Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Die Grundlage der Debatte über die Aenderung des Organisationsstatutes bildet der bekannte Entwurf des Dr. Bodenheim er. Ussischkin erklärte sich gegen eine grundlegende Aenderung besonders gegen die Vorschläge Dr. Bodenheimers, die darauf hinausgehen, den Schekelzahler seines Wahlrechtes zu berauben. An der Debatte beteiligten sich noch Dr. Salz, der sich gegen die vorgeschlagene Aenderung der Wahlberechtigung aussprach und Adolf Böhm, der vorschlägt, die Bestimmungen über die Bildung von Föderationen abzuändern: „Die Einrichtung von Föderationen bringt nicht einmal den Föderationen 9 selbst Vorteil, das haben wir an den Poale Zion I gesehen. Früher haben sie in der Föderation immer opponiert oder mitgearbeitet. Heute sind sie in ihrem kleinem Kreise eingesponnen, außer Zusammenhang mit der großen Bewegung und müssen daher verdorren. Die Bestimmung über die Bildung von Föderationen muß ganz fallen.“ Hierauf ergriff David W o 1 f f s o h n das Wort und führte folgendes aus: Ich möchte nicht auf Theorien eingehen, ich will nur über die tatsächlichen Dinge sprechen. Denn ich habe jalin praktischer Hinsicht größere Erfahrungen als Sie alle, stehe ich doch, seitdem Herzl nicht mehr da ist, ununterbrochen in der Praxis der Leitung. Was das große A. C. anlangt, so hat Herr Ussischkin ganz recht. Je größer die Zahl der Mitglieder, um so geringer seine Bedeutung. Herr Böhm hat sich dagegen gewandt, die Zahl der Mitglieder des Großen A. C. etwa auf 30 zu beschränken, und hat dies damit motiviert, daß die einzelnen Länder im A. C. vertreten sein müssen. Das aber ist gerade der Fehler. Sehen Sie doch, wieviel Mitglieder des A. C.zurheutigen Sitzunggekommen sind, und betrachten Sie, aus welchen Ländern sie kommen. Bei der vorigen Sitzung waren zum Teil andere Herren und auch aus anderen Ländern da. Daher kommt es dann, daß die eine Sirzung unter Umständen ganz andere Beschlüsse faßt als die vorhergehende, weil eben immer wieder ganz andere Teilnehmer zugegen sind. Der heutige Wahlmodus für das Große A. C. ist jedenfalls ganz verkehrt. Man wählt nicht nach den Qualitäten der Leute, man wählt nach den Vorschlägen der Landsmannschaften und der Kongreß hat kaum Zeit und Gelegenheit, sich zu vergewissern, ob diese Vorschläge auch wirklich den Interessen der Bewegung entsprechen- Der Hauptfehler des heutigen Verfahrens ist, daß wir dadurch Leute in die Leitung bekommen, die zwar sehr ehrenwert sind und auch sonst ihre großen Vorzüge haben mögen, die aber praktisch nicht in der Lage sind, mitzuarbeiten. Dadurch kommt es dann wieder, daß sie die meisten Dinge gar nicht kennen lernen und nachher ganz uninformiert sind. Was das E. A. C. anlangt, so sehen die Vorschläge des Herrn Dr. Levin an und für sich gar nicht so übel aus. In Wirklichkeit aber habe ich die Erfahrung gemacht, daß es ganz 'unmöglich ist, mit 7 Mitgliedern zusammen zu arbeiten. Die Mitglieder sind in der ganzen Welt zerstreut und können beim besten Willen doch nur recht selten Zusammenkommen. Die schriftliche Information genügt natürlich nicht. Daher ist es natürlich auch bei diesem System so, daß faktisch die Leitung in einer Hand ruht. Und selbst als in Wien unter Herzl die 5 Mitglieder in einer Stadt gewohnt haben, verstummte nicht die Klage über das autokratische System Herzls. Ich will mich gewiß nicht mit Herzl vergleichen, man tritt mir ja auch ganz anders gegenüber als Herzl. Man sollte aber doch diese Erinnerung nicht außeracht lassen. Sie sagen, Rußland und Oestrerreich müsse in der Leitung vertreten sein. Wir haben aber doch weder russische noch österreichische Interessen wahrzunehmeu, nicht die Interessen irgendeines Landes, wir haben nur allgemein-zionistische Interessen. Nachdem noch Dr. M a r m o r e k, Dr. Margulies, Dr. Bodenheimer, der Präsident Wolffsohn, Ussischkin und Salz gesprochen hatten, einigte man sich darauf, die Diskussion über das Organisitationsstatut und den von Bodenheimer geänderten Organisationsstatutenentwurf zu publizieren und zur öffentlichen Besprechung zu stellen, und hernach das gesammelte Material dem Organisationsauschuß zu übermitteln. Nach einigen zusammenfassenden Worten des Präsidenten wurden die Beratungen des großen Aktionskomitees geschlossen. Schekelstatistik des i. ö. Distriktes nach Ortschaften. Alland 3, Amstetten 1, Baden 1, Deutsch- Wagram 1, Dornbirn 1, Felixdorf 1, Fohnsdorf 4. Freistadt 1, Graz 88, Innsbruck 10, Klagenfurt 15, Klosterneuburg 5, Knittelfeld 9, Korneuburg 4, Krems 10, Laibach 5, Leoben 13, Linz 27, Mauer 3, Meran 1, Mittergraben 1, Mödling 3, Meran 1, Ober- Hollabrunn 15, Purgstall 2, Salzburg 1, Semmering 1, Stein 1, St. Pölten 1, St. Valentin 1, Triest 25, Wien 1144, Wr. Neustadt 1. Zusammen 1400. * * Die Eroberung der Kultusgemeinden. Aus Teplitz-Schönau wird uns berichtet: Nach langwierigen Verhandlungen, die von dritter Seite angeregt wurden, ist bezüglich der bevorstehenden Kultusgemeindewahlen in Teplitz-Schönau zwischen den seit Jahren hart kämpfenden Zionisten und ihrer Gegenpartei ein ehrenvolles Kompromiß geschlossen worden. Die wesentlichen Zugeständnisse an die zionistische Wählergruppe sind folgende: Die Zionisten erhalten in der Repräsentanz 13 Mandate, die Majoritätsgruppe 17 Mandate. In den Vorstand werden 3 Zionisten gewählt, darunter der Kultusgemeinde-Vorsteherstellvertreter. Die Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem erhält eine Säbvention von K 600 in drei Jahresraten. Die weiteren Kompromißpunkte liegen auf dem wichtigen Gebiete der Statutenänderung. Von der Woche. Der jüdische Kataster in der Bukowina. Ungemein lehrreich ist die jüngste Nummer der „Monatsschrift der österr. israelitischen Union“. Darin zeigt sichs deutlich, wohin diese lendenlahme Organisation, die schon längst den Weg alles Irdischen gegangen wäre, wenn sie nicht einen Sekretär zu erhalten hätte, glücklich geraten ist. Die „Oesterreichisch-israelitische Union“ war also auch beim Minister! Die Dummheit, welche die beiden Vizepräsidenten, kaiserl. Rat A n n i n g e r und Dr. Jakob Orn stein dort in Sachen der jüdischen Kurie .vorzubringen für. nötig fanden, lautet: „Der Vorstand der „Oesterreichisch-Israelitischen Union“ hat die Frage der Errichtung eines jüdischen Wahlkatasters in der Bukowina einer sorgfältigen Beratung unterzogen. Er verkennt nicht die schwierige politische Lage, in welcher sich die Juden ganz Oesterreichs dadurch befinden, daß in der Gegenwart fast sämtliche nationale Parteien den Antisemitismus entweder ausdrücklich oder stillschweigend in ihr Programm aufgenommen haben. Er begreift auch vollkommen die Verbitterung, welche sich angesichts der Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung im Laufe der Jahre bemächtigt hat. Allein die Sorge um die höchsten kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der Gesamtheit der österreichischen Juden in aller Zukunft bestimmt den Vorstand zu folgender Erklärung: Durch die Einführung eines jüdischen, beziehungsweise eines jüdisch-deutschen Katasters in der Bukowina wird den jüdischen Staatsbürgern die Freiheit genommen, sich jener Nationalitätanzuschließen, welcher sie ihrer Ueberzeugung nach angehören. (!) Die „Oesterreichisch-israelitische Union“ spricht sich demnach mit aller Entschiedenheit gegen jeden Kataster aus, durch welchen den Juden von Gesetzeswegen der Zwang auferlegt wird, ihr Wahlrecht nicht kraft freier Entschließung, sondern in einer im Vorhinein bestimmten nationalen Gemeinschaft auszuüben.“ Unglaublich! Jeder weiß, — und Minister H a e r d 11 weiß es nicht erst seitdem es ihm die Deputation des „Jüdischen Nationalvereines“ expliziert hat — daß durch Statuierung einer besonderen jüdischen Kurie „den Juden keineswegs die Freiheit genommen wird, sich jener Nationalität anzuschließen, welcher sie ihrer Ueberzeugung nach angehören.“ Hingegen wird den jüdisch-national fühlenden Juden — und in der Bukowina fühlen fast alle Juden jüdisch-national — durch die Zusammenkoppelung mit den Deutschen „die Freiheit genommen“, sich als Juden zu bekennen. Die „Union“ favorisiert also diese brutale Vergewaltigung der Jüdischnationalen! Auch sonst entnimmt man aus dem jüngsten Unionberichte, wie tief die „Union“ gesunken ist. In Sachen der jüdischen Kurie druckt sie den bezüglichen Artikel der „Neuen Freien Presse“, den wir in Nr. 41 unserer Zeitschrift glossiert haben, wortwörtlich nach. Eine jüdische Organisation, die anno 1909 die Gesinnung der „Neuen Freien Presse“ zu ihrer eigenen macht und nachbetet, was Benedl^ vorsagt.... Das Lämpchen der „Union“ wird nicht mehr lange glühen. * * * Das jüngste Judikat des Reichsgerichtes in der Judenfrage. Unter diesem Titel bringt das „Czernowitzer Tagblatt“ vom 12. d. M. einen beachtenswerten Artikel von Dr. Isaac K o h n, in welchem sehr richtig nachgewiesen wird, daß die Entscheidung des Reichsgerichtes, die das Bestehen der jüdischen Nation in Oesterreich negiert, auch vom Rechtsstandpunkte höchst anfechtbar sei. Der Autor führt diesbezüglich aus: „Dieser Spruch des Reichsgerichtes steht vor allem mit einer vor gar nicht langer Zeit erflossenen Entscheidung dieses Gerichtes selbst in Widerspruch. Das Reichsgericht hat nämlich die Frage, ob die Tschechen in Niederösterreich ein Volksstamm sind und auf Berücksichtigung ihrer Sprache in diesem Lande gemäß Artikel 19 StGG. Anspruch haben, in einem Judikate verneint. Es hat diesen Rechtssatz etwa wie folgt begiündet: Ein Volksstamm sei in einem Lande nur dann als solcher iin Sinne des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes zu berücksichtigen und zu schützen, wenn er daselbst bodenständig ist. Dazu sei cs aber notwendig, daß die bezügliche Bevölkerung seit Jahrhunderten im Lande ansässig ist und daselbst nicht nur feste Wohnsitze nimmt, sondern auch die Absicht bekundet, in diesem Lande dauernd zu bleiben. Die böhmische Bevölkerung in Niederösterreich entspricht jedoch dieser Voraussetzung nicht, da sie lediglich fluktuierend ist, indem sie sich bloß zum Zwecke der Erzielung besserer Lebensbedingungen zeitweise daselbst auf hält und wenn diese Voraussetzung nicht mehr zutrifft, anderwärts zieht. Um diese Begründung in einem Worte zusammenzufassen, hat das Reichsgericht (wie oben bemerkt) Bodenständigkeit als unerläßliche Voraussetzung für das Bestehen eines Volkstums in einem Lande erklärt. Wenden wir diese vollkommen zutreffende Begründung auf die Juden in der Bukowina und Galizien an, so kann ein Zweifel an dem Bestehen eines jüdischen Volkes in diesen Ländern durchaus nicht aufkommen. Die Juden in Galizien sind seit der Vertreibung aus Deutschland daselbst ansässig. Die Juden in der Bukowina sind noch vor der Annexion durch Oesterreich im Lande ansässig gewesen; überdies sind seit der Annexion teils aus Galizien, teils auch aus anderen Ländern tausende Familien mit der ausgesprochenen Absicht eingewandert, daselbst zu bleiben und bleibende Wohnsitze zu nehmen, daher bodenständig zu werden. Abgesehen davon bestehen in Oesterreich öffentlich rechtliche Normen und Einrichtungen, welche unzweifelhaft dartun, daß die Juden staatsrechtlich auch in Oesterreich als Volk angesehen werden. Ich verweise darauf, daß die offizielle Statistik bis zum Ende der 1860er Jahre diejuden als Volk ausgewiesen hat. Ich verweise auf die selbständigen po litischen Judengemeinden in Böhmen und Mähren, welche eine eigene Organisation und gleiche politische Machtbefugnisse haben, wie die böhmischen und deutschen Gemeinden. Dies neben dem Bestehen von Kultusgemeinden. * 4t * Ein jüdisch-polnischer Hetzapostel. Die Manie der assimilatorischen Juden, im Hurrahnationalismus ihre „Konnationalen“ übertrumpfen zu wollen, ist fiir uns längst nicht mehr ein Gegenstand des Amüsements. Die Konsequenzen sind zu traurig und wir haben schon allzuhäufig für diese Charlatane büßen müssen. Man muß daher jeden neuerlichen Fall publizistisch verbreiten, damit das Volk seine Schädlinge kennen lernt. Herr Dr. Berthold Merwin, recte Menkes, der Adlatus des Abg. Dr. Löwenstein und Redakteur der „Jednosc“ begnügt sich nicht mehr damit, polnischer zu sein, als der verbissenste Allpole, antisemitischer als Stojalowski und zionistenfeindlicher als ein Wunderrabbi. Er betätigt sich jetzt auch als Volksverhetzer. So schrieb er im „Slowo polskie“, dem borniertesten polnischen Chauvinistenblatte, anläßlich des Schillergedenktages einen flammenden Artikel gegen das Deutschtum unter dem Titel: „Schiller und der Bismarkismus“. Natürlich: Gerade der Dr. M e r w i n - M e n k e s ist dazu berufen, den Todestag eines Klassikers dazu zu benützen, um gegen ein anderes Volk zu hetzen. Wir sind nicht die Verteidiger des Deutschtums. Aber da man das Kesseltreiben des „Polen“ Merwin auf das Konto des Juden Menkes setzt, den wir ja doch nicht los bekommen, so müssen wir öffentlich diese niederträchtige Wühlarbeit verdammen, wie wir reinliche Scheidung zwischen uns und dem jüdischen Redakteuren der „Neuen Freien Presse“ machen, die tschechenfeindliche Artikel verbrechen.