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Jüdische Zeitung · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Nr. 45 'Ein Jude zum Chef eines Kabinettes ernannt worden ist. Dieser jüdische Premierminister Dänemarks und "des Königs; Friederich VIII., Herr Zahle, zählt 43 Jahre. Er ist von Beruf Rechtsanwalt und seit zehn Jahren Mitglied des Folkethings und Präsident der demokratischen Partei, die jetzt.in Dänemark die Regierung übernommen hat. Neben dem Premier Zahle, der außer dem Präsidium, übrigens auch •das Verteidigungsministerium verwaltet, sind noch zwei Juden Kabinettsmitglieder: der Finanzminister Dr. Edward Brandes, ein Bruder des Georg Brandes,- und der Handeisminister Heilbuth. Drei der heuen Minister waren früher Journalisten, nämlich JZahle, Brandes und der Kultusminister Hostrup. . « . * * Die Toynbee-Halle in Lemberg. ak. Lemberg. (Orig.-Korr.) Die jeweiligen Leiter der hiesigen Toynbeehalle hatten immer das Ziel ihres Begründers in Oesterreich, des Gg. Prof- Leon Kellner, vor Augen : Die Popularisierung der Wissenschaften und die Erziehung der Volksmassen. .Auf diese Weise verstanden sie es auch, die großen Volksmassen heranzuziehen. Das beweist die Zahl von 10730 Hörern, welche, sich an den in der vergangenen Wintersaison veranstalteten 47 Vorträgen aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaften beteiligt haben. Die Leiter de.r Vorträge wußten immer die besten Männer des Judentums und der Wissenschaft für diese Samstags- und Sonntags-Vorträge zu gewinnen. Vergangenen Winter, — wie wir aus dem Donnerstag den 21. v. M. vom Obmanne der Toynbeehalle erstatteten Berichte erfahren — hatten -die Lemberger das Vergnügen, auch den bekannten rRedakteur der „Zeit“ .und berühmten Schriftsteller iFelix Salten zu sehen und zu hören. Es trugen noch unter andern vor: Dr. Markus Br a u d e, Rabb. Dr. Samuel Güttin an n, Advokat Dr. Max Zet- •terbaum (der bekannte Marxist und Sozialisten- . führer) und der Direktor des Wiener Bank-Vereines H. Scha n z er. Von deu 47 Vorträgen gehören 19 : dem jüdischen Stoff kreise an. Einer starken Beliebtheit und Frequenz erfreuten sich die von der Toynbehalle begrünteten und unter der Leitung der Ggenossin Frau Schönfeld stehenden Spielschulen für arme jüdische Schulkinder'beiderlei Geschjechtes. An Sonntag-Nachmittagen versammelten sich, von Lehrerinnen oder . Lehrern begleitet, einzelne Klassen in den Lokalitäten der Toynbeehalle, bewirtet wo sie wurden. Zu Chanuka -.'und :Purim wurden an die Kinder Geschenke verteilt. Die anderen1 unter der Aufsicht der Toynhee- ■ halle stehenden und von derselben begründeten Tochterinstitutionen, wie die Bibliothek und Volkslesehalle und der Analphabeten-Kurs erfreuten sich .einer sehr zahlreichen Frequenz. Vergangene Woche wurde eine neue Leitung : gewählt und an deren Spitze der Gg. Dr. Josef Löwenherz und die Gg. Frau Gisela Scbönfeld gestellt. Außer den üblichen und alljährlichen Volksvorträgen beabsichtigt die Leitung der Toynbeehalle, ' im kommenden Winter einen Kursus für politische -. und sozial-ökonomische Wissenschaften einzurichten. •- Ferner will die Lemberger Toynbeehalle, die Zentrali- ' sation aller in Galizien existierenden Toynbeehallen -durchführen und in Orten, wo solche noch nicht vorhanden sind, Toynbeehallen ins Leben zu rufen. . Der lnangurations-Abend der hiesigen Toyn- . beehall-Vorträge ist für die ersten Tage des No- vember bestimmt. Unter anderen haben auch Reichsratsabgeordneter Prof. Masaryk und Rabb. Dr. Thon aus Krakau ihre Mitwirkung in Aussicht - gestellt. * » * Eine Konferenz der zionistischen akademischen Jugend Galiziens. ak. Lemberg (Orig.-Korr.). Das Exekutivkomitee der vereinigten zionistischen akademischen . Verbindungen und Vereine Galiziens berief für den 31. Oktober und 1. November d. J. eine Konferenz ‘ nach Lemberg mit folgender Tagesordnung ein: 1. Die nächsten Aufgaben im Kampfe um die Anerkennung der jüdischen Nationalität; 2. Organisation und Presse; 3. Das Verhältnis der zionistischen -Studenten zur polnischen Jugend; 4. Die akademische Jugend und die Palästinaarbeit; 5. Die Beteiligung der Jugend an der ökonomischen Hebung der jüdischen Massen; 6. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Studenten; 7. Die Jugend und die jüdische Kunst. Am Konferenztage wurde auch über An- . regung der Verbindung „Hasmonea“ ein Abituriententäg und ein öffentlicher Vortrag des Gg. Salomon Schiller abgehalten. . * . * * . Gälizischer Antisemitismus. Unser Bruderorgan, 'der „Wschöd“ berichtet folgendes: In Schinwatd, einem Dorfe des Tarnower Bezirkes, wohnten 3 jüdische Familien, die sowohl dem katholischen Ortspfarrer als auch der Bevölkerung ein Dorn im Auge waren. Durch verschiedene Schikanen und Quälereien gelang es dem Seelenhirten und seihen Pfarrkindem, die Juden aus dem Dorfe herauszubeißen. Zuerst verließen 2 Familien den Ort, dann griff nach einem kurzen Zeiträume die dritte jüdische Familie zum Wanderstab. Die fromme Gemeinde errichtete nun zum Gedächtnis an die Vertreibung der Juden eine Erinnerungstafel mit folgender Aufschrift: D. O. M. P AMI'ATKA JUBILEUSZU R. P. 1900 OÜAZ POZBYCIA SIE NIEPRZYJA.CIÖL KRZYZA CH‘RYSTUSOWEGO Z PARAFII (In deutscher Uebersetzung: D. O. M. Erinnerungstafel an das Jubiläum der Republik 1900 sowie daran, daß die Pfarre die Feinde des Christuskreuzes los geworden ist.); So geschehen im zwanzigsten Jahrhundert im konstitutionellen Staate Oesterreich 1 Weitere Kommentare sind wohl überflüssig. * * * Jüdischer Abituriententag in Lemberg. Am 24. v. M. fand, nach sechsjähriger Pause, ein von der akademischen Verbindung „Hasmonea“ einberufener Abituriententag statt, welcher sehr gut besucht war. Namens der jüdischen Verbindung „Hasmonea“ eröffnete Gg. Gerstmann die Versammlung und erklärte, daß dieselbe einen rein informativen Charakter trage. Hierauf begrüßten namens der neu gegründeten Vereinigung der akademisch-zionistischen Verbindungen und. Vereine Galiziens Gg. Dr. Isidor Schneider-und., namens der „Poale- Zionisten“. Herr-Dr.'Max Rosenfeld die erschienenen Kollegen. Nachher wurde die Wahl des Präsidiums, bestehend aus den Gg. Tunis (Lemberg) als Vorsitzenden. der Gg. Landes (Drohobvcz) und Lauer (Lemberg) als dessen Stellvertreter vorgenommen. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: „Die gegenwärtige Phase im Zionismus“ nahm das Wort Gg. Gerstmann (Hasmonea). Dann referierten die Gg. Gg. Dr. Isaak Feld über das Thema: „Die zionistische Jugend und die Wahl eines akademischen Berufes“ und Dr. Josef L.oewenherz über „die Lage der akademischen Jugend und ihre Aufgaben“. An die Referate und die diesbezüglichen Resolutionen knüpfte sich eine sehr lebhafte, mitunter stürmische Diskussion, in deren Mittelpunkte die Frage der zionistischen Verbindungen stand, gegen welche sich die größere Mehrheit der Diskutanten aussprach. Eine vom Poale-Zionisten G e 11 m a n n eingebrachte diesbezügliche Resolution wurde dennoch mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Hervorzuheben wäre noch aus der langen Debatte das vom Gg. Berger aus Kolomea ausgedrückte Bedauern, daß die Sprache der Versammlung nicht die jüdische sei. Er ermahnte die Kollegen, sich mehr mit der jüdischen Literatur und ihrer Sprache zu befassen. Zum Schlüsse wurden folgende Resolutionen einstimmig gefaßt: Resolution Gerstmann: I. Die versammelten zionistischen Abiturienten betrachten die Hebung des intellektuellen Niveaus der jüdischen Massen als ihre wichtigste Aufgabe. II. Die Versammelten betrachten die nationale Erziehung der jüdischen Mittelschüler angesichts der mangelhaften und anationalen Erziehung zuhause und in der Schule als unbedingt notwendig. III. Die Abiturienten geloben mit allem jugendlichen Eifer, sich der Palästina-Arbeit hinzugeben, während ihrer akademischen Studienzeit wenigstens ein Mal Palästina zu besuchen und bei der Wahl ihres Berufes die Möglichkeit einer stabilen Ansiedlung in Palästina zu berücksichtigen. Ferner wurde eine vom Gg. Dr. Schneider beantragte Resolution angenommen, worin ausgesprochen wird, daß die versammelten zionistischen Abiturienten auf der Grundlage des Baseler Programmes stehen. * * * Aus Konstantinopel erhält die „N. I. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten folgendes Telegramm: Die von der „Wiener Politischen Korrespondenz“ verbreitete Nachricht, die Zionisten hätten durch Vermittlung der türkischen Abgeordneten, die kürzlich Paris und London besuchten, Verhandlungen mit der türkischen Regierung wegen der Einwanderung jüdischer Kolonisten nach Palästina einzuieiten versucht, seien aber bei der türkischen Regierung auf ein] starkes Mißtrauen gestoßen, ist vollkommen erfunden. Der Minister des Inneren Talaat Bey läßt offiziell erklären, daß die Nachricht der „Wiener [Politischen Korrespondenz“ jeder tatsächlichen Unterlage entbehre und der Regierung ein übelwollendes Verhalten zum Zionismus inauguriere, das zu zeigen sie keinerlei Veranlassung habe. Es handelt sich also hier wieder einmal um eine jener Intriguen, die geeignet sein könnten, die jüdische Kolonisation Palästinas ernstlich zu schädigen, wenn die Haltlosigkeit der geflissentlich verbreiteten Gerüchte sich nicht glücklicherweise immer gar so schnell erwiese. Bedauerlich ist nur, daß von jüdischer Seite die öffentliche Meinung Westeuropas immer wieder systematisch irregeleitet wird — zu keinem andern Zweck, als um eine manchen Leuten mißliebige Bewegung zu diskreditieren. Zeitschriften und Bücherschau. Die Satyren Bedas — in Musik gesetzt. Drei Gedichte von Beda — „Im Ampezzotal“, „Der Markomane“ und „Heine im Grabe spricht“ — sind von dem bekannten Komponisten A. Bela Laszky in Musik gesetzt worden und werden allabendlich von der berühmtesten Diseuse Oesterreichs, Mela Mars, unter stürmischem Beifall in dem Kabaret-Theater „Die Fledermaus“ vorgetragen. Das „Ampezzotal“ ist bereits als Musikstück im Druck erschienen und in allen Musikalienhandlungen erhältlich. ♦ * * Vortrag Prof. Dr. Max Eisler. Im jüdischen Verlage zu Köln ist der Text des Lichtbildervortrages „Von jüdischer Kunst“ (Jozef Israels) in sehr schöner Ausstattung mit 12 prächtigen Illustrationen Israelscher Gemälde erschienen. Für Oesterreich ist sowohl die gewöhnliche Ausgabe (zu Mk. 1.20) als auch die Luxusausgabe auf feinstem Kunstdruckpapier in der Buchhandlung Theodor Nessl, Iglau, Hauptplatz, erhältlich. „Die Wahrheit“ rückt in ihrer Nummer vom 29. Oktober in einem glänzend geschriebenen Artikel „Altzionisten“ den „Zionisten von gestern“ gehörig an den Leib. Insbesondere der Schlußpassus trifft den Nagel auf den Kopf: Zu diesen alten Assimilanten gesellten sich die lauen, streberischen uud abgefallenen zionistischen Elemente. Mancher ist inzwischen zu Stellung und Rang gekommen, Külfusvorstand, Sekretär öffentlicher Organisationen oder dergleichen geworden, mancher ist müde, alt,persönlich verstimmt, hat neue Familienbeziehungen, alles Momente, die schwachen Naturen verhindern, ihre Gesinnung rückhaltslos zu betätigen. Wir wissen, daß Gentz bis zum Tode freisinnig dachte, und doch war er der Handlanger der Reaktion — und sie erfanden das Schlagwort vom Herzlianismus, vom Alt-Zionismus. Dies sollte besagen, daß sie — die Personen, die dies im Munde führen — die reinsten Vertreter des Herzlianismus sind, gegenüber jenen, die sicn Herzt an die Rockschöße klammern. In Wahrheit beruht dies Schlagwort auf bewuster Täuschung. Zion — Nationaljudentum sind praktisch indentisch, d. h. überall sind Zionisten Nationaljuden und die Nationaljuden — mit geringen Ausnahmen — Zionisten. Diejenigen, die das Wort Herzlianismus im . Munde führen, sind keine Herzlianer, sind keine Zionisten. Sie sind entweder alte assimilatorische Gegner Herzls, die sein Ideal noch jetzt verachten oder auslachen; oder abgefallene, schwache, rückgratlose ehemalige Zionisten, die anderen Handlangerdienste leisten. Alt-Zionismus ist eine Wahlphrase, ein Blender, ein Köder. Es gibt keinen alten und jungen Zionismus, es gibt nur einen Zionismus und der ist national.

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