Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Gayä:. Delegierter: Oskar Lieben, (Ung.-Hradisch). Ersatzmann: Leopold S o n n e n f e 1 d, (Ung.-Ostra). Mähr.-Ostrau: Delegierter: Dr. Max Beer, (Mähr.-Ostrau). Ersatzmann: Len Kriger, (Mähr.-Ostrau). Iglau: Delegierter: Heinr. Jork. Steiner, (Wien). Ersatzmann: Dr. Emil Margulies, (Prag). Ung.-Hradisch: Delegierter: Dr. Hermann Kadi sch, (Wien). Ersatzmann: Wilhelm Zweig, (Kojetein). . P r o ß n i t z, 01 m ü t z, Weißkirchen: Delegierter: Dr. Egon M. Zweig, (Wien). Ersatzmann: Ing. Wilhelm Z w e i g, Kojetein. Böhmen. I. Wahlkreis: Delegierter: Hugo S1 o n i t z, (Prag). Ersatzmann: Prof. Jakob Wertheimer, (Prag). II. Wahlkreis: Delegierter: Moritz Löwy, (Prag). Ersatzmann: Prof. Jakob Wertheimer, (Prag). III. Wahlkreis: Delegierter: Anton Glaser, (Prag). Ersatzmann: Ludwig Propper, (Prag). IZ. Wahlkreis: Delegierter:Prof.Viktor Freud, (Teplitz-Schönau). V. Wahlkreis; Delegierter: Prof. Dr. Alfred Engel, (Prag). Ersatzmann: Julius Löwy, (Prag). VI. Wahlkreis. Delegierter: Frau Elisabeth Perutz, (Tepl.-Schönau.) Ersatzmann: Berthold Perutz, (Teplitz-Schönau.) VII. Wahlkreis: Delegierter: Ludwig Steiner, (Teplitz-Schönau.) Ersatzmann: Julius Hahn, (Tepiitz-Schönau). VIII. Wahlkreis: Delegierter: Ernst Becher, Teplitz-Schönan). Ersatzmann: Julius Kohner, (Teplitz-Schönau). uIX. Wahl kre is: Delegierter: Dr. Hugo Rappaport, (Trautenau). Ersatzmann: Heinrich Pick, (Trautenau), X. Wahlkreis: Delegierter: Dr.Hermann Baneth, (Gablonz a.N). Ersatzmann: Dr. Hugo Löw, (Gablonz). XI. Wahlkreis: Delegierter: Dr. Emil Margulies, (Prag). Ersatzmann: Dr. S. W. Link, (Pilsen). Die Namen der im Distrikte Innerösterreich gewählten Delegierten haben wir bereits veröffentlicht. Im ganzen sind sind in Westösterreich 27 Delegierte gewählt. (Böhmen 11, Mähren-Schlesien 9, Innerösterreich 7.) * « » Mitteilung des zionistischen Zentralbureaus für Westösterreich. Samstag, den 25. Dezember findet in Hamburg eine Beratung der westösterreichischen Delegierten statt. Ort und Stunde werden rechtzeitig bekannt gegeben werden. Eine große jüdisch-nationale Versammlung. ak. Lemberg (Orig.-Korr.). Der Lemberger Gemeinderat lehnte in seiner Sitzung vom 18. v. M. über Antrag des Assimilanten des Gemeinderates Feldstein und noch einiger Antisemiten das Gesuch des jüdischen Rigorosantenvereines um eine Subvention für das neuerbaute jüdisch-akademische Studentenheim ab. Der Lemberger Gemeinderat benützte die Frage der Subvention als Anlaß zu einer großen Debatte über die jüdisch-nationale, oder, wie die Allpolen sagen, zionistisch-separatistische Bewegung, während welcher es zu Kundgebungen der zahlreich auf der Galerie versammelten Studentenschaft kam. Ueber diese Behandlung eines für das Wohl der armen jüdischen Studenten arbeitenden Instituts aufs tiefste empört, berief die jüdische Bürgerschaft Lembergs für den 27. v. M. in den großen Saal des Vereines „Jad-Charuzim“ eine Versammlung ein, um gegen den Beschluß des Gemeinderates zu protestieren und die Gründung eines allgemeinen Jüdischen Bürgerklubs“ zur Wahrung der Interessen der Lemberger Judenheit zu erwägen. Die Versammlung vom 27. v. M. war eine imposante Kundgebung für die national-jüdische Idee, ein wuchtiger Schlag gegen die Herren Dr. v. H o r o w i t z, Dr. Bertold M e r w i n und noch einige in der Versammlung anwesenden Assimilanten. Alle Parteien im Judentum waren vertreten, und ihre Redner, welcher das Wort in der Debatte ergriffen, erklärten sich mit der Gründung einer alle politischen Richtungen im Judentum umfassenden Bürgerpartei einverstanden. Die Versammlung wurde vom Vorsitzenden Dr. Landes mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er an der Hand statistischer Daten die Zurücksetzung der Juden in der Lemberger Gemeinde darlegte. Trotzdem die jüdische Bürgerschaft der galizischen Hauptstadt den größten Teil der Steuern leistet, sind bei der Gemeinde im ganzen zwei jüdische Tramwaykondukteure und eine jüdische Mundantin angestellt. Die Ausführungen des Redners riefen große Entrüstung gegen die jüdischen Gemeinderäte hervor, die keinen Finger rühren, um diesem Zustande abzuhelfen. Die Referate wurden von den Herren Dr. Josef Grünberg, der zum ersten Punkte der Tagesordnung: „Die Stellung des Lemberger Gemeinderates zu den jüdischen Institutionen“ und von Dr. Isaak Feld, der zum zweiten Punkte: „Die jüdischen Gemeinderäte und der letzte Beschluß des Gemeinderates“ sprach, erstattet. In der darauffolgenden Diskussion, die größtenteils in jüdischer Sprache geführt wurde, beteiligten sich namens der jüdischen sozialdemokratischen Partei (ZPS.) Dr. Nußbrecher, namens der Poale-Zionisten Salomon Herz und namens der jüdischen Sektion innerhalb der polnischen sozialistischen Partei (PPS.) Dr. Raphael Buber. AuchDr. BertoldMerwin, alias Menkes hatte den Mut, in einer jüdischen Volksversammlung das Wort zu ergreifen. Ein förmlicher Sturm erhob sich, als er die Tribüne betrat. Ueber Ermahnung des Gg. Dr. Michael Ringel und des Präsidiums ließ die Versammlung den Dr. Menkes sprechen. Aber bald entzog ihm der Vorsitzende das Wort und der Messias der Moschkos mußte sich rasch aus dem Saale flüchten. Nach ihm sprach Dr. Martin v.Hor o w i t z, Gemeinderat und Sohn des Samuel de Horowitz, welcher den Gemeinderat zu verteidigen suchte. Es sprach noch Gg. Dr. Gerson Zipper, worauf zehn Resolutionen; ■ gegen den Lemberger Gemeinderat, die jüdischen Gemeinderäte, insbesondere gegen den jüdischen Antisemiten Feldstein gefaßt wurden. Außerdem wurde ein Komitee, bestehend aus den Herren: Dr. Landes, Dr. Nußbrecher, Dr. Feld, Dr. Zipper, Natan Lifschütz, David Schönfeld undSalomon Herz eingesetzt, welches sich mit der Ausführung des Beschlusses zur Gründung eines „Jüdischen Bürgerklubf“, zur Wahrung der jüdischen Interessen innerhalb der Gemeinde Lembergs befassen soll. Daß er nur kein Jude sei . . .! Jetzt kann man’s ja gestehen: zwei Tage lang haben wir in entsetzlicher Angst gelebt. Jeder Jude, mit dem ich sprach, empfand dieselbe Angst und vermehrte durch bedeutsame Geberden meine Furcht. Im Kaffeehaus, auf der Straße, im Restaurant, überall kamen wir darauf zu sprechen und überall fand ich dasselbe beklemmende Gefühl. Es erdrückte mich schier, schnürte meine Kehle zusammen und malte meinem geistigen Auge soviele schreckliche Bilder, daß ich sogar in der Nacht aus dem Schlafe erwachte und krampfhaft darüber nachsann, ob es schon gewiß sei — gottlob, nun kann man’s ja sagen — daß der Giftmörder kein Jude Ist. Es handelt sich nämlich um den Giftmörder. Bevor man den Namen des angeblichen Verbrechers kannte, waren wir ruhig. Erst als der Name bekannt wurde, der Name Adolf Hofrichter, da ging bei uns Juden der Tanz los. Adolf Hofrichter! Der Name klingt jüdisch! Besonders der Vorname. Gott! Gott! Wenn dieser Adolf ein Jude ist! Den Gedanken wagte man nicht einmal zu Ende zu denken. Ob man wollte oder nicht, man erinnerte sich plötzlich an den Dreyfus-Prozeß, an die Ausbrüche des wilden Antisemitismus in Frankreich, an die vielen aufregenden Szenen während jener historischen Affäre. Der Ruf „Ä bas les juifs“ gellte wieder in den Ohren . . .! Und Oesterreich ist antisemitischer als Frankreich; dort gibt es nur wenige Drumonts und hier sind die Geßmanns, Schntluers und Verganis dicht gesät. Hier leben fünf Viertel Millionen Juden, Wien ist ein judenfeindlicher Hexenkessel; wir haben tausend und abertausend Feinde und gar keinen Freund. - Blindwütend würde man über uns herfallen und Kischinew wäre hundertfach übertrumpft. Könnte es also etwas entsetzlicheres geben als die Tatsache, daß Adolf Hofrichter jüdischem Stamme entsprungen ist? Wir können indes erleichtert aufatmen, er ist kein Jude. Der Fall ist für uns wohl noch immer interessant, wir empfinden mit den armen Opfern Mitleid, bringen diesem grauenhaften Vorfall Teilnahme entgegen, aber — zwischen der Giftmordaffäre und den Juden hat sich eine gewisse Distanz herausgebildet. Wir kümmern uns um die Angelegenheit in demselben Maße wie alle anderen Oesterreicher; wie die Tschechen, Polen und auch wie die Deutschen. Und darin eben liegt das Wunderbare: die anderen haben sich um die Sache überhaupt nie mehr gekümmert als jetzt. Nie spielte außer dem allgemein-menschlichen Interesse irgend welche beklemmende Furcht oder bange Hoffnung mit. Keinem Oesterreicher, außer den Juden, konnte es einfallen, sich darüber zu ängstigen oder zu fürchten, daß der Meuchelmörder seines Stammes sein könnte. Denn kein Volk könnte in seinen Grundfesten so tief erschüttert werden, wenn Adolf Hofrichter seines Stammes wäre, als wir Juden, wenn der Verbrecher zu uns gehören würde. Und darüber verlohnt es sich, ein Wörtlein zu reden. Warum stöhnen die Deutschen nicht auf? Hofrichter ist doch ein Deutscher! Kein Biatt hat es sogar für notwendig erachtet, diese Tatsache zu registrieren. Wenn Hofrichter wirklich verbrochen hat, so ist e r und nur e r allein ein Lump und zwischen ihm und seinen Volksgenossen ist jedes Band zerschnitten, nicht nur in. den Augen der Volksgenossen, sondern der gansen zeitungslesenden, telephonierenden, arbeitenden und ausbeutenden Welt. Wie anders aber würde dieselbe Welt fühlen und sprechen, wenn Hofrichter ein Jude wäre! Gleich hießen wir allesamt Räuber, Mörder, Giftmischer, geborene Verbrecher, inferiores Strebergesindel, hinterlistiges, meuchlerisches Pack! Auf Schritt und Tritt würde man uns alle diese Bezeichnungen ins Antlitz schleudern und wir — wir würden uns mitschuldig fühlen, würden insgeheim „im vertrauten Kreise“ kopfschüttelnd zugeben: „Ja, sie haben doch einigermaßen Recht!“ Und dagegen eben muß man sich wenden 1 Gegen diese Ghettoangst, gegen diese Sklavenfurcht, die einer infektiösen Pestilenz gleich die JudenhäuseF befällt, die Judenherzen quält und den judensinn vergiftet. Man hat uns nämlich so lange eingeredet, daß wir ein Lumpenpack sind, bis wir selbst daran zu glauben begannen. Diese ungerechtfertigte sinnlose, unbegründete Angst in uns müssen wir ausmerzen 1 Nebenbei; haben wir denn gar kein Recht Lumpen zu haben? Ich glaube sogar, daß wir uns nicht einmal zu schämen brauchten, wenn unter uns mehr Lumpen und schlechte Leute vorhanden wären als unter den anderen Völkern. Denn wir haben auch mehr gute und begabte, menschlichere und edlere Volksgenossen als die anderen Nationen. Das Unglück oder unser Schicksal will es aber, daß ein großer Jude nicht als Jude, sondern als Mensch betrachtet wird und ein jüdischer Verbrecher nur als Jude. Lombroso ist Gelehrter und nur Gelehrter gewesen, die Zeitungen vermerkten kaum, daß in seinen Adern Hebräerblut gerollt hat. Als jedoch Dreyfus als Verräter galt, da hieß es nie der „Offizier“, „der Mensch“, sondern nur der „Jude“ Dreyfus 1 Denken wir einmal nach! Ist dieser Zustand nicht entsetzlich? Hat irgendwelches Volk ähnliches Leid zu erdulden? Ist jemand auf Erden größerer und schmachvollerer Pein ausgesetzt als wir? Sind wir deswegen nicht bedauernswert! Und sind wir weiters nicht noch mehr zu beklagen, daß wir uns selbst mit diesem Zustande abgefunden, daß wir ihn als selbstverständlich betrachten? Ist es nicht tief betrübend, daß sich in uns nicht ein kräftiges Gefühl der Abwehr, ein entschiedener Wille, dieses grausame, sklavische Ideenjoch zu brechen, erhebt? Werden wir uns von diesem erdrückenden, beschämenden Gefühle des Selbstmißtrauens befreien können? Oder sind wir tatsächlich schon so tief gesunken, daß wir nianiakalisch das nachplappern und daran glauben, was uns die Feinde sagen? Werweiß sichere, unzweideutige Antwort zu geben?