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Jüdische Zeitung · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 50 der wiederholt veröffentlichten Formulare an uns gelangen zu lassen. Allen auswärtigen Kongreßteilnehmern, deren Wohnungsbestellungen bis zum 12. Dezemher in Hamburg eingetroffen sind, wird die Adresse der für sie reservierten Zimmer nach ihrem Wohnort bekannt gegeben werden. Wer nach diesem Termin Zimmer bestellt, kann auf schriftliche Erledigung nicht mehr rechnen. Die Zuteilung der Wohnungen erfolgt dann an den Schaltern des Kongresses, bezw. am Hamburger Hauptbahnhof. In den Tagen vor dem Kongresse werden wir nämlich einen ständigen Bahnhofdienst auf dem Hauptbahnhof Hamburg errichten, worüber noch nähere Mitteilungen erfolgen. Da aber wegen der Weihnachtstage ein sehr starker Reiseverkehr zu erwarten ist, liegt es im Interesse jedes Ankommenden, sich auf jeden Fall schon vorher ein Zimmer zu sichern und über die Lage seines Hotels orientiert zu sein. In den Räumen des Kongreßgebäudes wird ein unter Aufsicht des Hamburger Oberräbbinats stehendes Restaurant und eine Teestube eingerichtet werden. Es sei an die schon wiederholt angekündigten Veranstaltungen erinnert: 1. Der öffentliche Vortrag von Dr. MaxNordau- Paris über „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert“ findet Mittwoch den 29. Dezember, abends 9 Uhr, im Konventgarten statt. Eintrittskarten zu Mk. 4, 2 und 1 sind im Kongreßbureau erhältlich. Nach auswärts erfolgt die Kartenausgabe nur gegen vorherige Einsendung des Betrages und des Rückportos. Für Delegierte ist der Zutritt frei. 2. Am Sonntag den 26. Dezember, abends 8 Uhr pünktlich, findet in der Ernst-Merk-Halle des Zoologischen Gartens das große Schauturnen der Jüdischen Turnerschaft (Verband der jüdischen Turnvereine) statt. Karten hiefür sind unentgeltlich gegen Einsendung des Portos durch das Kongreßbureau zu beziehen. 3. Am Dienstag den 28. Dezember findet in der großen Halle des Zoologischen Gartens ein von den im K. Z. V. (Kartell zionistischer Verbindungen) und B. I. C. (Bund jüdischer Korporationen) vereinigten jüdischen Studentenverbindungen zu Ehren des Kongresses veranstalteter Festkommers statt Ferner wiederholen wir, daß der Kongreß im Konzerthaus Hamburg stattfindet Bureaux des IX. Zionisten-Kongresses Hamburg, Große Bleichen 651. * * * Zionisten, begrüßt den Kongreß mit N. F.-Telegrammen! Die N. F. Landessammelstelle Oesterreich hat an alle Nationalfonds-Kommissäre, Verkaufsstellen Vertrauensmänner und folgendes auf Diensttelegrammen gedrucktes Zirkular ausgesandt: Werte Gg.l Vom 25.—30. Dezember tagt der Kongreß. Hier wird das Herz unseres Volkes sichtbar schlagen und, wie die Blutwellen zum Herzen, werden dem Kongreß die Grüße aller aufrechten Juden zustreben. Wollt Ihr nun unsere Sache nicht nur moralisch, sondern auch materiell fördern, dann verwendet zu Euren Grüssen nur diese „Telegramm-Ersatzblankette“, die als Briefe an den „IX. Zionistenkongreß, Hamburg, Eckemföderstr. 42“ zu richten sind. Um den Bezug der N. F. Verkaufsartikel und insbesondere der N. F.-Telegramme zu erleichtern, wurden bisher folgende Verkaufsstellen errichtet: Biecz: Mark Melzer. Boskowitz: Max Altmann. Brody: Iul. Prives, Kolonialwarenhandlung. Brünn: Isid. Engelsmann, Rauchrequisiten. Czernowitz: Mark Sternberg, Bruthgasse 16. Debica: Isser Dintenfaß. Drohobycz: Jak. Pilpel, Papierhandlung. Dubnian: Theod. Grünwald. Freistadt: Dr. Alb. Mayer. Graz: Karl Schwarz, Brückenkopfg. 7. Gwozdziec: Heinrich Korn, Kaufmann. Holleschau: Leop. Knöpfelmacher. Kolomea: Le p. Scharf, Fischei Zahler. Krakau: Dr. Chaim Hilfstein, Krakowska 7, Lazar Tennenbaum. Wolnica 5. M. Weißmann. Kremsier: Jak. Schimmel, Gemitschtwarenhandlung. Laibach: A. Landskroner. Lemberg: Sender Falk, Jak. Fast, Buchhandlung, Goluchowskich 11, Jak. Salo Philipp, Mlynarska 3. Mähr. - Ostrau: Leo Krieger. Neu-Sandez: Sam. Weinberger. Oderberg: Jak. Eichenbaum. Prag: Moriz Löwy, Zeltnerg. 9, Volks-Vorschußkassa, Königshoferg. 12. Prossnitz: Fr. C. Buchsbaum, Tabaktrafik, Franz Josefplatz. Przemysl: Sal. Koritan. Rzeszow: Dr. Felix Hopfen. Salzburg: Anna Besch. Sanok: M. Schildkraut. Skalat:- Mark. Lewitter. Skole: Dorschei-Zion. Stanislau: Meier Hehisch. Stryj: Leon Schwarzberg, Produktengeschäft. Suczawa: M. Rosenthal. Taruopol: M. W. Bard, Zigarettenpapier-und Hülsenlager. Tarnow: Hermann Siodmak, Mickiewiczg. 4.Teschen: Jos. Statter, Papierhandlung. Tlumacz: Pinkas Berger. Trautenau: Wilh. Weiß. Triest: Dr. Sigm. Fuchs, Armin Goldberger. Troppau: Alb. Schlesinger. Trzynetz: Sigm. Brauner, Kaufmann. Ung. Hradisch: A. Sträußler, Kaufmann. Wien: Cafe Jägerhof, IX., Pornellang. 22, Sigm.'Stein, Restaurant, VIII.. Alserstraße 7. Papierhandlung Kaunitz, XX., Klosterneuburgerstr. 5, Reiß Restaurant, VII., Mariahilferstr. 124. Zablotow: Benzion Thau. ZIoczow: Rubin Schwager. Znaitn: Heinr. Reich1, Wursthandlung. * * * Mittwoch den 15. d. M., 8 Uhr abends findet, IX., Türkenstraße 9, eine Besprechung der in Wien weilenden Delegierten und Ersatzdelegierten zum IX. Kongreß statt. I Ein jüdisches Theater in Wien. Im Hotel Stephanie auf der Taborstraße spielt seit einiger Zeit eine polnisch-jüdische Gesellschaft Komödie; Lieder, Couplets, Possen, Dramen; seltsam naive Volksmotive, anempfundener Klassizismus in jyddischer Sprache und mit einemmale geradezu köstlich-urwüchsige Kunstwerke in ihrer Art. Ein Tappen im Dunkeln, ein Suchen und Ahnen scheint es zu sein, was hier auf den primitiven Brettern vorgeht. Und vielleicht auch ein Kämpfen. Nebenan, im Hotel „Central“, füllt der widerwärtige Spuckkünstler Eisenbach durch die ekelhaften Zoten und talentlosesten Schweinereien das Haus und verdient schweres Geld an den Schweinen, die an seinen Produktionen Gefallen finden. Die Versuchung ist groß, die sentimentale Heimatskunst mit rentablen Zoten zu vertauschen; doch — und das. ist schön und der herzlichsten Anerkennung wert' — die „Polnischen“ bleiben „jüdisch“; jüdisch ik die Sprache, d. h. die Mimik. Ein fast stolzes S i c h - Z e i g e n und Streben, das bei genügender Unterstützung der jüdischen Oeffentlichkeit die besten Ziele erreichen kann. Talent ist sonder Zweifel da. Ernste, geschulte Schauspieler mit äußerst würdiger Haltung, wie Herr Siegler oder Fränlein Weinberg, prächtige Charakterchargen wie Herr Reiß mann und der äußerst bewegliche Herr Aschlcenaze und eine Künstlerin von Rang, in jeder Bewegung anmutig, voll jüdischen „Tams“, Frau Siegler. Jeder bewußte Jude sollte diese Vorläufer der ersehnten, notwendigen und hier in ihren Wurzeln vorhandenen „JüdischenBühne“ sehen. Vieles, sehr vieles ist an diesem Golus-Theater zu verbessern, aber alles der Verbesserung wert. Beda. Zuschriften aus dem Leserkreise. An die „Alten Herren“! Eine Studentensitte: — Wenn man im feuchtfröhlichen Kreise seiner Bundesbrüder die Semester verlebt, wenn man die vorgeschriebenen Prüfungen glücklich hinter sich hat, an der Schwelle des Philisteriums steht, dann gibt es einen feierlichen Abschiedsabend und über das bemooste Haupt wird eine neue Würde gestülpt, die des „Alten Herrn“ Die nimmt man als Andenken an die frohe Studentenzeit mit hinaus ins rauhe, unfrohe Alltagsleben. Und die jungen Kommilitonen, die verlangen nichts mehr als daß man sich draußen im Leben nicht schäme) ihrem Kreise anzugehören, einen Jahresbeitrag zu leisten und auf Stiftungsfesten Staffage bilde. Das war so bei den alten deutschen Vereinigungen, die ein Symbol fröhlichen, fidelen Studentenlebens waren. Bei uns ist es anders. Soll es anders sein! Der jüdischnationale Student war nie nur Kneipbruder. Das tiefernste Kolorit seines Studentenlebens war und ist immer unsere Idee; die Arbeit für unsere Sache und unser Volk blieb immer die Triebfeder unserer Handlungen. Und wenn wir kneipten, so war bei uns niemals jene uferlose, ausgelassene, übermütige Fröhlichkeit, wie bei dem deutschen Studenten, der auf eigener Scholle, unter seinem Volke froh sein kann, wir fühlten, daß wir anders, mehr sein mußten als jene, weil wir Juden waren, nicht sorglose Studenten, sondern Pioniere einer jungen, hehren Bewegung, die einem unglücklichen, geknechteten Volke Befreiung bringen sollte. Und ich glaube, zum größten Teile fühlten wir die Last auf unsere Schultern. In Versammlungen und bei Kommersen, in Wahlkämpfen und an den Hochschulen stritten wir für unsere Fahne. — Und auch wir, als wir an den Abschluß der Studentenzeit angelangt waren, erhielten diese neue Würde der „alten Herren“. Und doch — ein grundlegender wesentlicher Unterschied zwischen uns und jenen. Während für das ehemalige Mitglied bei den deutschen Vereinen sein Titel eine schöne Erinnerung an längst vergangene Zeiten war, ist er für uns etwas ganz anderes: Die Mahnung zur Pflicht. Der jüdische Student, der, wenn er es nicht mehr ist, ins praktische Leben tritt, ist nicht am Schlüsse, sondern am Beginne der eigentlichen nationalen Arbeit für seinVolk. Wir waren junge begeisterte Studenten, wir sollen aufrechte, nackensteife jüdische Männer werden. Wie oft warf man uns nicht vor, wenn wir in Versammlungen von unserem Zionismus begeistert sprachen, wir wären junge, unreife, verantwortungslose Träumer, Phantasten, die, von ihren Eltern ausgehalten, leicht Utopien entwickeln und nachjagen können. Und sie haben recht gehabt, wenn wir nicht zeigen, da wir hinaus ins Leben treten, daß unser Reden und unser Streben nicht Jünglingsträumerei, sondern tiefinnerste Ueberzeugung, Lebensprogramm ist. Wir sollen ja unseren Jungen ein Rückhalt, ein Vorbild sein, auf das sie hinweisen können. Und darum istes geradezu ein Verbrechen wenn, wie es leider allzu oft geschieht, sich mancher alte Akademiker, auf den Lorbeern aus seiner Studententätigkeitausruht und damit genug getan zu haben glaubt. Ein Verbrechen, weil aus einem Falle ostentativer Lauheit tausend Waffen gegen uns geschmiedet werden, weil man uns immer wieder ins Gesicht schleudert: „Ja, ihr seid grüne Jungen gewesen, euer Denken war unreif, euer Reden Spreu, euer Streben Grünen- Jungen-Politik, unfähig, dem wirklichen Leben stand zu halten.“ Noch mehr als früher gilt Nordaus Wort: Jeder auf seinen Platz, voll und ganz. Und wenn wir Opfer bringen müssen, wir müssen es tun. Wie viel Opfer haben wir schon für andere Ideale, für andere Parteien, für andere Völker nutzlos, danklos gebracht! Warum nicht für uns, unsere Ehre? Ihr, ihr Grenadiere der jungjüdischen Bewegung, die ihr ins Leben tretet. Ihr müßt zeigen, daß uns jüdische Ehre und jüdischer Stolz keine leeren Phrasen sind, sondern daß wir gewillt sind, unentwegt bei unserer Fahne auszuharren, in allen Lebenslagen, überall. Womit nicht gesagt sein soll, daß wir bei jeder unpassenden Gelegenheit jedem unsere Gesinnung ins Ohr schreien, nein, reserviert, vornehm, aber wenn es am Platze und nötig ist, offen und klar, sowieeinstü Und nichts nachgeben von dem, das wir uns nicht selbst geschaffen, an das wir geglaubt, wie an ein Evangelium. An unsere Zukunft, an unseren Zionismus. Wir sollen ja eine neue Generation schaffen in Juda. Und wenn es Opfer kostet, dann schauen wir nach dem Osten, dem unzivilisierten Osten, wo wir sehen, was Freiheit gilt. Und noch eins: Die alten Akademiker haben die Mission, das Zwischenglied zu sein zwischen dem jüdischen Bürgertum da draußen im realen Leben und der Jugend. Sie sollen Vermittler sein, die Alten lehren, unsere Jungen und ihr Fühlen zu verstehen. Zum Schlüsse eine Anregung: Die Anregung zurGründung eines allgem einen jüdischen Alten Herren Verbandes aller Vereinigungen mit Auschaltung aller Couleurpolitik, aller Nebensächlichkeiten. Das wäre eine imposante Schöpfung, die die Elite des Judentums umfassen müßte, ein festes Bollwerk unserer Bewegung in der Gesellschaft, eine achtunggebietende Heerschau unserer Offiziere, der Treugebliebenen. der Pflichtbewußten und Klarheit über jene, die nie ganze Zionisten waren. Darum nochmals: Gründet einen allgemeinen jüdischen Alten Herrenverband. — Stz. —

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