Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 jüdischen Gesamtbevölkerung als Angehörige einer andern Nation erklärt. Wir bitten den verehrten Herrn Hofrat Kuranda diese Notiz erst nach dem Frühstück zu lesen, damit sie ihm nicht den Appetit verschlägt. Herrn Dr. Löwen stein aber ersuchen wir, nach Russisch-Polen auszuwandern und seine Agitation schleunigst nach Warschau zu verlegen. Dort gibt es noch s o viele Juden zu bekehren. In Galizien werden ihn unsere. Brüder mit allen Ehren entlassen — wenn er verspricht, niemehr zurück zu kommen. Aus dem jüdischen Leben. Randglossen des Zaren zu dem Plehweschen Judengesetz. Alexander Ular veröffentlicht im letzten Hefte der „Neuen Rundschau“ eine Charakteristik des Zaren, die interessante Einzelheiten aus den Marginalbemerkungen des Zaren zu den ihm vorgelegten Berichten enthält. Derselbe schrieb nach achttägiger Ueberlegung an den Rand des Plehweschen Gesetzentwurfes über Ausweisung der Juden aus Sibirien (1902): „Die Juden, die ihre gesetzliche Aufenthaltszone verlassen, überschwemmen alljährlich ganze Distrikte in Sibirien mit ihrer widerlichen Gegenwart; mit diesem unerträglichen Zustande muß aufgeräumt werden.“ Wohl wissen wir nicht seit heute, was man von der angeblichen „milden Gesinnung“ des Zaren zu halten hat. Schon Burzew hat in seinen Enthüllungen im Berliner „Vorwärts“ das Märchen von der Schuldlosigkeit des Zaren gründlich zerstört. Die letzten Enthüllungen Alexander Ulars beweisen unzweideutig, daß der Träger der russischen Krone nicht nur ein Schwächling, sondern auch reaktionärer Finsterling und Antisemit ist Katholische Schulbücher für jüdische Kinder. Aus Lemberg wird uns berichtet: In einer der letzten Sitzungen befaßte sich das zionistische Z.-K. mit einer für die galizischen Juden überaus wichtigen Angelegenheit Der Schulrat führte, obwohl dort ein Moschko-jude, der berüchtigte Prof. Dr.' Sternbach aus Krakau, als „Beschützer der mosaischen Konfession“ sitzt, mit Beginn dieses Schuljahres neue Lehrbücher für die Volksschulen ein. Diese Lehrbücher enthalten größtenteils Lesestücke, welche die christchliche Lehre und Legende behandeln. Welche Wirkungen solche Lektüre auf das empfängliche Kindergemüt übt, liegt auf der Hand. Die Kinder sollen im'Geiste der christlichen Religion erzogen und von ihrem Glauben abgewendet werden. Um dieser Gefahr vorzubeugen und um eine Aktion aller Faktoren in dieser wichtigen Angelegenheit einzuieiten, hat das Z -K. beschlossen, in. sich einem Rundschreiben an alle Kultusgemeinden Galiziens zu wenden und dieselben zu einem gemeinsamen Vorgehen aufzufordern. Es ist nun abzuwarten, welche Haltung die galizischen Kultusgemeinden in dieser wichtigen Frage einnehmen werden. Ausschließung der Juden vom Wahlrecht. Aus Odessa wird der „N. J. K.“ geschrieben: In unserer von den Verbändlern völlig beherrschten Stadtduma wurde ein von dem Pogromhelden Pelikan eingebrachter An trag mit großer Mehrheit angenommen, den Zaren in einem Gesuche um gänzliche Ausschließung der Juden von den Wahlen zur Reichsduma zu bitten. Vergeblich protestierte der einzige fortschrittliche Stadtverordnete Nowikow dagegen, der darauf hinwies, daß eine Aenderuiig eines Staatsgrundgesetzes nur mit Zustimmung der Reichsduma vorgenommen werden könne und daß die rechtliche Gleichstellung aller Bürger die unerläßliche Voraussetzung für das Gedeihen des Landes sei. Die echt-russischen Stadtverordneten fanden als Antwort [darauf nur neue maßlose Beschimpfungen der Juden. Als der jüdische Stadtverordnete Buchstab auf ihre Außfälle zu antworten versuchte, wurde er mit den Rufen „F o rt, J u d e!“ niedergeschrien. Bei der Verkündigung des Abstimmungsresultats ertönten Zurufe -.„Buchstab, jetzt kommt ein Pogrom!“ Der eigentliche Führer der hiesigen echten Russen, der Stadthauptmann Tolm a t s c h o w, hat eine g e r i c h t l, i c h e K1 a g e gegen den hier in die Reichsduma gewählten jüdischen Rechtsanwalt Brodsky angestrengt, weil er in angeblich unrechtmässiger Weise sich eines russischen Vornamens bediene. Tolmatschow erhofft offenbar, daß eine gerichtliche Verurteilung JÜDISCHE ZEITÜNG/; Nn 48" Brodskys : die-Ännulierüng. seiner Wahl ziir Folge haben würde; - Oekonomische Organisationen im Ansiedlungsrayon. Aus Wilna wird berichtet: „Die wirtschaftliche Lage der Juden im Ansiedelungsrayon wird immer trostloser. T)ieFabriken werden den jüdischen Arbeitern immer mehr geschlossen. Der Kleinhandel, auf den die Juden zum größten Teile angewiesen sind, Wird durch die großen korporativen Gesellschaften beständig verdrängt. Auch die Lage der jüdischen Handwerker gestaltet sich immer trauriger. Es fehlt an genügenden Fachschulen und Kursen zur Ausbildung von jüdischen Handwerkern, so daß diese mit den gut organisierten echtrussischen Handwerkern nur schwer konkurrieren können. Das schlimniste ist die in den jüdischen Massen herrschende 'allgemeine Mutlosigkeit, die eine energische Aufmunterung und Zusammenfassung der Kräfte nicht äufkommen läßt. Der unerträgliche politische und rechtliche Druck in Verbindung mit dem stetig wachsenden ökonomischen Elend haben in der jüdischen Bevölkerung eine lähmende Verzweiflung und Resignation erzeugt. Um so mehr ist es zu begrüßen, daß die hiesigen jüdischen Handwerkensich zu einem Verbände unter dem Namen „Hilfe ilurch Arbeit“ zusammengeschlossen haben, um eine Selbsthilfe zu organisieren. Der Verband entfaltet; eine rege, erfolgversprechende Wirksamkeit, und ererfreut sich der Sympathien weitester jüdischer Kreise. Die unter den jüdischen Arbeitern herrschende, große Arbeitslosigkeit hat in einigen Orten, wie Warschau und Bjalystok zu dem Bestreben geführt, jüdische Arbeiterfabriken auf genossenschaftlicher Basis zu begründen. Bisher konnte aber dieser aussichtsreiche Plan aus Mangel an Mitteln noch nicht) verwirklicht werden. Es wäre sehr zu wünschen, dpß die westlichen jüdischen philantropischen Gesellschaften diesen Bestrebungen ihre ernste Aufmerksamkeit widmen. Es handelt sich dabei um die Existenz und das Schicksal von Zehntausenden von . Juden, die sonst allmählich in Elend und Entbehrungen zu Grunde gehen“! Eine ähnliche Selbsthilfebewegung hat in letzter Zeit auch in Galizien eingesetzt. Die Organisation verschiedener Fachgruppen, die Schaffung des Schänkerverbandes, 'dfcr 'vot zwei Wochen erfolgte--Zusammenschluß der galizischen Trafikanten, die zumeist Juden sind, all das ist ein erfreuliches Anzeichen, daß der Gedanke der jüdischen Selbsthilfe in Galizien Wurzel geschlagen hat. Die wohltätigen Folgen dieser Bewegung werden nicht ausbleiben. ak. Ein antisemitischer Oberlandesgerichtspräsident. Aus Lert'berg wird uns geschrieben: Herr TchöczuickS, Oberlandesgerichtspräsident in Lemberg, ist ein bekannter Antisemit. Es steht dem Herrn Tchöczuicjci in seinem Privatleben frei, sich seine Gesellschaft aus jenen Kreisen zu wählen, die ihm belieben. Aber als Amtsperson ist er verpflichtet, alle Parteien in gleicher Weise zu behandeln. Herr v. Tchöczuicki scheint aber anderer Meinung zu sein. Er will seine antisemitische Gesinnung auch als Träger der höchsten Gerichtswürde im Lande bekunden. So .benimmt er sich während der 1 gesetzlichen Eidesleistung der neuen Advokaten gegenüber den jüdischen Kandidaten in einerWeise, die nicht nur eine grobe Verletzung der bei jeder Amtsperson vorauszusetzenden Höflichkeit, sondern auch eine Zurücksetzung der jüdischen Advokaten bedeutet. Herr v. Tchöczuicki reicht nämlich gewöhnlich bei diesem Anlasse den christlichen Advokaten die Hand und drückt ihnen seine Glückwünsche aus, während er die jüdischen unbeachtet angesichts der versammelten Kollegen aus dem Richter¬ und Advokatenstande stehen läßt und keiner Silbe würdigt. Erst in jüngster Zeit ereignete sich wieder solch ein Fall bei der Eidesleistung zweier christlicher und eines jüdischen Advokaten. Es muß uns nur wundern, daß die älteren jüdischen Advokaten sich eine solche Beleidigung gefallen lassen und nicht die nötigen Sjchritte unternehmen, um eine solche Behandlung jüdischer Kollegen unmöglich zu machen. Es regt sich. Krakau. Sonntag den 14. d. fand in Krakau anläßlich der bevorstehenden Kul tuswahlen eine von den „unabhängigen Juden“ einberufene Kultuswählerversammlung statt, in welcher, die zur herrschenden Kahalclique in, Opposition, stehenden „unabhängig-jüdischen“ Kultusräte ihren Rechenschaftsbericht erstatteten. Nach den:Refer-“ raten der Kultusräte Landtägsabgeordneter Dr. Landau und Heumann entspannt sich-eine leb-;' hafte Diskussion, in welcher unser Gg. Dr. P i I--. zer, der wohl der Arbeit der „Unabhängigen“ Recht widerfahren , ließ, jedoch ihren Kompromiß mit der herrschenden Kultusmajorität, brandmarkte und nachwies, daß dieses Wahlübereinkommen mit dem Kahalsklüngel, die Opposition an der energischen Abwehr der Schandwirtschaft in der Kultusstube hinderte. Zum Schlüsse beleuchtete Dr. Pilzer die „Tätigkeit“ des berüchtigten Prof. Sternbach und forderte zu energischem Kampfe gegen die Kultusgemeinde auf, indem er zugleich die Mitwirkung der Zionisten, die in ihren Forderungen viel weiter als die „Unabhängigen“ gehen, zusicherte. Zum Schlüsse sprachen der Abgeordnete Dr. G r o ß, der zur gemeinsamen Bekämpfung der Korrupption in der Kultusgemeinde aufforderte und der Vorsitzende der Versammlung Abgeordneter.Dr. Landau. Gründung eines jüdischen Nationalvereines. Aus Storozynetz, 17. d. wird uns geschrieben. Ueber Initiative unseres Bürgermeisters Herrn Dr. Katz hat sich ein Komitee gebildet, das beschlossen hat, einen jüdischen „N a ti o n a 1 ve re i n“ ins Leben zu rufen. Die Statuten sind bereits der Landesregierung zur Genehmigung vorgelt gt worden. Der Verein wird in Kürze seine Tätigkeit beginnen können. Dieser Schritt ist hier um so freudiger zu begrüßen, als bisher sich Leute den Juden als „Führer“ aufdrängten, die bei der letzten Reichsratswahl dem aus dem „Schächnerprozesse“ bekannten Staatsanwalt und nunmehrigen christlichsozial-rumänischen Abgeordneten Dr. Isopescul-Grecul, zum Mandate verhalten. Einer dieser „Führer“ ist ein Herr Lippa, der ein Blättchen nach Art des „Bukowinaer Volksblattes“ herausgibt. Die Tätigkeit des „Nationalvereines“ wird hoffentlich dazu beitragen, solche „Führer“ unmöglich zu machen. Das Komitee veranstaltet im Laufe des Monates Dezember eine „Makkabäa-Feier“, bei der. Herr Reichsratsratsabgeordneter Dr. M a h I e r die Festrede halten wird. Awrum Nüssen Nute. Die jüdische Auswanderung."Nach offizieller^ Mitteilung kamen im September d. J. 5557 jüdische Einwanderer nach New-York, davon 3925 aus Rußland, 1010 aus Oesterreich-Ungarn, 220 aus England und die übrigen aus etwa zehn anderen Ländern. 112 Juden wurden zurückgeschickt. Im September des Vorjahres war die jüdische Einwanderung hach New York etwas größer und betrug 6225. Personen.! Die New-Yorker „Imigrant Aid Society“ hat im September d. J. 348 Einwanderern beim Aufsuchen ihrer Verwandten Hilfe geleistet. 143 Immigranten hat sie drei Tage lang beköstigt und ' beherbergt. In 589 Fällen hat sie verschiedene Auskünfte und Ratschläge an Immigranten erteilt. Während der jüdischen hohen Feiertage hatte die Gesellschdft auf Ellis Island ein Bethaus für die Einwanderer eingerichtet. Einwanderer von Yemeniten nach Palästina. Die Einwanderung yemenitischer Juden nach Palästina dauert erfreulicherweise fort. In den letzten Wochen sind wieder 150 Yeminiten in Jaffa angelangt. Dem Alter nach waren unter ihnen: Männer bis 30 Jahre 15, Männer über 30 Jahre 18, Frauen bis 30 Jahre 27, Frauen über 30 Jähe 15, Kinder bis 13 Jahre 36, Kinder von 13—18 Jahren 7, Greise 4, insgesamt 122 Personen. Bei etwa 30 Personen wurde das Alter nicht ermittelt. Durch die Vermittlung der jüdischen Arbeiterorganisation „Hapoel Hazair“ wurden 18 Familien in der jüdischen Kolonie Rechoboth und 11 Familien in Rischon le Zion aufgeriommen. In beiden Kolonien fanden die Yemeniten freundlichesEntgegenkommen seitens der Kolonisten. Exzesse in Jekaterinoslaw. Aus Jeterinoslaw wird der „N. J. K.“ geschrieben: Vor kurzem wurden von der hiesigen Eisenbahnverwaltung verschiedene nicht abgeholte Frachtgüter zur Auktion gebracht zu der etwa 15 Personen erschienen. Im Hofe befand sich zufällig ein jüdischer Zeitungshändler, namens Chefez. Plötzlich überfielen ihn die zur Auktion Erschienen mit dem Rufe: „Jude! Gib uns Geld für Branntwein!“ Ais sich der Angegriffene losriß und zu. entkommen suchte, warfen sie nach ihm.mit einem großen Stein, der ihn schwer verletzte. Darauf schlugen die Hooli-