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Jüdische Zeitung · 1909-11-19 · 47 (19.11.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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SO® sn.l Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße II, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparbassenkonto 104.067. *************** Nr. 47. Wien, Freitag den 19. November 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Organisiren wir! Die KattoWltzer Jubiläumsfeier. Der neunte Kongreß. Brief aus Mähren. Budapester Brief. Parteinachrichten. Zugsführer Goldfinger. Von Moritz Frühling. Von der Woche. Aus dem jüdischen Leben. Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnä'chrichten. Ueberläüfer. Organisieren wir! Die stetig fortschreitende Demokratisierung der ganzen Gesellschaft brachte es mit sich, daß an Stelle einzelner überragender Persönlichkeiten, die übrigens nur spärlich gesät sind, Parteien und Verbände die Richtung und Stärke der Entwicklung beeinflussen. Politik und Geschichte werden heute nicht mehr von den Führern, sondern von den Massen gemacht. Drum, wehe den Führern, die keineMassen hinter sich haben, und dreimal wehe den Massen, die nicht von einem zielbewußten Gesamtwillen erfüllt und in einer großen kampfbereiten und stets schlagfertigen Organisation vereinigt sind. Der Mangel an Organisation hat sich besonders schwer bei den Juden gerächt. In jedem Lande, ja in jeder Stadt haben sie andere Ziele, gehen sie andere, einander entgegengesetzte Wege. In tausend Lagern zerstreut, ohne Zusammenhang, sind sie gegen Angriffe, die gegen ihre Gesamtheit gerichtet sind, machtlos. Das hat sich in betrübender Weise in der letzten Zeit, anläßlich des Kampfes um den jüdischen Kataster für den Bukowinaer Landtag und anläßlich der ungerechten Macht- Zugsführer Goldfinger. Von Moritz Frühling. „Saujudl“ „Klitsch, klatsch!“ Blitzschnell hatte Oberleutnant G. von K., der seinen Zugsführer Natan Goldfinger also „schneidig“ apostrophierte, von diesem ein mit ebensolchem Elan verabfolgtes memento auf die Wange erhalten, die, in allen Farben des Prisma erglänzend, auf des Unteroffiziers beneidenswerte Muskulatur gleichsam ein Loblied anstimmte. Es war so schnell geschehen, daß der Offizier, vom erhaltenen Schlage betäubt, außerstande war, den Missetäter an Ort und Stelle zu durchbohren und dieser an den unmittelbar darauf den Kasernenhof betretenden Kompagniechef herantreten und ihm gehorsamst melden konnte, daß er sich, wegen Subordinationsverletzung, begangen an seinem Kompagnieoffizier, in den Arrest begebe. Der Hauptmannn war sprachlos; er schien die Meldung nicht erfassen zu können. Der Vorfall war aber auch zu ungeheuer, in der Geschichte der Armee so selten, fast einzig dastehend, daß es schwer ward, sich mit der Tatsache vertraut zu machen: ein Unteroffizier hat seinen Vorgesetzten, einen Offizier, geohrfeigt! entscheidung des Reichsgerichtes zur Evidenz erwiesen. Einen noch traurigeren Beweis liefert die wirtschaftliche Ohnmacht der galizischen Juden und der dort unter dem Schlagworte: „Kaufet nur Landesprodukte“ betriebene ökonomische Antisemitismus. Der lose Zusammenhang der jüdischen Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibenden ist darum ein nationales Unglück. Zusammenfassung ist daher das dringendste Bedürfnis unserer Volkspolitik. Das haben die ersten zionistischen Führer sofort erkannt und erst die zionistische Bewegung brachte den Juden die Ansätze dessen, was ihnen am meisten abging: Organisation und Disziplin. Und darin liegt in hohem Maße der Grund, daß selbst die lauesten und indifferentesten Kreise des Judentums zum Zionismus Stellung nehmen. Denn sie fühlen: was jetzt, dank dem Zionismus vor sich geht, ist Schaffung eines Massenwillens, des mächtigsten Faktors im Werden und Wachsen des gesellschaftlichen Lebens. Leider hat dieses instinktive Bewußtsein noch nicht vermocht, alle jüdischen VoIkskreiser zusammenzüschmieden. Noch liegt den jüdischen Massen der Golus mit seiner trostlosen Zerrissenheit in den Gliedern. Wohl ist ein großer Teil des jüdischen Volkes erwacht und hat staunend mit den ans Dunkel gewöhnten Augen in das Licht der Volkshoffnung und Freiheit geblickt, aber noch haben viele nicht vollständig begriffen, daß es bereits tagt. Die Masse liebt das Sinnfällige; sie begnügt sich nicht mit Prinzipien, Programmen und Proklamationen; sie will mit leiblichen Augen sehen, will Vor- und Nachteile genau berechnen und abwägen können, nicht nur in der Ueberlegung, sondern mit dem Bleistift und der Hauswage. Diesem Massenbedürfnis nachzukommen, gebietet sowohl politische Klugheit als auch die Liebe zum Volke. Aber da stand er ja, wie ein Haufen Unglück, und seine leuchtende Wange bestätigte nur zu sehr das schier Unglaubliche. Wie von einer Natter gebissen schrie jetzt der Hauptmann auf: „Zugsführer! Unglücksmensch! Was . . . was . . . was haben Sie denn getan?“ „Der Herr Oberleutnant hat mich beleidigt, nannte mich Saujud“, gab der Unteroffizier ruhig zur Antwort. „Und anstatt sich vorschriftsgemäß zu beschweren, anstatt bei Ihrem Hauptmann um Satisfaktionsverschaffung anzusuchen, begehen Sie, Zugsführer! Unglücksmensch! das größte militärische Verbrechen, die Subordinationsverletzung? Abführen! ln die Präventivhaft mit dem Zugsführer!“ donnerte er den inzwischen herbeigeeilten Feldwebel an. Und zu dem noch immer sprachlos dastehenden Offizier: „Begeben Sie sich unverzüglich in Ihre Wohnung, Herr Oberleutnant, die Sie bis auf weiteres nicht verlassen dürfen, ich werde dem Herrn Oberst Meldung erstatten.“ Sprach’s, warf dem Unglücklichen noch einen verächtlichen Blick zu und verließ spornklirrend den Kasemhof. „Mußte er auch gerade meinen besten, intelligentesten Unteroffizier anrempeln, der Unglücksmensch“, murmelte am Kiesweg längs der Kasernenmauer hinschreitend der Hauptmann, indem er, Unser nächstes Ziel ist die Organisierung aller Juden. Werden die Juden einmal im Sattel der Organisation sitzen, das Reiten werden sie schon lernen. Aus diesen Betrachtungen folgt: Organisieren wir die Juden auf Grundlage ihrer Gegenwartsbedürfnisse! Vereinigen wir sie in Fachverbänden; bauen wir den hebräischen Schulverein und den jüdischen Nationalverein aus! Kräftigen wir die bereits bestehenden Verbände der jüdischen Schänker und Trafikanten! Agitieren wir für die Schaffung von ähnlichen Verbänden, wie Handwerker- und Kleinhändlervereinigungen! Gründen wir jüdische Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften! Organisieren und regeln wir den Kredit! Untersuchen wir das gesamte jüdische Leben und bemühen wir uns an Stelle des Chaos Ordnung, an Stelle der tausend und abertausend einander widerstrebenden, ohnmächtigen Einzelexistenzen geschlossene zielbewußte Körperschaften zu setzen! Wenn wir so handeln, so werden uns die jüdischen Massen folgen und uns unbeschränktes Vertrauen schenken. Mit der Zeit werden sie unsere Wege und Ziele verstehen lernen und der Zionismus wird das werden, was sein großer Führer aus ihm machen wollte: nicht eine Partei im Judentume sondern das Judentum selbst! M.... Die Kattowitzer Jubiläumsfeier. (Von unserem Berichterstatter.) Mit einer Reihe von Festveranstaltungen wurde, wie bereits kurz berichtet, am 7. November in Kattowitz das 25-jährige Jubiläum der Kattowitzer Konferenz gefeiert. Eine überaus große Zahl von Gesinnunnsgenossen aus Deutschland, Oesterreich und Rußland hatten sich eingefunden. die Öffizierskappe in der Rechten, mit derLinken über die Glatze strich, was er immer in aufgeregtem Zustande zu tun pflegte. „Muß denn auch der Kasemenhof zum Tummelplatz antisemitischer Rohheiten herabgewürdigt werden? Himmelkreuzdonnerwetter! Wenn es nach mir ginge, ich sperrte den Oberleutnant für genau so lange ein, als nun dieser Unglücksmensch hinter den Festungsmauern wird zubringen müssen. Beschweren! Das Reglement hat es leicht vorschreiben! Beschweren, während einem das Blut in die Schläfen steigt! Dieses Wort mußte dem Unglücksmenschen furchtbar in den Ohren gegellt haben, wenn er sich sosehr vergaß! Verflucht noch einmal! Was eigentlich hat ein k. k. Zugsführer mit einem Jud oder Christ gemeinsam? Soldat ist er und basta! Ob er tüchtig ist, darauf kommt es an! Fragt etwa in Kriegsläuften auch die Kugel nach der Konfession? Hatten etwa die Hiebe, die jüdische Soldaten des 14. Regiments den Franzosen in der Dogana bei Magenta erteilten, nicht so gut gesessen, wie die christlichen Streiche? Und habe ich die jüdischen Soldaten am Zypressenhügel bei Solferino, in diesem Hexenkessel, nicht ebenso zu Dutzenden fallen gesehen, gleich ihren nichtjüdischen Kameraden? Und bei Königinhof! Und bei Chlum! Gleich zwei goldene Tapferkeitsmedaillen in einer Stunde, in einem Regiment, dem 6., haben

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