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Jüdische Zeitung · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 specie aeternitatis behandelt wurden, war es mög- .lich und auch begreiflich, daß die .eine Partei fast alles auf die Emigration setzte, während die meisten anderen Parteien sie gänzlich ignorierten. Ich denke dabei an die Zionistisch-Sozialistische Arbeiterpartei, in. deren .historischen Aktiva das Verdienst verzeichnet bleiben wird, die-Synthese der beiden Hauptfaktoren einer jeden Massenbewegung — der schöpferischen Elemente des Volkswillens, des mächtigen Strebens nach nationaler Freiheit mit den objektiven Elementen der Realität, den inneren Potenzen der jüdischen Emigration — theoretisch zuerst vollbracht zu haben. Es waren die Herren Bertoldi und Dawidowitsch, welche die fruchtbare Idee eines Weltkongresses für Regulierung der jüdischen Wanderung nach Amerika verpflanzt haben, wo sie feste Wurzel gefaßt hat und von wo aus sie nun ihren Siegeszug langsam aber sicher durch die jüdischen Zentren der ganzen Welt hält. Heute ist die Emigration zweifellos eine Tagesfrage in sämtlichen Kreisen und Schichten des jüdischen Volkes. Manches wurde bereits auf diesem Gebiete von den einzelnen schon bestehenden Emigrationsgesellschaften geleistet. Oftmals aber kreuzte sich die Tätigkeit dieser Organisationen, die sich hie und da sogar konkurrierend gegenüberstehen. Es ist also in erster Linie erforderlich alle auf dem Gebiete der jüdischen Emmigration tätigen Kräfte zu koordinieren, denn nur eine allweltliche 0 r g a n i s a t i o n, die die Aus- Durch- und Einwanderungsländer umfassen soll, kann einer so großen Aufgabe, wie die Regulierung der jüdischen Massenauswanderung gewachsen sein. Daß aber für die Schaffung einer derartigen Organisation nur ein allweltlicher Kongreß kompetent sein kann, liegt wohl auf der Hand. Diese Organisation wird überall in den bedeutenderen jüdischen Zentren ihre Bureaus und Agenten haben müssen, die dem Emigranten im Verlaufe seiner Reise informierend und leitend bei Seite stehen sollen. In den größeren Durch- und Einwanderungszentren muß sie nach Möglichkeit eigene Gasthäuser für den Emigranten errichten. ln den Immigrationsländern muß der Organisation spezielle mit den betreffenden Emigrationsgesetzgebungen vertraute Fachmänner anstellen, die nötigenfalls den Emigranten juristisch unter die Arme greifen könnten. Durch die Schaffung einer derartigen Organisation wird auch eine andere Aufgabe gelöst, die vor dem Kongreß stehen, wird — nämlich die Repräsentation der Emmigrantenmassen nach außen hin, die bisher von einzelnen unbefugten und sehr wenig dazu geeigneten „Gwirim“ und gesellschaftliche n „Kochlöffeln“ besorgt wurde. ■ Eine andere äußerst wichtige Aufgabe, die der Kongreß erfüllen muß, ist die Gründung einer jüdischen Emigrantenbank. Der andauernde Massencharakter der jüdischen Auswanderung ermöglicht es überhaupt die gesamte Regulierungstätigkeit gewissermaßen auf kommerzielle Basis zu stellen. Der Wanderstrom, dergegenwärtig ungeheure Loch wandert. Der Dichter beschreibt diese dumpfe Zeit, der Ungewißheit sehr anschaulich. Dabei wird der Gegensatz zwischen dem angstvollen Bethausgäßchen und dem Kolaer Gäßchen, das jetzt alle Hasenfüße umschmeicheln, köstlich geschildert. Richtig bricht’s zu Johanni am großen Markttage los: Wer da glaubt, daß sich östliche Juden wie Hühner schlachten oder wie Holleschauer Juden durchbläuen lassen, lese bei Schalom Asch nach; . ....... In dieses Gewirr ergießt sich das Kolaer Gäßchen wie ein glühender Strom in das tiefe kalte Meer. Wuchtig dringen die Eisenstangen in die Leiber der Menschen, heißes Blut rinnt über die Augen, die Bauernkaftans, über die Fuhren und Räder . . .“ Und Note, der riesen- . hafte Bengel, muß vom Zellenfenster aus dieses rasende Schlachten mitansehen und kann nicht mithalten. . Er schlägt wütend um sich, heult, beißt, rüttelt am Gitter — und ehe man’s versieht, steht er,., der Totschläger, den; sie eigentlich suchen, mitten; unter ihnen. Der Tag erreicht seinen Höhepunkt..;; Allein haut der wilde Junge wie rasend auf eine gewaltige Schar von Bauern ein. Nur Josepha, die treue, christliche Magd, steht ihm bei. Schließlich sinkt er, furchtbar zerschunden, zu Boden. Josepha führt .ihn in die Stube und legt ihn aufs Bett. Geldsummen an verschiedene Agenten, Vermittler etc. abwirft, wird zweifelsohne aussich selbst die für die Unterhaltung des gesamten Regulierungsapparates erforderlichen Mittel herbeischaffen können. Von den zahlreichen Funktionen und Operationen, die diese Bank zu erfüllen haben wird, lassen sich bereits heute eine Reihe feststellen. Es sind: die Errichtung von Wechselstuben an den wichtigsten Etappen des Wanderweges, die Gründung von Sparkassen in den Aus- und Einwanderungsländern, die Uebersendung, beziehungsweise Ueberweisung von Geld, die von den Immigranten an die zurückgebliebenen Verwandten geschickt werden,*) die Gewährung von kleinen kurzfristigen Darlehen an die Immigranten, wodurch die Härte der William’schen Verordnung einigermaßen vermindert würde, der Verkauf von Schiffskarten auf Abzahlung, die Finanzierung der industriellen und kolonisatorischen Unternehmungen der Einwanderer etc. Worin gegenwärtig die eigentliche Regulierung der jüdischen Wanderung bestehen muß — diese Frage haben wir bereits in den Spalten dieser Zeitschrift kurz behandelt.**) Es sei hier nur auf einen Gedanken aufmerksam gemacht, den Dr. Franz Oppenheimer in einer Unterredung über die Aufgaben des Kongresses ausgesprochen hat und der für die Regulierungstätigkeit sich als äußerst fruchtbar erweisen kann. Es ist die Anwendung der sogenannten Garten Stadt bewegung auf die jüdische Heimindustrie in den großen Einwanderungszentren, von New-York, London, Paris etc., was vor allem zur Linderung der dort herrschenden Misere viel beitragen kann und was [noch wichtiger ist — gewissermassen als Erziehungsmittel, als Uebergangsstadium von der städtischen Arbeiteremigration zur Ackerbaukolonisation angesehen werden kann. Mit diesen und gewiß noch vielen anderen wichtigen Fragen wie die Errichtung eines statistischen Amtes, das die jüdische Wanderung wissenschaftlich auszuforschen haben wird, eines A m t e s f ü r A rbe i t s n ac h w e i s in den Einwanderungsländern etc., wird sich der Kongreß zu befassen haben. Manche der ausgewähiten Aufgaben sind ohne einen allgemein-jüdischen Kongreß überhaupt nicht durchführbar. Die anderen könnten zwar auch auf dem alten philantropisch-bureaukratischen Wege durchgeführt werden; sie würden aber dann zweifellos an dem Grundfehler aller derartigen Unternehmungen scheitern — nämlich an dem Mangel des Zuvertrauens der emigrierenden Massen. Von welcher Seite wir also die Regulierung der jüdischen Emigration auch betrachten — stets gelangen wir zur Notwendigkeit des geplanten Kongresses. Der Kongreß muß zu Stande kommen und zwar müssen an ihm sämtliche jüdische Parteien und Organisationen beteiligt sein, denen die Interessen der jüdischen Volksmassen nahe sind. Bei dieser wichtigen nationalen Arbeit müssen die *) Die gegenwärtig in Gründung begriffene tschechisch-amerikanische Bank „Bohemia“ wird gerade diesem Zwecke — in bezug auf die tschechische Emigration — dienen. **) Siehe „Jüdische Zeitung“ 1909, Nr. 41. „Niemand wagt, in die Stube zu treten, aus Furcht, den schlafenden Sturm zu wecken . . .“ Diese Novelle ist ganz ausgezeichnet aufgebaut und künstlerisch gerundet. Nicht minder wird den Leser des Buches die Geschichte „DerChasen mit dem Chor“ erfreuen, über die sich ein anmutiger ' lumor verbreitet und die ein anschauliches Bild der russisch-jüdischen Kleinstadt gibt. * Die Idylle „Auf dem Wege nach Schemenitz“ wurde schon vielfach gedruckt. Sie ist voll zarter Lyrismen: „Wie Mohn sind die Sterne über den dunklen Himmel ausgestreut, an dem ein riesiger Mond mit dem deutlich wahrnehmbaren Gesicht Josuas erglänzt. Die Strahlen der Gottheit bescheinen das heilige Antlitz, das lächelnd auf seine .Gemeinde Israel1 herabblickt, während diese in frommer Anmut betet. Hinter mir fragt , eine junge Stimme: .Darf man den Mond ansehen? Darf man es?‘ Ich sehe mich um und erblicke ein paar fragende, große Kinderaugen in einem bleichen, hageren Gesicht. .Darf man den Mond ansehen? Darf man es?‘ wiederholt die Stimme. Da geht es mir durch den Sinn: deshalb wohl ist der Mond in Schemenitz so klar, so heilig und . so rein, weil niemand ihn anzusehen wagt . . .“ . verschiedenen großen und kleinen — besonders die letzteren — Differenzen außer Spiel gelassen werden. Der größte Feind aber, den wir hier wie überall im jüdischen gesellschaftlichen Leben zu bekämpfen haben, ist jener greisenhafte Skeptizismus, der nicht müde wird, das Fiasko einer jeden großzügigen Tat zu prophezeien: „Es wird daraus nichts werden.“ „Es“ wird gewiß nichts werden, wenn wir nicht alle gemeinsam und tatkräftig eingreifen. Denn nur im wechselseitigen und einmütigen Zusammenwirken des Ostens und Westens, sowie der alten und neuen Welt ist die Bürgschaft des Erfolges dieses großen nationalen Werkes enthalten. Und der mächtige Widerhall, den die Idee des Kongresses überall — besonders im Osten und in Amerika — gefunden hat, bietet uns eine sichere Gewähr dafür, daß dieses Zusammenwirken zustande kommen wird. Eine christlichsoziale Partei in Ungarn. Von Dr. K. Trotz der Zweiteilung des Reiches, kann man immer von neuem den Parallelismus der Entwicklung in der West- und Osthälfte der Monarchie konstatieren: Auf den Bankerott des Pseudoliberalismus in Zisleithanien folgte jener der magyarischen Liberalen und ihrer Verbündeten, der magyaronischen Nationalpartei in Kroatien. Dem Krach der zusammengewürfelten. Koalition des österreichischen Abgeordnetenhauses reiht sich der Zusammenbruch der magyarischen und serbo-kroatischen Koalition an und der Aufstieg der österreichischen Chrisilichsozialen zur Macht, findet nun seine Ergänzung in der Organisierung der ungarischen Christlichsozialen. Drei Faktoren haben dieser Partei den Boden geebnet. Die stets wachsende wirtschaftliche Not, der Ueberdruß der Bevölkerung gegen die starke staatsrechtlich-nationale Politik der magyarischen Koalition und endlich die klerikalantisemitische Vorarbeit der „Volkspartei“ innerhalb derselben. Diese beherrscht trotz ihrer Minderheit schon lange die magyarische Koalition, wie überhaupt die magyarische Gesellschaft. Ihre Presse schürt systematisch den Judenhaß durch die immer wiederholten Behauptungen, Ungarn werde von den eingewanderten gal i zisch enj uden beherrscht und ausgebeutet. Tatsächlich findet diese antisemitische Wühlarbeit einen besonders fruchtbaren Boden bei den Kleinbauern und Kleingewerbetreibenden, die bei den letzten Wahlen ihre ökonomische Unzufriedenheit durch die Wahl von dritthalbhundert Kossutisten dokumentierten und jetzt enttäuscht von der Unabhängigkeitspartei sich allmälich ab- Hier liegt die Stärke und Eigenart des jungen Dichters und sie entfaltet sich immer reicher. Meister der Skizze ist P e r e z, des Humors S c h olem Alechem, Meister der fein gesponnenen Prosalyrismen und der stimmungsvollen Malerei hingegen ist S c h a 1 o m A s c h. Aber gerade weil er diese weite eintönige Ebene, die nur vom Silberband der Weichsel geschmückt ist, so liebevoll zu zeichnen versteht, bringt er uns auch die Menschen näher, die aus diesem Boden wachsen', die Juden, „die mehr Sinn für Feld und Garten haben, als für das Bethaus und die Mikweh“. Man freut sich des Judenjungen, der unter dem weiten, goldgesäumten Horizont der Wiesen zum Pantheisten wird und, nur ein einziges Gebet kennt: den jauchzenden Pfiff durch die Finger. Man geleitet gerne diese schwerfälligen Fischersleute zum Gläschen Brantwein und die rauhen Fuhrmänner über die sandige, eintönige Landstraße und man freut sich herzlich dieser kernigen Gestaltern die am Sabbat nach dem Beten, von Frau und Kindern umgeben, draußen auf den Feldern am Bauche liegen, während dicht neben ihnen ihr Pferd weidet. Nach der Lektüre dieses Bandes bringt man es wohl schwerlich zustande, die „Juden von Zirndorf“ nochmals zu lesen . . .

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