Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Jubilare der Kattowitzer Konferenz von 1684 Davidsohn-Warschau ünd Pin es-Roschany Waren als ’ offizielle Vertreter anwesend, für das Zionistische Aktionskomitee HerrNahum S ok olow-, Köln, für das Odessaer Komitee" Herr Dr. J.- Klaosner-Odessa,. für das Russische Zentralkomitee Herr F a r b s t e i n-Warschau, für das Deutsche Zentralkomitee Herr Dr. Leszynsky- Bcrlin, für das Westösterreichische Zentralkomitee Herr Dr. Emil Margulies-Prag, für das Galizische Zentralkomitee Abgeordneter Adolf Stand- Wien, für das Distriktskomitee für West-Galizien Herr Dr. Wahrhaftig und Herr Dr. H i 1 f ste in- Krakau, für das Distriktskomitee Mähren und Schlesien Dr. Lichtwitz und Rabb. Dr. Friedmann. Die zionistischen Vereine Bielitz, Troppau, Krakau, Mähr. Ostrau, Oderberg, Chrzanow, Tarnow, Freudenthal, Breslau, Posen, Warschau, Lodz, Bialistök, Nova Radomsk, Petrikow, Dombrowa, Zawierze, Bendzin, Sosnovice, Kalisch, die akademischen Verbindungen im KZ.V., im B.J.C. und der V J.St.-Breslau, wie die Jüd.-akadem. Verbindung „Kadimah“ Wien, die lüd.-akadem. Verbindung „Unitas“ Wien, und die Ferialverbiridung „Emunah“ Bielitz waren ebenfalls durch spezielle Delegierte vertreten. Die Feierlichkeiten wurden mit einer Festsitzung eingeleitet. Lange vor Beginn war der Saal von einer dichtgedrängten Menge gefüllt, in der besonders die große Zahl unserer Brüder aus dem Osten auffiel. Als das Präsidium, geführt von dem Vorsitzenden der Kattowitzer Ortsgruppe, Herrn Arnold Wiener, den Saal betrat, wurde es stürmisch akklamiert, und man huldigte besonders lebhaft den beiden anwesenden Teilnehmern der Kattowitzer Konferenz von 1884, Davidsohn-Warschau und Pines-Roschany. Nachdem Herr Wiener die Versammlung begrüßt und auf die Bedeutung der Feier in längeren Ausführungen hingewiesen hatte, folgte eine Reihe von Begrüßungsansprachen. Im Namen des zionistischen Aktionskomitees sprach Herr Sok o 1 o w, der in Vertretung des durch Krankheit verhinderten Präsidenten Wolffsohn erschienen war, es sprachen ferner für das Odessaer Komitee Dr. Klausner, für das russische Zentralkomitee Herr Farbstein, für die zionistische Vereinigung für Deutschland Rechtsanwalt Dr. L e s z c z y n s k y, für die österreichische Landsmannschaft Advokat Dr. Emil Margulies usw. Mit jubelndem Beifall wurden besonders die Reden der beiden Veteranen der Kattowitzer Konferenz aufgenommen, die ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, soviel Jugend im Saale zu sehen, der schönste Beweis, daß die Ideen der Männer von 1884, die alle schon damals im reifen Mannesalter standen, die jungen Herzen gewonnen hatten. Nach Verlesung zahlre:cher Begrüßungstelevortrag, über die historische •Bedeutun^vder Katto-J witzer Konferenz. Es war Leine' streng sachliche Würdigung der Bedeutung,.die die Kattowitzer Konferenz für die Kolonisation Palästinas gehabt hatte. Zum Schluß polemisierte der Redner gegen die viel-- fach verbreitete Anschauung, daß die bisherige Kolonisation für das zionistische Zukunftsideal bedeutungslos sei, und betonte, daß ohne die bisherigen Leistungen in Palästina derZionismus aus dem theoretischen Stadium nicht herausgekommen und immer reine Idee geblieben wäre. An den Festakt schloß sich ein Festessen, bei dem unter anderem Herr Sokolow eine begeistert aufgenommene Ansprache hielt. Am Nachmittag fand eine Volksversammlung statt, zu der 1500 Personen sich eingefunden hatten. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Gg. Dr. Thon, Krakau, sp/ach über das Thema „Von Kattowitz bis Basel“, Er führte ungefähr aus: Von Kattowitz bis Basel ist ein weiter Weg. Das jüdische Volk hat aber diesen Weg in der Luftlinie rasch durchflogen. Versuchen wir die Distanz einmal abzumessen. Kattowitz war ein Anlauf, Basel ist eine Bahn, eine Richtung, geworden. Kattowitz war eine Idee, eine Konferenz, Basel ist ein Program, eine Kongreß, geworden. In Kattowitz kamen 31 Einzelne zusammen, hinter denen niemand stand, außer ihrem eigenen großen Idealismus, außer ihrer großen Begeisterung. Als wir das dritte Mal nach Basel kamen, -standen hinter unseren Delegierten Massen von Hunderttausenden, die uns geschickt haben. Soweit ist der Weg von Kattowitz bis Basel. Es ist der Weg vom stillen leisen Wunsche bis zum großen energischen machtvollen Wollen. Es ist der Weg von den tausend zögernden Versuchen bis zur großen selbstbewußten siegessicheren Tat. Solche weite Distanzen, pflegen andere Völker in Jahrhunderten zu durchschreiten,' das jüdische Volk hat den Weg in nicht ganz 13 Jahren zurückgelegt. Das jüdische Volk muß sich beeilen, wenn es mit halbwegs geraden Gliedern noch und mit unverkrüppelter Seele an das Ziel gelangen will. Doch lassen Sie mich zunächst einiges über Kattowitz und über „Vor Kattowitz“ sagen; Was galt im 19. Jahrhundert Palästina dem modernen Juden? Ich ' spreche nur vom modernen Juden. Das Verhältnis der orthodoxen Juden zu Palästina stand unverrückbar fest — es war in der ganzen Reihe der Jahrhunderte ein Teil seines großen religiösen Bekenntnisses, und wie die Religion selbst, war ihm Palästina etwas Transzendentes, das vollständig der Wirkungssphäre menschlicher Arbeit entrückt ist. So kam es, daß Palästina das letzte Ziel frommer Leute geworden ist. Die Chalukka hat für Palästina und das jüdische Volk nie einen positiven Wert bedeutet. Anders war aber das Verhältnis des modernen fortschrittlichen Juden zu Palästina. Da müssen wir aber sehr streng unterscheiden zwischen den sehr konsequenten und den minder konsequenten Assimilanten. Als Vertreter des ersten Typus nenne ich etwa Abraham Geiger, als Vertreter des letzteren Typus nenne ich so manche leitende Persönlichkeit der jüdischen Großgemeinden. Geiger war ein Theologe und ihm war Palästina ein abstrakter theolo- Seite 2 ' lUülSCHE ZEITUNG. - gramme hielt Herr Dr. Sä n’dj erfBresiäü den Festsie sich errungen! Der Unglücksmensch! Und jetzt wird er für drei, vielleicht für mehr Jahre seinen Angehörigen entrissen. Unglücksmensch!“ Mit einem heftigen Fußtritt öffnete der Offizier das Pförtchen zur Villa des Obersten, welche hinter ihm krachend ins Schloß fiel. „Der Zugsführer Nathan Goldfinger wird für das Verbrechen der Subordinationsverletzung, begangen an einem Vorgesetzten Offizier, zu drei Jahreu Festungshaft und zur Degradation zum Infanteristen, mit der Unfähigkeit, je wieder in einen höheren Rang vorzurücken, verurteilt.“ So hieß es mehrere Wochen nach dem geschilderten Vorfälle im Regimentsbefehle; der Oberleutnant G. von K. wurde wegen Provokation eines Untergebenen zum X Regimente transferiert * * Am 20. August 1878, als unsere Truppen in Bosnien und der Herzegowina operierten, ritt ein Offizier, in Begleitung zweier Landesschützen, mit einem Berichte an ein höheres Kommando entsendet, durch einen Waldpfad. Plötzlich wurden die drei Reiter von zwei Insurgenten aus einem Hinterhalt angeschossen. Die beiden Landesschützen, denen die Pferde unter dem Leibe getötet wurden, vermochten es, sich im Gebüsche zu verlieren, während der Offizier seinem Pferde die Sporen gab und davonjagte. Nach einem tollen, längeren Ritt zog er die Zügel an, um setn Pferd im Trab laufen zu lassen — als der Rappen tot zusammenstürzte. Während der Offizier, untröstlich über den Verlust, noch Umschau hielt, welche Richtung er einzuschlagen habe, sah er die beiden Verfolger am Hügelkamme auftauchen, welche, was sie nur laufen konnten, sich ihm näherten. Der Offizier rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, mit dem Säbel in der Faust, vor ihnen her. Da — ein kaiserlicher Soldat, eine Ordonnanz! Blitzschnell erfaßt er die Situation, kniet nieder, nimmt einen Insurgenten aufs Korn, ein Blitz, ein Knall — und im Blute wälzt sich der Türke, der andere ergriff die Flucht. Aufatmend geht der Offizier der Ordonnanz entgegen, und wie er ihm ins Auge sieht, erbleicht er. „Reserveinfanterist, Ordonnanz Goldfinger“, meldet der Soldat, ernst salutierend. „Sie sind es“? stammelt der Offizier. „Also ihnen habe ich mein Leben zu verdanken? Welch sonderbarer Zufall! Sagen sie es aber ehrlich: Hätten Sie, wenn Sie mich erkannt hätten, den Kerl auch dort niedergestreckt? Nicht wahr, Sie würden — was übrigens menschlich I verständlich wäre — sich im Gebüsche verloren haben?“ „Herr Oberleutnant! Wir stehen vor dem Feinde, und da ist wahrlich keine Zeit für unangenehme Reminiszensen. Ich habe Sie, Herr Oberleutnant, übrigens sofort erkannt. Aber Sie waren für mich nicht mehr der Offizier, dessentwegen ich degradiert und verurteilt wurde; ein Offizier der Armee, der ich anzugehören die Ehre habe, schwebte in höchster Gefahr, und da trat jedes persönliche Moment in den Hintergrund. Herr Oberleutnant gestatten, daß ich jetzt meinen Befehl weiter trage“. Salutierte und verschwand hinter einer Hügelkuppe. Lange starrte ihm der Offizier nach. „Jetzt wage ich es gar nicht mehr, ihm eine Geldbelohnung anzutragen — diesem stolzen Saujuden.“ fcrl 47 gischer Begriff , ohne.^Gegentyärt und selbstver- . ständlieHT ohne i Zukunft. Er sprach Vdanials die -Worte: ) „Was ist uns’Zion? eine verFäliehe Burgruine!“-Für sie'^var also selbstverständlich Palästina .abgetanfür . alle Ewigkeit.-- Anders aber "gestaltete sich das Verhältnis der nicht rgähz'1 'konsequenten . Assimilanten. Als die Alliance Israelile noch sehr jüdisch war, betrachtete sie; Palästina woh) auch nicht als das Land der Zukunft. Sie betrachiete es als ein Gebiet, wo man wenigstens sozial arbeiten konnte." Als ini Jahre 1872 Albert Cohn nach fünfzehn Jahren wieder-in Palästina weilte, kam er voll von neuen Eindrücken zurück-und-sprach: Ich-hoffe es noch zu erleben, Jerusalem zu der Stätte der Kultur und des Glückes gelangen zu sehen, die ihm gebührt. K a 1 i s c h e r predigte wirkungsvoll den Juden die Liebe zu Palästina. Ganz besonders war es Leo P i n s k c r, ein Mann von klarem Verstände, ein Mann von großem Herzen, der in kurzen präzisen Worten ein ganzes Projekt entwickelte. Erst war die Literatur. Dann kam es zur- Tat. Anfang der 80er Jahre brachen die ersten Jüdenkrawalle aus. Da gingen die ersten .Scharen von Schwärmern, Studenten, nach Palästina. Schlechter waren die Pioniere eines großen Werkes noch nie ausgerüstet. Sie hatten nichts, als ihre Begeisterung. Die neunmal Klugen haben es noch nicht gewußt, daß ohne Romantik nichts Reales geschaffen werden konnte. So rief Pinsker seine, Gesinnungsgenossen nach Kattowitz. In Kattowitz ist die ganze " zionistische Ideologie geprägt worden, so, wie sie bis auf einiges Unwesentliche bis auf den heutigen Tag für uns bindend ist. Sie verkündeten der Welt, daß das Judentum eine besondere Gemeinschaft, ein Volk ist, eine Tatsache, die bisher nur von Juden bestritten wird. Dann haben sie kundgetan, in Palästina eine Heimat für die Ewigkeit dem jüdischen Volke zu bilden. Dann haben sie festgestellt, daß die hebräische Sprache eine lebende Sprache ist. Große Werbekraft hatte das Kattowitzer Losungswort zwar nicht. Chowewe Zion war ein großes schönes Wort, aber es war nicht stark, es war nicht volltönend genug, um die Tat zu erwecken. Immerhin war Kattowitz eine zionistische Großtat. Es wurde eine Fahne aufgerollt, auf der das Zauberwort „Zionismus“ stand und um eine Fahne kann man sich scharen, und man scharte sich auch um sie. Und bald nach Kattowitz gab es keine Universität, in welcher nicht ein kleiner oder größerer Zirkel von zionistischen Studenten gegründet wurde. Es fehlte der Führer, der die Mittel ins Große wachsen ließe und der den Zweck groß und deutlich formulieren konnte. Damals kam uns Theodor Herzl. Erst kam das Buch und dann der Mann Es ist nur zu staunen über die ungeheure Intuition, die imstande war, den ganzen Komplex der Judenfrage zu erfassen. Er wollte ein Buch geschrieben haben und dann zu seinem edlen Berufe als Dichter und Denker zurückkehren. Aber da kamen zu ihm die jungen Leute und wiesen ihm einen noch edleren Beruf. Sie sagten ihm: „Fürder sollst du nicht Gedanken komponieren, du sollst Menschen führen!!“ Er hat dem jüdischen Volke Weg und Ziel gewiesen. Im Jahre 1897 war die Gründung einer großen jüdischen Tageszeitung beabsichtigt. Theodor Herzl wollte dazu die Summe von 300.000 Gulden zur Verfügung stellen. Wir gingen aus, um eine Zeitung zu gründen und haben den Baseler Kongreß beschlossen. In Basel wurde das Programm geschmiedet und die zweite Organisation geschaffen. Das Programm ist seither wie in Erz gegossen, und wir werden uns das Baseler Programm durch keine Macht wegnehmen lassen. Und die zionistische Weltorganisation ist das größte Ereignis in der jüdischen Diaspora. Wo hatte es je eine solche Organisation im Judentum gegeben. Es hat eine Zeit gegeben, wo wir eine ’/< Million Schekel-Zahler gerechnet hatten, d. h. nach Familien gerechnet, ca. eine Million Anhänger. Wir sind schon heute innerhalb des Judentums eine Macht, morgen werden wir die Macht im Judentum sein. Auf Einzelheiten will ich nicht eingehen. Im allgemeinen kann gesagt werden: das Baseler Programm hat sich bewährt. Wenn Sie uns heute vor sich sehen: wir stehen nicht als Sieger vor Ihnen, den Sieg haben wir noch nicht errungen. Wir haben noch sehr viel zu arbeiten. Es muß uns gelingen, dem türkischen Volke klar zu machen, daß das Judentum auch in seiner Erniedrigung ein staatserhaltendes Element gewesen ist, um wie viel mehr wird es staatserhaltend sein, wenn man uns in Freiheit und Recht wird leben lassen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Immer ist noch eine gewaltige Arbeit zu tun im inneren Judentum. Denn noch gehört seine Mehrheit nicht zu uns. Die Antizionisten sind auf dem Aussterbeetat. Aber Nichtzionisten gibt es noch sehr viele, und die müssen wir werben, die müssen wir gewinnen. Und wir werden Sie gewinnen! Wenn ich Kattowitz und Basel zusammenstelle, wenn ich mich frage: welches ist das Verhältnis dieser beiden Städte in unserer Bewegung, in der Geschichte des Judentums? Ich will es in kurzen Worten sagen: Ohne Kattowitz wären wir nicht nach Basel gekommen, aber ohne Basel wären wir heute nicht wieder in Kattowitz! (Stürmischer Beifall!) Sodann sprach Herr Reichsratsabgeordneter Stand, Wien: Es ist eine erwiesene Tatsache, daß gewöhnlich in der Gegenwart geschichtliche Ereignisse überschätzt und geschichtliche Ideen unterschätzt werden, und wenn wir überhaupt die Geschichte verschiedener Völker, und speziell unseres