Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438266--1513-2441113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 47 den böhmischen Juden, z. B. in den Gegenden Kolins und Tabors.) Die Juden erhalten in den meisten Gemeinden deutsche Schulen, die auch den hier verstreuten Deutschen Gelegenheit geben, das Deutschtum zu pflegen, oder gartschechische Abtrünnige zu züchten. Und das können die tschechischen Bewohner natürlich ihren Juden nicht verzeihen. Die tschechische Assimilation ist in Mähren fast überhaupt nicht zu finden. Zum Teile wird der tschechische Assimilationsprozeß durch den heftigen schrankenlosen Antisemitismus, durch den gesellschaftlichen Boykott der mährischen Intelligenz verzögert und vereitelt Wie allwärts möchten sich die Juden auch hier schon aufdrängen und — trotzdem sie herzlich ungewünscht sind — in der gewohnten unwürdigen Weise ihre Anbiederungsversuche machen. Aber selbst der beste Wille wird durch den schroffen Widerstand der Tschechen zunichte gemacht. Die Erklärung dieses Rätsels ist sehr einfach. Die Zahl der Juden ist so gering und so unbedeutend, daß die Tschechen sie nach dem System P e r g e 11 den Deutschen, als unwillkommenes Geschenk anbieten können. . . . Dafür sind die mährischen Juden der Ablagerungsplatz der niedrigen Volksinstinkte, des Antisemitismus, der sich hier an einen konkreten Gegenstand halten kann, nicht wie bei den frommen Judenhassern in Tirol, die Juden nur aus den Erzählungen der Geistlichen kennen, und nur ausnahmsweise dazukommen, einem lebendigen Abrahamssohn einen Fußtritt zu versetzen. Welche Formen der mährische Antisemitismus annimmt, beweist ein kleines, sehr herziges Vorkommnis in Kojetein, welches dank den Eigentümlichkeiten des mährischen Bodens hier stattfinden konnte. Vor einigen Wochen wurde hier eine große Volksversammlung der Tschechen aller möglichen Schattierungen (meist klerikal und tschechisch-radikal) abgehalten, in welcher sehr heftig gegen Juden losgezogen wurde. Alle Hetzereien und antitschechischen Wühlereien unserer leider unsterblichen „Neuen Freien Presse“, die unter Umständen selbst Pogroms anzufachen imstandewäre, ihr „gerechter“, aber sehr überflüssiger nnd ungebetener, den Juden einfach lebensgefährlicher Zorn wegen der tschechischen Vorstöße in Unter-Themenau haben infolge der unglückseligen Identifizierung aller Juden mit diesem Börseorgan die Juden als Todfeinde des Tschechentums erscheinen lassen. Nicht lange nach dieser Versammlung wurde der ahnungslos aus dem Tempel zurückkehrende Rabbiner von einer rohen, tchechischen Menge, seinen Nachbarn (da die Judengasse, in der sich die Rabbinerwohnung befindet, nur mehr von Christen bewohnt ist), überfallen und insultiert. Die Anzeige an die Behörde verhallte ohne Widerlaut. Aber auch die „fromme“ Gemeinde gab sich nicht zu erkennen. Natürlich ist der Zionismus mit seiner ermutigenden Wirkung hier eben so wenig eingedrungen, wie in den meisten Landgemeinden Mährens. Wenn man den edlen Gomperz ein bischen hieherbringen könntet Die Steine, die ihn täglich bei seinen Spaziergängen träfen, müßten diesen Mann kurieren. Wenn schon der Zionismus überall eine heilende und aufrichtende Arbeit leistet, bei den Landjuden Mährens wäre er wirklich eine Erlösung. Nicht die sklavische, ungewünschte Anschmiegung an die Tschechen, sondern eine mutige, tatkräftige nationaljüdische Politik könnte sie vor Fußtritten, ja sogar vor Ueberfällen bewahren. Mit Furcht beantworten die entnervten, helotischen Landjuden die Uebergriffe des Pöbels, wieEspenlaub zittern sie vor jedem Schulbuben, der ihnen kaltblütig die Scheiben ihrer Gotteshäuser und Wohnungen einschlägt. Nicht ein Funken Ehrgefühl regt sich in ihnen, wenn man sie in den heiligsten Empfindungen verletzt. Sie warten, bis ihnen wieder irgend ein „Menschenfreund“, auf den auch Hofrat Gomperz in seinem herrlichen Palais behaglich und kommod wartet, erklären wird, daß sie auch Menschen seien und daß die Staatsgrundgesetze auch für sie Geltung haben müssen. Indessen wendet der nationale Boykott drohend sein Medusenhaupt gegen die Juden. Die Pauperisierungmacht hier mächtige Fortschritte; wirtschaftlich zu Boden gedrückt, greift der mährische Landjude zum Wanderstabe und nistet sich in den Wiener Nebengässchen ein; hier verschwindet er wirtschaftlich gänzlich, nähert sich immer mehr seinem armen, ökonomisch deklassierten, galizischen Bruder, mit dem er zusammen das ehemalige Goldland Amerika aufsucht. So ist es zu erklären, daß die Zahl der mährischen Judeh in erschreckender Zahl abnimmt. Ganze Gemeinden beschließen langsam ihr Dasein und überlassen ruhig ihren Platz den „tschechischen Angreifern“, die wohl oftmals später ins Land gekommen und im Verhältnis zu den Juden, deren Matriken bis ins 17. Jahrhundert und noch höher hinaufreichen, gar nicht autochthon sind. EineRemedur kann da nur die nationaljüdische Organisation schaffen, wie es Dr. K a d i s c h auf seinen Tournees in Mähren den Khille-Juden plausibel zu machen versucht hat. Leider ist die Wirkung seiner Bemühungen noch immer nur vorübergehend. Der Golus nagt zu sehr an diesem Teile des österreichischen Judentums. Aber manche Momente könnten ja selbst die Apathischesten aus dem Schlaferütteln und doch, und doch, das mährische Judentum will noch nicht erwachen. Ein hartes Stück Arbeit wartet noch der jungen nationaljüdischen Kämpfer hier in Mähren, freilich nicht die einzige Arbeit und nicht die schwerste in Oesterreich. . . . K o j e t c i n, im November 1909. Dr. K. Parteinachrichten. Makkabäerfeier der Wiener Zionisten. Das Vorkränzchen vom 11. November verlief, wie zu erwarten war, sehr animiert. Es hatten sich zu demselben eine große Zahl von Damen und Herren des großen Komitees eingefunden. Der rege Eifer des Komitees läßt erwarten, daß sich die in den Sofiensälen am 1. Dezember stattfindende Feier glänzend gestalten wird. Das Exekutivkomitee ist im Zionistischen Bureau: IX., Türkenstraße 9, in Permanenz, wohin Reklamationen bezüglich der Einladungen erbeten werden. Logen ä 30 K und Karten (Cercle ä ilO K, Parkett ä 5 K, Parterre ä 3 K, Entree ä 2 K, Studenten ä 1 K) sind erhältlich im Zentralbureau: IX., Türkenstraße 9, Telephon 14199 und in den Verkaufsstellen: Cafe Gartenbau, I. Parkring 10, Cafe Louvre, I. Wipplingerstraße 27, Cafe Marienbrücke, I. Rotenturmstr. 31, Cafe Mariahilf, VI. Mariahilferstraße 89a Cafe Jägerhof, IX. Porzellangasse 22. * * * Kongreßwahlen. . Von einem sehr geschätzten Gesinnungsgenossen erhalten wir folgende Zuschrift: Schon aus der prinzipiellen Erwägung, daß wir allesammt Juden und zwar jüdisch-national denkende Juden sind, und daß die Einteilung in Landsmannschaften im Zionismus nur aus praktischen Gründen statthat, sollte man es nicht grundsätzlich als eine Unzulässigkeit hinstellen (wie es in der letzten Nummer der „Jüd. Zeitung“ geschieht), wenn zuweilen von zionistischen Gruppen Kongreßdelegierte gewählt werden, die nicht derselben Landsmannschaft angehören. Hierin liegt am letzten Ende ja auch nur der Ausdruck einer Parteibildung, ■ einer Fraktionierung im Zionismus, die doch ohnedies in sich entgegenstehenden Anschauungen zu Tage tritt. Es ist auch ein ganz natürlicher Zustand, daß Zionisten aus dem Lande, in dem der Kongreß stattfindet, und aus den Ländern, die dem Kongreßort nahe liegen, in größerer Zahl zum Kongreß zu reisen bereit sind. Und es ist ebenso natürlich, daß sie, wenn sie sich auch sonst in der Organisation betätigt haben, wenn sie der Bewegung ein wirkliches Interesse entgegenbringen und wenn sie sogar eine eigene Meinung zu haben glauben, ein Mandat für den Kongreß zu erhalten wünschen. Wenn solche sich dann irgendwohin wenden, wo sie Gesinnungsgenossen derselben Richtung im Zionismus wissen, um von da ein Mandat zu erhalten, so wird man bei gewissenhaftester Peinlichkeit darin unmöglich eine Ungehörigkeit erblicken und die Wahl solcher Leute in einer ihrem Wohnort noch so fernen Gegend niemals als unzulässig erachten können. Das war auch zu allen Kongressen schon so, und niemand fand daran etwas auszusetzen. Ein anderer Modus begann jedoch vor dem VII. Kongreß bei uns in Erscheinung zu treten. Da tauchten plötzlich ganze Listen von Mandatsinhabern auf, die in Deutschland und Oesterreich zuhause waren, aber in Südafrika, Rumänien oder Kanada gewählt waren. Und als man sich die Namen näher besah, waren dies alles Leute, die mehr nach Uganda neigten (mit ganz verschwindenden Ausnahmen), und zum größten Teil solche, die in ihrer eigenen Ortsgruppe kein Mandat erhalten konnten, wegen dieser ihrer Ugandafreundlichen Gesinnung. Am deutlichsten zeigte sich dies in der deutschen Landsmannschaft. In Deutschland waren in der Mehrzahl Freunde praktischer Palästina-Arbeit gewählt worden, beim Kongreß sahen sie sich von Ugandafreundlichen erdrückt, die ihre Mandate nach Südafrika und andern fernen Ländern entsandten Listen verdankten. Von wo aus das gemacht war? Vermutlich von Berlin aus. Beim achten Kongreß wiederholte sich das Bild. Nur daß diesmal angeblich eine gerechtere Verteilung der Listenmänner stattgefunden haben soll. Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß wieder solche Listenmandate da waren: Zugehörige speziell der deutschen und österreichischen Landsmannschaft, die ihre Mandate aus Afrika, Rumänien und Kanada hatten. Da war z. B. Dr. Teodor Zlo-cisti in Johannesburg gewählt, Herr York-Steiner aus Wien ebenda. Herr S o k o 1 o w war in Kanada gewählt, ebenso Herr Berger aus Köln und Herr H e p n e r aus Berlin. Neu war, aber wohlüberlegt, daß die Listenmänner sich diesmal nicht ihren Landsmannschaften anschlossen, sondern sich zu den sogenannten „kleinen Landsmannschaften“ mit den Delegierten der kleinen Ländchen zusammenschlossen. Sie konnten dadurch aus ihrer Mitte Leute in den Permanenzausschuß delegieren. Auf dem Kongreß erwiesen sie sich als die getreueste Leibgarde unseres Präsidenten, und er hatte es ihnen schon damals nicht zum geringsten zu verdanken, wenn seine Wünsche (insbesondere in bezug auf die Leitung) durchgingen. Daß man gegen ihre Wahl, die damals von einer offiziellen Persönlichkeit in Berlin gemacht wurde; nicht weiter protestierte, hat nun wohl unserm derzeitigen Zentralbureau in Köln den Mut gemacht, diesmal die Wahlmache in eigene Regie zu übernehmen. Es ist Tatsache, daß von Köln aus an die verschiedenen exotischen Landsmannschaften, zu denen, auch die Balkanstaaten gehören, Listen von insbesonders aus Deutschland stammenden Namen gesandt und zur Wahl empfohlen beziehungsweise aufgegeben wurden. Wer den Aufgebern Mitteilung machte, daß Köln diese Besorgung übernehme im Zentrallbureau und mit dessen Mitteln, ist nicht bekannt. Natürlich wird sich der Legitimationsausschuß mit dieser Angelegenheit zu befassen haben .... Gleichwohl bin ich der Ansicht, daß ein prinzipieller Beschluß verschiedener Landsmannschaften, nur „Autochtone“ zu wählen, wie jemand wenig treffend, aber charakteristisch sich ausdrückte, sicher ein verfehlter ist. * * * Prag. Freitag den 12. November fanden die Wahlen zum Kongreß in den beiden Wahlkreisen des Jüd. Volksvereines Zion statt. Gewählt wurden Herr Moritz L ö w y und Herr Ing. Hugo S1 o n i t z, als Ersatzmann Herr Prof. J. Wertheimer. Die Gewählten entwickelten hierauf ihr Programm. Daran schloß sich eine lebhaftb Diskussion. Sitzung des großen Aktionskomitees am Donnerstag den 14. Oktober in Köln. (Schluß.*) Donnerstag vormittag fanden die Sitzungen des Nationalfonds und des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank statt. Daran schloß sich unmittelbar die Donnerstag-Abendsitzung des Aktionskomitees, in welcher die Frage der Aenderung der Geschäftsordnung des Kongresses und des Organisationsstatutes besprochen wurde. Vor Eintritt in die Debatte wurden die Misrachi Föderation und die südslavische Landesorganisation anerkannt und über eine von der amerikanischen Föderation gegen die Knights of Zion eingebrachte Beschwerde verhandelt. *) Siehe Nr. 43 und 44 der „Jüd. Zeitung“.