Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438269--1572-2441175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i JÜDISCHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *■***-**■*•**■*•»•***•*• Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 50. Wien, Freitag den 10. Dezember 1909. 111. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Chanukah-Gedanken. Ein Freidenker als Protektor des Renegatums. Die Freude des Sklaven. Von NahutnSokolow. Das „zionistische Börsenhauptblatt“. Meschumo-Demokraten. Gedicht von Beda. Von der Woche. Parteinachrichten. Aus dem jüdischen Leben. Westjuden. Novelle von Ben David. Chanukah. Gedicht von M. S c h e r 1 a g. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Frauenbildnis. Von Otto Abel es. Zollschans Buch über die Rassenfrage. Von Adolf Böhm. Chanukah-Gedanken. Alljährlich, um die Zeit, wenn die Tage am kürzesten werden, senkt sich in uns Traum und Sehnsucht. Wir fühlen stärker als je, daß wir im Golus s:nd, träumen mehr als zu anderen Zeiten von vergangener Pracht und sehnen mit tieferer Inbrunst die Zeiten der Freiheit herbei. Wir •gedenken der'Makkabäer. Und mit derErinnerungan diese vollendetsten Tatenmenschen unsererGeschichte werden wir uns des Zustandes, in welchem wir uns jetzt befinden, viel schmerzlicher bewußt als sonst. Es ist nicht konventionelle Stimmung, die über uns kommt. Immerwährend lebt in der jüdischen Volksseele der Drang nach Freiheit und Licht, die Sehnsucht nach einem harmonischen Dasein. Der Kampf der jüdischen Geschichte, die fortwährenden Leiden, die unaufhörlichen Verfolgungen, denen das jüdische Volk ausgesetzt ist, lassen ihm nicht genügend Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen, bieten ihm keinen Anlaß daran zu denken, daß es einst im mannhaften Kampfe um seine Selbstständigkeit gestritten. Kommt aber Chanukah, so ist’s wie ein Auf-sich-Besinnen, eine Innehalten und Aufatmen. Man fühlt die schweren drückenden Ketten doppelt so schwer, die Adern schwellen, das Herz bäumt sich auf und es ist als ob der glühende Hauch der Begeisterung aus den Makkabäerzeiten zu uns durch die Jahrtausende hergezogen käme. Und womit sich sonst vielleicht viele abgefunden, das preßt jetzt mit brutaler Macht: das Bewußtsein, daß wir unfrei sind. Dieses Wort „Unfrei“ hat dumpfen Klang. Denselben schauervollen Ton wie der Sammelname tausendjähriger Unfreiheit: Golus. Wissen wir aber alle, was Golus ist? Golus ist Zerrissenheit, Ohnmacht, Helotentum, Unfreiheit, poesieloses Schachertum, ein Sumpf von Tränen, von Leid, ein Meer von Schmerzen, eine endlose Kette von Kraftvergeudung, eine unaufhörliche Reihe von Geschlechtern, die um Licht und Luft, um Kindheit und Glauben, um Schönheit und um Liebe gebracht wurden. Golus ist kraftloses Sinnen, dumpfes Brüten, schreckhaftes Träumen, tatenloses Dahinschleichen durch die Geschichte. Golus ist die Gesamtsumme des jüdischen Lebens in der Fremde: der Hausierer mit Zündhölzern, der Trödler mit alten Hosen und der Agent neuer Ideen, der Journalist, der bei fremden Idealen in Sold steht, der jüdische Professor, der fremde Literaturen verschleißt und der große Finanzmann, welcher fremdes Gewerbe mit seinem Geiste befruchtete: alle zusammengenommen sind Träger des Golus, sind Sklaven. Die Makkabäerzeiten aber waren Freiheit, vollkommene nationale und individuelle Geschlossenheit. Und weil wir heute innerlich zerrissen sind, sinnen und träumen, zögern und zweifeln wir, darum ist unsere Sehnsucht nach jenen Zeiten der Freiheit, nach den Makkabäerzeiten so groß, darum ist das erste Gefühl, das durch die Erinnerung an die Makkabäer geweckt wird Sehnsucht und Unruhe. Beides aber, Sehnsucht und Unruhe, sind Voraussetzungen der Tat, sind Negationen des Golus, sind Verkünder kommender freier Zeiten, sind die ersten Anzeichen, daß wir die große Krankheit Judentum von heute“ überwinden wollen. Denn im tiefsten Grunde ist unsere Bewegung nichts anderes wie ein sturmgewaltiges Aufbäumen gegen das Golus. Ein zerklüftetes, zermürbtes Geschlecht von Epigonen räumt den Schutt des Golus weg ... Und war doch einst ein Volk von Helden! Darum senkt in uns die Zeit, wo die Tage am kürzesten werden, Traum und Sehnsucht. Darum flammt unser Auge auf, wenn man von den Makkabäern erzählt, darum erbebt unser Herz, wenn man von ihren Siegen berichtet. Denn unser Tiefstes und Verborgenstes löst sich los und dröhnt uns in die Ohren: Hinaus aus dem Golus, reinigen wir uns von dem Schmutz unseres Elends, reißen wir alles Unnatürliche und Fremde aus unserem Herzen uxd bauen wir uns ein eigenes, freies Leben, einen „neuen Altar aus unbehauenen Steinen“! - M. Ein Freidenker als Protektor des Renegatentums. Der Obmann des Wiener Freidenkervereines und sozialdemokratische Reichsratsabgeordnete W u t sc h e 1 hat im Reichsrate eine Interpellation, richtiger gesagt Denunziation, eingebracht, in welcher er den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien des Mißbrauches der Amtsgewalt beschuldigt, weil sie in drei „j ii d i s c h-o rt h odoxen“ Blättern Wiens die Liste der aus. i dem Judentum Ausgetretenen veröffentliche. will. Als ich nach der Urgroßmutter fragte, führte mich das Mädchen zu einer hölzernen, bunt geschnitzten Spieluhr, die von der „Bube“ ererbt war, zog ein Fädchen an und eine glockenhelle Melodie klang zu mir herüber. Da hörte ich Bube Macheles Herz schlagen und als ich am Heimweg wie von ungefähr durch die „hohe Gaß“ ging, - die acht Lichtlein, die in jedem Fenster blinkten, hatten die Welt ganz enge zusammengerückt und die alten Zeiten zuriiekgebracht — blickten mich plötzlich ihre lichten Augen an und ich sah ihr ganzes, getreues Bildnis. So, wie ich es damals sah, will ich es nun nachzeichnen und alle Krakauer Freunde, die sie anders sehen, wie ich, mögen nicht mit mir rechten. — — Ein freies, gesundes Antlitz, dem niemand die fünzig Jahre ansieht. Der braune Seidenscheitel sitzt höher, als bei anderen Frauen und läßt die resolute, faltenlose Stirn bis an die Schläfen frei. An Festtagen aber senkt sich über diese Stirne ein köstliches, mattschimmerndes Perlenband und der leuchtende, ovale Smaragd stößt beinahe an die starken, fast männlichen Brauen. In Chanukah. Wie ist die Sehnsucht tief in solchen Stunden! Es zieht ein Wölkchen wie ein graues Boot Durchs blaue Meer der Luft, die Ränder rot, Ein Wandrer, der noch keine Rast gefunden, Ein Seufzer, ehe er in Nacht entschwunden. Ein Windhauch stößt das Boot in dunkle Flut. Mich schauerts uyd so flüchte ich ins Zimmer. Wie tröstend grüßt mich der Menorahschimmer! Gib mir die Hand, mein Kind! Nun ist mir gut. Und Träume blühen auf in sanfter Glut. Den Träumen ist der Glanz der Sterne eigen, Und ist ein Blitzen drin von Schwert und Speer, Ein Schreiten wie von einem Helden heer, Das gegen Feindesmacht in Trutz und Schweigen Zu kämpfen zieht für Gott und Heim und Eigen. Ein Traum nur ist’s. Und neue Sehnsucht glüht. O wenn wir heute doch die Helden fänden, Die uns aus Nacht mit gottgeweihten Händen Zum Lichte führten, wo die Freiheit blüht 1 Strahl' Hoffnung mir, Menorah, ins Gemüt! M. Scherlag. Frauenbildnis. Ein Krakauer Bild von Otto A b e 1 e s. Euch, Ihr jüdischen Frauen, stelle ich dieses Bildnis in die Stube, damit es von den Menorahlichtern durchleuchtet sei und Euch erfreue. * * * Oft und oft hat man mir in Krakau von Bube Machele erzählt. Der steinalte Reb Isaak, der sie noch als Knabe kannte, pries mir ihre Frömmigkeit, der Althändler aus. dem Josefsgäßchen, bei dem ich zwischen großmütterlichem Geschmeide, erblindeten Kupferlampen und Sabbatleuchtern, die adelig wie verbannte Fürsten in dunklen Nischen standen, manche kostbare Stunde verbrachte, wußte nicht genug von ihrem klugen Sinn zu erzählen und die Fischhändlerin aus der langen Gaß’ sprach mit Kopfwiegen und Zungenschnalzen von ihrer unendlichen Güte. Doch immer bekam ich nur ein Zipfelchen ihres Wesens zu sehen. Am achten Chanukahabend aber weilte ich bei Bube Macheles Urenkelkind, von dem ich vielleicht ein andermal erzählen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.