Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG. den Auserwählten, Verlegenheiten bereiten. Aber nicht nur die schwarzhäutige Rasse war von einem solchen Wahn besessen. Während der Wüstenwanderung des jüdischen Volkes nach dem Auszuge aus Aegypten lehnten sich auch manche Elemente gegen die Befreiung auf und sehnten sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurück. Die Sklavenseelen sind unsterblich und unwandelbar in ihrer niederen Gesinnung. Sie freuen sich über die Demütigungen und küssen die Peitsche. Es ist wie eine Schadenfreude an sich selbst. Anderseits ist es auch wie das Vorzeigen der kranken, verkrüppelten Glieder durch die berufsmäßigen Bettler. Seht, welche Wunde hier klafft, wie abscheulich dieses Glied hier verunstaltet worden ist! Es ist auch ein Rachegefühl dabei, eine ganz blödsinnige Rache. Der widerspenstige Sohn sagt zu seinem Vater: Siehst Du, weil ich keine Handschuhe habe, habe ich mir die Finger ganz abgefroren, und freut sich darüber. Oder wie der andere blödsinnige Sohn, der eine quälende Fliege erschlagen wollte; sie stand auf der Stirne seines Vaters und da ließ er den Hammer auf sie niedersausen. Hurrah! Er hat die Fliege erschlagen, aber zugleich den Schädel des Vaters zertrümmert, und ist sehr zufrieden. So ist auch das spaniolische Blatt zufrieden, daß die jüdische Kurie in der Bukowina nicht bestätigt worden ist. Sie streicht hierauf die Verdienste eines Herrn Kuranda hervor.- Versteht das Blatt etwas von der ganzen Sache? Ich glaube kaum. Die jüdische Vertretung ist nicht nur eine nationale Forderung, sie ist auch eine bürgerliche Notwendigkeit. Die Juden wollen von ihren eigenen Stammesgenossen vertreten sein. Das ist menschlich empfunden, aus dem ganzen heraus. Die Juden sehnen sich aus der einseitigen Gedankenwelt der Humanität und des Liberalismus heraus nach der wirklichen Welt, und diese Welt kann ihnen warm und atmend nur in der einzelnen Form, über die sie verfügt, entgegentreten: in der Form des gleichen Rechts. Können sie nicht erwarten, dieses zu besitzen, so ist alle Humanität eitel Geschwätz. Das läßt sich nicht ad calendas graecas aufschieben. Gedanken kann man vertagen, das geht an; aber angebrochene Empfindungen kalt stellen, das ist ein Verlangen, dem kein Volk nachkommen kann. Für die Gedankenkämpfe, die unser Volk im Lager der Liberalen durchgefochten, will es gleich ihm, mit dem Recht der Selbstbestimmung belohnt werden. Jetzt, nicht nach Jahrhunderten. Man darf den Lohn des Arbeiters nicht zurückhalten — das ist ein mosaisches und zugleich auch menschliches Gesetz. Laßt uns leben wie wir wollen, wenn ihr liberal seid, sonst werfen wir alle eure Phrasen über den Haufen. Aber der Ersatz, erwidert man uns, dea man euch durch die Mischung unter die andern bietet, Anschluß an andere Nationalitäten, die der Liberalismus ermöglicht hat! Allerdings große Erfolge, aber doch nur für die andere Seite. Sie entreißen uns unsere besten Kräfte, sie nehmen ohne zu geben. Sie entfremden uns durch uns selbst. ' Wo sind die ersten jüdischen Liberalen? Ausgetauft haben sie sich, oder sie haben Nachkommen hintereinen Wunschzettel niederlegte, wie es jede rechtschaffene Krakauer Frau tat, indem sie noch manches Anliegen diesem großen Fürsprecher der Frauen vor Gottes Thron mündlich beifügte, weil man doch nicht alles zu Papier bringen kann. (Lästerzungen behaupteten nämlich, daß viele neugierige Frauen nur deshalb so lange an Ramu’s Grabstatt in Andacht verweilten, weil sie erst alle Zettelchen durchlasen, die den Hügel bedeckten.) Nur einmal, ein einziges Mal weilte auch Bube Machele an dieser heiligen Stätte, die, von dichtem Epheu umsponnen, das kostbarste Gut Altkrakau’s ist, und das kam so: Bube Machele hatte ein einziges Enkelkind, die achtjährige, zwitschernde, kerngesunde Gitel, die der Großmutter prächtig nachgeriet und von ihr über alles geliebt wurde. Da kam der böse „Steckfluß“ nach Krakau und raffte die Kinder weg. In einer unwirschen frostigen Winternacht — es war just zu Chanukah — rang auch Gitel mit dem Tode. Bube Machele war gebrochen und suchte den letzten Ausweg. Am Grabe Ramu’s wollte sie einsam und inbrünstig beten. lassen, die uns feindlicher gegenüberstehen, als die Fremden. Sie drängen sich uns als Führer auf und sprechen so außergewöhnlich liberal. Es verletzt aber dieses Gerede ein feineres Gehör. Ich möchte nicht mißverstanden werden, wenn ich diese Art des Flunkerns mit dem Liberalismus in einem höheren Sinn als dem der gewöhnlichen Moral für unsittlich halte. Die ganze Phraseologie von dem Liberalismus und der Gleichberechtigung paßt gar nicht hierher. Sie mag als Dokument zur Geschichte des - vorigen Jahrhunderts gelten. Jetzt gilt es, die Interessen dtr Juden im Wettkampfe der verschiedenen Völker Oesterreichs wahrzunehmen und zu vertreten. Der Gegensatz und der Ausgleich zwischen dem, was die eine oder andere Nationalität verlangt, und was der Gesamtstand anstrebt, der Widerspruch zwischen den wirtschaftlichen Erfordernissen der Klassen und der Provinzen — das ist das Gebiet, auf dem die Juden auch ihre Interessen haben, die energisch, offen und ehrlich im Sinne des jüdischen Wählers verteidigt werden müssen. Zu diesem Zwecke war eine jüdische Kurie notwendig. Nichts ist begreiflicher, als daß die Juden Oesterreichs, namentlich aber Galiziens und der Bukowina von Erbitterung und Entrüstung erfüllt sind. Ebenso begreiflich ist es, daß die jüdischen Wähler den lebhaften Wunsch, das dringende Verlangen äußern, ihre Abgeordneten mögen ihre Interessen energischer vertreten. Was helfen dabei die Herren Kuranda und wie sie alle heißen, die getauften und vorläufig noch nicht getauften Kapazitäten der Assimilation? Ihre ganze Repräsentanz ist ein Puppenspiel. Herr Kuranda ist weder der Vertreter des jüdischen Handwerkers, des jüdischen Kaufmannes, noch der Verteidiger der jüdischen Nationalität oder der jüdischen Religion. Natürlich hält ein Kuranda nichts von jüdischer Nationalität — und das findet das besagte spaniolische Blatt so schön und erbaulich. Ja, ich finde es nicht schön, aber natürlich finde ich es wohl. Die Nationalität gibt sich nicht Jedem. Sie ist wie ein unberührter Frühling, streng, spröde, verschämt. Die frechen Gassenjungen können sie schlagen; man sieht sie dann wie im Traume wandeln, einen unendlichen Jammer in sich bergend. Den Kurandas gilt sie nichts. Woher sollten denn diese dar Schöne und Gute an ihr kennen, ihre Laute und Geberden, die uns in die Seele greifen, verstehen? Die Kurandas und Genossen sind ja Analphabeten, ich meine Analphabeten in Bezug auf die Sprache unserer Nation! Es ist eine fremde Welt für die Kurandas und für alle ihre Helfershelfer. Sie analysieren sie, die jüdische Nationalität. Wir selbst analysieren gar nicht; wir sind das Volk, das, bei vollem inneren Werte nicht weiß, was an ihm ist. Wir sind wie jedes andere Volk — das genügt uns. Die Kurandas stehen über uns mit dem Seziermesser. Her mit der Muskel, heraus mit dem Nerv! Sie schneiden so ruhig hinunter; sie würden auch das Herz mit kühlem Blut zerschneiden. Diese Analytiker haben manchmal gute Einfälle, aber sie sind verfehlt in den Wurzeln ihres Charakters. Sie stehen nicht am richtigen Platze. Sie Als sie die Pforte verschlossen fand, kletterte sie — mutig und verzweifelt wie sie war — die Umfassungsmauer des kleinen Friedhofs hinan und fiel dumpf auf die Gräber hinab. Lautlos, wie eine richtige Heldin kroch sie mit gebrochenem Fuße bis zum heiligen Grabstein und wurde des Morgens bewußtlos und halberstarrt aufgefunden. Bube Machele starb am selben Tage, ihr Enkelkind aber — sagt die Legende — ist durch ihr Opfer gesund geworden.... * . * Wollt Ihr dieses Bildnis in Eurer Stube hängen lassen, Ihr jüdischen Frauen, dann müßt Ihr es'alljährlich zu Chanukah mit E pheublättern schmücken, die auf Ramu’s Grabstatt gepflückt sind. . . . Zollschans Buch über die Rassenfrage.*) Von Adolf Böhm, Wien. „Mit einem heitern, einem nassen Auge“ begrüße ich das soeben erschienene Buch Zollschans *) „Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage“. Wien, Verlag Braumüller. Seite 3 sollten eigentlich in den Reihen der Antisemiten stehen, wo sie hineinpassen. Aber da passen sie wieder nicht hinein, weil sie am Ende doch Juden sind. Daraus entsteht der Widerspruch, den zu verkleistern sich eine Rhetorik abmüht. Diese Rhetorik hat Strophen, die sich refrainmäßig wiederholen. Die Verbrüderung der Menschheit, die ewige Gerechtigkeit, der Sieg des Ideals u. dergl. Namen und Begriffe, welche die Wirklichkeit verschleiern sollen. Die Wirklichkeit besteht darin, daß die Juden wie alle anderen Menschen nach ihren Bedürfnissen und nach ihrer Geistesrichtung leben wollen und daß ihre sogenannten Vertreter älteren Datums nicht den Mut haben, diese Interessen mit der richtigen Energie zu vertreten. Letzteres blieb den nationalen Vertretern der Juden Vorbehalten, die ihre schwierige Aufgabe sehr ernst auffassen und gegen die Anfeindungen von außen und von innen ihren Weg gehen. Das ist die richtige Interessenvertretung der Juden, die den Komödianten einer verräterischen Assimilation ein Dom im Auge ist. Deshalb ereiferten sie sich, den Plan der Schaffung einer jüdischen Kurie in der Bukowina zu vereiteln und darüber freut sich das besagte spaniolische Blatt. Ich schäme mich, so etwas in einem spaniolischen Blatt zu lesen. Ich bin zwar selbst kein Spaniole, aber in mir lebt das Bewußtsein der jüdischen Hidalgos. Die Sephardim waren die starken, stolzen und selbstbewußten Juden, wie wir sie kaum unter den anderen sehen. Es nimmt sich wie eine Profanation aus, in der stolzen Sprache der Spanier das jämmerliche Gewinsel eines jüdischen Hausierers zu hören. Es steht euch nicht, meine sephardischen Brüder! Ihr sollt euch freuen, über einen Sieg der jüdischen Sache, aber nicht über eine Niederlage. Ihr könntet noch so weit kommen, ich meine so tief sinken, um sich auch über einen Pogrom zu freuen. Das Nichtzustandekommen der jüdischen Kurie in der Bukowina ist auch so ein kleiner Pogrom — von den Juden selbst gemacht. Erfreulicherweise ist dieses spaniolische Blatt nur eine traurige Ausnahme in der Gesamtheit der spaniolisch jüdischen Presse — wie die Kurandas bald zu den Ausnahmen gehören werden, in den Reihen der jüdischen Notabcln. Das „zionistische Börsenhauptblatt“. Anläßlich der Debatte iibur das Budgetprovisorium im österreichischen Abgeordnetenhause rief der sozialdemokratische Abgeordnete Daszynski den bürgerlichen Parteien zu: „Sie haben dieses Haus zu einen Narrenhaus gemacht.“ Und zur Illustrierung dieser Behauptung führte er weiter aus: „Was haben die Christlichsozialen gegen die erbärmliche nationale Hetze gemacht, die das z i onististischc Börse nhauptblatt zur Hebung seines Einflusses Tag für Tag unter kanibalischem Geheul inszenierte? Sie haben sich dem Diktat der Zionisten gefügt, sie über das Rassenproblem. Es bringt uns eine neue, tiefe und unwiderlegliche Begründung des Zionismus, äußert sich aber gleichzeitig sehr vorsichtig, ja fast pessimistisch über die Aussichten der Idee. Eine neue Begründung des Zionismus: Zollschan zeigt, daß der Kulturwert der jüdischen Rasse ein so bedeutender ist, daß alles daran gesetzt werden müsse, diese zu erhalten. Er sieht die Möglichkeit für einen Weiterbestand der jüdischen Nation nur in deren Repatriierung und meint, daß es in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist, durch politische Ingerenznähme die von ihm behauptete Gefahr der Auflösung der jüdischen Rasse zu bekämpfen. Seine Beweisführung stützt sich auf eine umfassende wissenschaftliche Analyse aller in Betracht kommenden Faktoren. Er untersucht zuerst das Rasscnproblcm, weist die Unhaltbarkeit t’cr heute noch vielfach gebräuchlichen Rassencinteilungen nach rein äußeren anthropologischen Merkmalen nach, gibt der Theorie von der Ueberlegenheit der germanischen Rasse den Todesstoß und zeigt schließlich, daß die Juden ein und derselben Rasse, wie die südeuropäischen, vorderasiatischen und nordafrikanischen Völker angehören. Seine Darlegungen beruhen auf einer ungeheuren Kenntnis des einschlägigen Materials, das er in höchst geistvoller