle sie, so lange es gläubig ist, nicht nur die starken metaphysischen, sondern auch in weitem Umfange die nationalen Bedürfnisse. Sie wurde nach der Zerstörung des jüdischen Staates das Band, das die ganze judenheit umschloß. Sie befriedigte, da sie sich in vielen Punkten zu einem Rechtssystem entwickelt hat, auch die Rechtsbedürfnisse, nicht minder auch die ethischen und schließlich die konventionellen Bedürfnisse des täglichen Lebens. So sei vor allem der Talmud die Quelle für das gesamte Leben der Judenheit geworden und aus diesem Grunde sei allezeit der Kenntnis des Religionssystems die größte Bedeutung unter den Juden beigemessen worden. Schon rein äußerlich genommen, liege darin eine Ursache der Erhaltung jüdischen Wesens und eine Förderung der jüdischen Abschließung gegen Fremde. Auch in Zeiten, in denen keine anderen Gründe der Abschließung vorhanden waren, hatten die Juden, die eigentümlichen Gebräuche ihrer Religion befolgend, sich selbst von den Völkern abgeschlossen, unter denen sie lebten, worüber Zeugnisse aus dem Altertum und dem Mittelalter vorliegen, so bei Tacitus, bei Cicero, aus dem vormuhammedanischen Arabien und aus Spanien. Habe aber die Religion das jüdische Wesen erhalten, so habe sie anderseits dazu beigetragen, es zu erzeugen. Das eifrige Studium des toten und unveränderlichen Traditionsstoffes des Talmuds habe den Sinn für Formalismus und Rabulistik geweckt und gestärkt, wofür der Jude Graetz bemerkenswerte Zeugnisse beibringe. Aber nicht nur äußerlich, sondern auch von Innen heraus habe die Religion, der in der Hauptsache die Idee eines Vertrages des jüdischen Volkes mit seinem Gotte zu Grunde liegt, der Sonderart der Juden das Gepräge gegeben. Gott gibt dem Gerechten seinen Segen, der zusammengefaßt sei in der Formel: „Daß es dir wohlergehe auf Erden.“ Erst in späterer Zeit sei die Idee des Jenseits und der Unsterblichkeit vom Parsismus her in die jüdische Religion hineingekommen; als der Bund geschlossen wurde, habe es den Gedanken des Jenseits nicht gegeben, der niemals für das Judentum die Bedeutung gehabt, daß das Erdendasein

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