Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr; 49 Kriegsgeschrei: „Es lebe die rote, revolutionäre, internationale Sozialdemokratie“ ist verglichen mit der tatsächlichen Haltung der ^Oberlehrer“ reiner Holler. Revolution bedeutet nicht nur im allgemeinen Sprachgebrauch, sondern speziell im Volksmunde etwas Gewalttätiges, die Anwendung roher Gewalt, Gebrauch von Waffen, Gefährdung von Eigentum und Menschenleben zur Erreichung politischer oder sozialer Ziele. Gerade deshalb übt das Wort einen solchen Zauber auf die Arbeiterschaft aus, und eben wegen der nie versagenden Wirkung schleudern sozialdemokratische „Lehrer“ dieses Wort hinaus in die Zuhörer, um einen sicheren oratorischen Erfolg zu erzielen. Was soll man nun dazu sagen, wenn so anmerkungsweise gesagt und geschrieben wird, daß dem Sozialdemokraten Revolution nur „Revolution der Geister“ bedeutet und nur „Evolution“ gemeint ist, also simple, harmlose Entwicklung? Wozu also der „Lärm und das Geschrei“? Warum lassen sie dann nicht die rote, e v o lutionäre Sozialdemokratie leben, die dadurch allerdings etwas rosa würde. Mit dem Republikanismus wäre es ja heute schon etwas ungefährlicher, wenn nicht der verflixte Eid wäre, den man alle Zeit lang auf die Monarchie schwören muß, anläßlich der Assentierung, bei Antritt eines öffentlichen Amtes, beim Zusammentritt eines neuen Reichsrates etc. Es kann Vorkommen, daß so ein Republikaner gleich drei monarchische Eide hinter sich hat. Die „Oberlehrer“ hätten einen leichten Ausweg aus dieser verlogenen Situation, wenn sie die Partei eine Resolution beschließen ließen, etwa des Inhalts: „Die österreichische sozialdemokratische Partei entscheidet sich als solche für keine bestimmte Staatsform des bürgerlichen Staates (konstitutionelle Monarchie oder Republik); sie überläßt es ihren Angehörigen in dieser Frage nach ihrer Ueberzeugung oder nach der Zwangslage, in der sie sich befinden, eine Entscheidung za treffen.“ Da könnten ja junge Republikaner und andere eisgraue Verrinas ihre republikanische Lust büßen und andere hätten nicht unter Gewissensskrupeln zu leiden. Sonderbar steht es auch mit dem Internationalismus. Bei der Zusammenkunft des Zaren mit dem König von Italien in Racconigi hatte man Proteste seitens der internationalen italienischen Sozialdemokratie erwartet. Es blieb aber mäuschenstille. Der italienische Sozialdemokrat wünscht eben ebenso wie der italienische Bourgeois Trient, Görz, Triest und Istrien seinem Vaterlande einzuverleiben und die russisch-italienische Allianz eröffnet Perspektiven darauf. Der deutsche S Jaldemokrat wird hoffentlich diese Gebiete als deutsches Staatsland betrachten. Oder werfen wir unsere Blicke auf den Elsaß. Die französischen Sozialdemokraten wünschen wie alle Franzosen dieses Gebiet wiederzugewinnen, das die deutschen Sozialdemokraten wohl nicht werden aufgeben wollen. Die Internationalität der Sozialdemokratie kann also heute noch gar keine politische, sie kann nur eine wirtschaftliche sein wie bezüglich internat. Gewerkschaftsverbände, Internat Unterstützung von Streiks etc. Faßt man das Angedeutete zusammen, so ist nach der heutigen tatsächlichen Lage die Sozialdemokratie eine rosa, e v o lutionäre, wirtschaftlich internationale Partei der Demonstrationen. All der Widerspruch zwischen Revolutionarismus und Opportunismus hat seinen tiefen Grund im Parlamentarismus. Dieser und Revolutionarismus schliessen sich aus. Unbedingt will man ins Parlament gehn. Dadurch erkennt man den realen Staat mit dem Monarchen tatsächlich an, der formale Eid ist obsolet geworden, wie Pemerstorfer sagte. Man ist tatsächlich auch Monarchist ohne Eid. Revolutionäre Phrasen braucht man aber noch wegen gewisser Wählergruppen, die das hören wollen. Tatsächlich ist die Sozialdemokratie eigentlich schon heute nicht mehr die alte, sondern sie ist eine radikale Sozialreformpartei geworden. Radikal ist sie zu nennen, weil sie sich nur von dem wirtschaftlichen Interessenstandpunkt der Arbeiterschaft leiten lassen darf, und dieser ist ein radikaler, der die Axt an die Wurzeln der heutigen Gesellschaft legt Denn wenn man die berechtigren Forderungen des Menschen nach der Verwirklichung des Rechts a.ii f Existenz in einem menschenwürdigen Dasein Aller zur Wahrheit werden sollen, so müssen die Personaleinkommensteuererträgnisse so hoch werden, daß der Privatkapitalist tatsächlich nicht mehr Eigentümer, sondern nur mehr Verwalter eines ihm nur anvertrauten Staatsvermögenspartikels mit nur geringem Nutznießungsrechte wird. Nach dieser Richtung dürfte wohl die Entwicklung der angeblichen Gesellschaft vor sich gehen. Will sich die Sozialdemokratie als Partei vor dem ihr drohenden Verfalle retten, muß sie alles revolutionäreGcflunker aufgeben und die sozialdemokratischen „Lehrer“ aber müssen ihr Privatleben mit den hohen moralischen Anforderungen der erhabenen Idee, der sie dienen, im Einklänge halten, damit nicht die klassenbewußten Proletarier die kassenbewußten „Lehrer“ wegjagen müssen. Die Idee läßt sich freilich auch durch die schlimmsten Geschäftspolitiker nicht umbringen. Von der Woche. Seelenfängerei. . Vor mehreren Monaten berichteten wir von den Taufversuch, begangen an dem jüdischen Mädchen Süssel Bleich. Gegen ihren Entführer wurde auf Betreiben der Tarnopoler zionistischen Organisation von der dortigen Staatsanwaltschaft die Anklage erhoben, die jedoch nicht, wie es sich gebührt hätte, zur Verurteilung des Seelenfängers, eines gewissen Karpinski, führte. Gegen die Klostervorsteherin wagte man nicht vorzugehen. „Die hochwürdigen Nonnen sind unschuldig“, schrieb die gesamte polnische Presse. „Sie haben ein Werk der Barmherzigkeit verübt, in dem sie ein nach der Erlösung aus der Enge des Vaterhauses lechzendes Mädchen aufnahmen.“ Inzwischen ist jedoch den Tarnopoler Zionisten ein Dokument in die Hände gefallen, das unzweideutig nachweist, welch verwerflieser und abscheulicher Mittel sich die Nonnen bedient haben, um die Süssel Bleich dem Schosse der alleinigseligmachenden Kirche zuzuführen. -In einem Artikel des Bruderorganes „Slowo zydovskie“, Tarnopol, lesen wir darüber folgende, zum Teile von der Preßzensur konfiszierte Ausführungen: „.... Inzwischen fiel uns folgendes Dokument*) in die Hände: „Gelobt sei Jesus Christus. Ach meine geliebte Zosia (Süssel), Du hast keinen Begriff, wie wir uns um Dich grämen und daß man uns so betrogen hat, wir haben beständig gebetet und der Herr Jesu ist so gnädig, daß Du gefunden wurdest. Komme so rasch als möglich und wir werden Dich gleich taufen. Broncia ist bereits getauft. Schwester Aloiza (Elise) den 12. 10. 1909. Karpinski hat geschrieben, er sucht Dich, aber ich schreibe ihm sofort!“ Dieser Brief wurde von der Schwester Elise an Süssel Bleich durch die Vermittlung eines im Dienste befindlichen Gendarmen überschickt, welcher in Angelegenheit dienstlicher Recherchen erschienen war. Die Schwester Elsa mißbrauchte also den Gendarmen zu einer direkt strafsündigen Handlung und der naive Gendarm ließ sich dazu bewegen, der Bleich diesen Brief einzuhändigen. So also sieht die passive Rolle der Herz Jesu- Schwestern, so sieht die Hochwürdigkeit der Schwester Elise aus! Bank für Industrie und Handel. Jüngst wurde wieder eine Reihe von jüdischen Kapitalisten angegangen, an diesem Bankunternehmen, das zur Rettung des „deutschen Vaterlandes“ berufen sein soll, recht eifrig teilzunehmen. Sonntags erschien nun einzig und allein jm „Deutschen Volksblatte“ eine Ausschreibung für Beamtenstellen bei diesem Institute. Bedingung: Arische Abstammung. Viel Charakter zeigen also diese Herren nicht. Ob aber die zur Teilnahme an der Industriebank höflich eingeladenen jüdischen Kapitalisten mehr Charakter haben, wird die Zukunft lehren .. . *) Wir geben es wortwörtlich mit allen stilistischen Fehlern wieder. „Wie jüdisches Wesen entstand.“; Vortrag Professor Sombarts. Werner Sombart beendete' Sonntag in Berlin seinen Vortragszyklus „Judaismus und Kapitalismus“' mit einer Reihe von Betrachtungen, die im wesent-; liehen, der Art des Themas entsprechend, mehr den Charakter einer Problemstellung als den der-Auf-; zeigung positiver wissenschaftlicher Ergebnisse haben mußten. Gerade auf dem vorliegenden Gebiete, so etwa führte er aus, kann von einer Sicherheit der -For-! schung keine Rede sein. Das gilt auch für die am weitesten verbreitete und am festesten eingewurzelte Theorie, die Rassentheorie. Es klingt plausibel und ist so bequem zu sagen; ihr Wesen liegt ihnen im Blute. Man weist, um diese Anschauung zu unterstützen, auf die in der Tat vorhandene physiognomische und geistige Konstanz der Juden hin und auf ihre Aehnlichkeit mit einem Volke, wie es etwa die Armenier sind, die mit ihnen das gleiche Rassenfundament haben. Aber diese mit solcher Selbstverständlichkeit immer wieder betonten Gründe sind trotz alledem nicht stichhältig. Die Wissenschaft kann auch heute noch nicht das geringste über den Zusammenhang zwischen Rasse und geistiger Struktur sagen, so wunderbar das klingen mag. Wer will ferner entscheiden, ob das Alter geistiger Züge eines Volkes auf Rasse oder nicht vielmehr auf Tradition zurückzuführen ist. Und die Tradition war bei den Juden infolge ihrer Abgeschlossenheit und ihrer starken Familienverbände immer ganz besonders stark. Selbst der Hinweis auf die Armenier, die trotz verschiedener Geschichte dieselben Merkmale wie die Juden zeigen, ist sehr angreifbar. Denn gerade im Hauptpunkte, in der Fremdheit unter den Völkern, ist bei beiden Stämmen historisch eine große Aehnlichkeit vorhanden. Wie steht es nun mit der zweiten landläufigen Erklärungsart, die sich die historische nennt? Das Schema lautet etwa folgendermaßen: die Juden waren einst Ackerbürger und seßhaft. Dann kam die Zerstreuung in alle Welt, die Unterbindung aller Beschäftigungen bis auf den Handel. So blieb es bis zu den Kreuzzügen. Und nun trieb man sie auch aus dem Warenhandel hinaus, so daß ihnen am Ende nur das reine Geldwesen blieb. Es ist indessen leicht festzustellen, daß auch diese Zurechtlegung der Dinge auf Abwege führt. Die Abneigung der Juden gegen den eigentlichen Außenhandel bestand schon in palästinensischer Zeit; den besorgten damals die Phönizier. Daß die Juden schon im frühesten Altertum Verwalter fremden Vermögens waren, ist ebenfalls sicher. Josef in Aegypten bildet hier keineswegs das einzige Beispiel. Auch ihre Abneigung gegen Agrikultur bestand schon in vorchristlicher Zeit. . Derartiges kann sich also nicht erst nach jenem historischen Schema gebildet haben. Es gilt tiefer zu schürfen und da mag man denn mit allem Vorbehalt, gewissermaßen mit dem Fragezeichen in der Hand, etwa dies sagen können: Die ganze Menschheit zerfällt von Anbeginn in einen ackerbautreibenden, seßhaften, „konkret“ gerichteten Teil und in einen viehzuchttreibenden, nomadisierenden Teil mit „abstrakter“ Tendenz. Jene bodenständigen auf der „dampfenden Scholle“ Angesessenen werden vom Banne des Hergebrachten umsponnen, die konkrete Anschauung wird mächtig in ihnen, ihre intellektuellen Fähigkeiten, denen der Ansporn fehlt, treten zurück vor den gemütlichen. Die Welt des Nomaden, des Herdenzüchters dagegen ist die immer gleiche Steppe, die er sich jeden Tag neu erobern muß. Für ihn gibt es kein ruhiges Sicheinleben in immer fester gegründete Vorstellungen, die Richtung auf das Abstrakte und Rationale ist ihm unverrückbar gegeben. Alles, was das Nomadentum charakterisiert, charakterisiert den Kapitalismus. Auch ihm sind eigen das ständige Ausdehnungsbestreben, das Rationalistische, die Wichtigkeit der „Zahl“ schlechthin. Denn das Zählen im weiteren und geldmäßigen Sinne ist ja sicher zum erstenmal vom Herdenzüchter ausgeübt worden. Er wurde so durch seinen Beruf auf die spezifische Geistigkeit der Funktionen hingeleitet, wie der Ackerbürger auf die manuelle Tätigkeit. Die Juden sind als Nomaden in die Geschichte getreten und es durch die Jahrhunderte geblieben. Jedesmal wenn sie Wurzel fassen wollten, wurden sie von neuem aus ihrem Boden herausgerissen. So mag man eine Reihe ihrer Eigenschaften mit