Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 47 Mameluken. , Die „Arbeiterzeitung“ regiert und die sozialdemokratischen Untertanen im Gesamtreiche müssen bedingungslos gehorchen. Es lebe die „Freiheit“ und die „Gleichheit“! Den jüdischen Führern gefällt es, in den Spalten des Parteiblattes zu antisemitein, um den Christlichsozialen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie machen das Jüdische, die Sprache des großen „jüdischen Arbeiterbundes“ in Rußland und eines großen Teiles der ostösterreichischen Genossen lächerlich und nennen den Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität einen „Budapester Orpheumsspaß“. Selbst viele arische Genossen waren über diese dreiste Verhöhnung von abertausenden Arbeitern, die nur das „Jüdische“ esen und sprechen können, entrüstet. Aber das Wiener Regiment der Adler und Austerlitz darf ruhig die jüdischen Arbeiter besudeln. Die Provinzorgane draußen im österreichischen Osten, die natürlich unter der Wiener Fuchtel stehen, beruhigen schon das Herdenvieh, wenn es halsstarrig werden sollte. So hat die Czemowitzer „Volkspresse“, das offizielle Organ der Bukowinaer Sozialdemokraten, die „Arbeiterzeitung“ ^folgendermaßen entschuldigt: „Das Wiener Reichsgericht hatte vor kurzem Gelegenheit, sich mit der Eingabe eines gewissen Herrn Dr. Diamant aus Czemowitz wegen Anerkennung der jüdischen Sprache zu beschäftigen. Unter andern Blättern besprach auch ein allen Anschein nach bloßer Mitarbeiter der „Arbeiterzeitung“ das Urteil des Gerichtshofes. Die dabei verwerteten Argumente der „Arbeiter-Zeitung“, des Verfassers der Eingabe und des Gerichtshofes sollen hier nicht in Betracht kommen. Doch der Inhalt und die Form, in welchen die betreffende Notiz verfaßt war, sind geeignet vermuten zu lassen, daß der Schreiber jener Zeilen gewisse tatsächliche Verhältnisse nicht kennt, oder aber ohne Wissen der leitenden Redakteure der „Arbeiter-Zeitung“ seine Meinung in dieser anstößigen Form äußerte. Denn wir können es sonst nicht begreifen, wie jene Sprache, die die offizielle Sprache einer so großen und geachteten Partei wie es der jüdische Arbeiterverband in Rußland ist, mit dem die österreichische Partei im besten Einvernehmen steht, im Zentralorgan der österr. Partei der Verspottung ausgesetzt werden konnte. Aber nicht nur die jüdischen Arbeiter in Rußland sondern auch jene in Galizien und in der Bukowina bedienen sich jener Sprache und hier in Czemowitz befindet sich ein jüd. Arbeiterbildungsverein, dessen einzige erfolgreiche Bildungstätigkeit in der jüdischen Sprache sich abwickelt. Ja selbstdic „Arb.-Ztg.“ hat es nicht verschmäht, in ihrem Feuilleton Proben jüdischer Volksdichtung zu bringen und sie von berufener Seite lobend hervorzuheben. Vom „Budapester Orpheum-Spaß“ war bei diesen literarischen Beurteilungen nicht die Rede. Und so können wir unsere jüdischen Arbeiter versichern, daß jene Notiz — die übrigens geradesogut aus der Feder eines Jüdischnationalen hätte hervorgehen können, da diese die jüdische Volkssprache stets derart beurteilen — gewiß unbedacht und unkontrolliert in die Arbeiterzeitung hineinkam.“ Wer lacht nicht? Alle, bis auf die jüdischen Arbeiter, die nun vollkommen überzeugt sind, daß Adler und Austerlitz über die in die „Arbeiterzeitung“ „hineingeschmuggelte“ Notiz blutige Tränen weinen und am Ende noch glauben, daß das ein verkappter Jüdischnationaler verbrochen hat. Am nächsten Parteitage wird aber wieder Frau Schönberg aus Warschau erscheinen, wie jüngst in Reichenberg und namens des „Bund“ die vorbildliche Stellung der österreichischen Sozialdemokratie in der Nationalitätenfrage feiern. . .. Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten.) (Eine christlichsoziale Partei in Ungarn. — Ein j ü d isch er „Kul tur“ verein. — Vom ungarischen Antisemitismus.) Auf dem Höhepunkte der Krise, in der Hitze des Gefechtes zwischen den politischen Gruppen ist am Horizonte des ungarischen Lebens eine neue Partei erschienen: die christlichsoziale. Die bisher nur auf sozialem Gebiete wirkende Partei, welche ihrem gesteckten Ziel, dem Volke die Quellen des Wissens zu verschließen, stets treu geblieben, ist nun gewiilt, ihre Tätigkeit ins politische Leben zu übertragen. Zu diesem Behufe wurde ein Vollblutaristokrat, Graf Paul Szäpäry, vor zwei Wochen zum Präsidenten der christlichsozialen Partei gewählt. Der edle Graf ist bislang dem politischen Treiben ferngestanden und hat sich mit Leib und Seele dem Sport, der Veranstaltung von Feierlichkeiten für schwarze Zwecke etc. gewidmet. Nun ist er plötzlich seiner politischen Begabung bewußt geworden und nahm freudig die ihm angebotene Würde entgegen und wird mit all seinen Kräften bestrebt sein — wie sich einer der Rädelsführer~|ausdrückte —“|„die christUchsoziale Partei salonfähig zu machen“. Was die Entwicklung des sozialen und politischen Lebens Ungarns betrifft — es ist dem Auslande gegenüber um wenigstens ein Jahrzehnt rückständig — so ist es erklärlich, daß die. christlichsoziale Partei hierorts erst jetzt das Vorhaben gefaßt hat, sich politisch zu betätigen. Was wir Juden von dieser neuen politischen Bildung zu gewärtigen haben, lehrt uns das Gebaren der Schwesterpartei in Oesterreich, obwohl sich die ungarischen Christlichsozialen energisch dagegen wehren,mit ihren zisleithanischen Gesinnungsgenossen identifiziert zu werden. Sie kämpfen — laut Erklärung des Präsidenten — für die effektive Gleichstellung sämtlicher Bürger des Landes — ohne Unterschied der Konfession . . . Die Antisemiten sind nunmehr in Ungarn in verschiedenen Hunderttausende von Mitgliedern umfassenden Verbänden organisiert, ihre Macht nimmt tagtäglich zu. Jedem klarsehenden Juden muß | dies offenbar sein, nur die Judenpresse verharrt in tiefem Schweigen. * * * Es schien für einen Augenblick, als ob sich die Juden zu einem tatkräftigen Wirken aufgerafft hätten, als sie mit der Gründung des Landeskulturvereines ins Feld zogen. Doch welche Enttäuschung! Gar bald zeigte es sich, daß die leitenden Kreise der ungarischen Judenheit bei weitem nicht reif sind, um einen jüdischen Verein — im wahren Sinne des Wortes — gründen zu können. Der Kulturverein, der berufen gewesen wäre, jüdisches Wissen zu verbreiten, das jüdische Wissen in den breiten Massen zu erwecken, ist bereits am besten Wege, seine Tätigkeit als Z e d a ko h-Verein zu beginnen. Wie sich die sogenannten „Repräsentanten des Judentums“ einen Kulturverein vorstellen, konnte man in der letzten Ausschußsitzung des Vereines erfahren. „Vor allem“, sagte die reizende Baronin von Gutmann, „sind wir ein W o h 11 ä t i gkeitsverein und es ist mir völlig unerklärlich, warum der Verein israelitisch heiße. Wir dürfen keine exklusive Politik treiben. Unser Verein müßte jedem — ohne Unterschied der Konfession — offen stehen!“ Die Ausführungen der Baronin bekräftigte ein anderer Herr, der mit Stolz anführte, daß „auch die israelitisch-literarische Gesellschaft einige Katholiken zu ihren Mitgliedern zähle“. Einem Unglücksraben ist eingefallen, die Förderung jüdischer Interessen zu verlangen. „Ja, wollen Sie denn einen orthodoxen Verein gründen?“ fiel ihm die Baronin von Gutmann ins Wort. Dies geschah in der Sitzung eines jüdischen Kulturvereines! * * . .. Während die Juden verständnislos der Zeit gegenüberstehen, verstehen sich unsere Feinde nur zu gut auf ihre Arbeit. Vor einigen Tagen wurden die Wahlen des akademischen Hilfsvereines für Mediziner vorgenommen. Aus diesem Anlasse wurden von den zukünftigen Aerzten die schändlichsten antisemitischen Lieder angestimmt. Bei der Ferrer-Trauerfeier — welche von den Freidenkern veranstaltet wurde — haben die Klerikalen in Flugblättern mit Pogromen gedroht. Selbst das Andenken dieses Märtyrers für den Fortschritt der Menschheit wird als günstige Gelegenheit von den rohen Feinden unseres Volkes mit Freuden begrüßt, um uns zu bedrohen. Dies ist traurig, doch viel trauriger ist der Umstand, daß die ungarischen Juden sich noch immer nicht ermannen. B—ö. Zeitschriften und Bücherschau. Licht, Schauspiel in einen Aufzug von Friedrich Porges. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Max H i c k 1, Brünn. Es ist kein Zufall, daß die Juden, die sich auf allen Gebieten der Literatur hervortun, auf dem dramatischen relativ weniger geleistet haben. Der Grund hiefür liegt wohl in ihrem Hang zur Reflexion und übertriebenen Sentimentalität, die an das wichtigste beim Drama, an die Handlung vergessen lassen. Man nimmt daher eine dramatische Arbeit, die von einem Juden geschrieben wurde, skeptisch zur Hand und denkt: Entweder ein gutgemeinter aber schlechtgeratener Versuch oder irgend ein Handwerkserzeugnis, dessen Szenen und Akte mühselig zusammengestoppelt sind. Bei der Lektüre von „Licht“ fühlt man sich angenehm enttäuscht und eh’ man sich dessen versehen, steht man im Banne des äußerst kraftvoll geschriebenen Schauspieles. Porges nahm in seinem Drama das interessante Thema der Emanzipation eines einzelnen jüdischen Individuums vor der Befreiung des gesamten jüdischen Volkes zum Vorwurf und läßt den Helden, der nach Freiheit und Licht ringt, auf halben Wege zu seinem bedrückten und verachteten Volke zurückkehren. Freilich spinnt er den Seelenkampf des Helden nicht aus, was übrigens in einem Einakter nicht gut möglich ist. Hervorgehoben sei noch, daß sich der Autor einer schlichten Sprache befleißigt, die nur in der Liebesszene zwischen des Helden Schwester und dem getauften Juden Christian, eine süßliche Färbung annimmt. Alles in allem; Porges „Licht“ ist ein vielversprechender Versuch. Der Autor verdient Ermutigung, weil er in seiner Erstlingsarbeit einen Beweis von echtem künstlerischen Gefühl geliefert hat. B. Marco Brociner: Jonel Fortunat. (Bonz & Co., Stuttgart.) Der soeben neu'aufgelegte ältere Roman „Jonel Fortunat“ von Marco Brociner, darin das Leben in Rumänien treu und anschaulich wiedergegeben ist, gehört zu jenen Büchern, die man gern wenigstens zweimal liest. Modern wird man vielleicht dieses Werk nicht nennen, doch immer wieder sich seinem Reiz hingeben. Eine angenehme Eleganz des Ausdrucks und eine scharfe Beobachtungsgabe vereinigen sich mit einem spannenden Inhalt zu einem kunstvollen Ganzen. Und wenn auch die Elemente der Unterhaltungslektüre überwiegen, so merkt man doch das ernste Streben des Autors nach höheren, dichterischen Zielen. Da Brociner auch interessante und bedeutende Konflikte aufrollt und psychologisch vertieft, erzielt er geradezu dramatische Wirkungen. Gestimmt ist das Buch auf den Grundton einer ironisch gefärbten verhaltenen Wehmut. — Wehmut über den Leichtsinn und die Leichtlebigkeit jener leidenschaftlichen, feurigen Menschen im fernen Osten, die im Grunde doch schwermütig sind wie die Geigenklänge des armen kleinen Zilibi Psantir, einer fast zu symbolischer Größe emporwa'chsenden Judengestalt, um derentwillen allein man dies Buch nicht vergessen wird. Am ergreifendsten wird Psantir in der Unterredung mit seiner schönen, betörten Tochter Lea, die im Begriffe steht, die Taufe zu nehmen, um aus Trotz, Eitelkeit, verschmähter Liebe und leidenschaftlicher Lebenslust sich an Jonel Fortunant zu rächen. Weder die Bitten . noch die Drohungen des verzweifelten Vaters, weder seine Tränen, noch seine Beschwörungen vermögen das verblendete Mädchen von dem verhängnisvollen Schritte abzuhalten . . . In der Blüte ihrer Jahre erleidet sie gar bald den bitteren Tod und der unglückliche Vater beweint sie. Dr: M. S c h e r 1 a g. Palästinas Erdgeruch in der israelitischen Religion von Lic. D. Hugo Greßmann. (Berlin, Verlag Karl Cantino.) Eine durch zahlreiche Beispiele belebte Studie über jene Zusammenhänge, welche heutige muslimische Volksbräuche noch als Reste altjüdischer Religionselemente charakterisieren und andrerseits wieder zwischen Naturerscheinungen Palästinas und altjüdischen religiösen Bildern bestehen sollen. Die Welis z. B. sollen als mohammedanische Kult- und Gräbersitten, direkt alte heilige „Höhen“ darstellen. Sturm, Wasser, Erdbeben und vulkanische Erscheinungen sollen die Grundlage bilden für die biblischen Bilder von der Gewalt Jehovahs, wobei denn dieser allzu einseitig in üblicher Weise als ein Gott der Schrecken hingestellt wird. Stellenweise stört auch ' der allzu peinliche Rationalismus des protestantischen Theologen, obwohl er wieder einmal treffende Bemerkung über den psychologischen Einfluß der Landschaft auf das Volksgemüt fällt. E. M. Politische Lehren. Der Abgeordnete zur dritten Reichsduma, L. N. Nisselowitsch erstattete seinen Rechenschaftsbericht in Form einer Broschüre, die unter dem Titel: „Diejudenfrage in Rußland“ im Verlage der „jüdischen Rundschau“, Berlin, erschienen ist. Der Titel stimmt nicht. Das soll aber kein Vorwurf sein. Denn die Broschüre hält mehr, als der Titel erwarten läßt. Sie ist ein interessantes Dokument für die Geschichte des Werdens einer richtigen jüdischen Volkspolitik. Nisselowitsch wurde in keinem jüdischen Wahlkreis nicht von Juden, sondern von Letten, nicht als Jude oder als jüdischer Parteimann, sondern als „Kadett“ gewählt. In den Strom der Politik geraten, fand er aber Dank seines klaren Blickes bald heraus, daß es speziell jüdische Interessen gibt und daß es seine vornehmste Pflicht als Jude sei, vor allem diese zu vertreten. Unsere Kurandas, Diamands, Löwensteins etc., die in jüdischen Wahlkreisen als Juden gewählt wurden, haben bis heute diese Erkenntnis nicht gewonnen. Aber Nisselowitsch sah nicht nur, daß es für ihn gelte, jüdische Interessen zu vertreten, er erkannte auch gleichzeitig, daß die von den Assimilanten verfolgte Judenpolitik grundfalsch sei. Da bei uns ganz die gleichen Verhältnisse herrschen, können wir seine Urteile wörtlich anführen. Er sagt, daß es selbst in der dritten antisemitischen Duma verfehlt wäre, die von den Assimilanten in der ersten und zweiten Duma verfolgte Taktik beizubehalten, die darin bestand, „die jüdische Frage mit Stillschweigen zu übergehen und es als geboten zu bezeichnen, Angelegenheiten des Juden nur nebenbei zur Sprache zu bringen, in Verbindung mit der Durchführung des Prinzips der Gleichberechtigung aller russischen Bürger ohne Unterschied des Gianbens und der Nationalität. Und wenn auch die Duma zum überwiegenden Teil antisemitisch sei, so folge hieraus nicht, daß wir genötigt sind, die Waffen niederzulegen und von jeglichem Kampf mit dem Antisemitismus Abstand zu nehmen. Die Gerechtigkeit unserer Saehe ist meiner tiefsten und aufrichtigsten Ueberzeugung nach so mächtig und ergreifend, daß wir uns j e d e r Für c h t e n t ä u ße r n u n d uns einer offenen Sprache bedienen müssen und sogar von der dritten Duma fordern können, uns die elementaren Menschenrechte einzuräumen.“ Das sind goldene Worte, die man ohne Aenderung auch auf unsere Verhältnisse anwenden kann.