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Jüdische Zeitung · 1909-11-26 · 48 (26.11.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 t e f o r m eine klerikale Majorität erzielen. Schon haben die deutschen Christlichsozialen wieder in nationaler Hinsicht eingelenkt, ihre Führer und-ihre Presse ipahnen plötzlich wieder zur nationalen Verständigung und die tschechischen Katholisch-Nationalen anderseits raten ebenfalls zur Besonnenheit, wettern gegen die Obstruktion, die chauvinistische Demagogie der liberalen J u d e n presse als Erbfeind der christichen Völker und des nationalen Friedens. So bedrohen uns die klerikale Fuchtel und die schwarze Reaktion furchtbarer, denn je zuvor. Dr. K. * * * Israelitische Sozialdemokratie. Aus Bielitz schreibt man uns: Der in letzter Zeit mit erneuter Heftigkeit auf sozialdemokratischer Seite geführte Kampf gegen alles, was jüdisch ist, hat wieder eine prächtige Blüte gezeitigt. Anläßlich der Entlarvung des russischen Polizeispitzels, der den jüdischen Arbeiterbund so schändlich verraten hat, brachte auch das hiesige sozialdemokratische Lokalblatt „Volksstimme“ eine diesbezügliche Mitteilung und gestattete sich dabei einen famosen Taufakt, indem es dem Bunde den Namen „Israelitischer Arbeiterbund Rußlands“ gab. Naturgemäß muß man sich hier die Frage vorlegen: geschieht das aus Absicht oder Unwissenheit? Nach ersterem muß man schließen, daß das Organ auf die Dummheit der Parteigenossen baut. Daß der Bund der Hauptfaktor in der russischen Revolution bildet, daß er alle sozialdemokratischen Parteikonferenzen beschickt, daß er in seinem Programm auch für jüdisch-nationale Kulturarbeit eintritt und daher nicht den Namen einer Konfession führen wird, das sollte selbst der Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung wissen. Oder sollte dieser Taufakt gar von dem jüdischen Arbeiterführer in Bielitz herrühren, dem das Umtaufen wohl keine Schwierigkeiten bereiten kann? Hat er doch an seinem Namen diese Prozedur bereits vorgenommen. Von seinem Vater hatte er den gut jüdischen Namen MosesHersch Donnerkeil bekommen, jetzt hat er sich das pompöse Pseudonym „Arbeiter beigelegt. Das klingt „israelitischer“. * * * Judaismus und Kapitalismus. _ Unter diesem Titel hält gegenwärtig Prof. Werner Sombart in Berlin einen Vortragszyklus, Der gefeierte Nationalökonom behandelte am ersten Abende das Spezialthema: „Die Bedeutung derjudenfür das moderneWirtschaftsleben“.Welche Rolle Sombart in dieser Hinsicht dem Judentum zuschreibt, ging gleich aus seinen einleitenden Worten hervor. Es sei, erzählte er, auf einsamen Wegen plötzlich wie eine Vision über ihn gekommen, daß alles, was wir modernes Wirtschaftsleben nennen, auf j üdisehen Einfluß zurückgehe, und bei näherer Prüfung habe es sich dann gezeigt, daß die Vision der Wirklichkeit entspreche. Er selbst stehe dieser Tatsache ebenso objektiv gegenüber, wie etwa einer Wanderdüne, und betrachte sie ebenso leidenschaftslos, wie er es etwa mit dem Wirtschaftswesen eines Samojedenstammes täte. Auf den Gegenstand seines Vortrages übergehend, bezeichnete Sombart die in das 16. und. 17. Jahrhundert fallende Verlegung des Mittelpunktes weltwirtschaftlicher Betriebsamkeit aus dem Umkreise der südlichen und südwestlichen Nationen in den der nördlichen und nordwestlichen als eine der ersten bedeutsamen Erscheinungen der modernen Wirtschaftsentwicklung. Italien, namentlich aber Spanien uud Portugal, verloren damals nahezu plötzlich ihre führende Stellung in der Weltwirtschaft und an ihre Stelle trat das kleine Holland. Zweifellos sind mehrere Gründe für diesen Umschwung vorhanden gewesen, wenn es auch unwahrscheinlich ist, daß die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien eine solche Wirkung ausgeübt haben, denn diese Entdeckungen hätten ja im Gegenteil dazu beitragen müssen, den Spaniern und Portugiesen die Vorzugsstellung zu bewahren. Nach Sombart liegt die wahre Ursache des rapiden wirtschaftlichen Niederganges der genannten Staaten und des wirtschaftlichen Emporkommens Hollands in den Wanderungen des jüdische nVolkes, dessen große führenden Familien nach den Ausweisungen und Judenverfolgungen aus den süddeutschen und italienischen Städten, sowie' aus Spanien und Portugal nach Holland, Hamburg und England übersiedelt sind. Dort gaben sie dem Welthandel eine außerordentliche Ausbreitung, zumal da der Handel mit Luxuswaren (Gold, Silber, Edelsteinen, Seide), der damals für Industrie und Handel ausschlaggebend war, fast ausschließlich in ihren Händen lag. Sie wurden dann auch die Inhaber des Handels mit den ersten Stapelartikeln auf dem Weltmärkte: Tabak und Zucker. Außerdem handelten sie fast allein mit einer Reihe von Artikeln, die die ganze moderne Weltwirtschaft revolutionierten: Baumwolle, Calico, Indigo. Und dann verfügten sie durch ihren Handel mit Spanien auch über die Silberquellen Amerikas. Die Juden waren auch die Begründer der modernen Kolonialwirtschaft. Schon an den östlichen Kolonien, namentlich den holländischen waren sie stark beteiligt, und — wie sich der Redner ausdrückte — „Amerika, Nord und Süd, ist recht eigentlich ein Judenland“. Nicht blos deshalb, weil die erste Expedition des Kolumbus von reichen Juden subventioniert war und diezweite Expedition mit den konfiszierten.Geldern der vertriebenen Juden bezahlt wurde, auch nicht deshalb, weil sich auf den Schiffen des Kolumbus auf der ersten Expedition viele Juden befanden, sondern weil die Juden alsbald Südamerika überfluteten und später von dort nach Nordamerika kamen, wo der jüdische Einfluß die erste Kolonisation durchsetzte und wo die Juden das Land in seiner kolonialen Zeit ökonomisch aufrecht hielten, indem sie durch ihre Handelsbeziehungen mit Südamerika das Edelmetall heranbrachten, dessen Nordamerika wegen der ihm durch das englische Mutterland aufgezwungene Passivität der Handelsbilanz zu seiner ökonomischen Existenz bedurfte. Nach Sombarts Ansicht hat sogar der moderne Staat ohne die Mitwirkung der Juden überhaupt nicht entstehen können, denn sie gaben ihm die materielle Basis, zunächst dadurch, daß sie moderne Heere ökonomisch möglich machten, indem sie an die Stelle der früheren Privatdarlehen eine neue auf persönlichen Schulden basierende Form der Anleihe schufen mittels des börsemäßig gehandelten Inhaberpapiers. Das Haus Rothschild war es, das hierin seine welthistorische Mission erfüllte. Auch die Benutzung des Kredits zur Inszenierung produktiver Anlagen ist wesentlich jüdischen Ursprungs. Der erste große Theoretiker des Kredits, Pinto, war ein Jude, der erste große Praktiker, John Law, war höchst wahrscheinlich jüdischen Ursprungs. Aus der Entwicklung der Warenproduktion im kapitalistischen Sinne kann das Judentum überhaupt nicht ausgeschaltet werden. Die mittelalterliche Auffassung des Handwerkers und Zünftlers, daß jeder für einen bestimmt abgegrenzten Kreis arbeitete und dafür das zu seiner Nahrung und Erhaltung nötige Entgelt zu bekommen habe, ist von den Juden durchbrochen und beseitigt worden kraft der neuen Idee, daß die ökonomische Existenz keine gegebene Tatsache ist, sondern daß jeder jeden Tag sich seinen Unterhalt zu erobern und in alle Wirtschaftsgebiete hineinzubringen hat. Die Eroberung der Kundschaft wurde fortan zu einer intellektuellen Leistung. Man wartet nicht mehr, bis die Kundschaft kommt, sondern sucht sie selbst auf, es entsteht die Kunst, die Waren geschickt , zu gruppieren, ihre Fehler zu verdecken, und es entsteht die Idee des Surrogats, die nicht älter ist, als das 17. oder 18. Jahrhundert. Und die Juden sind es, die das Unerhörte tun, ihre Waren billiger anzubieten, als der Nachbar, was ins 17. und 18. Jahrhundert hinein einfach ein Verbrechen war. Das Unterbieten, die Parole, „Großer Umsatz, kleiner Nutzen“, worauf heute der ganze Handel beruht, ist ein von Juden aufgebrachter Grundsatz. Sie sind die Väter der Idee des Freihandels und der freien Konkurrenz. Wie es möglich war, daß eine handvoll Leute solchen Einfluß auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens ganzer großer Nationen ausgeübt hat, will Prof. Sombart in seinem nächsten Vortrage untersuchen, dem man mit berechtigter Spannung entgegensehen darf. * * * Der zweite Vortrag behandelte das Thema: „Die BefähigungderJuden zum Kapitalismus. Sombart erörterte zunächst die objektiven Voraussetzungen, unter denen sich die dominierende Stellung der Juden im kapitalistischen Betriebe entwickelte. Die Juden kamen, was nicht scharf genug hervorgehoben werden kann, als die efgentlichen Erben der Antike, als die einzigen Träger der hochentwickelten Kultur des Altertums in das noch kindlich junge Mittelalter hinein. Hieraus erklärt sich die in vielen Beziehungen führende Rolle, die sie bald an allen europäischen Höfen der damaligen Zeit spielten. Sie wurden Dolmetscher auf Grund ihrer Sprachkenntnisse, Unterhändler in wichtigen Dingen, ' schließlich Geschäftsträger und Vertrauensleute in jeder Hinsicht. Zu diesen Aemtern befähigte sie vor allem auch das internationale Netz ihrer Verbindungen, die von den überallhin Zerstreuten sorgfältig gepflegt wurden. Denn die jüdische Diaspora hatte ja viel früher eingesetzt, als man gemeinhin annimmt, von altersher saßen sie in allen wichtigen Handelszentren, oft durch weitverzweigte Familienbande innerlich eng zusammengeschlossen. Ihre ganz einzigartige Stellung, die unmittelbar zum internationalen Lieferanten- und Kreditwesen hinführen mußte, war damit gegeben. Aber sie bildete auch das Sprungbrett, von dem sie aus zur Industrie hinübergelangten. Als Händler bemächtigten sie sich vor allem der Textilindustrie, sie wurden die „Verleger“ der Baumwolle, der Webarbeiten und des Leders. Eine Tatsache, die sich durch die Jahrtausende nahezu gleich bleibt, ist der Geldreichtum der Juden. Man kann ihn, von den Schätzen Salomonis angefangen, durch das ganze Altertum, durch Arabien, Spanien, Holland bis nach Frankfurt, Hamburg und schließlich in die Gegenwart hinein verfolgen. Woher stammte dieser Geldreichtum? Seit dem Auszug aus dem Aegypterlande waren die Juden eigenentlich immer durch äußere Umstände gezwungen, ihr ganzes Vermögen „in der Tasche“ bei sich zu tragen. Daher ihr ständiges Bemühen, bares Geld zu erhalten, daher auch eine Entwicklung, die hnen bald geradezu ein Monopol im Geldleihgeschäft sicherte. Und das war um so bedeutungsvoller, als das Geldverleihen lange Zeit hindurch die einzig lukrative Art des Erwerbes bildete. Auf der anderen Seite fehlte den so Reichgewordenen gezwungenermaßen jede Gelegenheit zum Ausgeben. Sie konnten bis in die Neuzeit hinein eigentlich niemals standesgemäß leben; das Abfließen des Geldes in Grundbesitz und Industrie war ihnen durch ihre staatliche Minorität ebenfalls unterbunden. Es ist klar, daß diese letzte Ursache sie auf die einzige Quelle, Macht zu erwerben, geradezu hinstieß. Die subjektive Veranlagung der Juden zum Kapitalismus, ihr eigentliches kapitalistisches Talent ist weniger leicht zu fassen. Im „kapitalistischen Wirtschaftssubjekt“ wirken zwei Seelen, die ungleich der faustischen nie voneinander streben: der Unternehmer und der Mann des Handelns. Der erste ist der Erfinder ökonomischer Ideen, der wirtschaftliche Pionier, der zweite der „spekulative Kalkulator“ — spekulativ, weil er aus der Marktlage jederzeit auf den gegebenen Fall zu schließen vermag, Kalkulator, der mit Sicherheit den Geldeswert eines Geschäftes sofort berechnet. Aber der Kapitalist muß freilich auch Verhandler sein, aus den Menschen herausholen können, was im Augenblick möglich ist; er muß deshalb suggestiv wirken können und es muß ihm im Blut liegen, was etwa in dem alten nordischen Heldenepos des zehnten Jahrhunderts zu lesen ist: Es wird Schneewetter kommen, sagten die Finnen, denn sie hatten Schneeschuhe zu verkaufen. Der Jude ist weniger verträumt als der Germane und Slawe, rationaler und oft nüchterner, auch leichter geneigt, die eigene Person hinter die Sache zu stellen, sich selbst auszuschalten. Die Wichtigkeit dieser letzten Eigenschaft für geschäftliche Erfolge liegt auf der Hand. An positiven Werten sind zu nennen: starke Energie und Vitalität, eine Rastlosigkeit, die allerdings oft zur Unrast führt. Im allgemeinen wird beim Juden das Manuelle vom Geistigen überragt; unbedingt sind bei ihm im Durchschnitt mehr Urteilskraft und geistige Beweglichkeit als bei anderen Nationen vorhanden. Alle diese Eigenschaften, die die Juden zu so tüchtigen Rechtsanwälten, Journalisten, Schauspielern und Aerztem befähigen, machen sie auch zu Männern des Wirtschaftslebens. * * * Herrn Kuranda samt Genossen znr Kenntnis! Bei der letzten Volkszählung haben sich in Russisch-Polen von den in dieser Provinz wohnenden Juden 95 Prozent znr jüdischen Nation bekannt. Nur 3 Prozent haben sich als Polen und nur 2 Prozent als Deutsche deklariert. Noch markanter sind die Daten der Provinz L i t h a u e n. Dort haben sich nur 0'6 Prozent der

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