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Jüdische Zeitung · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 IÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Volkes sehen, so bemerken wir, daß über ein Ereignis, über eine Tatsache, sehr viel gesprochen wird. Wenn wir uns aber die Geschichte der Vereinigung der Ideen ansehen,. so bemerken wir, daß speziell in dieser Generation, in der die Idee gewonnen wurde, fast gar nichts von ihr gesprochen wird, daß sie durch viele Jahre, ja durch Jahrzehnte in dem Kreise bleibt, der sie geschaffen hat und daß später eine neue Generation, allerdings mit gewaltiger Macht, mit vehementer Macht, sich ihrer bemächtigt und in die Massen schleudert. So war es auch mit der Kattowitzer Idee. Sie kam im Jahre 1884 auf. Es verging dann über ein Jahrzehnt. Es war fast überall Ruhe; nur kleine Gruppen von Studierenden in Odessa, in Lemberg und Wien befaßten sich mit der Idee, bis sich ein gewaltiger Mann dieser Idee bemächtigte und sie so groß machte, wie sie heute dasteht. Im Jahre 1896 kam Theodor Herzl und diejenigen, die sehen wollten, sie sahen, was dieser große Meister, unser Herzl, dem, Judentum geschaffen hat, wie er das Judentum modelte, wie er das Volk der Sklaven, der Verfolgten, zu einer großen, gewaltigen, starken Macht, zu einer Potenz, mit der man heute rechnet, gemacht hat. Als die zionistische Bewegnng in ihren Anfängen stand, da hatte sie sehr viele Kritiker — wir Juden haben' ja nie einen Mangel an Kritik — und von verschiedenen Seiten wurde mit ihr abgerechnet. Die einen sagten, das sei eine Utopie, eine Schwärmerei. Und wie ist es in 25 Jahren geworden? Wir können stolz sein auf das, was in den letzten 25 Jahren geschehen ist. Es sprach dann Dr. Wiikowsky-Berlin über „Der Zionismus und die deutschen Juden“. Ersuchte die Assimilation, das stärkste Hindernis für die Ausbreitung der zionistischen Bewegung in Deutschland als eine psychologische Konsequenz der bestehenden Verhältnisse darzutun. Doch schon sei die Selbstbesinnung, freilich durch äusseren Anstoß hervorgerufen, gefolgt, die allmählich den denkenden Teil der deutschen Juden zum Zionismus führen müsse. Um diesen natürlichen .Vorgang zu beschleunigen, sei aber die Anspannung aller unsere'r Kräfte notwendig. Generalsekretär der zionistischen Weltorganisation S o k o 1 o w: Eine Heimstätte für das jüdische Volk -in Palästina — ein Ziel, aufs innigste zu wünschen — und ich glaube, es gibt kaum einen Menschen in oder außerhalb dieser Versammlung, der das Wünschenswerte dieses Zieles bestreiten würde. So gibt es aber Menschen, und Menschen, die sich Juden nennen, außerhalb und vielleicht auch innerhalb dieser Versammlung, die die Frage stellen, ob dieses Ziel erreichbar sei. Diese Frage möchte ich beantworten und einen kleinen Blick auPdie Gegenwart und auf die Zukunft werfen. Ein Naturforscher formulierte die | Bedingungen des materiellen Fortschrittes folgendermaßen: Einen ^genügenden Vorrat an Energie in richtiger Weise zu verwenden. Haben wir Energie genug, um unser Ziel zu erreichen, und wie sollen wir. diese Energie schaffen, und wenn wir diese Energie schon geschaffen haben, wie sollen wir sie so verwenden, daß wir in sicherster Weise unser Ziel erreichen können? Das sind die großen Probleme, mit denen sich der Zionismus befassen muß. Die Energie ist nur die Folge einer gewissen Erkenntnis, und der Zionismus ist eine gewisse Erkenntnis. Es ist schon mehrmals gesagt worden, der Zionismus bilde eine Weltanschauung. Was ist zionistische Weltanschauung, lind wodurch unterscheiden wir uns von den anderen? Wo liegen die Differenzpunkte zwischen uns, den Zionisten und den Aiitizionisten? Welche Ueberzeugungen müssen der jüdischen Gesamtheit beigebracht werden? Das sind die Fragen, mit denen sich die Organisation und die Propaganda zu befassen haben. (Redner schildert die Unterschiede zwischen dem Golus- Judentum und der zionistischen Bewegung). Man muß däs jüdische Leid empfinden, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß man dem zionistischen Ideale zustreben müsse. Die Vorbedingung ist die jüdische Einheit. Das nationale Prinzip ist eine Grundlage des Zionismus. Deshalb ist die Propaganda der nationalen Idee eine Vorbedingung des Zionismus. Das Judentum kannsich jetzt ebensowenig gesund entwickeln, wie der jüdische Volksorganismus. Jüdisches Können und jüdisches Wissen müssen im Volke verbreitet werden, das ist eine Vorbedingung des Zionismus. Die Frage der Schaffung der Energie ist durch diese Antworten einigermaßen gelöst worden. Die Energie ist geschaffen durch das Bewußtsein. Ein historisches Beispiel. Als Jellinek, einer der größten jüdischen Prediger, s. Zt. Leo Pinskers „Auto-Emanzipation“ gelesen hatte, fühlte er sich tief gerührt von der Darstellung des jüdischen Leides in Rußland. Als er jedoch zum positiven Teil der Broschüre überging, sagte er Dr. Pinsker: „Lieber Freund, Sie scheinen sehr leidend zu sein, gehen Sie nach Italien! Italien hat ein sehr mildes Klima, und Sie werden dort Linderung finden für Ihr Leiden.“ Dieses Urteil ist bezeichnend für die ganze Anschauung, die in den Kreisen unserer Gegner vorherrschend vifar und noch bis auf den heutigen Tag dominiert lind das ist namentlich die Anschauung von der Vergänglichkeit des jüdischen Problems. Nach jedem Pogrom suchten die Optimisten die Schuld auf ein anderes Volk abzuwälzen. Bei dem Pogrom in Warschau hieß es: das waren die Nischni-Nowgqroder, und wie in, Nischni-Nowgorod der Pogrom äusgebrochen war, da hieß es — das waren nicht die Großrussen, und ebenso wurde bei Kischinew die Schuld auf die Rumänen geschoben. Wir müssen die Gesamtheit der Juden für uns gewinnan, und da haben Sie die Antwort, wie wir unsere Energie änwenden sollen und was wir zu machen haben. Seien Sie ein Volk und politisieren Sie wie ein Volk, treiben Sie keine Kannegießerei und fragen Sie nicht nach der letzten Post aus Konstantinopel. Unsere Lage ist heute besser denn je, und dieses Bessersein beruht nicht darauf, daß der eine oder der andere uns Zusicherungen gemacht hat. Nun, diese Zusicherungen wären uns nichts wert. Die Garantie, die Bürgschaft des Besserseins unserer Lage im türkischen Reiche liegt nicht in der momentanen politischen Konstellation oder schlechten Laune der Machthaber, der Einzelnen, sondern in der Logik der Entwickelung, in der aufsteigenden Linie des Fortschritts, weit wir wissen, daß wir eine gerechte Sache vertreten, und weil wir wissen, daß wir daß Interesse einer Macht in Einklang bringen müssen mit unseren eigenen Interessen. Und deshalb, von diesem Standpunkte aus, müssen alle diese Verhältnisse betrachtet werden, und in diesem Lichte scheint die Lage jetzt viel besser. Aber diese bessere Lage stellt an uns höhere Ansprüche, und diese Ansprüche bestehen darin, daß wir unsere Organisation stärken müssen. Es genügt nicht, wenn wir mit abstrakten Argumenten kommen. Wir brauchen die Majorität des jüdischen Volkes. Wir müssen den Zionismus in den bisherigen Organen kräftigen, und wir müssen immer und immer wieder unentwegt ins Volk gehen, in die Massen dringen und mit allen Mitteln der Agitation und der Propaganda arbeiten. Nicht kämpfen wollen wir, sondern Werke tun, zum Wohle und zum Heile unseres Volkes. Es war eine imposante Versammlung, die den Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird, es war eine Feier, die Zeugnis abglegt, von der einmütigen Begeisterung östlicher und westlicher juden und ihrer treuen Hingabe an das Zionsideal, eine Feier endlich, deren würdiger Verlauf und deren vortreffliche Vorbereitung ein Verdienst unserer pflichteifrigen oberschlesischen Gesinnungsfreunde ist. Ihren Abschluß fanden die Feierlichkeiten durch einen glänzenden Kommers, der am späteren Abend des denkwürdigen Erinnerungstages abgehalten wurde, und der die meisten Teilnehmer der Feier noch einmal vereinigte. Der neunte Kongreß. Von Adolf B ö h m, Wien. (Schluß.) Der Arbeitsplan. Der Zionistenkongreß hat nach dem Statut den Arbeitsplan für die Jahre bis zum nächsten Kongreß festzustellen. Ich brauche hier nicht erst weitläufig auseinanderzusetzen, daß der Kongreß nicht in der Lage ist, ein detailliertes Arbeitsprogramm für diese Periode zu beschließen, sondern nur die Grundprinzipien festlegen kann, nach welchen vorgegangen werden soll. Dies wird der neunte Kongreß um so leichter tun können, als grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten nicht bestehen. Es wird ausgesprochen werden, daß die zionistische Organisation die Möglichkeiten, welche sich durch den Umschwung in der Türkei bieten, sowohl für ihre politische, als auch für ihre praktische Arbeit voll ausnützen muß. Darunter wird eine ständige Fühlungnahme mit dem neuen Regime, eine fortgesetzte Aufklärung der öffentlichen Meinung in der Türkei (namentlich durch die Presse), eine Bewerbung um Konzessionen aller Art, sowie eine systematische Arbeit in Palästina verstanden werden. Speziell wird die Frage der Agrarbank im Vordergrund der Diskussion stehen. Wenn auch der Zeitpunkt ihrer Gründung von den Fortschritten abhängt, welche die Modernisierung der türkischen Gesetze macht, und die Bank auf jeden Fall erst in Jahren praktisch arbeiten können wird, so sollte der Kongreß doch mit allem Nachdruck die Notwendigkeit, eine Agrarbank zu begründen, betonen. Denn der formellen Gründung steht kein Hindernis entgegen, als die Unmöglichkeit des Bodenerwerbs in der Türkei für juristische Personen. Es ist leicht möglich, daß dieses Hindernis bald beseitigt wird, so daß man an die Gründung der Bank wird schreiten können. Es macht dabei nichts aus, daß sie erst nach weiteren Reformen der türkischen Gesetzgebung und zwar solchen auf dem Gebiete des Bodenrechtes praktisch arbeiten können wird, denn mit der Kapitalsbeschaffung, sowie den juristischen und technischen Vorarbeiten wird ohnehin geraume Zeit vergehen. Die Frage ob und wie sich der Nationalfond an dem Werke der Agrarbank beteiligen soll, welche für unsere Bewegung eigentlich die wichtigste in bezug auf die Agrarbank ist, kann unmöglich am Kongreß entschieden werden. Denn ihre Lösung erfordert eine sehr gründliche und langanhaltende Erörterung in der Partei; sie darf nicht einer zufälligen Majorität überlassen werden. In dieser Frage gibt es auch kein Ueberstimmen, sondern nur eine Verständigung. Ich denke, daß durch die neu zu wählende Leitung Vorschläge zu machen sein werden, die dann die Grundlage einer eingehenden Parteidiskussion bilden müssen. Die Jahreskonferenz 1910 hätte dann die Entscheidung zu treffen und der zehnte Kongreß sie zu ratifizieren. Leider ist kein anderer Vorgang möglich, denn wir werden, wie es scheint, ebenso wie es beim achten Kongreß war, auch zum neunten vollkommen unvorbereitet kommen. Bisher sind uns keine Vorlagen, welche die Leitung machen wird, bekannt geworden. Ich resümiere meine Ausführungen über den neunten Kongreß, die ich leider sehr knapp halten mußte, in folgenden Sätzen; 1. Programm. Das Baseler Programm muß unverändert bleiben. Es wäre gut, wenn am Kongreß erklärt würde, daß es nichts enthält, was gegen die Integrität der Türkei gerichtet ist. 2. Leitung. Die Leitung soll nach Berlin verlegt werden, wo mindestens drei Mitglieder des EAC wohnen müssen. Die Ostjuden müssen in der Leitung vertreten sein. Unsere Geschäftsführer in Konstantinopel und Jaffa sollen ins A. C. gewählt werden. Die Bestellung in die Leitung soll nicht ehrenamtlich erfolgen. 3. Organisation. An dem Statut soll nichts geändert werden, es wäre denn, daß die Bestimmung über die Bildung interterritorialer Föderationen gestrichen wird. 4. Arbeitsplan. Der Kongreß soll sich mit allem Nachdruck für die Gründung einer Agrarbank aussprechen. Brief aus Mähren. Das mährische Judentum zeigt im allgemeinen ein recht farbenreiches Bild. In kleine Partikelchen zerteilt, in den Städten und in den Dörfern zerstreut, behält es nochseine Eigenart aus einer Art von Trägheit und dank jener unbewußten, unzerstörbaren jüdischen Nationalkraft, die mit staunenswerter Zähigkeit weiterlebt. Die einzelnen, einst so stolzen Gemeinden, die jede ihre Geschichte und ihre Chronik hat, gehen jämmerlich zurück, bis auf einige große Städte, in denen die jüdische Bevölkerung neueren Ursprungs ist und jene traurigen Typen aufweist, die man atis der Großstadt sattsam kennt. Das flunkerhafte, herzlose Manchestertum der Kaminenstadt Brünn hat mit dem historischen mährischen Juden gar nichts gemein. Aber auch das mährische Landjudentum — einst eine Zierde der Nation — degeneriert furchtbar. Die „Jüdischkcit“ ist jetzt fast verschwunden; der Spießbürger, der gedankenlose Erwerbsmensch, das sind noch die einzigen Gestalten, denen wir hier begegnen. Da ja Mähren bekanntlich ein Tummelplatz nationaler Wirren und sprachlicher Grenzstreitigkeiten ist, wurden auch die Juden vielfach in Mitleidenschaft gezogen und wiewohl sie am liebsten der ganzen Politik aus dem Wege gehen möchten, sind sie oftmals gezwungen eine passive Rolle in dem nationalen, leidenschaftlichgeführten Kampfe zu spielen.Die germanisatorischzentralistische Tätigkeit Kaiser Josefs II. hat bei den Juden Mährens und auch sonst den fruchtbarsten Boden angetroffen. Sie zeigen eine gewisse Hinneigung zürn Deutschtum, selbst in den rein tschechischen Landstrichen Mährens (im scharfen Gegensätze zu

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