Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438269--1576-2441179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Winawer-Petersburg zum Präsidenten gewählt. In das Präsidium wurden u. a. gewählt: Rabbiner Rabinowitz-Kowno, J. B. Wolff, der ICA-Vertreter Dr. Feinberg, und Rechtsanwalt Sliosberg-Petersburg, Brodsky-Kiew, das Mitglied der ersten Duma Dr. Katzeneisohn, Brutzkus-Miusk, Rabbiner Mase- Moskau und Rabbiner Dr. Kantor-Riga. Der Vorsitzende gedachte mit warmen Worten des verstorbenen Baron Horace Grünberg, zu dessen Ehren sich die Anwesenden von ihren Sitzen erheben. Die erste Sitzung wurde dann von einem zweistündigen gründlichen Referat des Rechtsanwaltes Sliosberg über „Die Organisation der jüdischen Gemeinden“ ausgefüllt. Der Referent schilderte die historische Entwicklung und die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden in Rußland und ihrer verschiedenen Institutionen, die er in vieler Beziehung für reformbedürftig hält. Insbesondere schlägt er die Abschaffung der Licht- und Fleischabgaben (der „Korobka“) und die Einführung einer progressiven Einkommensteuer vor. In der Abendsitzung behandelte der Dumaabgeordnete Friedmann die Schulfrage. Wie er mitteilt, werde demnächst ein bereits fertiggestelllter Entwurf zur Reformierung der jüdischen Elementarschulen in der Duma zur Beratung gelangen. — Die Schulfrage steht im Vordergründe des Interesses und der Debatten und wird mit ernstester Gründlichkeit behandelt. Nicht weniger als 35 Redner haben sich zu diesem Punkte gemeldet. Allgemein wird das „C h e d e|r“fin seinem gegenwärtigen Zustande als ungeeignet und unzweckmäßig bezeichnet. Viel wichtiges Material zu dieser Frage enthielten die Ausführungen des Warschauer Gemeindesekretärs Kämdner. Eindrucksvolle und inhaltsreiche Reden enthielten die Rabbiner Mose- Moskau und Dr. Kantor-Riga. — L. Brodsky-Kiew sprach über die jüdische Fleischakzise und wies nach, daß ein großer Teil der daraus erzielten Einnahmen, die gesetzlich für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, in den Kassen der städtischen Verwaltung verbleibe. Die Kiewer Stadtduma verwendet zum Beispiel diese Einnahmen, 15.000 Rubel jährlich, für die Ausweisung und Hinausbeförderung der Juden, die sich ohne Wohnrecht in Kiew aufhalten. Die Verhandlungen des Kongresses, werden in hebräischer Sprache geführt. * * * Abgeordneter Stand in Berlin. Am Dienstag, den 29. November, hatte die Berliner Zionistische Vereinigung die Freude, Herrn Reichsratsabgeordneten Stand in ihrer Mitte zu sehen. Es ist nicht möglich, in einem Referat seine eindrucksvolle Rede erschöpfend wiederzugeben. Sie war schlicht, verzichtete auf alle rhetorischen Künste und war dennoch in ihrer eindringlichen Sachlichkeit, in ihrer Gedankenfülle und ihrer überzeugenden Warmherzigkeit von tiefster Wirkung auf die tausendköpfige Versammlung. Judentums nach Außen. Und da wird die mächtig anschwellende nationaljüdische Bewegung nicht nur jene kompetenten Faktoren zur Abdankung oder zur Umkehr zwingen, sondern auch eventuell gegen diese die Lebensnotwendigkeiten des jüdischen Volkes erringen. Jener Vorwurf gegen den Zionismus ist aber im Grunde eine furchtbare Anklage gegen die in Betracht kommenden „kompetenten Faktoren“. Soweit diese nicht überhaupt das Judentum, das zu führen sie berufen wären, negieren und damit im höchsten Maße unsittlich genannt werden müssen, soweit sie es vielmehr erhalten wollen, vergehen sie sich durch die Ablehnung des Zionismus, des nach Zollchan’s Nachweis einzigen Mittels zu dieser Erhaltung, an ihrer ihnen selbst bewußten Aufgabe. Das Zollschan’sche Werk muß daher auf jene Wenigen unter den „kompetenten“ Faktoren, die guten Willens und ehrlich sind, machtvoll für die Umkehr zum Zionismus wirken. Ich hätte allerdings gewünscht, daß der Autor Licht und Schatten gerechter verteilt hätte. Seine Beurteilung der Aussichten des Zionismus erscheint nur lückenhaft und voreingenommen. Da ich aber der festen Meinung bin, daß gerade Zollschans tiefe Begründung des Zionismus für dessen Festigung und Verbreitung Ungemeines leisten wird, betrachte ich sein Buch in summa als einen hoch zu schätzenden Gewinn. Der Redner begann mit einem Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Zionismus. Bis zum vorigen Jahrhundert befaßte (sich niemand ernstlich mit der Judenfrage. Als dann die Emanzipationszeit heran kam, galt die Assimilation, die Anpassung der Juden an die Umgebung, als die einzige Lösung. Aber die Assimilation versagte völlig, der Antisemitismus wuchs. Da suchte man nach einer radikaleren Lösung und forderte, die Juden sollten unter den anderen Völkern aufgehen, Das war eine konsequente Lösung, aber sie blieb Theorie. Ein Volk von zwölf Millionen Seelen, ein altes Kulturvolk, kann nicht Selbstmord begehen. So entschloß man sich endlich, die Judenfrage von einem neuen Standpunkt zu betrachten: vom jüdischen. Man hörte auf, mit dem Kopf des Feindes zu denken und dachte mit dem eigenen Kopf. Diese Bewegung, die 'zionistische, empfing ihren stärksten Antrieb durch die russischen Judenverfolgungen der achtziger Jahre. Damals gingen Tausende nach Amerika, eine kleine Zahl aber nach Palästina. Und es zeigte sich, daß die Wenigen den richtigen Weg gegangen waren. Das Land gedieh unter ihren Händen und sie selbst gediehen in dem alten Lande. Aber die Bewegung blieb klein, auf dem Osten beschränkt. Da kam H e r z 1. Er sprach im „Judenstaate“ die Grundwahrheiten des Zionismus aus. Was er sagte, war für einem normalen Menschen eigentlich selbstverständlich, aber er stieß auf den erbitterten Widerstand der sogenannten maßgebenden Kreise. Die Bankiers spotteten, und die Rabbiner, von denen er gedacht hatte, sie würden die Führer sein, verfolgten ihn und sein Werk. Da fand er den richtigen Weg, dem Weg zum Volke. Das Volk gab ihm, was die Reichen und Mächtigen ihm verweigert hatten. Für die Kolonialbank wurden sechs Millionen Mark aufgebracht. Das ist nicht viel, wenn es sich um ein Projekt von Finanzleuten handelt, aber es ist etwas Großes, wenn Händler und Trödler, Handwerker und Arbeiter aus der ganzen Welt ihren Groschen dazu geben, Um das Volk zu organisieren, berief Herzl den Kongreß. Der Kongreß schuf die Einheit des Judentums. Alle Richtungen, Strenggläubige und Atheisten, Westjuden Ostjuden, Sephardim und Aschkenasim hat der Zionismus geeint. Um das Volk zu beleben, wurden Toynbeehallen und Turnvereine gegründet. Früher strebten alte bedeutenden Geister aus dem Judentum heraus. „Das Judentum ist keine Religion, sondern ein Unglück“ sagte Heine. „Die Mauern Zions sind gefallen, mögen sie ewig so bleiben“ sprach Aaraham Geiger. Und wie sie dachten Marx und Lassalle, dachten zahllose Gebildete. Heute haben wir eine große Zahl von bedeutenden Männern, die ihre beste Kraft in den Dienst des jüdischen Volkes stellen, haben Dichter und Künstler, die ihre Eigenart aus dem Judentum schöpfen. Im Osten haben wir eine ganz neue Erscheinung: jüdische Politik. Herzl suchte die Sache seines Volkes auf mannigfache Weise zu fördern. Er trat vor die Fürsten und Staatsmänner und sprach. 2000 Jahre blutiger Verfolgung, das Leiden eines ganzen Volkes sprach aus ihm. Zum ersten Male sahen die Großen dieser Erde einen Juden, der nicht um Amt oder Orden bettelte, sondern, der ihnen Achtung abnötigte. Als er dies alles für sein Volk getan hatte, starb er. Die Feinde des Zionismus glaubten, mit seinem Tode würde die Bewegung aufhören. Aber die Idee ist unsterblich, sein Werk blieb und die Jugend blieb. Freilich hat sich manches geändert. Die praktische Arbeit in Palästina wird erst jetzt wieder aufgenommen und so eine Synthese des vorherzischen Zionismus mit dem politischen Zionismus vollzogen. Herzl hat einmal gesagt: „Zwischen Erinnerung und Hoffnung steht unsere Tat“. Wir haben gute und schlechte Erinnerungen. Die ägyptische Knechtschaft, die babylonische Gefangenschaft, die Zerstörung des Tempels, Titus, die Verfolgungen des Mittelalters, Programme und Scheiterhaufen und den 20. Taumus. Gute Erinnerungen: Moses, die Propheten und Könige, die Makkabäer, Tannaim, Amoraim, Herzl. Viele Hoffnungen waren irrig und haben uns enttäuscht: Spanien, Sabbatai Zewi, die Aufklärung, die Assimilation. Viele Hoffnungen sind in Erfüllung gegangen und werden sich erfüllen: Unsere Bank, das hebräisehe Gymnasium, Bezalel, Technikum — Herzl. Denn Herzl ist Erinnerung und Hoffnung zugleich. — Die Rede Stands machte tiefen und mächtigen Eindruck. Aus dem jüdischen Lehen. Auswanderungschronik. NachdenVereinigten Staaten. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres haben sich 139.746 Emigranten (fast doppelt soviel als in demselben Zeitraum des Vorjahres) von Bremen aus über den großen Teich begeben. In letzter Zeit stieg besonders die Zahl der Zwischendeck-Passagiere. An die Emigration in den Jahren 1906— 07 reicht jedoch die diesjährige bei weitem nicht heran, was aus folgenden Zahlen zu ersehen ist. Es begaben sich von Bremen aus nach den Vereinigten Staaten von Amerika in den ersten zehn Monaten des Jahres 1906 171.647 Emigranten; „ „ 1907 208.523 „ „ 1908 58.370 „ „ 1909 123.122 Vor Beginn des erstgenanten Jahres waren bekanntlich die furchtbaren Judenmetzeleien in Rußland, die einefluchtartige Massenauswanderung von Juden aus diesem Lande zur Folge hatten. Die unverhältnismäßige Abnahme der Emigration nach Amerika im Jahre 1908 ist vor allem auf die daselbst ausgebrochene ökonomische Krisis zurückzuführen. Nach England. Laut offiziellen Mitteilungen kamen nach England in den ersten neun Monaten dieses Jahres 337.771 Schiffspassagiere, darunter 88.232 Durchreisende gegen 330.545 Personen (davon 47.560 Durchreisende) im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Die Zunahme in der Zahl der Durchreisenden beweist eine Verstärkung der Emigration nach Amerika. Die Einwanderungsgesetze werden jetzt in England viel strenger als bisher angewendet. So wurden in den neun Monaten d. J. 954 Einwanderer wegen Krankheit oder Geldmangel zurückgeschickt — gegeu 514 Personen im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1908. 378 Fremde (gegen 266 im Vorjahre) wurden von England zurückgeschickt, nachdem sie sich daselbst bereits niedergelassen hatten. Gesuche von angehaltenen Einwanderern werden immer weniger berücksichtigt. Die verhinderte Theateraufführung. Im Moskauer Künstlertheater soll in den nächsten Tagen ein neues Stück des jüdischen Dichters Semjon Juschkiewitsch zur Aufführung gelangen. Die Aufführung mußte jedoch aus einem merkwürdigen Grunde wiederholt verschoben werden. Die Direktton bestand nämlich darauf, daß der Autor die ersten Lesungen der Rollen mit den Schauspielern persönlich vornehme und an der Generalprobe teilnehme. Diesem Wunsche stellte sich jedoch ein Hindernis entgegen: der Autor, Semjon Juschkiewitsch, ist nämlich Jude und darf sich daher in Moskau nicht aufhalten. Den Bemühungen der Theaterdirektion gelang es nun, für Juschkiewitsch eine Aufenthaltserlaubnis — auf acht Tage — zu erwirken. Die Direktion mußte die Garantie übernehmen, daß der Dichter nach Ablauf dieser Frist Moskau verlassen werde. Russische Studenten im Ausland. Aus Petersburg wird geschrieben: Die Entrechtung dnr Juden im Zarenreiche hat in der „konstitutionellen Aera“ nicht nur keine Milderung erfahren, sondern schreitet stetig vot und nimmt schärfere und rigorosere Formen an. Voran geht das „schwarze Kultusministerium“, das in der Produzierung von judenfeindichen Bestimmungen eine erstaunliche Energie und unheimliches Erfindertalent entwickelt. Jede Woche bringt neue Beweise davon. Nach einer soeben publizierten ministeriellen Verordnung werden die im Auslande Studierenden, namentlich Juristen, zum Staatsexamen in Rußlane nicht mehr zugelassen. Bisher wurden russische Untertanen, die an einer ausländischen Universität studiert nnd den Doktor- Parteinachrichten. Mitteilungen des Bureaus des IX. Zionisten-Kongresses. Für die Eröffnungssitzung des Kongresses, Sonntag, den 26. Dezember, vormittags, sind alle Plätze bereits vergeben. Hingegen sind noch Karten für alle folgenden Sitzungen zu haben. Wir ersuchen die Delegierten und Gäste nochmals dringend, möglichst umgehend ihre Woh uungs b este 11 u ngen unter Benutzung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.