Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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, Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG.; Nr. 51 Bei dem für die Baumwollversuche zur Verfügung gestellten Geld handelte es sich um Experimente, die - einen pekuniären Erfolg ebensowenig haben konnten, wie die mit hundertfach größerem Kapital angestellten afrikanischen Baumwollversuche des deutschen kolonial-wirtschaftlichen Komitees und der britischen Cotton Growing Association. Wer etwas anderes erwartete, verkennt die Natur solcher Versuche. Trotzdem hatten unsere Bemühungen in Palästina schließlich in gleicher Weise Erfolg wie die Versuche der angeführten Gesellschaften in Afrika. Sie bildeten das Ferment, welches Erwerbsgesellschaften und Privatpersonen veranlaßte, die Baumwollkultur aufzunehmen, ln Palästina haben jetzt sowohl jüdische Kolonisten als auch vor allem der Beyruther Bankier Sursuk die Baumwollkultur in größerem Maßstabe unternommen, zum Teil jedenfalls aufbauend auf die bei unseren Versuchen gemachten Erfahrungen. Das Mißgeschik der Palästina-Handels-Gesellschaft hat mit meiner Persönlichkeit nicht das geringste zu tun. Die Gesellschaft, die bekanntlich in Hamburg ihren Sitz hat, wurde ausschließlich von den Hamburger Mitgliedern des Aufsichtsrates geleitet, sämtlch Kaufleute oder Bankiers, z. B. sogar von großem Rufe, Herr Wolffsohn und ich als Vertreter des Jewish Colonial Trust im Aufsichtsrat enthielten uns absichtlich jeder Beeinflussung. Sonst hätten wir dafür gestimmt, daß nicht in Griechenland, sondern in Palästina Geschäfte gemacht werden und dann wären vermutlich auch die Verluste vermieden worden. Die Geschäfte des Palästina-lndustrie-Syndikats werden nicht, wie Sie zu glauben scheinen, von mir geleistet, sondern von unserem Vertrauensmann Dr. Ruppin in Palästina, der bekanntlich selbst früher Kaufmann gewesen ist. Das Syndikat arbeitet nicht, wie Sie schreiben, schon 2 Jahre, sondern erst 1 'h Jahre, seitdem nämlich Dr. Ruppin drüben ist. Seine sehr sorgfältige Prüfung der einzelnen Projekte hat fast stets ergeben, daß dieselben entweder wenig Chancen für Rentabilität haben oder die Kapitalkraft des Syndikats weit übersteigen. Inzwischen hat sich das Syndikat schon an 2 Geschäften mit kleinen Summen beteiligt und wird demnächst auch ein drittes entrieren. Eine Beteiligung an schon eingeführten Industrien würde es natürlich leicht finden können, das ist aber nicht der Zweck des Syndikates, sondern es ist ein Studiensyndikat, um neue Industrien einzuführen, und das muß mit großer Vorsicht und mit möglichst geringem Risiko geschehen. Es ist also gerade umgekehrt anerkennenswert, wenn es sich nicht verleiten läßt, in unreifen Versuchen sein Geld zu riskieren. Was die Palestine Land Development Company betrifft, so bin ich durchaus Ihrer Ansicht, daß dieselbe als englische. ..Gesellschaft von London aus geleitet werden sollte und ich wäre nur zu froh, wenn Sie mir eine geeignete Persönlichkeit in London nachweisen würden, der man die Präsidentschaft des Boards dieser für unsere Bewegung so eminent wichtigen Gesellschaft anvertrauen könnte. Wenn Sie sagen, daß ich zu viele Pläne mache, und nicht warte, bis eins erfolgreich durchgeführt ist, so freue ich mich konstatieren zu können, daß ich bisher in unverdienter Weise erfolgreich gewesen bin. Sowohl der „ Beza fei“ wie die „Oelbaumspende“ entwickeln sich prächtig, die Baumwollkultur ist eingeführt, die landwirtschaftliche Versuchsstation ist gesichert und die Palestine Land Development Company hat wenigstens den ersten Teil ihres Programms, die Gründung der Lehrfarm, mit Erfolg ausgeführt. Wenn meine Wünsche bezüglich der Erschließung der industriellen Möglichkeiten und der Beteiligung an den öffentlichen Arbeiten in Palästina leider bisher nicht verwirklicht werden konnten, so liegt dies einzig und allein an dem Widerstande, den einige Direktoren des I. C. T., und, wie ich wohl sagen darf, an der Spitze desselben Sie, sehr geehrter Herr Cowen, der Beteiligung unseres Finanzinstitutes an diesen großzügigen Arbeiten entgegensetzen. . - Sie ziehen vor, daß der größte Teil des Kapitals des I. C. T. auf gewöhnliche — mit dem Zionismus in keinem Zusammenhang stehende — Bankgeschäfte in Europa zersplittert wird, harrend des großen Momentes, wo die Vereinigten Mächte uns Palästina übergeben werden. Ich und meine Freunde hingegen, welche diese Idee für ein Phantom halten, und die nicht an die Möglichkeit einer politischen, sondern nur einer wirtschaftlichen Präpo.nderanz in Palästina glauben, verlangen, daß nur der Teil der Bankgelder hier reserviert bleibe (und möglichst nicht in Geschäften, sondern in leicht realisierbaren und beleihbaren Werten) der zur Sicherung unserer Banken im Orient nötig ist, während das übrige Geld fruchtbringend in Palästina investiert werde. Wenn ich hierzu also vorläufig nur die Summe von 250.000 Pfd. fordere — auf die Form der Gesellschaft kommt es mir nicht an — und eine neue Bank habe ich nicht verlangt, so ist dies schon ein Kompromiß, den jetzigen Direktoren des Jewish Colonial Trust gegenüber. Was ich aber mit aller Energie verlange, ist, daß endlich einmal ein ernster Versuch gemacht werde, uns in Palästina auch um große Unternehmungen zu bewerben. Wenn es nicht gelingen sollte, daß durchzusetzen, und, wie jetzt schon die Phosphate, so in Zukunft die anderen Minenschätze Palästinas sowie die wenigen möglichen Eisenbahnen, Häfen etc. von fremden Kapitalisten gebaut und ausgebeutet werden, so werden diejenigen Herren Direktoren des I. C. T. der Nachwelt gegenüber die Verantwortung tragen müssen, die in unbegreiflicher Verblendung den Ernst des gegenwärtigen Momentes nicht zu erfassen vermögen. Mit vorzüglicher Hochachtung gez.: O. Warburg. Das zehnjährige Jubiläum des I. Wiener jüdischen Turnvereines. Der Festabend. Samstag, den 12. Dezember fand anläßlich des zehnjährigen Jubiläums des I. Wiener jüdischen Turnvereines in den Sofiensälen ein Schauturnen statt,dessen Verlauf ein deutlicher Beweis von der großartigen Entwicklung ist, welche der Turnverein im Verlaufe seines zehnjährigen Bestandes genommen hat. Das Arrangement des Schauturnens, die gebotenen Leistungen, die Strammheit aller Riegen, die an den Produktionen teilnahmen, und die bewunderungswürdige Disziplin bei den Uebungen boten in ihrer Gesamtheit ein so schönes Bild junger jüdischer Kraft, daß man unwillkürlich an Nordaus Wort vom „Muskeljudentum“ und beim Anblick der turnenden Jugend an den Vers erinnert wurde, den Herzl einem Jüngling in das Stammbuch schrieb: „Wenn betracht ich als gelungen, Mein Bemühen hier auf Erden? Wenn aus schwachen Judenjungen Stolze junge Juden werden!“ ziehen und seine Autorität zu untergraben, von dem kann man getrost die bekannten Worte Friedrichs sagen: „Laß’ ihn, er beißt auf Granit“. _ Briefwechsel Cowen-Warburg. Wir werden ersucht, die folgenden 2 offenen Briefe, welche zwischen dem Direktor der Jüdischen Kolonialbank Mr. Josef Cowen und Prof. Warburg gewechselt wurden, zu veröffentlichen. Nachstehend folgt der volle Wortlaut beider Briefe: London, 29. November 1909. Sehr geehrter Herr Professor Warburg? Antwortlich Ihres geehrten Schreibens vom 15. d. M., in welchem Sie mich ersuchen, Aktien der Palestina Development C. zu zeichnen, bedauere ich aus den nachfolgenden Gründen Ihnen keine zustimmende Antwort geben zu können. Vor allem habe ich kein Vertrauen zu englischen Gesellschaften, welche auswärts geleitet werden, — das verursacht Extraspesen und macht Mißerfolge wahrscheinlich. Ihr bisheriger Record in Empfehlung oder Führung von Palästina-Unternehmungen ist so unbefriedigend gewesen, daß ich kein Vertrauen in irgend ein Geschäft unter Ihrer Leitung habe. Bei den Palästina-Baumwollkulturen verlor die Bank das ganze Geld, das sie hineinsteckte, ohne daß irgend welche Resultate gezeitigt wurden. Bei der Palästina Handelsgesellschaft hat die Bank fast 85"/. ihrer Investition, d. s. 1000 Pfund verloren. Außerdem hat das Industriesyndikat, das Sie vor 2 Jahren gegründet haben und in welches die Bank 500 Pfund einlegte, noch keinen Heller Gewinst gebracht Meine Vorwürfe bitte ich nicht persönlich zu nehmen, da ich für Sie Hochachtung und Sympathie empfinde, aber Sie beginnen so vielerlei, ohne zu warten, bis auch nur eine Sache Erfolg hat. Dies muß schließlich dazu führen, Palästina-Unternehmungen zu schädigen und die zionistische Bewegung zu schwächen, da Sie ja ein Mitglied des Engeren Aktions-Komitees sind. Kürzlich las ich, daß Sie in der letzten Sitzung des Großen A. K. vorschlugen, eine neue Bank mit einem Kapital von 50000 Pfund zu gründen und zwar aus den Mitteln der Kolonial-Bank — das heißt das Geld aus der einen Tasche zu nehmen und in die andere zu geben, eine unnötige und kostspielige Manipulation. Und diesen Vorschlag machten Sie, ohne sich mit jenen Kollegen beraten zu haben, mit welchen Sie zusammen arbeiten sollten. Sie sind daher für mich ein unzuverlässiger Führer in geschäftlichen Dingen und ich kann nicht Pläne unterstützen, welche solchen von Kindern gleichen, die immer ein neues Spielzeug suchen. Da dies eine Sache von allgemeinem Interesse ist, schlage ich vor, diesen Brief mit ihrer zu gewärtigenden Antwort zu veröffentlichen. Ihr ergebener gez: Josef Cowen * * * Berlin, 8. Dezember 1909. Sehr geehrter Herr Cowen! In Beantwortung ihres geschätzten Briefes vom 29. November er. kann ich Ihre Ansicht nur durchaus teilen, wenn Sie behaupten, daß ich in geschäftlichen Dingen nicht der richtige Führer bin. Und da ich dieser Ansicht bin, unternehme ich auch nichts ohne geschäftlich kundige Berater. Ihre angeführten Beispiele hinken insofern alle, als sie nicht im geringsten das beweisen, was Sie dadurch erhärten wollen. teresse. Die „Briefe“, die Nathan’s Eigentum waren, gingen bald von Hand zu Hand und wenn die Nacht hereinbrach, begann in den Schlafräumen und Bodenkammern der Jeschiba ein emsiges Studieren, das mit dem Talmud wenig zu tun hatte. Da das eine Exemplar nicht genügte, verfiel Eli auf die Idee die „Briefe“ abzuschreiben und an seine Mitschüler zu verkaufen. Die Arbeit lohnte sich, denn schon nach wenigen Wochen hatte Eli fünf Gulden verdient Eines Abends geschah jedoch das Entsetzliche, daß Nathan und Eli, als sie gerade Gedichte von Schiller lasen, von Reb Berl am Dachboden überrascht wurden. Der Rabi nahm das Buch, doch als er gewahr wurde, daß es nicht Hebräisch war, was die Beiden so eifrig beschäftigte, warf er es mit einer Wucht zur Erde, daß die Kerze auslöschte. Die Sünder konnten nun im Finstern entwischen, aber am nächsten Morgen geschah, was beide voll banger Sorge erwarteten. Nathan kam mit einem strengen Verweis davon, aber Eli, als der Urheber des gottlosen Treibens, mußte die Jeschiba und das Haus Reb Berls verlassen. Eli nahm von Nathan Abschied und machte sich mit einem Exemplar der „Buchhaltungsbriefe“, mit einem zweiten Rock und den fünf Gulden nach Lemberg auf den Weg. III. Eli hatte Nathan eines Tages seine Kindheitsgeschichte erzählt, und bei dieser Gelegenheit mußte er dem Freunde versprechen, niemals mehr — und in welcher Lage er sich auch befinden würde — jemand um eine milde Gabe anzugehen. Es fiel Eli in Lemberg schwer dieses Versprechen zu halten, denn in der ersten Zeit wußte er nicht, wie er sich seinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Als Buchhalter hätte er sich gewiß bewährt, aber eine Stelle bekam er nicht. Als ihm das Geld ausging, mußte er seinen neuen Rock verkaufen. Er hausierte mit Obst und Zündhölzchen, und viele, viele Tage irrte er hungernd durch die Straßen, bis es ihm gelang, in einer Kaffeeschänke als Kellner unterzukonmmen. Eli erhielt Kost und Logis und mußte bis spät in die Nacht auf den Beinen sein. Trinkgelder waren in der Schänke, die nur von armen Leuten besucht wurde, eine Seltenheit, aber der Knabe ersparte sich doch soviel, um sich auch einige Bücher anschaffen zu können. Er las Alles, was ihm in die Hände fiel und seine Bildung machte Fortschritte. Mit 15 Jahren Jas Eli die Lebensgeschichte Napoleons und er nahm sich vor, ebenfalls ein großer Mann zu werden. Er kaufte sich ein Bild Napoleons und hängte es über sein Bett. Jetzt fühlte er sich in seinem Zimmerchen nicht mehr allein. Stundenlang konnte er vor dem Bilde sitzen und an die Zukunft denken . . . Manchmal wurde es ihm in der Stube zu eng und er mußte auf die Gasse. Sein Atem ging schnell und die Fäuste ballten sich vor Tatenlust. Still war es draußen und die Häuser blickten ihn aus tausend erloschenen Fenstern an . . . In solchen Stunden lastete die Untätigkeit schwer auf ihm. Er wünschte endlich groß und erwachsen zu sein, denn seine Jugend empfand er nur als eine Fessel, die ihn an allen großen Taten hinderte. Nach einem Jahre gelang es Eli bei einem Zuckerbäcker einen Buchhalterposten zu bekommen. Aber diese Stelle befriedigte ihn nicht und schon nach einigen Monaten trat er bei einem Antiquar als Gehilfe ein. Der Umgang mit Büchern war ihm lieb geworden und er harrte bei seinem neuen Berufe aus, trotzdem sich ihm ein neues Betätigungsfeld erötfnete. IV. Eli zählte kaum achtzehn Jahre, als er seine geschäftlichen Unternehmungen begann. Der Zuckerbäcker, bei dem er bedienstet gewesen, räumte ihm einen kleinen Kredit ein, den