Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr.‘ 48 Sitzung des Zentralkomitees beschloßen, dem Kongreß den Vorschlag zu machen, eine besondere politische Kommission aus den Kongreß d e I e g i er t e n auszuwä.hlen, welche mit ganz besonderer Vorsicht die Auseinandersetzung dieser Frage, falls dieselbe angeregt wird, so wie überhaupt sämtliche Fragen unserer Politik behandeln soll. Jetzt noch mehr als irgend wann, muß das politische Moment unserer Bewegung hervorgehoben und die bevorstehenden konkreten politischen Fragen der Bewegung erwogen werden. Vor dieser, vom Kongreß gewählten politischen Kommission, müßten die Führer unserer Politik von all dem Rechenschaft ablegen, was in den letzten Jahren politisch vorgenommen worden ist, sowohl die Erfolge wie die Mißerfolge klarlegen. Bis zu gegenwärtiger Zeit befanden sich die Fäden aller politischen Arbeiten, quasi außerhalb der Grenzen der Erreichbarkeit, außerhalb der Bewegung; jetzt aber haben wir mit einem konstitutionellen Staat zu tun, die Mehrzahi der Methoden unserer früheren politischen Tätigkeit darf jetzt nicht angewandt werden. Außerdem aber muß auch unbedingt folgendes wichtiges, neue Moment berücksichtigt werden, nämlich: Der Kreis unserer Tätigkeit umfaßt mehr und mehr das türkische und palästinische Judentum, das Judentum, welches sowohl politisch als geographisch unabgesondert ist von dem Lande, welches das Ziel unserer Bestrebungen bildet. Diese Teile unseres Volkes sind imstande unmittelbar auf die leitenden Kreise, die über die Geschicke des Landes walten, einzuwirken, und von ihren Beziehungen wird sicher sehr viel abhängen. Infolgedessen muß also vor allem der IX. Kongreß sich mit der Frage der Heranziehung des türkischen und palästinischen Judentums an unsere Bewegung beschäftigen, mit der Organisierung und Nutzbarmachung dieser Kräfte zur Erreichung unseres Zieles. Früher oder später muß der Mittelpunkt der Bewegung und besonders ihre Politik nach der Türkei, nach Palästina, übertragen werden. Dieser Prozeß muß schon jetzt begonnen werden. Darin äußert sich schon der kolossale Nutzen, welchen eine Festigung der konstitutionellen Ordnung in der Türkei mit sich bringt. Allmählich wird sich die Anomalie verringern und mit der Zeit ganz schwinden, welche darin besteht, daß wir nicht nur indem Lande, in welchem wir das Zentrum unseres nationalen Lebens schaffen wollen, sondern sogar in dem Staate, welchem dieses Land gehört, nicht leben. Der IX. Kognreß muß den ersten Schritt in dieser Richtung tun. 4. Die reale Arbeit in Palästina. Wenn auch ohne Zweifel die Fragen des Programms und der politischen Tätigkeit prinzipielle Debatten hervorrufen werden, so erweisen sich diese Debatten in bezug auf die Notwendigkeit der realen Arbeiten in Palästina doch als vollkommen überflüssig. Schon auf dem VIII. Kongreß war die Rede nur einzig von den Methoden dieser Arbeit. Seit den Zeiten des Aufgebens der Charteridee kann die prinzipielle Frage der Notwendigkeit der realen Arbeit in Palästina als endgiltig gelöst betrachtet werden. Nur tritt die Frage des Charakters und des Umfanges dieser Tätigkeit zu Tage. Diese Frage, welche schon auf dem VIII. Kongreß beurteilt wurde, hat sich in gegenwärtiger Zdit ungeheuer zugespitzt. Lauter und lauter ertönen die Klagen, daß die Verstärkung des Unternehmertums auf Kosten der Bewegung geschieht, daß die Unternehmungen in kleinlicher Weise und ohne System gehandhabt werden. Die Bildung der unzähligen Gesellschaften jeder Art, die Abwesenheit und' Unmöglichkeit eines großen ‘ Schwunges in all ihren Handlungen — all das bringt die Forderung der Aufrollung dieser Frage auf dem Kongreß mit sich. Das Wesen' dieser Fragen besteht im folgenden: Haben unsere allweltliche Organisation und ihre Cirgane nur mit der Schaffung günstiger Bedingungen'für die Kolonisation sich zu befassen? Sollen dieselben sich nur um die Beseitigung von Hindernissen, welche auf deip Wege privater Initiative liegen, bemühen? Soll dieselbe so zu sagen nur die Rechtsfunktionen einer staatlichen Organisation dem palästinischenjudentum gegenüber^erfüllen? Oder sollen sie unvermittelt auch die Initiative und infolgedessen auch das Risiko der Tätigkeit des Unternehmens auf sich nehmen? Mit anderen Worten — soll unsere Organisation sich darauf beschränken, nur . die Informations-, Kredit-, Kultur-und andere gesellschaftlichen Institute, sowie die Organisation der gesellschaftlichen Elemente des Landes etc. etc. zu schaffen, oder muß sie außerdem auch mit der Gründung von Kolonien, Farmen, Fabriken, Pflanzungen etc. sich befassen? In ersterem Falle kann es, bei den in Palästina herrschenden Bedingungen und unseren verhältnismäßig geringen Kräften passieren, daß die Privat-Initiative nicht im Stande sein wird, die hergestellten günstigen Bedingungen gründlich auszunutzen, und überhaupt nicht; zur Entwickelung kommen wird, im andernjFalle könnnn wir wiederum bei unseren unzureichenden Mitteln riskieren, in den Schlamm der kleinen und kleinsten Unternehmungen unterzusinken, welche vor unseren eigenen Augen unser Endziel verrücken und die Bewegung heruntersetzen ti indem unsere große Organisation in! ein Geschäftsunternehmen verwandelt werden kann. Der IX. Kongreß wird sich also in ernstester Weise--mit 'dieser. Frage ■ zu-be-i schäftigen haben. Wie seine Beschließung auch ausfallen, möge — eins muß doch jedem klar werden — der IX. Kongreß muß bei jedem seiner Beschlüsse vor allem den Grundcharakter des Zionismus, als einer Volksbewegung; vor Augen haben. Von den konkreten Fragen der realen Arbeit in Palästina werden in die erste Reihe die Fragen der Gründung zweier Institute erörtert werden müssen, welche sich vom Standpunkte der Entwickelung der weitesten Kolonisations-Tätigkeit als fundamental herausgestellt haben: die Gründung eines Instituts für Agrar-Kredit und die Gründung eines Instituts für dieParzellierungdesBodens. (Forsetzung in der nächsten Nummer-) Warnung. Anläßlich der Bukowinaer Katasterfrage haben alle möglichen und unmöglichen israelitischen Vereine „Schritte unternommen“. Alte Korporationen, Die sich stets brav aufgeführt, Sollten sich ein wenig schönen Wie es ältern Herrn gebührt- Doch der böse Eifer ruht nicht Nie versiegt des Uebels Quell- Ach, sie sch'weigen absolut nicht Und das Unglück reitet schnell! Chewre-Sudes,! Gründungsfeste, Wanderfahrten, Politik, Audienzen und' Proteste- Und der Sekretär wird dick. Judenvolk, verlier’ den Mut nicht! Liberal und rituell: Kümmert sie’s auch absolut nicht, Jedenfalls erscheint manschnell! Doch der alten Herren wegen Von der höhen „Allianz“,' Die man zwingt, sich aufzüregen, Meide man den Taten-Pflanz! Ist das Alter auf der Hut nicht, Wird der Darm oft zum Rebell . . . Meistens geht es absolut nicht, Plötzlich.aberkommts zuschnell! Beda. Von der Woche. Theodor Ritter von Taussig. Theodor Ritter von Taussig ist gestorben. Das Sprichwort „de mortuis nil nisi bene“ hat keine Berechtigung an der Bahre eines Mannes, der ein System verkörperte. Mit diesem System, nicht mit der Person des Dahingeschiedenen, rechten wir und da wäre es häßliche und verderbliche Lüge, wollte man — wie es wohl eine große Zahl jüdischer Blätter tun wird — in dieses Grab schöne Worte nachrufen. Theodor Ritter von Taussig, das ausgezeichnete Finanzgenie, der hochbegabte tatkräftige Mann hat sein jüdisches Volk wiederholt schwer, unsäglich schwer geschädigt. Wir wollen in diesem Zeitpunkte die zahlreichen Verirrungen nicht herzählen, an denen das Leben und Wirken des Juden Taussig leider so reich war. Aber wenn man an das traurige Jahr denkt, da er nach dem Pogrom dem Zarismus das Geld lieferte, mit denen neue, furchtbare Judenverfolgungen inszeniert wurden, so muß man sagen: In einem anderen Buche mag sein Name in:t goldenen Lettern verewigt sein - in der Geschichte des jüdischen Volkes ist er mit blutigen Lettern eingetragen. * * * Der Weg zum Klerikalismus. Was den ärgsten Reaktionären und eingefleischtesten Ahsölütisten'mißlang" — ‘Unsere Parlamentarier haben es bewirkt: Ekel und Ueberdruß der Bevölkerung gegenüber dem jetzigen Parlamentarismus zu erzeugen, ln den letzen Wochen während der Parlamentsferien wurde wieder die purste Komödie gespielt. Sämtliche Fraktionen betonen — um ihren Wählern Sand in die Augen zu'streuen — die Notwendigkeit der parlamentarischen Arbeit, vereiteln sie aber gleichzeitig durch ihre Tätigkeit. Sollte es trotzdem in Wien oder in Pest oder gar in beiden Parlamenten gelingen, auf kurze Zeit die Obstruktion zu bannen, dann werden im besten Falle das Budget und die anderen Staatsnotwendigkeiten erledigt werden, aber für die breiten, Volksschichten wird wieder nichts geschehen. Solche Zustände sind für das Wohl unseres Volkes höchst gefährlich. Wieder werden das „kapitalistische Judentum“ und die „Judenpresse“ als die Faktoren hingestellt, welche Schulter an Schulter mit den verschiedenen chauvinistischen Cliquen die allgemeine Verwirrung anstiften, um die seit Jahrzehnten immer versprochenen Sozialreformen neuerlich zu vereiteln. Angesichts der abscheulichen Tschechenhetze der „Neuen Freien Presse“ und der bewußten Irreführung des Publikums in der ungarischen Frage im Dienste der magyarischen Oligarchie muß man leider zugestehen, daß das assimilatorische Judentum an dieser Parlaments- und Reichsnot großen Anteil hat. Indessen wird hinter den Kulissen für einen nationalen Ausgleich auf christlichsozialer Grundlage für die zukünftige klerikale Reichsratsmajorität gearbeitet. Ist einmal aber der Präliminarfrieden zwischen den deutschen Christlichsozialen und tschechischen Katholischnationalen unter Beihilfe des Polenklubs abgeschlossen, dann wird das Ministerium B i e n e r t h und bald darauf das jetzige österreichische Abgeordnetenhaus der Vergangenheit angehören. . . . Das aus Klerikalen aller Nationen bestehende Koalitionsministerium wird das arbeitsunfähige Abgeordnetenhaus aufiösen und . mit der Devise: Volksfrieden und christliche SoziaN