Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Verb.*„Kadimah“ veranstaltete Abituriententag im Festsaale des Hotel Central statt. Diese Veranstaltung, die seit sechs Jahren wieder den ersten größeren Versuch auf dem Gebiete der Jugend-Agitation in Wien bedeutet, war glänzend besucht und nahm einen glänzenden Verlauf. Nahezu hundert Abiturienten aus allen Teilen der Monarchie waren zu der Versammlung erschienen und nicht das kleinste Kontingent hatten die Wiener Assimilanten- Söhne geliefert, die mit sichtlichem Interesse den Ausführungen der Redner folgten. In der Begründungsansprache, in der der Präses der Verbindung, Herr cand. ehern. Reichmann, den Zweck des Abituriententages auseinandersetzte, wies er auf die Notwendigkeit hin, die jungen Hochschüler über die neuen Verhältnisse aufzuklären, die sie auf akademischem Boden umgeben und auf die politischen lind'kulturellen Gefahren aufmerksam zu machen, tfie (hrer’äuf dem ungewohnten Gebiete der akademischen Freiheit warten. Hierauf ergriff Her J. U. C. Ernst Skutetzky von der akad. Verb. „Unita“ das Wort und skizierte in kräftigen Worten Zweck, Ziel und Ideale der jüd. nat. akad. Korporationen. Diese Rede schuf die Grundlage für dies richtige Verständnis der Ausführungen des folgenden Redners, des Herrn Emst Müller, aus Jaffa. Herr Emst Müller verstand es in vollkommen erschöpfender Weise aus dem Wesen des Zionismus und seinen bisherigen Leistungen und Ansichten in Palästina jene Konklusionen zu ziehen, die das Betätigungsfeld unserer Jugend in der jüd. Renaissance begrenzen; ein minutenlanger Beifallssturm entlohnte den Referenten für seine vorzügliche Rede. Den Höhepunkt des Abends bildete die Rede des alten Herrn der „Kadimah“ Dr. Fritz Löhner (Beda). Er sprach zu den jungen Leuten über das spezielle Thema der Aufgaben des jüd. nation. Akademikers. Nach drei Richtungen hin hat sich der jüd. Student zu entwickeln: Als Jünger der Wissenschaft, als Mensch im edelsten Sinne seiner Bedeutung und als der Sohn seines Volkes, der alles, was er an geistigen und irdischen Gutem erworben, mit opferwilliger Freude in den Dienst des Judentum stellt. Daß die feurigen Wqrte des Dr. Löhner auf keinen unfruchtbaren Boden fielen, bewies der nicht enden wollende Beifall, der seinen Ausführungen folgte. Nach dieser Rede wurde der Abiturententag geschlossen. Aus dem jüdischen Lehen. Maler Louis Loeb gestorben. Louis Loeb, der bekannte jüdische Künstler, ist im 43. Lebensjahre in Cleyeland (Ohio) gestorben. Loeb gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der jüngeren amerisanischen Kunst und erregte oftmals in Paris, wo er unter Geröme studierte, durch seine der dekorativen Richtung angehörenden Gemälde. , Aufsehen. Seine Porträts,‘worunter besonders dievon Israel Zangwill und “Jakob H. Schiff erwähnt seien, wurden vielfach mit Auszeichnungen gekrönt. * * ’ * Imbers 'Begräbnis. 'Mit Pomp und Ehren,* die‘ihm in 'seinem bewegten Leben versagt geblieben, ist am 10. Oktober Naphtali Herz Imbef, „der rasende Poet des Ghetto“. - auf dem Mount Sinai-Friedhofe in die kühle Erd.e gebettet worden. Im Leben ein ruheloser Wanderer, von Tür zu Tür gewiesen, von den Orthodoxen seiner Rasse wegen seiner Freigeisterei gemieden, von den Anderen nicht gewürdigt und mißverstanden, wetteiferte man nach seinem Tode um die Ehre, seinen Leichnam zu bestatten. Man hatte eine große Leichenfeier in der Attorney Str.rSynagoge geplant, aber es wurde nichts daraus. Die Leiche eines Renegaten sollte das Gotteshaus nicht entweihen. Und so kam es denn, daß die Bialykamiener Hilfsgesellschaft, deren Mitglied der Dichter war, ihm vom Gebäude der Edukätional-Alliance aus bestattete. Tausende begehrten Einlaß, und Tausende mußten wegen Raummangels abgewiesen werden- Die blauweiße Zionsflagge bedeckte den Sarg, der auf dem Podium stand. Nachdem die Klänge des Chopinschen Trauermarsches verklungen waren widmete der Rabbiner Dr. J. L. Magnus von Tempel Emanu-El dem Dahingeschiedenen einen Nachruf. „Es gab größere Dichter als Imber“, sagte er, „aber keinen, der die Freuden und das Hoffen seiner Masse so zum Ausdruck bringen konnte, wieder Dahingeschiedene. Er gab seinen letzten Cent den Armen und kümmerte sich nicht darum, was ihm der nächste Tag bescheren würde. Dieser fahrende Poet, dieser singende Ahasvcrus wird in seinen Liedern fortleben.“ Zeitschriften und Bücherschau. Der Israelit, Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, bespricht in der Nr: 44 (4. November) den Kampf um die jüdische Kurie in der Bukdwina. Der Artikel führt aus: Der Kampf ist noch lange nicht aufgegeben und wird bei der Aufstellung der jüdischen Minoritäts-Mandate innerhalb der deutschen Kurie von neuem enibrennen. Eine etwaige „Neutralität“ der Gesetzestreuen bei diesem Wahlkampfe wäre eine unverzeihliche Versündigung gegen die vitalsten und heiligsten Interessen der Jucj^pheit und des. Judentums Tn der Bukowina, die wir unseren dortigen Gesinnungsgenossen nicht Zutrauen möchten. „Die Welt“ als Tagblatt. Während des IX. Zionistenkongresses in Hamburg, d. i. in der Zeit vom 26. bis 30. Dezember, a. c., wird unser Zentralorgan „Die Welt“ in einer täglichen Kongreß-Ausgabe erscheinen und ausführliche Berichte über die Kongreß-Verhandlungen veröffentlichen. Diese Kongreß-Ausgabe wird den regelmäßigen Beziehern der „Welt“ täglich kostenlos zugesandt werden. Außerdem werden spezielle Abonnements für die Ausgabe entgegengenommen. Näheres hierüber enthält der Anzeigenteil unserer heutigen Nummer. Uriel Acosta, Selbstbiographie. Verlag der Polatsek’schen Buchhandlung. (A. v. Cossel) Temesvar, 1909. Dieser Neudruck des berühmten „exemplar humanae vitae“ Uriel Akosta’s ist sehr willkommen. Schade, daß der Verlag anläßlich der Neuausgabe dieses für Juden und Nichtjuden so interessanten Zeitdokumentes, welches das erste Mal ano 1687 erschien, nicht für eine einführende Einleitung gesorgt hat. Die Entstehungsgeschichte dieser Selbstbiographie hätte zumindest in einem kurzen Abriß beleuchtet werden müssen. A. * * * Herders Konversations-Lexikon. Der Besitz eines zuverlässigen Nachschlagewerkes ist nachgerade für jeden Gebildeten und nach Bildung strebenden unerläßlich geworden. Es war indes in weiteren Kreisen längst als dringendes Bedürfnis empfunden worden, ein Lexikon zu erhalten, das den Anspruch auf Vollständigkeit machen kann, ohne in die Schwerfälligkeit von bänderreichen Enzyklopädien zu verfallen, andererseits die Lückenhaftigkeit der „kleinen“ Lexika zu vermeiden, die begreiflicherweise häufig versagen. Dem neuen „Herder“ ist das schwierige Problem in ganz vortrefflicher Weise gelungen, indem er Veraltestes ausgeschieden und die Darstellung in die knappste, doch leichtverständliche Form gegossen hat. So hat „Herder“ von allen Seiten volle Anerkennung gefunden und viele Tausende schöpfen bereits aus ihn Rat und Fortbildung. Die Ausstattung ist höchst lobenswert: sehr viele Textbilder, schöne Tafeln, ausgezeichnete Karten. Wir konstatieren mit Genugtuung, daß dieses Werk im Gegensätze zu anderen Werken dieser Art auch in allen das Judentum betreffenden Eragen objestiv gehalten und frei von antisemitischen Geiste ist. — Wir lenken die Aufmerksamkeit auf das der heutigen Nummer über „Herd e rs Konversations-Lexikon“, das gewiß besonderes Interesse für unsere Leser haben wird. Das Werk ist durch die Buchhandlung Robert Mattem in Wien XIV/2, Sechshauserstraß e 104, in bequemen Teilzahlungen zu beziehen. 'Die* ffattöwitzer Jubelfeier. . , Iji .Kattowitz wurde am 7. November der 25. Jahrestag der ersten Beratung jüdischer Kolonisationsarbeit gefeiert. Die Feier gestaltete sich zu einer großartigen zionistischen Kundgebung. Vormittags fand eine interne Festsitzung statt und nachmittags eine öffentliche Versammlung im „Deutschen Hause“, an der sich über 2000 Juden, die zum Teil aus den Nachbarreichen gekommen waren, beteiligten. Der Leiter der Versammlung, Herr Arnold Wiener, konstatierte in seiner Begrüßungs-Ansprache, daß in der jüdischen Bewegung seit Menschengedenken eine solche imposante Versammlung nicht zu verzeichnen gewesen sei. Als erster Redner trat Her Rabbiner Dr. Thon aus Krakau auf, der über das Thema: „Von Kattowitz bis Basel“ sprach. Auf die „Kattowitzer Konferenz“ vor 25 Jahren zurückgreifend, schilderte Redner den Werdegang und die Entwickelung des Zionismus. Kattowitz sei eine Idee gewesen, Basel ein Programm geworden, Kattowitz war eine Konferenz, Basel ein Kongreß. Man spottete über den Gedanken, die Juden in Palästina zu kolonisieren, hielt die Zionisten für Schwärmer, aber trotzdem nahm die Idee, welche die Kattowitzer Konferenz beseelte, in Basel feste Form an. In Kattowitz ist der Zionismus als Weltanschauung geboren worden. Die Zionisten wurden bald eine Partei, später durch Dr. Theodbr Herzl eine Organisation. Das Baseler Programm hat sich bewährt, ein gewaltiges Stück Arbeit ist bereits geleistet worden. Ohne Kattowitz wären wir nicht nach Basel gekommen, abar ohne Basel wären wir nicht wieder in Kattowitz. — Stürmischer Beifall wurde dem Redner für seine temperamentvollen Ausführungen gespendet. Nach ihm sprach Herr Dr. Witkowsky aus Berlin über: „Der Zionismus und die deutschen Juden“. Er schloß seine größtenteils historischen Darlegungen mit dem Wunsche, daß es sich bald erfüllen möge, daß die deutschen Juden von dem zionistischen Zeitalter das Heil des gesammten Judentums erwarten. Dritter Redner war R.-Abg. Stand, der die Beziehungen des Zionismus zur modernen Kultur erörterte. „Es gibt für den modernen, gebildeten Juden keinen höheren Zweck, als sich ganz und voll zu erhalten zum Heil seines Volkes und zum Heile der Kultur“. In diesem Satze gipfelten die mit Begeisterung aufge-; nommenen Ausführungen des Redners. Zuletzt hielt der Generalsekretär der Zionistischen Bewegung — der an Stelle des Präsidenten Wolffsohn gekommen war — eine zündende Ansprache. — Abends vereinigten sich die Delegierten zu einer Festlichkeit. (Ausführlicher Bericht mußte wegen Raummangels für die nächste Nummer Zurückbleiben.) An unsere Leser. Die Landtagsrede des Abg. Dr. Strauch er in Sachen der jüdischen Kurie kann erst der nächsten Nummer der „jüdischen Zeitung“ beigelegt werden, da die Drucklegung noch nicht vollendet ist. Wir machen schon heute auf diese hochbedeutsame Rede aufmerksam, die wir als ausgezeichnetes Agitationsmittel von Hand zu Hand weiterzugeben unsere Leser ersuchen. Die Redaktion. Massenverhaftung von Rabbinern in Rußland. Auf Grund einer böswilligen Denunziation wurden in Lithauen nicht weniger als sechzehn Rabbiner, darunter auch der hiesige Rabbiner Kahn, wegen angeblicher Zugehörigkeit zu einer Organisation zur Befreiung jüdischer Jünglinge vom Militärdienste, verhaftet und nach Jekaterinoslaw zur Internierung im dortigen Gefängnis transportiert Nach der Untersuchung wurden bisher nur die Rabbiner Rattner-Dwinsk