Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NFITIDNRL-JLEDI5CHE5 DRGFIN Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Insecfttenaufnahme:'IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. —"Manuskripte werdet} nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 51. Wien, Freitag den 17. Dezember 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Klärungen. Briefwechsel Cowen-Warburg. Prof. Boris Schatz in Prag. Myslivec. Gedicht von Beda. Von der Woche. Parteinachrichten. Das zehnjährige Jubiläum des I. Wiener jüdischen Turnvereines. Aus dem jüdischen Leben. Westjuden. Novelle von Ben David. Eli Beli Teilhaber. Erzählung von Hermann Blumenthal (Wien). Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Klärungen. Was uns Professor Warburg bedeutet, braucht nicht erst ausführlich geschildert zu werden. Mit seinem Namen ist alles verknüpft, was in den letzten Jahren an Produktionen von der zionistischen Bewegung geschaffen wurde. Soeben erst macht die Nachricht von der Sicherung der von ihm seit Jahren geplanten landwirtschaftlichen Versuchsstation in Haiffa mit Aaronsohn an der Spitze die Runde durch die Blätter. Die ganze Bewegung bringt Professor Warburg die größte Hochachtung entgegen. Sichtbar wird das auf den Kongressen, auf denen das Erscheinen dieses bescheidenen und vornehmen Mannes Stürme von Enthusiasmus auslöst. Man sollte glauben, daß es nicht möglich wäre, diesem Manne, auch dann, wenn man nicht mit all seinen Plänen einverstanden ist, anders, als mit größtem Respekt zu begegnen. Und doch ist das Unglaubliche geschehen. Aber nicht etwa in irgend einem Winkelblättchen oder vonseiten eines böswilligen Antizionisten, sondern durch einen Direktor unserer Jüdischen Kolonialbank! Eine Woche vor dem Kongreß lanciert Gg. Josef Co wen einen „Offenen Brief“ an Warburg. in die Oeffentlichkeit, in welchem der Versuch unternommen wjrd, diesen hochverdienten Mann durch geringschätzige Behandlung in der Oeffentlichkeit zu diskreditieren. Und dies ohpe den geringsten Anlaß. Ein solches Vorgehen richtet sich von selbst und die Schmähung fällt nur auf den zurück, der sie ausgesprochen. Mit dieser Feststellung und der von Warburg in seinem Antwortschreiben erfolgten gründlichen Abfuhr Cowens ist aber der Fall noch nicht erledigt. Man muß sich fragen, was dieses in der Geschichte unserer Bewegung beispiellose Vorgehen zu bedeuten hat. Der Inhalt seines Schreibens führt darauf. Cowen spricht von der angeblichen Schädigung der Bank, deren Direktor er ist, durch die Unternehmungen Warburgs, die]—nebenbei bemerkt,—das einzige sind, wovon wir seit Jahren leben. Nachdem Warburg wiederholt und zuletzt erst in der Sitzung des Großen Aktionskomitees der Bankleitung Vorwürfe gemacht hat, daß sie sich um die für Palästina ausgeschriebenen Konzessionen nicht bewirbt, und zu erwarten ist, daß er auch am Kongresse dies zur Sprache bringen .wird, glaubt vielleicht Herr Direktor Cowen, daß die beste Parade der Hieb sei. Das ist aber eine sehr falsche Taktik. Die Vorwürfe des Prof. Warburgs sind leider nur zu berechtigt. Gg. Wolffsohn als Präsident des Aufsichtsrates und Gg. Kann als leitender Direktor der Bank haben als Kollegen des Prof. Warburg diese Vorwürfe in der Sitzung des großen AC vergeblich zu widerlegen versucht. Das Verlangen Warburgs, die Bank möge 50.000 Pfund bereit stellen, um für Erwerbung von Konzessionen gerüstet zu sein, wurde von diesen Herren bekämpft. So peinlich es ist, man kann sich schwer vorstellen, daß just Herr Cowen knapp vor dem Kongreß eine Nötigung sah, Prof. Warburg öffentlich anzugreifen. Es wird Klarheit geschaffen werden müssen, ob die anderen Leiter der Bank davon Kenntnis hatten. Dies wird im Wege einer Interpellation am Kongreß festgestellt werden können. Den Herren von der Bank — und speziell Herrn Cowen wird man aber sagen müssen, daß es nur eine zionistische Institution gibt, mit der die Bewegung seit Jahren unzufrieden ist; das ist aber keine Unternehmung von Prof. Warburg, sondern die unter Leitung der Herren Cowen und Kann stehende Bank, die es vorzieht, ihr Geld an russische Häringshändler zu verleihen, statt sich damit um die Phosphate von Essalt zu bewerben, die uns dadurch endgiltig verloren gingen. Die Bank ist nachgerade zum Schmerzenskind unserer Bewegung geworden und zahllos sind die Klagen über ihre Geschäftsführung. Die Bank ist die letzte Domäne der „Politiker“ geblieben. Aber diese, die immerfort die Konzessionspolitik gegen Warburgs „kleinliche “ Palästinaarbeit ausspielten, haben just im Momente, wo die Türkei Konzessionen zu vergeben hatte, versagt. Und gerade Warburg ist es, der heute energisch für den Erwerb von Konzessionen durch die Bank auftritt. Er hat damit das wahre Erbe der „Politiker“ angetreten und muß es noch gegen diese verteidigen. Wer heute gegen Warburg wäre, der wäre sowohl gegen Palästinaarbeit als auch gegen Konzessionspolitik. Der Kongreß wird d^Jier mgfet zweifelhaft sein, welche Antwort Herrn Cowen und seinen etwaigen Mitstreitern gebührt. Einmütig und unerschütterlich werden sich alle Delegierte um Warburg scharen, der heute der providentielle Mann für unsere Arbeit in Palästina ist. Eine Warburgkrise gibt es nicht, und sie kann auch nicht gewaltsam geschaffen werden. Wer es versucht, gegen diesen Mann zu Felde zu Eli Beli Teilhaber oder sechs Stationen aus dem Leben eines tüchtigen Mannes. Erzählung von Hermann Blumenthal (Wien). I. An einem schwülen Sommertage wurde eine jüdische Bettlerin auf der Podoljener Landstraße plötzlich von Geburtswehen befallen. Da sich niemand in der Nähe befand, der ihr Hilfe bringen konnte, schleppte sich die Frau in ein Gebüsch und hier schenkte sie einem Knaben das . Leben. So wurde Eli Beli unter freiem Himmel geboren! Viele Jahre blieb er ein Kind der Landstraße, denn die Mutter nahm ihn nun auf ihren Wanderungen mit. ln der ersten Zeit trug sie ihn in einem Tuche auf dem Rücken, doch kaum, daß er die ersten Schritte machen konnte, mußte er an ihrer Seite die weitesten Strecken zu Fuß zurücklegen. Der Knabe, den wir fortan kurz bei seinem ersten Vornamen nennen wollen, kam so durch viele Dörfer und Städte und lernte schon im zartesten Kindesalter die Leiden des Landstreicherlebens kennen. Mit anderen Kindern kam er gar nicht zusammen, denn die Mutter pflegte nur selten in Bettlerherbergen Rast zu halten. Sie schliefen auf Dachböden und in Scheunen, doch oft genug auch auf durchnäßter und hartgefrorener Erde . . . Das war eine harte Schule für unseren kleinen Helden. Er gewöhnte sich an Strapazen aller Art und es war ihm gleichgiltig, wo er sein Nachtlager fand. Doch auch eine andere Lehre aus dieser Zeit sollte für seinen Lebensgang von Nutzen sein: Eli begann mit der Zeit gegen alle Enttäuschungen und Bitternisse unempfindlich zu werden. Wie oft mußte er die Hand vergebens ausstrecken, oder statt einer Gabe Schimpfworte und Schläge hinnehmen! ... Anfangs pflegte er darüber in Zorn zu geraten, aber später vermochte nichts mehr seine gute Laune zu trüben und jede Zurückweisung spornte nur noch mehr seine Tatkraft an... Als Eli 11 Jahre zählte, starb die Mutter plötzlich und der Knabe war jetzt auf sich selbst angewiesen. Aber das Schicksal schien ihn nicht zum Landstreicher bestimmt zu haben, denn ein weitläufiger Verwandter erklärte sich bereit, den Jungen bei sich aufzunehmen, um ihn zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen. II. Reb Berl, bei dem Eli nun sein erstes Heim fand, war ein frommer Mann. Er leitete in einem ostgalizischen Städtchen eine Jeschiba und Elis Hauptaufgabe bestand darin, für die Schüler und die Frau des Rabbi Besorgungen zu machen. In freien Stunden durfte er sich jedoch auch am Unterricht beteiligen. In der Schule fand Eli einen Freund.“ Nathan Weinstein war ein Kind reicher Eltern. Er galt als der beste Schüler in der Anstalt und wenn eint schwierige Frage aufgeworfen wurde, war er immer der Erste, der die richtige Antwort wußte. Doch jetzt kam ihm Eli sehr oft zuvor. Nathan lernte heimlich auch weltliche Gegenstände. Er las alles Wissenswerte mit dem größten Interesse und hier fanden sich die beiden Knaben. Eines Tages traf Eli den Freund bei der Lektüre eines deutschen Buches an. Nathan erschrack, denn der Rabbi durfte nichts davon erfahren. Eli versprach ihm zu schweigen, doch auch er wollte mit den Zeichen dieser fremden Sprache bekannt werden. Nun begann ein gemeinsames Lernen. Wenn der Tag zu Ende ging, versteckten sich die beiden Knaben auf dem Heuboden und studierten bet Kerzenschein. Doch konnte ihr Treiben den andern Schülern nicht verborgen bleiben. Vor Allem fanden die hebräischen „Buchhaltungsbriefe“ von Jakob Mark bei den praktischdenkenden Kaufmannssöhnen In-