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Jüdische Zeitung · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG,^ .. . . > . Nr.. 50 Die erste Unwahrheit darin ist die Behauptung, daß die Kultusgemeinde diese Publikation mache. Die zweite besteht darin, daß er die „Jüdische Zeitung“ eine orthodoxe nennt. In Wirklichkeit ist die „Jüdische Zeitung“ frei von jeder konfessionellen Richtung und befaßt sich nur mit den nationalen Bestrebungen der Juden. Die dritte und stärkste, unwahre Behauptung ist die, daß die Veröffentlichung eine Verletzung der Staatsgrundgesetze oder irgend eines Staatsgesetzes sei. Die Kultusgemeinde hat mit der Veröffentlichung gar nichts zu tun. Um dem offenbar mit sehr mangelhaften Gesetzeskenntnissen ausgerüsteten Herrn Wutschel etwas von Gesetzeskunde beizubringen, wollen wir ihm bekannt geben, daß die Austrittserklärungen in den Matriken verzeichnet werden, und dieselben öffentliche Bücher sind, in welche Jedermann Einsicht nehmen kann. Ebenso gut könnte man die Geburten, Todesfälle und Eheschließungen veröffentlichen, wie es ja manche Gemeinden tun. Wir veröffentlichen diese Listen gerade mit Bezug auf die Staatsgrundgesetze, welche Herr Wutschel anzieht, um die Juden zu denunzieren und welche uns das Recht der freien Meinungsäußerung garantieren. Wenn dem Freidenker Wutschel die Staatsgrundgesetze am Herzen liegen, und als angeblicher Sozialdemokrat und Freidenker hätte er ja die Pflicht, der Unterdrückung der Gewissens-Freiheit entgegenzutreten, so könnte er recht viele Interpellationen einbringen, über die Art und Weise, wie den jüdischen Staatsbürger die in den Staatsgrundgesetzen gewährleisteten Rechte vorenthalten werden. Zum Beispiel teilen wir dem Herrn Interpellanten mit, daß es jüdischen Staatsbürgern nur ganz selten gelingt, Staatsanstellungen zu erhalten und daß man es solchen Petenten ganz offen und ungeniert von Staatswegen nahelegt sich zur Erlangung einer solchen Stelle taufen zu lassen. Daß alle Augenblicke jüdische Kinder ihren Eltern gestohlen und in Klöster geschleppt werden, kann Herr Wutschel alle paar Wochen lesen. Außerdem existiert ein Ehegesetz, in welchem die Ehe zwischen Christen und Nichtchristen verboten wird trotz des Staatsgrundgesetzes, welches die Gleicheit vor dem Gesetze ausspricht, und so fort mit Grazie. Da wäre Platz zum Interpellieren, Herr Wutschell Warum ist Ihnen das nicht eingefallen, Herr Ehrenmann? Von Juden Geld schnorren zu Euren Wahlen, Arbeiterheimen usw., dazu sind sie Euch gut genug, aber wenn Eure Demokratie und Euer Freidenkertum praktisch den braunen, gütigen Augen sitzt ein richtiger Krakauer Schalk und den fröhlich geschürzten Lippen merkt mans an, daß sie die richtige, kurze Rede finden. Gleichwohl ist dieses Haupt schlicht, ja demütig bescheiden zur Brust geneigt, über der das wunderschöne, altjüdische Schultertuch aus türkischem Stoff zusammengefaltet ist. So ging Bube Machele, die Witfrau, durch Gassen und Gäßchen, lauschte auf den Pulsschlag des Lebens und Treibens und half in ihrer frischen, frohsinnigen Art nach, wenn er ihr nicht richtig erschien. Vor allem dürften die Frommen, die sie wie eine Heilige verehren, nicht erfahren, daß sie eine Frühstückstube eingerichtet hatte, die eigentlich recht sündhaft war. Traf sie nämlich des Morgens Jungens, die fröstelnd zum Beten gingen, dann fragte die Bube Machele: „Habt ihr schon gefrühstückt?“ „Nem“, lautete die entsetzte Antwort. „Vor dem Frühgebete darf man nicht essen!“ bei Juden angewendet werden soll, dann seid ihr nicht zu Hause. Na freilich, bei einer Partei, deren Befehlshaber selber ein getaufter Jude ist, braiicht’s Einem nicht Wunder zu nehmen. Natürlich beruht diese ganze Mache darauf, daß man beharrlich die Fiktion festhalten will, die Juden seien nur eine Religionsgenossenschaft und keine Nation; in diesem Bestreben vereinigen sich die Herren Antisemiten aller Couleurs und diejenigen Juden, welche ihr Judentum hinter einer fremden Nationalität oder politischen Partei verstecken wollen. Zwischen den Herren Assiinilanten, welche sich als Deutsche, Magyaren, Gzechen oder Polen gerieren, oder denjenigen, welche ihre Feigheit oder Charakterlosigkeit in der Sozialdemokratie verstecken wollen, ist qualitativ kein Unterschied. Ob Löwenstein oder Diamant, das ist punkto Charakter eine Sauce. Ebenso, ob Austerlitz, Danneberg oder Benedikt. Die Juden haben in den vierzig Jahren Verfassungsleben die Erfahrung gesammelt, daß sie von allen; Parteien nur mißbraucht wurden und sind deshalb zum vernünftigen Schlüsse gekommen, die Wahrung ihrer Rechte und Verteidigung ihrer Interessen selbst in die Hand zu nehmen. Der Ezistenzkampf, den das jüdische Volk seit zweitausend Jahren führt, ist ja nichts als ein heroisches Ringen um das Prinzip der Gewissensfreiheit. Ein Freidenker sollte hiefür einiges Verständnis haben, wenn er nicht ein hohler Phrasendrescher und Nachplapperer der Worte andererer ist. Die nationalen Juden sind in diesem Kampf ganz allein auf ihre eigene Kraft angewiesen und da muß es als ein Akt der primitivsten Notwehr bezeichnet werden, wenn sie ihren Gesinnungsgenossen die Namen jener bekannt geben, welche ihre Abstammung verleugnen; ihre Brüder in dem schweren Kampfe gegen mittelalterliches Vorurteil,; Pauschalverläumdung und Boykott in allen Richtungen, wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich, im Stiche lassen, ja noch teilweise in den Rücken fallen. Das nennt Herr Wutschel Proskriptionslisten. Jedes Kind weiß, daß wir Juden, die ihrem Volke treu bleiben die Proskribierten sind, und nicht einmal dieses Recht will man uns zugestehen, unsereVolksgenossen vor Deserteuren zu warnen. Wir bedauern ja nicht,daßschwacheCharaktere,Streber und Gesinnungslumpen unsere Reihen verlassen, aber wir wollen ihnen die Möglichkeit entziehen, unsere Genossen zu korrumpieren. Denn es verkehrt doch niemand mit getauften Juden als sie selbst oder unvorsichtige Juden. Nun gibt es unter den Ausgetretenen ganz verschiedene Gruppen, bei welchen Da lächelte die Bube verschmitzt, führte die Knaben — so daß es kein Zaddik sah — in ihr Haus, gab ihnen warme Milch und aus dem schön eingelegten, vielladigen Schrank eine Schnitte Butterkuchen und entließ sie mit den Worten: „So, jetzt werdet ihr beim Beten nicht ans Essen denken.“ Unter den zahlreichen Sorten von Leuten, die auf dieser Erde keine Sonne, ja nicht einmal das tägliche Brot haben, hatte sich Bube Machele eine ganz besondere Spezies zur Fürsorge ausgewählt: Die kleinen Gauner. „Mutter der Diebe“ hat man sie genannt. Ihr kluger Sinn hatte es nämlich bald weg, daß man kleinere Dinge dem Nebenmenschen nur dann stiehlt, wenn der Magen knurrt und daß nur der Hunger die Spitzbuben in dieser frommen Stadt vermehre. „Gebt ihnen zu essen, Balbattims,“ sagte sie den Goldschmieden und Pelzhändlern, „und sie werden euch nichts fortnehmen.“ Sie kannte jeden Marktgauner und jeden Ladendieb und bald wandte man sich nur mehr an Bube Machele, wenn irgendwo eine Gans oder ein Federkissen, Küchengeräte man teilweise die Motive milde beurteilt, aber der größte Teil derselben sind charakterlose Streber, Leute, welche allesdem jüdischen Geiste verdanken, welche ein Glaubensbekenntnis beschwören, welches ihrer Ueberzeugung widerspricht und somit einem Meineid durchs Leben ziehen. Sie sind das verächtlichste und korrupteste Element unsere Gesellschaft, welches unser privates und öffentliches Leben vergiftet und demoralisiert. Und diese ekelhafte Bewegung, diese Gesinnungslumperei findet einen Mithelfer, Verteidiger und Förderer in dem Obmann eines Freidenkervereines! . Man kann ein aufrichtiger Freidenker und Mitglied der Kultusgemeinde sein, denn dieselbe hat für alle Fortschrittlichen Elemente nicht die Bedeutung einer konfessionellen Vereinigung, sondern der einzigen legalen Vertretung des jüdischen Volkes. Der Interpellant kann sich bei seinem Kollegen Dr. Julius Ofner erkundigen. Mit der Religion haben dieAustritte nichts zu tun, aber mit der Ethik. Bei Herrn Wutschel darf man allerdings den Maßstab der Ethik nicht anlegen. Er ist eben ein oberflächlicher seichter Handlanger des Freidenkertums. Sein Verein ist eine Art Expositur der sozialdemokratischen Partei, aber nicht offen und anerkannt, sondern im Konkubinat mit derselben lebend. So eine Art Zuhältertuin. Aber der Mangel an Einsicht, Gesetzeskunde und Rechtsgefühi ist doch zu groß für einen Diätenempfänger des Parlamentes, als daß man darüber mit Stillschweigen hinweggehen könnte und man muß eine solche herostratische Tat an den Pranger stellen. Ein Freidenker. Die Freude des Sklaven.*) Von Nahum Sokolow.- Bei der Durchsicht jüdisch-spaniolischer Blätter fiel mir ein Aufsatz auf, der die Judenfrage in Oesterreich behandelt und der der Genugtuung des Verfassers Ausdruck gibt, daß der Plan, eine jüdische Kurie in der Bukowina zu bilden, nicht angenommen worden ist. Der Autor dieses Artikels ist auch ganz davon entzückt, daß das jetzige österreichische Ministerium der jüdischen Nationalität seine Anerkennung versagt hat. So freuten sich die Neger Südamerikas, namentlich die Reichen und Angesehenen unter ihnen, als die südamerikanischen Staaten die Gleichberechtigung der Neger nicht anerkennen wollten. Sie hatten Angst, ihre Stammesgenossen in großen Massen mit einmal gleichberechtigt, könnten ihnen, *) Aus dem Spaniolischen übersetzt. oder gar silberne Leuchter verschwunden waren. „Gib was her“, sagte sie kurz und bündig, „geh in einer Stunde nachhause und du findest schon wieder deine Sache an ihrem Platze.“ Dann suchte sie den Langfinger mit ausgezeichneter Fertigkeit heraus, als wäre sie selbst in die Spitzbubenschule gegangen, wies ihn gar streng an, das gestohlene Gut schleunigstzuriickzutragen,— da sieihn sonst dem Büttel übergebe - und ließ es an tüchtigen und kräftigen Schmähworten nicht fehlen. Bald war alles in Ordnung und die Kinder des Missetäters hatten überdies am Freitagabend ein Stück Fisch am Teller. So ward Bube Machele Richterin in der Judenstadt — wie einst Deborah, die weise Frau unter dem Feigenbäume — und führte strenges und doch gütiges Regiment. Glaubt ihr da, daß diese Frau sehr fleißig aus dem schöngebundenen Frauenbrevier betete, das jeder richtigen jüdischen Braut am Hochzeitstage geschenkt wird? Ich meine, sie hatte nicht recht Zeit dazu. Ich wage sogar zu behaupten, daß sie niemals am Grabe des Reb Moische Isserl

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