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Jüdische Zeitung · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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. Seite 2 ' IQDISCHE ZEITUNG. , ■ Nr. 46 Die Aufgaben des allweltlichen Kongresses für die Regulierung der jüdischen Wanderung. Von MaximÄnin. Mahnung an die Glaubensgenossen enthalten, daß sie ein Volk, [ein ewiges Volk, ein Volk Gottes seien lind diese religiösen Vorschriften und Dokumente wissen, von gar tiichts anderem zu reden, als von dem Verhältnisse zwischen dem Gotte der Juden, dem höheren Wesen und seinem Volk. Nun gibt es gewiß eine Unzahl jüdischer Bürger, welche den ceremoniellen Vorschriften, ebenso wie auch dem theokratischen Geiste derselben nicht mehr anhängen und in bezug auf die geschichtliche Ueberlieferung dieselben nach dem Grundsätze der modernen Wissenschaft beurteilen, also im eigentlichen Sinne nicht mehr konfessionell gesinnt sind; und gerade unter diesen bildet das Gefühl der gemeinsamen Abstammung und der gemeinsamen Schicksale das Band, welches sie mit ihrem Volksstamm verbindet. Es wäre für eine Körperschaft, wie das Reichsgericht, wohl würdiger gewesen, etwas näher auf den Kern der Frage einzugehen und nicht eine derartige Angelegenheit mit einer unmotivierten Phrase zu erledigen. Die Kompetenz zu entscheiden, ob irgend eine Anzahl von Individuen sich als ein Volksstamm betrachten dürfe, kann einzig und allein nur bei diesen selbst liegen. Nieund nimmer kann zugegeben werden, daß irgend eine staatliche Instanz, sei es eine administrative oder richterliche, einem Staatsbürger vorschreiben könne, welcher religiösen Ueberzeugung oder welcher Nationalgemeinschaft er sich anschließen wolle. Nach dem Staatsgrundgesetze sind vor dem Gesetze alle Staatsbürger gleich, die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet und als einen Ausfluß der Gewissensfreiheit muß man es betrachten, daß derzeit jeder Staatsbürger das Recht hat, sich seine Nationalität selbst zu bestimmen. Zugegeben mag werden, daß ein Volksstamm, oder eine Nation nicht“unbedingt eine eigene Umgangssprache haben müsse, doch ist es außer jeden Zweifel, daß die Juden eineeigene Nationalsprache besitzen, wenn sie auch das Hebräische nicht häufig im Verkehr unter einander anwenden; aber da gerade diese Nationalspräche gleichzeitig die Grundlage der religiösen Uebungen heute noch bildet, so ist ja schon nachgewiesen, daß jeder, der der jüdischen Religion anhängt, auch gleichzeitig sich zur Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes bekennen muß. Es gibt nun allerdings eine Anzahl von Juden (und besonders nur konfessionell sein wollenden Juden), welche die Tatsache, daß das Judentum eine nationale Volksgemeinschaft ist, leugnen, weil ihnen hiefür das Verständnis fehlt. Es sind dies oft die gleichen Leute, welche tagtäglich zu ihrem Gotte beten und in den Gebeten, welche ihren Lippen entströmen, ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke unbewußt hersagen. Wir Juden teilen übrigens dieses Schicksal mit anderen Volksstämmen Oesterreichs. Bei den Verhandlungen des Kremsieres Reichstages wurde die Existenz der ruthenischen Nation geleugnet. Der nachmalige Minister Ziemialkowski, der sich selbst als Ruthene bekannte, behauptete, es gebe keine ruthenische Nation. Ein weiteres Beispiel, daß die Sprache nicht immer das Merkmal eines Volksstammes ist, liefern unsere österreichischen Verhältnisse. Wir haben im Süden der Monarchie Serben und Kroaten; beide behaupten je eine Nation zu sein; das wird staatlicherseits auch anerkannt, trotzdem beide Volksstämme genau dieselbe Sprache sprechen. Man weiß nicht: sprechen die Kroaten serbisch oder die Serben kroatisch. Wir sebstbewußten Juden sind indessen entschlossen, die staatliche Anerkennung unserer Nationalität durchzusetzen und darin wird uns kein Urteil eines Reichsgerichtes, noch sonst irgend eine staatliche Instanz aufhalten. Die Frage ist einmal im Rollen und der Kampf hiefür wird nicht aufhören, bis die Anerkennung erfolgt. Ganz sonderbar aber mutet einen die Begründung des Reichsgerichtes an, wenn man bedenkt, daß ungefähr 14 Tage früher die erste gesetzgebende Körperschaft in Oesterreich, welche sich mit dieser Frage befaßte, nämlich der Bukowinaer Landtag, in welchem 5 österreichische Volksstämme vertreten sind, sich einstimmig und einmütig für die Existenzberechtigung und Anerkennung der jüdischen Nationalität ausgesprochen hat. — Religion und Nationalität sind bei den luden unzertrennliche Begriffe. Es ist indeß ein Trost für uns nationalgesinnte Juden, daß die bewußte Begründuug des Reichsgerichtes irgendwelchen Nachweis für die Nichtexistenz des jüdischen Volksstammes nicht gesucht [und nicht erbracht hat Vielleicht veranlassen diese Zeilen Ew. Exzellenz, der Sie doch den Ruf eines scharfsinnigen Juristen und Denkers besitzen, diesem Problem etwas näher zu treten. Jedenfalls kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß diese Vorkommnisse das Gefühl von tausenden gesitteten und aufgeklärten Staatsbürgern verletzt haben. Empfangen Sie die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung Lucian Brunner. Auflage vorliegt, kann man ein gutes Stück dieses urwüchsigen östlichen Judentums kennen lernen. Die prächtigste Arbeit des Bandes tst „das Kolaer Gäßchen“. Im Kolaer Gäßchen wohnen die groben Fischer- und Fleischerleute. Die .Gelehrten aus dem Bethausgäßchen und die „feinen Leute“ aus der „Breiten Gasse“ verachten diese rauhen Gesellen. „Kommt es aber einmal vor, daß der Schafhirt den Hund auf einen Juden hetzt, oder daß ein besoffener Bauer auf die Juden losschlägt, dann rennen sämmtiiche Juden — Groß und Klein — nach dem Kolaer Gäßchen und rufen: Helft, helft, die Christen schlagen uns!“ Dagegen kommen die Leute aus dem Kolaer Gäßchen zu den „spindeldürren Juden“, wie sie spöttisch die Mitbürger aus der Bethausgasse nennen, wenn der Monat Ellul ins Land zieht und die großen Feiertage nahen: „Da verneigen sich die Bewohner des Kolaer Gäßchens vor dem Bethausgäßchen, da wird dem Geringsten Ehrfurcht erwiesen und die Bewohner des Bethausgäßchens werden die .Garde unseres Lehrers Moses* genannt.“ Die markanteste Figur aus dem Kolaer Gäßchen ist Reb Israel Schochliner, ein 70jähriger Greis. „Er stammt noch aus jener Zeit, da ein Quart Spiritus fünf Groschen kostete. Wenn Reb Israel sich zwei Stunden lang mit einem Ochsen herumgejagt hat, der sich vom Stricke losgerissen hat, so packt er ihn schließlich bei den Hörnern, so, daß der Ochse seinen schweren Nacken vor ihm beugt und dann pflegt er mit einem wehmütigen Lächeln um die Lippen zu seufzen: Nu! Es ist nicht mehr die Kraft von früher!“ Sein Haus strotzt vor Ueberfluß und da er eine freie Hand hat, achtet ihn Jud und Christ gleichermaßen. Alles steht offen; gestohlen wird nichts, weil jedem seine Knochen lieb sind. Brot und Butter stehn beständig auf dem Tisch; jederman kann zugreifen. Geschieht irgend ein Unrecht in der Stadt, so geht man zu ihm Er macht schon mit der Faust Ordnung. Dabei versteht er den Wochenabschnitt zu lesen und lieht den Raschi über alles. In die tieferen Geheimnisse der Lehre ist er aber nie hinabgestiegen und verehrt sie nur scheu von der Ferne. Einen chassidischen Schwiegersohn nahm er für lebenslänglich ins Haus und sagte ihm: „Du hast bei mir dein Essai und Trinken, deinen Schabbesanzug und dein Taschengeld! Du sollst nur die heilige Thora studierin“. Und wenn die Gesänge der Thora in der Stube erklingen, dann geht der Greis auf den Fußspitzen und vergießt stille Freudentränen. So ist Reblsrael, der Vater. Ihn umgibt eine Schar von hihnenhaften Söhnen. Alle aber übertrifft Notele, Beb Israels Spätgeborener: Die jüdische Emigration! Welch’ eine Unmasse; von Leiden, von Schmerz, und Verzweiflung in diesen wenigen Worten enthalten .sind!. Kein anderes. Wort drückt so vollständig das tragische Los des heutigen Judentums aus, wie dieses. Stets schwebt uns bei diesen Worten das Bild unseres Hirszenberg „In Verbannung“ vor Augen: In einer verzweifelndunendlichen Schneewüste unter einem trostlos-grauen gleichgültigen Himmel ziehen sie dahin, die Kinder des ewigen Wandervolkes. Hier ist der jüdische Arbeiter, den das schwere Los seiner Klasse durch das tragische Schicksal seiner Nation bis ins Unendliche gesteigert, aus den zum Ersticken engen Ghetto’s treibt. Hier sind der jüdische Handwerker und Kleinhändler, die gänzlich entwurzelt, immer mehr den Boden unter ihren Füßen verlieren und in panischer Flucht über den Ozean ihre Rettung suchen. Hier ist der deklassierte jüdische Intelligenzler, der keinen Zutritt zu den Kulturgütern seiner „Heimat“ hat und keine Verwendung für seine geistige Energie findet. Hier ist die jüdische Frau, die treue Leidensgefährtin des vieigeplagten Volkes, — mit den altjungen, blut- und lebensarmen jüdischen Kindern. — Und was sie alle in ihren Wanderungen auszustehen haben! Glücklich fühlt sich derjenige, dem es gelungen ist, einen Reisepaß zu bekommen. Die anderen müssen mit Müh’ und Not die Grenze „schwärzen“.*) Dafür sorgt schon der Agent, diese Spinne, die überall ihre Netze ausgebreitet hat: Paß, Schiffskarte, Information, Geldwechsel — bei jeder Gelegenheit fällt der jüdische Emigrant in seine Netze. Er dankt dem Allmächtigen, wenn er mit „heiler Haut“ nach einer Reise voll Erniedrigungen und allerlei Strapazen das „gelobte“ New- York erreicht und hier direkt in die neuen Netze der Verleger, des Schwitzsystems fällt. . . . Das ist der normale Weg, den jeder jüdische Emigrant durchzumachen hat. Und anders kann es ja nicht sein, solange jeder Emigrant allein als niedergeschlagenes, machtloses Individuum seinem harten Schicksale gegenübersteht. Heute aber, wo das Maß schon überfüllt ist, wo der Wandererstrom immer härter an eine gewaltige Wand stößt, heute kann das unmöglich so weiter gehen. Das haben bereits alle eingesehen. Die jüdische Emigration ist eine grandiose nation a 1 -wirtschaftliche Erscheinung. Sollte es nicht einem jeden klar sein, daß den gemeinsamen Volksleiden eine gemeinsame demokratisch-nationale Aktion entsprechen muß? Nur in einer Zeit, in der die rein ideologischen Konstruktionen das jüdische Leben erfüllten und bewegten, als alle Probleme gewissermaßen sub *) Illegal überschreiten. „Dieser Jüngling pflegt des Morgens mit seinem Hund Borek, seinem Schaf Basjka und mit seiner Taube, die ihm auf der Schulter sitzt, in der Gasse spazieren zu gehen. Alles zittert vor ihm. Ein Strohhütchen auf seinem dichten Schopf, eine bleierne Peitsche in der Hand, stellt er sich vor die Tür und pfeift der Taube zu, die seinen Kopf umflattert. Josepha führt ihm den Falben, sein Pferd, aus dem Stall heraus. Ist dieses nicht gut gestriegelt oder sind die Haare der Mähne nicht mit Troddeln zusammengeflochten, so läßt er seine Peitsche auf sie niedersausen, so daß das junge gesunde Blut aus dem vollen, roten, fleischigen Arm hervorspritzt“. Oben am Dachspeicher hat Note seinen Taubenschlag, den er wie den Augapfel hütet. Die Tauben sind eine Quelle ewiger, blutiger Fehde mit dem benachbarten christlichen Bäcker, der auch seine Tauben hat. Sie lassen immer gleichzeitig ihre Tau-, ben aus, damit ein Weibchen einen Täuberich aus dem feindlichen Lager herüberlocke. Das endet dann gewöhnlich mit einer fürchterlichen Prügelei. Einst erwischt Note den Bäcker, wie er sich auf seinen Speicher hinaufgeschlichen hat, um aus Rachsucht einer Taube nach der andern den Hals umzudrehn. Note mißhandelt ihn derart, daß er an den Folgen stirbt und nun schwebt über dem Städtchen die Gefahr des Judenpogroms, während der Missetäter ins

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