Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JLEDI5CHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *•**-*******■**•»*•*• Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *■***■**•*'*****'•*•*•* Nr. 49. Wien, Freitag den 3. Dezember 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Unsere Landsmannschaft am Kongreß. Schein und Wirklichkeit in der sogenannten deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs. Von der Woche. Daß er nur kein Jude sei ...! Das Grab des Oschir. Gedicht von Beda. Budapester Brief. Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. Parteinachrichten. Aus dem jüdischen Leben. ■ Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. I. Wr. Jüdischer Turnverein Wien IX., Liechtensteinstr. 20. Schauturnen mit ansehliessendem Tanzkränzchen Samstag, den il.1>ezember, 9 Uhr abends in den Sophiensälen EINTRITT K 2 — Karten sind erhältlich: Am Turnplatz von 7—9 Uhr abends, bei den Vereinsmitgliedern und im Cafe Mokka, I., Schottenring 12, Cafe Marienbriicke, I., Rotenturmstraße 31, Cafe Pollak, II., Gr. Stadtgutgasse 27 und an der Abendkassa. — Telephonische Bestellungen werden von Herrn Hugo Spitzer unter Nr. 9790 entgegengenommen. Unsere Landsmannschaft am Kongreß. Nur wenige Wochen trennen, uns von den Hamburger Beratungen. Die so fruchtbare Diskussion über die Hauptfragen des Kongreßes sind ziemlich abgeschlossen. Erfahrungsgemäß wird diese letzte Spanne Zeit zwischen den beendeten Delegiertenwahlen und den Kongreßtagen nicht mehr von der Kontroverse über die einzelnen Punkte der Tagesordnung erfüllt, sondern von einer andern nicht minder wichtigen Frage beherrscht: Wie die einzelnen Landesorganisationen als geschlossenes Ganzes am Kongresse aufzutreten haben und wie sie dort am geeignetesten ihren Verpflichtungen als Landsmannschaften nachkommen. Für uns in Oesterreich kommt diese Frage doppelt in Betracht Kein Landesparteitag kann uns zusammenführen, seitdem sich die Organisation in eine ost- und westösterreichische und überdies in die kräftige, aber völlig in der Luft hängende bukowinensischeGruppe gliedert. NurderKongreß sieht die gesamte -Landsmannschaft gesammelt, nur hier ist die Möglichkeit zur gründlichen Aussprache und gemeinsamen Ueberlegung geboten. Wir zweifeln nicht, daß sich aus den Beratungen der österreichischen Landsmannschaft die zwingende Notwendigkeit ergeben wird, die Einheit der Organisation in unserem Lande herzustellen. Nicht minder wichtig erscheint es uns, daß die mit dem Vertrauen ihrer Wähler ausgestatteten, also wohl legitimierten Kongreßdelegierten Oesterreichs mit den am Kongresse weilenden Mitgliedern des jüdischen Klubs in engste Fühlung treten. Aus den Berichten unserer zionistischen Reichsratsabgeordneten und aus den vorgebrachten Wünschen und Anregungen wird sich ein Bild unserer allgemeinen politischen Lage ermitteln und die Richtschnur für die künftige parlamentarische Tätigkeit finden lassen. Am Allerwichtigsten erscheint es uns aber, daß der Kongreß über unsere interne Arbeit, über unseren Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität aufgeklärt werde. Es ist im Interesse der zionistischen Entwicklung gelegen, daß die eminente Wichtigkeit dieses Kampfes für die Gesamtpartei von unserem Weltkongresse erkannt wird, wenn er auch als solcher gewiß keine Landespolitik zu treiben berufen ist. Diese spezifisch österreichische Form; der zionistischen Gegenwartsarbeit soll ja für die anderen Länder vorbildlich sein und dem in manchen Ländern biszur Öden Schekelsammeltätigkeit verflachten Zionismus neues Blut zuführen. Der lebensfrische Nationalismus,von dem unsereArbeitgetragen ist, muß vom Kongreßboden aus auf unsere Brüder aus den anderen Ländern übergehen. Möge ein geschlossenes und zielbewußtes Auftreten unserer Landsmannschaft in Hamburg einen neuerlichen Beweis für das stolze Wort erbringen, daß Oesterreich als das Gegenwarts- und Zukunftsland der zionistischee Bewegung bezeichnet werden kann! Schein und Wirklichkeit in der sogenannten deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs.*) Von Dr. K. S. 11. So schielend die Haltung der Sozialdemokratie in der Judenfrage, so unkonsequent ist ihr mit Hofgängereien vereinbarender Republikanismus und Revolutionarismus. Das bekannte *) Siehe Nummer 48 der „Jüdischen Zeitung“. Das Grab des Oschir. Eine Vision. Der schwarze Schwarm geputzter Trauergäste, Der Wald von dunklen Reiherfedern und Blankspiegelnden Zylindern ist verschwunden, Der Weihrauch herzlos-schöner Lobeshymnen Verdampft im tiefen Atmen kranker Blumen, Die, hügelhoch getürmt, umkost von Seide, Die Marmorplatte wie ein Lenz-Alb pressen .. Der Mond glüht auf. Weiß schimmern rings die Steine, Und durch die ungeheuer tiefe Stille Der schmalen Gräberpfade schreiten segnend Die lächelnden Engel des Friedens. Mit einemmale schweben blasse Nebel Vom Osten her-In langnachwallenden, Zerfetzten Sterbelinnen fliegt es zu — Die kranken Blumen schauern scheu zusammen, Die Atlasschleifen rascheln ängstlich auf.. Sie kommen — kommen — Todgehetzte Greise, Erwürgte Kinder, Mütter, denen ein In Glut getauchter Schaft den Säugling Und das Herz durchschnitt — sie kommen — kommen!! Sie ringen ihre hagern, weißen Hände, Sie zeigen ihre klaffend tiefen Wunden Und tanzen um die kostbar — stolzen Marmor Den fürchterlichsten Reigen, Judenreigen, Den Tanz von Kischenew- Und jeder von den Schatten trägt ein Säckchen, Und greift hinein mit blutverklebten Fingern Und eine Münze scholiert nieder Und wieder eine auf den Stein — Welch’ grauenhafter Klang! Wie dumpfes Stöhnen, Wie’s Röcheln Sterbender, wie der Verzweiflung Schrei, Des Kindes Wimmern und des Greises Fluch, Und kaum verhallt der wahnsinnwilde Klang Fällt wieder eine Münze auf den Marmor, Und wieder greift schon eine and’re tote Hand ins Säckchen um den Pogrom- Rubel — Scheu weichen um die Gruft die lächelnden Engel des Friedens. Auf Sonnenlichter Höhe lacht das Schloß. Karossen fahren über Marmorfließen, Und schimmernd — schöne Mottenseelen flattern Ums goldne Licht. Man ist gerührt und höflich, Und einigt sich, daß Nizza für die Nerven Nach Trauerfäilen wohl das beste sei. Und leise kommt mit sammetbraunen Schwingen Die Nacht herüber aus dem Wienerwald Und webt das Schloß in silberfeine Fäden; Vom Tale her erklingt aus einem Gasthaus Ein Lannerwalzer ... Beda