Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 46 wenden. Die Unzufriedenheit, speziell der ungarischen Bauern, erscheint sehr begreiflich, wenn man berücksichtigt, daß 32'29 Prozent der Gesamtbodenfläche Ungarns (also nicht viel weniger als die Hälfte) sich in den Händen der Latifundienbesitzer befindet! Dieses Ueberwiegen der Latifundienbesitzer verursacht nicht nur den Lebensmittelmangel in Ungarn, sondern auch die zunehmende Teuerung, die wieder dazu beiträgt, die ungarische Industrie konkurrenzunfähig zu machen. Nun ist aber Ungarn ein Agrarstaat und braucht vor allem einen gesunden Bauernstand. Das Heilmittel Ungarns — das einer wirtschaftlichen Katastrophe entgegen geht, — lautet daher klipp und klar: Reform der Bo den ve rhältnisse! Das Land den Bauern! Um nun eine solche gegen den Großgrundbesitz gerichtete agrarsozialistische Bewegung in Ungarn von den Magnaten abzulenken, blasen die Antisemiten zum Sturm gegen die Juden und alle magyarischen Chauvinisten gegen „Wien“ und die österreichischen Völker. Was nun die Juden betrifft, so leisten sie noch immer jener magyarischen Koalition Heeresfolge, die mit ihrer bisherigen „Tätigkeit“ sich als Bahnbrecherin der Christlichsozialen erwies und deren gesamtes Regierungssystem ein antisemitisches Gepräge trägt. Jüdische Mittelschullehrer erhalten, sofern sie sich mit keinem Taufschein ausweisen, keine Stellung, jüdische Richter werden äußerst selten ernannt, im autonomen Verwaltungsdienste aber werden prinzipiell keine Juden angestellt. Kurzum, auf allen Gebieten des politischen und ökonomischen Lebens werden die Juden in „Judaeo-Magyarien“ zurückgedrängt bei totalem Stillschweigen der jüdischen Abgeordneten, die immer dort das große Wort führen, wo es sich um unsinnige staatsrechtliche Querelen und eine chauvinistische Hetze gegen die n ichtmagyarische Bevölkerungsmehrheit handelt. Hier knüpft nun die neugegründete christlichsoziale Fraktion an, die ja nur in Ungarn einen linken Flügel der katholischen Volkspartei bildet und sich mit dieser früher oder später vereinigen wird. Die ungarischen Christlichsozialen fordern die Ausschaltung der staatsrechtlichen Fragen, proklamieren Toleranz gegen die nichtmagyarischen Nationalitäten und erklären ihr „Hauptgewicht auf großzügige Sozialreformen“ zu legen. Die Analogie zur seinerzeitigen Entstehung und Ausbreitung der österreichischen Christlichsozialen liegt also klar zu Tage. Und wahrlich die Chancen für die ungarischen Christlichsozialen sind äußerst günstige. Die Verfassungspartei hat überhaupt in den breiten Volksschichten keinen Anhang, die Unabhängigkeitspartei aber steht vor ihrer Spaltung*) . . Berücksichtigt man endlich den Umstand, daß in Ungarn, als Agrarland die industriezentrische marxistische Sozialdemokratie nie in dem Maße Wurzel fassen kann, wie in Cisleithanien, so muß man ohneweiters zugestehen, daß die neue Partei, die in ihrer Mitte radikal-antisemitische Elemente beherbergt, eine große Zukunft hat Die ungarischen Juden ernten nun die Saat jener assimilatorisch-magyarisch-chauvinistischen Politik, die sie bei den Deutschen, Slawen und Rumänen verhaßt machte, gleichzeitig aber den magyarischen Antisemitismus züchtet Seit mehr als einem Jahrzehnt haben wir — leider vergeblich - die ungarischen Juden gemahnt, mit ihrer verhängnisvollen Politik einzuhalten. Wie Recht wir hatten, beweist die Organisierung der magyarischen Christichsosialen. Mit Spott und Hohn oder durch Totschweigen wird man sie ebensowenig aus der Welt schaffen, als man es *) Wir verweisen auf die jüngste Rede J u s t h s, die zahlreiche Spitzen gegen Kossuth enthielt. mit dieser Taktik nicht vermocht hat, den Siegeslauf der österreichischen Christlichsozialen zu hemmen. Pflicht der ungarischen Zionisten aber ist es, in dieser trüben Zeit Ungarns Juden aufzuklären, sie vom magyarischen Chauvinismus loszulösen und auf jüdisch-nationaler und demokratischer Basis zu organisieren. Parteinachrichten. Makkabäerfeier der Wiener zionistischen Korporationen. Die Vorarbeiten für die am 1. Dezember 1909 im großen Sofiensaale stattfindenden Makkabäerfeier sind im vollen Gange. Die Feier findet in Form einer Akademie mit nachfolgendem Tanz statt. Die Akademie erscheint dadurch gesichert, daß der k. k. Reichratsabgeordnete Herr Dozent Dr. Arthur Mahler in bereitwilligster Weise die Festrede übernommen hat und daß es dem Komitee' geglückt ist, einige ganz hervorragende Kunstkräfte heranzuziehen. Es haben Frl. Helene Oberländer, Mitglied der Volksoper, Herr Georg Reimers, k. k. Hofburgschauspieler und Herr Josef Schwarz, k. k. Hofopernsäner, ihre bestimmte freundliche Zusage gegeben. Mit Rücksicht darauf, daß das Reinerträgnis dem Jüdischen Nationalfonds und dem Jüdischen Studentenheim zufließt, ist zu erwarten, daß die Gesinnungsgenossen die regste Agitation entfalten und die weitesten jüdischen Kreise für die Feier interessieren werden. Das Komiteelokal befindet sich im zionistischen Bureau IX., Türkenstraße 9, wohin alle Zuschriften erbeten werden. Dortselbst ist auch der Zentralkartenverkauf. Die Preise der Plätze sind: Logen . . . K 30.— Parquett . . K 5.— Cerclesitz . „ 10.— Seitenparquett „ 4. - Seitencerclesitz K 6. — Parterre . . „ 3.— Entree K 2.— Karten sind außer im Komitteelokal erhältlich bei allen Korporationen sowie in folgenden Caf£häusern zu erhalten. Caft: Marienbrücke I., Rotenturmstraße 31, Caf6 Louvre . . I., Wipplingerstraße 27, Cafe Jägerhof . . IX., Porzellangasse 22, Cafe Mariahilf . VI., Mariahilferstr. 89 a, Cafe Gartenbau . I., Parkring 10! Die Saaleröffnung erfolgt um 8 Uhr, der Beginn der Feier präzise 9 Uhr. Während der Vorträge bleiben die Saaltüren geschlossen. * * * Der neunte Kongreß. Die Kongreßwahlen. Wiederholt haben bereits einige Landsmannschaften Delegierte gewählt, welche nicht ihrem eigenen Verbände angehörten. Die österreichische Federation hat diesen Vorgang stets als unzuläßig erachtet und beschlossen innerhalb ihrer eigenen Organisation keine auswärtigen Mandatswerber als Kandidaten für Kongreßmandate zuzulassen. Ein vollständiges Novum scheint aber diesmal bei einigen Landsmannschaften: Rumänien, Amerika, Kanada, Südafrika Platz zu greifen. Durch die Einberufung des Kongresses auf einen sehr ungünstigen Zeitpunkt, ist es den meisten Angehörigen dieser Federationen nicht möglich, zum Kongresse zu kommen. Daher sind ihnen von derZentraleausListen mit Wahlvorschlägen zugegangen. Dieser Vorgang muß als unzuläßig bezeichnet werden, umso mehr als die wichtigste Frage auf dem Kongresse, die Wahl der Leitung sein wird. Es geht nicht an, daß die jetzige Leitung auf die Zusammensetzung des Kongresses irgend einen Einfluß nimmt. Nachdem die solcherweise zustandegekommenen Wahlen unbedingt angefochten und auch als ungiltig erklärt werden müssen, so wäre es besser, wenn dieserVorhaltdazu führen wü rd e, daß von diesem Vorgänge von vornherein abgesehen würde. * * * Wahlresultate. Im innerösterreichischenDistrikt wurden folgende Delegierte bezw. Ersatzmänner gewählt: I, Wahlkreis: Delegierter: Dr. Isidor Margulies. Ersatzmann: Heinrich Lederer. II. Wahlkreis: Delegierter: Adolf Böhm. Ersatzmann: Ingenieur Robert Strick eh III. Wahlkreis: Delegierter: Dr. Karl P o 11 a k. Ersatzmann: Dr. Viktor K1 e in z e 11 e r, (Triest.) IV. Wahlkreis: Delegierter: Dr. Robert Beer., Ersatzmann: med. Edwin Strauß. V. W a h 1 k r e i s: Delegierter: Dr. Ernst Müller. Ersatzmann: Dr. Egon Zweig. VI. Wahlh rei s: Delegierter: Dr. Leopold Meisei. Ersatzmann: Dr. Hermann K a d i s c h. VII. Wahlkreis: Delegierter: Frau Herma Feuerstein, (Graz)1 Ersatzmann: Karl Schwarz, (Graz.) Die Wahlbeteiligung war in einzelnen Wahlkreisen eine recht starke. In zwei studentischen Wahlkreisen wurden an Stelle der vorgeschlagenen Kanditaten, Angehörige studentischer Korporationen gewählt. * * * a. k. Lemberg. (Orig.-Korr.) Samstag den 6. d. M. wurde im Lokale des Vereines „Achwah“ die Wahl eines poale-zionistischen Delegierten zum IX. Kongreß vorgenommen. Gewählt wurde Dr. Max Rosenfeld. Montag fand die Wahl von drei bürgerlichzionistischen Delegierten im Lokole des Vereines Tikwath-Zion statt. Gewählt wurden die Gg. Gg. Dr. David Schreiber, Obmann des [ Lemberger D.-K. und Redakteur des „Wschod“, Dr. Alexander Hausmann, Obmann der galizischen Palästina- Kommission und J. S. Philipp, Nationalfond- Kommissär des galizischen Z.-K. Außerdem sind im Lemberger Distrikt folgende Kandidaten aufgestellt worden, deren Wahl wahrscheinlich ist: für Przemysl: Dr. MichaelRi ngel, Vizepräsident des Z.-K.; fürGliniany: Reichsratsabgeordneter Adolf Stand und Salomon Schiller, Leiter des hebr. Schulvereines als Ersatzmann; für Rohatyn: Dr. Leon Reich; für Z1 ocz6w: Dr.Heinrich Loewenherz und für Brody: Dr. Chaim Tartakower. Das Gesamterträgnis der im Lemberger D.-K. gesammelten Scheckei beträgt K 1873 60. * * * Mitteilung des Bureaus des IX. Zionisten- Kongresses. Der Wohnungs-Ausschuß hat in der Nähe des Kongreßgebäudes und des Hamburger Hauptbahnhofes durch besondere Vereinbarungen gute Zimmer in verschiedenen guten Hotels zum Preise von M. 2.75 inkl. Frühstück, Heizung und Licht belegt. Außerdem steht eine größere Anzahl von Räumen in erstklassigen Hotels zum Preise von M. 5.— an zur Verfügung. Bei Bestellung dieser Zimmer bitten wir, eventuell besondere Wünsche (Bad etc.) aufgeben zu wollen. Wir bitten, Bestellungen laut des untenstehenden Formulares baldigst an das Kongreß-Bureau gelangen zu lassen. Name, Adresse, Wieviel Zimmer, Wieviel Betten im Zimmer, Dauer des Aufenthaltes, von bis, Preis M. 2.75 inkl. Frühstück, für 1 Zimmer mit Bett, Preis’ M. 5.— inkl. [Frühstück, für 1 Zimmer mit 2 Betten, Preis von M. 5.— an. Das Hotel soll beim Hamburger Hauptbahnhof (Kongreß-Gebäude) liegen. (Nichtgewünschtes bitte zu durchstreichen),