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Jüdische Zeitung · 1909-11-12 · 46 (12.11.1909) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
46 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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»MC NFITIDNRL-JLEDI5CHE5 DREF1N ■ ■■■"■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■! Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn; Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: GanzjäJir. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige **************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ««te"*******"*»*** Nr. 46. Wien, Freitag den 42. Npvember 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Von Lucian Brunner. Eine christlichsoziale Partei in Ungarn. Von Dr. K. Die Aufgaben des allweltlichen Kongresses für die Regulierung der jüdischen Wanderung. Von Maxim An in. Der Schulkamerad. Gedicht von Beda. „Bilder aus dem Ghetto.“ Von Dr. Otto A b e 1 e s. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnachrichten. ACHTUNG! Die nächsten Veranstaltungen u. Vorträge : Samstag, 13. d. M., Cafe Stefanie, II., Stefaniestraße: Vortrag J. Loubetzky über Berdiczewsky (Hebräischer Konversationsklub). Sonntag, 14. d. M., „Cafe Herz“ I.. Rotenturmslraße: ßeda-Abend (Sportklub „Hakoah“). Dienstag, 16. d. M., im Saale Türken- 'Straße-9-: Vortrag Dr. Leopold Meisel Zionistische Organisationsfragen. (Zionistischer Zentralverein.) Mittwoch, den 17. d. M. Jüdisches Theater (II., Taborstr. 12) Theatervorstellung zu Gunsten des „Goldfadenpreises“. Zur Aufführung gelangt: „Bar-Kochba“ (veranstaltet vom Verein „Jüdische Kultur“) Mittwoch, 17. d. M., Cafe Concordia, I., Concordiaplatz: „Leo Pinsker u. seine Autoemanzipation“ („Ness Zionah“). Mittwoch, 1. Dezember, Sophiensaal: Große Makkabäerfeier. Der Schulkamerad. Selten hab’ ich einen Freund So wie Dich ins Herz geschlossen, Dich, des fremden Volkes Kind, Dich, den simplen Schulgenossen — Ob Du gut mir, weiß ich nicht; Doch auch, wenn-es wird sich ändern! Wirst auch einstens prangend schreiten Mit den schwarz—rot—goldnen Bändern. Darfst mir dann die Hand nicht reichen, Darfst den Juden auch nicht grüßen, Müssest sonst den argen Frevel Cum infamia verbüßen 1 Stumm gehst Du an mir vorüber, Blickst verdrossen, nickst verdrossen- Selten hab’ ich einen Freund So wie Dich ins Herz geschlossen. Beda. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. I. Wien, 9. November 1909. Offener Brief an Se. Exzellenz Herrn Geheimrat Dr. Josef Unger, Präsident des Reichsgerichtes Wien, 1., Kantgasse 3. Ew. Exzellenz! Eine Verhandlung vor dem Reichsgerichte, bei welcher Ew. Exzellenz den Vorsitz führten und welches sich njit einer Beschwerde wegen Verletzung des Artikels 19 des St.-G.-G. vom 21. Dezember 1867 wegen Nichtanerkennung der jüdischen Sprache befaßte, gibt mir Anlaß nachstehendes Schreiben an Ew. Exzellenz zu richten. Ich vermeide jede Kritijc des erflossenen Urteiles, lasse dahingestellt sein, ob der Artikel 19 dem Beschwerdeführer die richtige Handhabe für sein Begehren geboten hat und will meine Aeußerungei) auf zwei wesentliche Vorkommnisse beschränken. Das erste derselben ist die Teilnahme Ew. Exzellenz an jener Verhandlung, bei der Entscheidung, ob dip jüdischen Staatsbürger in Oesterreich das Recht besitzen’ sich als Volksstamm zu bezeichnen und die Wahrung und Pflege ihrer Nationalität und Sprache zu verlangen. Nun ist ja bekannt, daß Exzellenz selbst als Jude geboren wurden und daß Sie sich vom Judentum abgewendet haben — wobei ich als selbstverständlich voraussetzen muß, daß Ew. Exzellenz hiebei nur Ihrer innersten Ueberzeugung gefolgt sind. Immerhin haben Sie dadurch in betreff der Religion oder Nationalität Partei genommen u. zw. gegen uns Juden. Hieraus folgt, daß wir unmöglich die Empfindung haben können, daß Ew. Exzellenz in dieser Frage, welche ja in der Hauptsache eine intern jüdische ist, ohne Voreingenommenheit urteilen können. Ich glaube deshalb mit voller .Berecbtignognichi-nur inmeinem-Namen, sondern.in demjenigen von vielen Tausenden von selbstbewußten und überzeugten jüdischen Staatsbürgern zu sprechen, wenn ich dieser Empfindung Ausdruck gebe und meinem Bedauern, daß Sie nicht selbst auf die Teilnahme an jener Verhandlung verzichtet haben. Das zweite Vorkommnis ist die Art und Weise der Verhandlung insbesondere die Begründung, welche das Reichsgericht unter Ihrem Vorsitz der Entscheidung zu Grunde legte. Es wird ganz einfach dekretiert: Die Juden sind eine Religionsgenossenschaft und keine Nationalität. Diese Begründung ist natürlich ebenso willkürlich als oberflächlich. Es gibt nach meiner Schätzung immerhin noch 100.000 jüdische Staatsbürger in Oesterreich, welche sich als Angehörige ihres eigenen Volksstammes und als Nation fühlen und ich wüßte nicht, woher sich das Reichsgericht die Kompetenz nehmen könnte ihnen diese Empfindung abzusprechen. Daß das im Gesetz enthaltene Wort „Volksstamm“ nur so verstanden sein kann, daß sich eine solche Gemeinschaft nur durch die gemeinsame Abstammung bildet, ist ein Argument von zwingender Beweiskraft. Auf dieses Argument können sich aber die Juden gewiß eher berufen, als irgend einer der österreichischen Volksstämme. Aber die stärksten Argumente, daß die Juden ein Volksstamm und eine Nation sind, bietet eben die vom Reichsgerichte angeführte Tatsache, daß die, Juden eine Religionsgesellschaft sind. In den Satzungen und den historischen Schriften,’ welche doch die Basis dieser Religionsgesellschaft bilden sollen, ist auf jeder Seite die „Bilder aus dem Ghetto“.*) Von Dr. Otto A b e 1 e s. Das ist die Tragik des modernen, bewußten Westjuden: Er wollte wie der verlorene Sohn ins Vaterhaus zurückkehren, aber die Stube ist fremd, die Geschwister sind höflich, doch einsilbig und der Vater erkennt sein Kind nicht wieder. Er will häuslich tun, singt, spricht, schlendert im Hause umher — aber sein Lied wiederhallt nicht von diesen Mauern, seine Worte sind dem Schreine mit dem uralten Büchern ein Gräuel und sein Gehaben erschreckt die Kinder, so daß sie diesen Mann fliehen, der sie so gerne an sich ziehen möchte. Zuviele -äden sind zerrissen, als daß man sie während eine: Menschenlebens wieder anknüpfen könnte und es bleibt das Schicksal dieser Generation, das Gück des Heimgekehrten nur ahnen und das Volkstim, zu dem er zurückkehren will und muß, nur rom weiten sehen zu dürfen, wie der sterbende Moses das gelobte Land. Erst ein zweites Geschlecht wird sich wieder „Juden“ nennen dürfen und es muß unser Trost sein, daß wir für unsere *) „Bilder ais dem Ghetto“ von Schalom Asch, Uebertragung vor Stefanie Goldenring, zweite Auflage, S. Fischer, Verlag, Berlin. Kinder leben und daß die Nachgeborenen dem Volke unendlich viel bringen werden: Die Kultur des Westens. * . * Nie empfinden wir das harte Los des „Uebergangsgeschlechtes“ so bitter, wie wenn wir östliche Bücher lesen. Eine fremde Welt wird uns gemalt, die doch unsere ureigene sein müßte. Wir aber wissen erst von dem Leben, das da drüben blüht, wenn uns ein mitleidiger Wind ein paar Knospen herüberweht . . . Jakob Wassermann sagt in den „Juden von Zirndorf“: „Das ist sicher. Ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der Schönheit fähig und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Charlätan oder ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave: Alles das ist der Jude.“ Zu ergänzen ist: Der Jude aus den Gegenden Wassermanns, der hysterische, verkrüppelte, alleinstehende, mit sich selbst zerfallene, überbildete Westjude.DerOstjudeaberist ein Barfüßleroder einschlauer Kaufmann, ein vierschrötiger Viehtreiber oder ein versonnener, hungernder Philosoph, ein gutmütiger grobschlächtiger Kraftmensch oder ein ausgestoßener Prolet und Gauner. Aus dem Novellenbande „Bilderaus dem Ghetto“ von Schalom Asch, dernunin zweite

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