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Jüdische Zeitung · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 diesem Noniadentum in Zusammenhang bringen können: die Abstraktheit ihres Denkens, ihre Rastlosigkeit, ihre Zielstrebigkeit und das schnelle Orientierungsvermögen in jeder neuen Situation. Ein Wandervoik mußte anderen Sinnes werden als die übrigen, es mußte vor allem jene ausgeprägte Eigenschaft erhalten, an den „Fortschritt zu glauben“, die dem bodenständigen, der ruhigen Gegenwart lebenden Menschen im Innersten seiner Seele fremd ist. Wo das „Zelt“ des Herdenbesitzers zur Erklärung nicht ausreicht, wird man in manchen Fällen mit dem Ghetto zum Ziele kommen. Freilich, die große Frage, die ja eine allgemeine ist, ob Volkswesen aus dem Blute oder aus der Tradition entspringt, wird man auf diesem Wege schwerlich lösen können. * * * Mesopotamien. Angesichts der Pläne der „Ito“ und der „Ica“ betreffend die Kolonisation Mesopotamien, durch Juden, ist folgender Bericht, der uns vorliegt, von großem Interesse: Sir W i 11 i a m W i 1 k o c k s, der als Wasserbaufachmann im Aufträge der türkischen Regierung Mesopotamien bereiste, hielt jüngst in der Londoner geographischen Gesellschaft einen Vortrag über Mesopotamiens Zukunft. Sir William sagte, daß er die alten Kanäle untersuchte, um sie eventuell wieder in Stand zu setzen. Er hätte ein Projekt ausgearbeitet, um die überschüssigen Wassermassen des Euphrat in die Niederungen des alten Pison zu leiten. Hiefür würden 350000 Pfd. St. genügen. Die Arbeit würde 3 Jahre in Anspruch nehmen. Das kulturfähige Land längs des Euphrats würde dadurch verdoppelt, die Weizenernte verdreifacht werden. Die türkische Regierung hat den Plan gebilligt. Ferner ist der Plan für den Bau eines großen Kanals im Stromdelta in Erwägung, welcher 3000000 acres besten Landes bewässern würde. Sir Wiliam sprach ferner von der Regulierung des Euphrat und des Tigris und der Bewässerung der fruchtbaren Landstriche nördlich von Bagdad und einem Kanal, der vom Akkar-Kuf-See zum Tigris zu führen wäre, der nicht weniger als 6 Millionen acres bewässern würde. Sir William bezeichnete auch eine Bahn vom Mittelmeer (Sidon oder Pyrus) nach Bagdad für nötig. (Die Engländer wollen um jeden Preis die deutsche Bagdadbahn konkurrenzieren Anm. d. R.) Diese Bahn würde 2 Millionen Pfund kosten. Mr. Zangwill hielt in der Diskussion Sir William vor, daß es an der Bevölkerung mangle, welche nach Durchführung der Bewässerungsanlagen, das Land bebaue und diese erst rentabel mache. Sir William denke an Einführung von Kulis, doch glaubt Zangwill nicht, daß die türkische Regierung damit einverstanden sein könne. Es gäbe nur eine Möglichkeit, nämlich Juden anzusiedeln. Dazu biete er aber seine Hand nicht, bevor nicht die türkische Regierung ein bestimmtes Stück Land anweisen würde. * * * Die „Union“ auf Reisen. Wie wir einem ausführlichen Berichte unseres reichsdeutschen Bruderblattes „Jüdische Rundschau“ entnehmen, hielt jüngst der Sekretär der österreichischen, israelitischen Union Herr Siegfried Fleischer einen Vortrag im Berliner assimilatorischen Zentralverein, in welchem er nachdrücklichst für die Notwendigkeit eines eigenen jüdisch-nationalen Wahlkatasters in der Bukowina eintrat. Wir heben die markanten Stellen des Vortrages heraus. „Aehnlich verzwickt ist die Lage der Juden in Mähren. Auch hier bilden die Juden den Zankapfel zwischen den Deutschen und den Czechen. In Mähren wohnen die Nationalitäten ineinander und durcheinander. Bis vor kurzem war es dem Juden möglich, sich den jeweiligen lokalen Verhältnissen anzupassen und sich bald als Czeche, bald als Deutscher zu dokumentieren. Bei Wahlen verhielt er sich passiv, um es sich mit niemanden zu verscherzen. Jetzt ist aber ein neues Landtagswahlrecht iu Mähren eingeführt worden, ein Ka- .; tasterwahlrecht. Und da für die Juden kein eigener nationaler Kataster errichtet worden ist, werden sie jetzt gezwungen, sich unter allen Umständen zu erkennen zu geben. Dadurch sind die Juden in dieselbe Zwangslage gebracht worden, wie in Böhmen: die Deutschen gehen nunmehr (nach dem neuen Wahlrecht) geschlossen vor — und die Czechen gehen ebenfalls geschlossen vor — nur die Juden stehen in der Mitte und bilden den Puffer. Man hat beantragt, eine jüdisch-nationale Wahlkurie zu schaffen, um diesem Mißstand abzuhelfen. Diese ist von der Regierung abgelehnt worden mit der Bemerkung: die Juden wären keine Nation, sondern nur eine Religionsgemeinschaft. Denselben Bescheid erhielten jüngst die Juden der Bukowina, die sich in ähnlicher Zwangslage befinden. Hier in der Bukowina ist das Vorgehen der Regierung noch unerhörter, weil die bukowinischenjuden tatsächlich in geschlossenen Massen Zusammenleben u n d sic h v o 11 ko m m e n n a t i o na 1 dokumentieren-“ Wir sind nicht wenig verblüfft über diese Ausführungen. Der Herr Unionssekretär hat die ahnungslosen reichsdeutschen Juden schön düpiert! Wenn man an die Audienz der beiden Unionsvorstände beim Minister denkt und an ihren forschen Protest gegen die Bewilligung des jüdischen Katasters, wird man sich das richtige Bild von einer Organisation machen, die ihren Sekretär auf Agitationsreisen für eine Sache schickt, deren Zustandekommen sie verhindert hat. Budapester Brief. (Im Schubhause. — Ein Rassenkongreß. — Eine „Kuppelaffäre“.) (Von unserem Korrespondenten.) Seitdem in Ungarn das berüchtigte Einwanderungsgesetz geschaffen wurde, ist es nur zu klar geworden, daß dieses hauptsächlich gegen die ausländischen und zwar insbesondere gegen die galizischen Juden gerichtet ist. Der Fall des Bärtfaer Polizeihauptmanns, welcher allgemein großen Staub aufwirbelte, hat das ganze, gegen die an der Grenze wohnenden gatizischen Juden angewandte System, wonach diese armen Opfer'durch unbegründete Ausweisung um ihre Existenz gebracht werden, bloßgestellt. Das Verfahren — der Polizeihauptmann hat gegen den ihn angreifenden Redakteur der „Allg. jüd. Rundschau“ die Klage angestrengt — ist noch im Zuge und schon wird von einem anderen Falle gemeldet, welcher geeignet ist, uns die Ueberzeugung beizubringen, daß seitens der ungarischen Behörden eine Hetzjagd gegen die hierorts ansäßigen galizischen Juden eingeleitet worden ist. Ein schon seit Jahren in Ungarn ansäßiger Diamantenmakler R. -- galizischer Herkunft — wurde vorige Woche durch zwei Detektivs aus dem Schlafe geweckt und zum Polizeiinspektor geschleppt. Hier wurde er. beschuldigt, sich unter falschem Namen gemeldet zu haben. „Uebrigens, wo haben Sie ihren Reisepaß?“ fragte der Polizeiinspektor. Der Betreffende machte große Augen und sagte, daß er sich nicht im Auslande befinde, und infolgedessen keinen Paß nötig habe. „Sie werden doch zugeben“, fügte er hinzu, „daß Galizien eine österreichische Provinz ist“ Der Inspektor schrie darauf vor Zorn: „Aber das gilt nicht für galizische Juden!“ R. wurde ohne lange Prozeduren ins Schubhaus überstellt. Inzwischen erhob sein Anwalt gegen das Urteil Beschwerde, demzufolge wurden die Amsterdamer und Pariser Häuser, welche R. hier vertritt, um telegraphische Auskunft gebeten, die Geschäftsbücher durchgesucht und all seine Kunden, lauter vornehme Juweliers, zur Polizei vorgeladen, um Zeugenschaft abzulegen. Endlich wurde er, nachdem er bereits fünf Tage im Schubhause verbracht hatte, freigelassen. Zum Schlüsse stellte es sich heraus, daß die Falschmeldung pure Erfindung der Defektives war, da R’s Meldezettel wahrheitsgemäß ausgefüllt wurde. Der Fall bedarf keines Kommentars. * * * Bekanntlich wird im nächsten Jahr in London ein Rassenkongreß abgehalten. Aus Ungarn werden — als Vertreter der magyarischen Rasse — drei Delegierte am Kongreß teilnehmen, unter ihnen zwei Juden: ein Realschuldirektor und Felix S o m 1 ö, Professor an der Kolozsvärer Universität, getaufter und zur Zeit konfessionsloser Jude, Schwiegersohn des Direktors der Budapester jüdischen Lehrerpräparandie. Das sind die Repräsentanten des magyarischen Stammes, die Kernmagyaren! * * * Es schien eine zeitlang, daß der im Frühjahr begründete Ung.-Isr.-Landes-Kultusverein - trotz seines ominösen Namens - imstande sein wird, den Judäomagyaren jüdisches Selbstbewußtsein einzuflößen und ihr Interesse für die jüdische Kultur zu erwecken. Der Verein, welcher ein dreissigmitgliederiges Präsidium — gespickt mit Baronen — ein fünzigmitgliedriges Direktorium und einen zweihundertfünfzigmitgliedrigen Ausschuß über sich hat und all’ dies bei 2100 Mitgliedern, deren größter Teil bei den Haaren herbeigezogen werden mußte, hat dieser Tage drei Vorlesungskurse inauguriert. Am ersten Tag sprach eine Dame aus der City über Wohltätigkeit und nach ihr ein Rabbiner über jüdische Ethik. Die Vorlesung war überaus zahlreich besucht, was insbesondere dem Umstande zuzuschreiben ist, daß die ziemlich verbreitete Verwandtschaft des ganzen Präsidiums erschienen war. Bei der zweiten und dritten Vorlesung ist die Besucherzahl immer mehr und mehr zusammengeschrupft, so daß die Vortragenden bald vor leeren Bänken werden sprechen können. Dieses traurige Ergebnis ist umso auffallender, da anläßlich der Gründung des Vereines mit Posaunen verkündet wurde, daß das Heil der ungarischen Judenschaft einzigallein in demselben zu suchen sei. Und nun was ist aus den hohlen Phrasen übrig geblieben? Der Titel einiger Präsidenten sein wollender Herren und das Honorar des Sekretärs und Anwaltes. Das Los eines waschechten Assimilantenvereines, welches dasselbe verdient, da es sogar — trotz des Versprechens des Präsidenten — die von den Zionisten verlangte Gründung einer Jugendkommission bis jetzt verschleppt hat. Die Jugend soll scheinbar von der jüdischen Kultur unberührt bleiben. Uebrigens, wenn es sich um „israelitisch-konfessionelle Kultur auf patriotische Basis“ — wie es in der Ansprache des Präsidenten hies — handelt, wird kein Hahn nach derselben krähen. Die Orthodoxen sind vom Vereine völlig ferngebliebcn, nicht nur da die Kulturfeindlichkeit in ihren führenden Kreisen immer mehr und mehr um sich greift, sondern weil ein völlig verschiedenes Gebiet all ihre Kräfte in Anspruch nimmt. Es ist die Kuppel-Affär. Eine große orthodoxe Gemeinde, Miskolc, hatte einen Rabbiner, dessen Frömmigkeit jedoch nicht den Ansprüchen sämtlicher Gläubigen entsprach. Es wurde demnach neben ihn ein anderer Raw berufen, der sich bereit erklärte, die Stellung anzunehmen, nur hätte er ein Bedenken. In der Miskolcer Synagoge wurden nämlich bisher auch Trauungen vorgenommen, was nach orthodoxer Anschauung dem Ritus widerspricht. Diesem Uebel müsse daher abgeholfen werden, da nur unter freiem Himmel der Traubaldachin aufgestellt werden darf. Der Einwand wurde einer eingehenden Beratung unterzogen und endlich zur allgemeinen Zufriedenheit beseitigt, u. zw. wird von nun an in der Miskolcer Synagoge während der Trauungen ein kleines Fenster an der Kuppel geöffnet, wodurch die Funktion „unter freiem Himmel“ vorgenommen werden kann. Diese Spitzfindigkeit hat aber den ersten Rabbiner keiiiermassen befriedigt und zwischen den beiden Chachamim ist ein Kampf entbrannt, an dem die ganze vaterländische Orthodoxie teilnimmt. Pro und kontra Kuppelfenster! Dies ist die Affär, welche die Konservationen von einer ernsten, aufrichtigen Juden ziemenden Tätigkeit fernhält. B — 6. Das russische Zentralkomitee und die zionistischen Fragen. (Fortsetzung und Schluß.) 5. Agrar-Kredit. Die Gründung der Agrarbanken tritt als Lebensbedürfnis nicht nur für Palästina, sondern für die ganze Türkei und als eine der ersten Bedingungen für die Möglichkeit der ökonomischen Entwickelung des Landes auf, und daher ist als zweifellos zu betrachten, daß in nächster Zeit die darauf bezüglichen Gesetzesbestimmungen im türkischen Parlament durchgeführt werden dürften.

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