Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Nach dem Einmärsche der Turner eröffnete der Obmann des Turnvereines, Herr Dr. Emil Krasny, den Abend mit einer Ansprache in, in welcher er einen Rückblick auf die bisherige stolze Entwicklung warf. Das jüdische Turnen sei die erste und kostbarste Frucht der jüdischen Renaissance. Wer da wisse, wie schwierig es sei, jüdische Vereine zu erhalten und auszugestalten, müsse über den ungeahnten Aufschwung des I. Wiener jüdischen Turnvereines doppelt erfreut sein. Hierauf fand das Schauturnen unter Leitung des hochverdienten ersten Turnwartes Herrn Rudolf Pollak statt. Die Freiübungen, von 84 Turnern ausgeführt, wurden von Fachmännern als erstklassig bezeichnet. Die Gerätübungen — insbesondere die ausgezeichneten Leistungen am Reck, am Barren und am Pferd - waren mustergiltig. Die gestellten Pyramiden zeigten ungewöhnliche Schulung im Zusammenarbeiten und können ebenso, wie die kühnen Leistungen der Springer, jedem Vergleich standhalten. Besonderen Beifall löste natürlich die wackere, anmutige Damenriege aus, die am Barren sehr respektable Leistungen bot. Nach Schluß des Schauturnens, das auf die überaus zahlreichen Zuschauer gewiß viel tiefer und nachhaltiger wirkte, als die besten Tendenzreden, überreichte der Fünfhauser jüdische Turnverein dem jubilierenden Brudervereine eine prächtige Ehrengabe. Ein animiertes Tanzkränzchen hielt die Anwesenden bis in den Morgen beisammen. Der I. Wiener jüdische Turnverein ist eine Tat. Möge ihn die Anerkennung, die seine bisherige Tätigkeit allenthalben findet, zu weiterem segensreichen Wirken anspornen! * * * Die Festschrift. Anläßlich des Vereinsjubiläums erschien eine Festschrift, der wir folgende Daten über das Entstehen und die Entwicklung des Vereines entnehmen: Im Jahre 1899 kam es zur Gründung des „Turnvereines jüdischer Hochschüler“ und hiemit setzte die jüdische Turnbewegung in Wien ein. Unter dem Vorsitze des med. Alfred Fleiscbner fand, am 28. Jänner 1899 die konstituierende Hauptversammlung statt, bei welcher Ing. Emil Fried das Referat über die Gründung des „Turnvereines jüdischer Hochschüler“ erstattete. Zunächst wurde in einer Privatschule geturnt. Die turnerische Leitung hatte Dr. Max Jerusalem inne, jur. Bela Felsenburg und med. Emil Diamant fungierten als Vorturner. Bald gelangte man jedoch zur Einsicht, daß durch die Beschränkung auf die Studentenschaft der große materielle Opfer erfordernde Bestand des Vereines gefährdet sei; deshalb wurde beschlossen, den akademischen Verein in einen allgemeinen jüdischen Turnverein umzuwandeln. Hierzu ergab sich eine günstige Gelegenheit, als der Wiener Fabrikant Herr Hermann König, dessen Interesse für alle jüdischen Bestrebungen bekannt ist, eine Männerriege aufstellte, welche in demselben Lokale turnerische Uebungen abzuhalten beabsichtigte. Im Oktober 1900 gelang es, eine Verbindung der beiden Abteilungen herbeizuführen und damit wardie Basis des „I. Wiener jüdischen Turnvereines“ geschaffen, welchen Namen der Turnverein jüdischer Hochschüler inzwischen angenommen hatte. Die turnerische Leitung wurde, nachdem dieselbe durch zwei Jahre Dr. Jerusalem inne gehabt hatte, den bewährten Händen des Kommunallehrers Rudolf Pollak anvertraut. Dieser Akquisition ist der große Aufschwung zu danken, den der Verein in turnerischer Hinsicht im Laufe der Jahre genommen hat. Als Obmann des neuen Turnvereines wurde HerrHermann Königgewählt, deraberdurch berufliche Inanspruchnahme bald genötigt war, von der tatsächlichen Leitung zurückzutreten. Für kurze Zeit wurde er von Herrn Gustav Löbl ersetzt, der sich gleichfalls seit dem Bestände des Vereines im Interesse desselben unermüdlich betätigt hat. Die ganze Zeit hindurch hatte Herr Ing. Emil Fried die administrative Leitung des Vereines (zum größten Teile als Obmann-Stellvertreter) besorgt. Mit ihm zugleich wirkte der erste Kassier des Vereines Herr Hugo Spitzer. Die Periode der vollständigen Konsolidierung des Vereines begann erst, als in der Hauptversammlung vom 19. Mai 1901 der damalige erste Schriftführer Herr Dr. Ludwig Werner zum Obmann des Vereines gewählt wurde. Im Jahre 1902 konnte der Verein seine turnerischen Leistungen zum erstenmale der jüdischen Oeffentlichkeit vorführen; es fand das erste geregelte Schauturnen jüdischer Turner am 10. Mai 1902 im Hotel Savoy statt. Vorgeführt wurden Freiübungen ohne Belastung und Geräteturnen in zwei Riegen am Barren und Bock. Inzwischen hatte der Verein seine Tätigkeit durch Einrichtung einer Damenabteilung und eines Zöglingsturnens,' sowie einer Fechtriege erweitert. Im Jahre 1903 trat der Verein mit dem um weniges älteren Brudervereine Bar-Kochba in Berlin in Fühlung, dessen für die gesamte jüdische Turnsache hoch bedeutsames Organ die „Jüdische Turnzeitung“ in den Verein Eingang fand. Damit war der Anfang gemacht mit jenen Bestrebungen, die bald darauf zur Konstituierung des Verbandes der jüdischen Turnerschaft führten. Im Verfolge dieser Bestrebungen beteiligte sich der Verein an der konstituierenden Versammlung der „Jüdischen Turnerschaft“, das ist des Verbandes der jüdischen Turnvereine, welche gelegentlich des damaligen (VI.) Zionistenkongresses im Jahre 1903 in Basel tagte. Dortselbst fand auch das erste Verbandsschauturnen aller jüdischen Turnvereine vor den Mitgliedern des Kongresses und unter der begeisternden Aufmunterung Herzls und Nordaus statt. Im Jahre 1904 nahm der Verein sichtbaren Aufschwung. Die-Mitgliederzahl wurde größer, der Turnbesuch regelmäßiger, und der ganze Betrieb des Vereines begegnete stärkerem Interesse Außenstehender. Das Schauturnen vom Jahre 1904 gewann besondere Bedeutung durch die Anwesenheit Theodor Herzls. Es wird in der Geschichte des Vereines ein Ruhmesblatt bilden, daß sich Theodor Herzl über die Disziplin und die Strammheit bei der Vorführung der Jüngling geschickt auszunützen verstand. Er kaufte gezuckerte Kastanien, Nüsse uud Feigen in großer Menge, die er durch halbwüchsige Jungen in allen Stadtteilen herumtragen ließ. Eli brauchte an jedem Morgen mit den Jungen nur abzurechnen und ihnen neue Vorräte auszuliefern. Das trug ihm drei bis vier Gulden täglich, die er ersparen konnte, weil er seine Stelle weiterbehielt. In den Sommermonaten ließ er in den Parks und Anlagen frisches Backwerk herumtragen. Auch diese Idee rentierte sich, trotzdem ihm einige Bäckermeister bald darauf erfolgreich Konkurrenz machten. Der Antiquar staunte nicht wenig, als ihm Eli eines Tages für einen Haufen alter Erzählungsbücher bare hundert Gulden auf den Tisch legte. Die Bücher waren ihm schon lange eine Last und er freute sich, sie auf einmal los zu werden. Aber Eli hatte sich wegen der Bücher schon seinen Plan zurechtgelegt. Er mußte den Schlaf einiger Nächte opfern, um sie zu sortieren und in zehn Handwagen zu verteilen. Die Wagen ließ er dann in den belebtesten Straßen herumführen und da er sich mit einem kleinen Nutzen begnügte, fiel es ihm nicht schwer, die Bücher nach einigen Tagen abzusetzen. Durch diese Unternehmungen zog sich Eli jedoch den Haß einiger Geschäftsleute zu und er mußte jetzt sehr oft seinen Gewinnst mit Anderen teilen. Dafür beteiligte sich aber Eli auch an den Geschäften seines Compagnons und so kam es, daß er mit zwanzig Jahren rund viertausend Gulden auf der Bank liegen hatte. Eli hatte inzwischen den Mädchennamen seiner Mutter angenommen. Seine Liebe zu den Büchern war während seiner Tätigkeit im Buchladen nur gewachsen. Er hatte sich für die Ausstattung von Büchern zu interessieren begonnen und es war jetzt sein höchster Wunsch mit dem Verlagswesen bekannt zu werden. So reifte in ihm der Entschluß, sein Glück in der Fremde zu versuchen. Von seinem Chef erhielt er eine Empfehlung zum Direktor einer Verlagsanstalt und nachdem er sein Geld flüssig gemacht, reiste Eli nach Berlin. In Berlin mietete Eli eine kleine Stube und suchte dann den Leiter des Verlages auf. Dieser konnte ihm aber keine Hoffnungen machen, denn vorläufig waren alle Stellen besetzt. Eli begann bei andern Verlagsfirmen vorzusprechen, aber mit dem gleichen Mißerfolge. Man versprach ihm, im Bedarfsfälle an ihn zu denken, doch es vergingen Wochen, ohne daß er eine Nachricht erhielt. der Uebungen in der anerkennendsten Weise aussprach und erklärte, durch diese Vorführung kraftvoller jüdischer Jugend sich im Innersten erfreut und beglückt zu fühlen. Das Verdienst, Theodor Herzl eine große Freude bereitet zu haben, wird dauernd der Stolz des Vereines sein. Umso niederschmetternder traf die Turnerschaft die Nachricht von dem jähen Hinscheiden Herzls; war doch den kräftigen Anregungen Herzls in der jüdischen Studentenschaft der Gedanke zur Pflege der körperlichen Entwicklung uer juden entsprungen und war doch Herzl der treue Freund und Berater des I. Wiener Jüdischen Turnvereines, dessen Mitglied er seit seinem Bestände gewesen ist. In einer außerordentlichen Sitzung des Turnrates, sowie in der Hauptversammlung des Vereines wurde der tiefen Trauer um den Dahingeschiedenen inniger Ausdruck verliehen. Zum dauernden Gedächtnisse der engen Verbindung Herzls mit der jüdischen Turnsache wurde sein Bild und die von ihm unterfertigte Beitrittserklärung als einziger Bildschmuck im Turnsaale angebracht. Im Jahre 1905 nahm der Turnbetrieb im Vereine seinen regelrechten Fortgang. Von besonderen Veranstaltungen in diesem Jahre sind zu erwähnen: ein internes Wetturnen, ferner die Turnfahrt des Vereines zum Besuche des Brudervereines in Graz. Am zweiten jüdischen Turntage, der im lahre 1905 in Berlin abgehalten wurde, war der Verein durch den Obmann Dr. Ludwig Werner und durch den I. Turnwart Rudolf Pollak vertreten, welche an den Beratungen des Turntages lebhaften Anteil nahmen. Dr. Werner wurde von der jüdischen Turnerschaft zum Vorsitzenden der auf diesem Tage gegründeten Obmannschaft aller jüdischen Turnvereine gewählt. Das Jahr 1907 brachte dem Verein eine große Aufgabe mit der Veranstaltung des dritten jüdischen Turntages, der am 30. und 31. Mai in Wien abgehalten wurde und in dessen Verlaufe das erste Verbandsschauturnen seit dem Baseler Turnen stattfand. Diese Veranstaltung wirkte nachhaltig auf den inneren Betrieb des Vereines, was durch Wiederaufnahme des Zöglingsturnen und durch Gründung der Sektion „Jung-Juda“ zum Zwecke der Pflege des nationalen Gedankens innerhalb des Vereines deutlich zum Ausdrucke kam. Im lahre 1908 gelang es mit Hilfe des Turnhallenfonds ein neues, größeres, in jeder Hinsicht geeigneteres Lokal im Hause IX., Liechtensteinstraße 20, in zweckmäßiger Weise zu adaptieren. Seither ist die Zahl der ausübenden Turner derart gewachsen, daß auch in dem neuen Lokal eine Teilung der Turnzeiten vorgenommen werden mußte. Außerdem wurde im Jahre 1908 eine behördlich bewilligte Privatturnschule errichtet. An Stelle des großen Schauturnens wurde im Jahre 1908 ein Kränzchen mit turnerischen Vorführungen veranstaltet. Zum Gründungsfeste des Bielitzer Brudervereines entsandte der Verein drei Vereinsmitglieder, welche sich auch an den turnerischen Vorführungen beteiligten. In Erwiderung des stattlichen Besuches, insbesondere seitens der Berliner Turnbrüder und Turnschwestern anläßlich des dritten jüdischen Turntages in Wien, nahmen 25 Vereinsmitglieder, darunter 8 Damen, am 4. jüdischen Turntage in Berlin und dem zugleich gefeierten Feste des zehnjährigen Bestandes des Brudervereines „Bar- Kochba“ teil. Eines Tages las Eli, daß der Verlag, dem er empfohlen war, einen Adressenschreiber suche. Er bewarb sich um die Stelle und wurde mit einem Wochenlohn von vierzehn Mark engagiert. Der Direktor wollte ihn allmählich auch zu anderen Arbeiten heranziehen — und das war für Eli die Hauptsache. Vorläufig saß er täglich neun Stunden auf demselben Platze neben Menschen, die wirklich zu nichts anderem zu taugen schienen, als Namen aus Adreßbüchern abzuschreiben. Seine Vorgesetzten waren rohe Gesellen, die ihm die Arbeit erschwerten, aber Eli biß die Zähne zusammen und hielt auf seinem Posten aus. Das ging so einige Monate, bis sich der Direktor an sein Versprechen erinnerte und ihn in den andern Bureaus zu beschäftigen begann. Sein Gehalt wuchs vorläufig nur um sechs Mark wöchentlich, aber Eli war glücklich, denn nun sah er, wie es in einem Verlage zuging. Er lief mit Korrekturen und Klischees von Bureau zu Bureau, sah wie man Prospekte verfaßte, Buchtitel zeichnete und vor Allem — jetzt gingen Bücher durch seine Hand. Bücher in Pergament und Seide gebunden, mit wunderlichen Verzierungen ausgestattet, Bücher in allen Größen, mit Titeldrucken und Bildern, die seiner Phantasie reichlich Nahrung boten.