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Jüdische Zeitung · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 50 haben mitgeheult mit den Wölfen.“ Also die „Neue Freie Presse“, das Sprachrohr der assimilatorischen Börsenjuden, die erbittertste Gegnerin des Zionismus, die immer von der jungjüdischen Demokratie als Organ der Völkerverhetzung gebrandmarkt wurde, soll das — zionistische Börsenhauptblatt sein und die — Christlichsozialen haben unter dem „Diktat derZionisten“ nicht gegen die Nationalitätenhetze Stellung genommen! Nur in einem Parlamente, das er selbst ein Narrenhaus nennt, konnte Daszynski einen derartigen, auf den Kopf gestellten Blödsinn auftischen und es ist das Anzeichen der krassesten politischen Korruption, wenn ein Vertreter des Proletariats im „Volkshause“ Kapriolen schlägt, wie ein Bajazzo. Er ist nun in die Reihe jener „Volks“- vertreter zu stellen, die sich ehrlich mit der Journaille in der Verhetzung und Verdummung der Bevölkerung Oesterreichs teilen. Mit vollem Rechte sagt der Vizepräsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, der kroatische Abgeordnete Dr. Lag in ja: Es zeigt sich nur ein ferner Schimmer der Möglichkeit der Verständigung unter den 2 großen Richtungen dieses Hauses, und sehen sie den Spekulanten! Der Intrigant ist schon da, der uns auseinander reißen will, bevor wir zusammengeko m ni e n sind. Das geht nicht die „Neue Freie Presse“ allein an. Es geht die ganze Kategorie der gewissen Leute an, die immer dagegen ist, daß die Völker sich aussöhnen, daß in diesem Reiche Gerechtigkeit walte, daß die brutale Vorherrschaft irgend eines Volksstammes aufhöre.“ Diese Worte unterschreiben wir, sie decken sich ja vollkommen mit dem nationalautonomistischen Programme der jung jüdischen Demokratie, das im starren Gegensätze zu den Anschauungen der „NeuenFreienPresse“ ebenso steht, wie zu denen des „Deutschen Volksblaü“. Die „Neue Freie Presse“, die diese sie betreffenden Reden sehr zugestutzt ihren Lesern vorsetzt und unter anderem auch die Bezeichnung als zionistisches Börsenhauptblatt ihnen vorenthält, reagierte auf die Angriffe der Abgeordneten Daszynski und L a g i n j a in folgender Weise: „Die Abgeordneten L ä g i n j a und D a s z i nsky machen ferner unserem Blatte den Vorwurf, daß es sich der Verständigung widersetze. Das ist schlankweg unwahr(!?). Mehr als das. Aus solchen Worten ist ein gewisser Duft einer Preßzensur herauszuspüren, die noch gehässiger sein kann, als die von der Polizei und von der Staatsanwaltschaft ausgeübte. Diese Kritik hat gleichfalls den inneren Hang, die Freiheit der Presse zu beschränken und es kommt nicht darauf an, ob dieses Ziel durch Kautschukparagraphen oder durch Entstellung derTatsachen angestrebt wird.“ Jawohl, eine Entstellung der Tatsachen ist es, daß die und streng logischer Weise behandelt. Insbesondere erscheint die Einführung des entwicklungsgeschichtlichen Momentes in die Rassenfrage bedeutsam, noch mehr aber die anscheinend vom Verfasser zum erstenmal geführte Untersuchung des Zusammenhanges zwischen Rassenfrage und Vererbungsproblem. ^Er kommt zum Ergebnis, daß es tatsächlich Rassenunterschiede gibt und prägt den Satz, daß sich die Begabungsquote in jeder Rasse vererbt, nicht aber die Begabungsqualität. Diese sei vom Milieu abhängig. Zollschan untersucht nun den Kulturwert der jüdischen und der ihr, auch nach Auffassung der antisemitischen Rassentheoretiker, verwandten fälschlich „semitisch“ genannten Rassen auf Grund eines ungeheuren historischen Materials. Hierauf wird näher eingegangen werden müssen; heute soll nur kurz referiert und speziell die für den Zionismus wesentlichen Punkte berührt werden. Zollschan findet, daß der Kulturwert der Juden ein sehr hoher, dessen Erhaltung daher wünschenswert sei. Er glaubt ferner, daß sich das Judentum heute in völliger Auflösung befinde, der einzige Weg zur Erhaltung der jüdischen Nation und ihres Kulturwcrtes, der Zionismus aber— „vorläufig wenigstens“ — aussichtslos erscheine. Die positive Leistung das Buches ist von ganz enormem Werte. Haben doch unter dem Einfuß der Chamberlain, Dühring, Weininger und Konsorten die Juden selbst schon an ihre Minder' „Neue Freie Presse“ ein „zionistisches“ Organ ist, aber eine ebensolche Wahrheit ist, daß sie seit Jahrzehnten die nationale Verständigung als „Verrat am Deutschtum“ hinstellt und den deutschnationalen sowie christlichsozialen Antisemitismus großgezogen hat. Die „Neue Fre ie Presse“, welche es mit ihrer „freiheitlichen“ und österreichischen Gesinnung für vereinbar hält, ihre Spalten in den Dienst der antisemitischen magyarischen und al Ip o 1 n i sch en Oligarchie zu stellen, ist übrigens nicht nur in nationaler, sondern auch in ökonomischer Hinsicht unsere Gegnerin. Eine Gruppe, die programmatisch den bodenreformerischgenossenschaftlich-sQzialen Anschauungen Franz Oppenheimers . huldigt, hat mit der Börse ebenso wenig zu tun, als mit dem Abg. Daszynski, der —. gleich dem „zionistischen“ Börsenhauptblatt — das Recht der galizischen Juden auf freie Entfaltung ihrer nationalen Individualität nicht anerkennt. Hier eben liegt des Pudels Kern. ~ Herr Das z i n s k y, der bei den Krakauer Wahlen durchgefallen ist, weil er mit geradezu allpolnischem Elan die bewußt-jüdische sozialdemokratische Gruppe unterdrückt hat und dann nur durch ein Hinterpförtchen ins Parlament gelangte — ist auf die Juden nicht dreimal gut zu sprechen. Da er sich aber, wenn er seinen antijüdischen Sinn bekunden will, des Wortes „Juden“ schon mit Rücksicht auf die Parteileitung nicht gut bedienen kann, macht er von dem Worte „Zionisten“ ausgiebigen Mißbrauch. Es ist aber das beste Zeichen für die Wahrheit und Echtheit einer Bewegung, wenn sie begeifert und mit den lächerlichsten Verdrehungen bekämpft wird. j_ Meschumo-Demokraten. Eine Kapuzinerpredigt. Genosse Wutschel interpellierte wegen der Veröffentlichung der Rönegaten-Namen in der „Jüdi- ■ sehen Zeitung“. Prosit, verehrte Sozialdemokraten! Wie lechzte das' Volk nach Euern Taten, Von denen, da der >Vahlkampf entglommen, Ihr Eure MäulerMsb voll genommen; .;j" Heil Euch! Jetzt endlich sehn die Proleten, Wozu drei Jahr lang die 80 Propheten, Im Hause des Volkes zusammenkamen Und 20 Kronen täglich nahmen. Zwar sind die Altersversorgungs- Normen, Die Steuergesetze und Schulreformen Und alle die anderen Kuren am Staate, Das, was sie gewesen: Postulate; Jedoch auf einem anderen Gebiete Da wurde zur Wahrheit die Segensmythe, Der Kapitalismus! ging auf den Leim: Die Judentaufen werden geheim! Wertigkeit, an ihren Mangel an Schöpferkraft geglaubt. Dies ist vielleicht der tiefste psychologische Grund der Massenflucht aus dem Judentum. Zollschan erscheint wie ein Stratege, der das Zaubermittel besitzt, die flüchtenden Truppen zum Stehen zu bringen, indem er ihnen wieder Selbstvertrauen einflößt. Sein Buch .wird wie eine Erlösung auf jene wirken, welche an ihrem Judentum leiden und, wie die Westjuden fast durchaus, in qualvollen Zweifeln als innerlich zerrissene Menschen dahinleben. Schnitzler hat uns in seinem „Weg ins Freie“ diesen Judentypus in einer Reihe von Exemplaren anschaulich dargestellt. Zollschans Buch gibt aber noch mehr, er begründet die Notwendigkeit des Zionismus damit, daß es eine Forderung der Kultur sei, die jüdische Rasse vor der Zersetzung bewahren. Da er dies unwiderleglich beweist, so gibt er dem Zionismus eine Kulturbedeutung sondergleichen. Anders aber urteilt er über die Aussichten der zionistischen Beweguug. Er findet, daß sie an großer Schwäche leide und gibt als Grund dieser Behauptung vornehmlich die Unzulänglichkeit ihrer materiellen Mittel und den „Mangel an Kompetenz“ an. Das erste wird uns nicht beunruhigen. Zollschan wird gewiß der letzte sein, der die Kraft einer so bedeutenden Bewegung daran mißt, was sie in einem Zeitabschnitt von 10 bis 15 Jahren zustande gebracht hat, einer Epoche, die nicht einmal eine Sekunde im Völkerleben bedeutet. Anders steht es Es ist auch ein schrecklicher Zustand gewesen! Allwöchentlich konnte ein jeder lesen Wie all die edlen Genossen hießen, Die feuchten Körpers ihr Volk verließen — Die Freiheitsmänner, die Promethiden Mit Idealen und Hämorrhoiden, Die Redakteure der Arbeiterzeitung, (Die mußten unter die Wasserleitung Und ihre ganze Gestalt übergoß man, Und dann sahn sie aus — wie Stephan Großmann!) Des fernem Namen von alter Kultur - Und noch viel älterer Manufaktur, Dozenten, Aerzte und Advokaten, Die stets ihr Prinzip und die Stiefel vertraten, Uralte „de Buda“- und „Parnegg“- Geschlechter, Nach Offizieren läufige Töchter, Gelehrte nach Jossel Redlich’s Fasson — Kurzum eine Dreckseelen- Kollektion! Das wird jetzt anders! Dafür sorgt die Wiener Meschumo-Demokratie! Doch da die Schwätzer und Maulaufreißer Privatim gewaltige Hosenschinder, So hat „Getauft“ und „Baldgetauft“ Sich einen Schabbesgoj gekauft: Genosse Wutschel interpelliert Und Austerlotzerl assistiert! Ihr werten roten Ueberläufer! Heut habt Ihr noch die dummen Käufer Für Euern tristen Schreibtisch-Mut; Das Volk ist so naiv und gut- Doch wird es einmal klar erkennen Die Vögel, die sich „Führer“ nennen, Das Band des Blutes feig zerreißen, Ihr eignes Nest mit Kot beschmeißen, Verdämpfen jedes Volkstums Stimmen, Um ja nur obenauf zu schwimmen — — Dann, hochverehrte „Freigesinnte“, Hilft nicht mehr Chuzpe, Maul und Tinte, Kein Waschel-Wutschel wird sich finden, .Um Euere Wäsche auszuwinden, Und unser Volk hat wiederum Ein elendes Marannentum! Beda Von der Woche. Allgemeiner russisch-jüdischer Kongreß. Der in Kowno tagende allgemeine russisch-jüdischeKongreß, zu dem etwa 150Delegierteaus60Städten erschienen sind, wurde am 2. Dezember um lOUhrfrüh vom Organisator des Kongresses, Isser Beer Wolff, mit | einer Begrüßungsrede eröffnet. Darauf wurde das 1 Mitglied der ersten Duma, Rechtsanwalt Dr. Max mit dem Einwand, daß die im Judentum maß gebenden Kreise den Zionismus ablehnen. Zwar könnte man auch hier sagen, daß deren Gewinnung ' nur eine Frage der Zeit sei, eine Frage der Generation, daß die heutigen „offiziellen“ Juden noch einer Generation entstammen, die ihrem ganzen Werdegang nach den Zionismus nicht rezipieren kann. „Wir werden Euch nicht besiegen, wohl aber überleben“, so hat Herzl dies ausgedrückt. Doch was bedeuten diese „kompetenten“ Faktoren überhaupt? Jede Bewegung muß, um Erfolg zu haben, von einer gewissen Klasse oder von mehreren Volksklassen getragen werden. Die Sozialdemokratie hatte nicht deshalb Erfolg, weil sie die „kompetenten Faktoren“ gewonnen hatte» sondern weil sie von einer starken Bevölkerungsschichte getragen war. Die Schwäche des Zionismus liegt heute nur darin, daß er noch nicht Sache einer oder mehrerer Volksschichten ist, seine Stärke, daß er es mit Naturnotwendigkeit werden muß, schon wegen der Emigrationsfrage. Die Massenemigration ist heute für die Ostjuden zumindest eine sozialökonomische Notwendigkeit. Infolge der sukzessiven Absperrung der Eniigrationsländer müssen über kurz oder lang die Ostjuden mit elementarer Gewalt auf den Weg zu einem, resp. zu dem Territorium geführt werden. Für wen sind übrigens jene Faktoren „kompetent“? Höchstens für die Repräsentation des

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