Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 iÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Chowewe-Zion zusammengetreten ist, — | jene Konferenz, die von den Schöpfern und den ersten Führern unserer nationalen Bewegung, wie Dr. Pinsker, David Gordon, Rabbi Samuel Mohilewer, P. Rabinowitz u. a. ins Leben gerufen wurde und nachmals in der Entwicklung unserer Bewegung einen Ehrenplatz einnehmen sollte. Bescheiden und anspruchslos war die Kattowitzer Konferenz, ihre Bedeutung in der Geschichte unserer Bewegung kann aber nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Gedanke der nationalen Wiedergeburt, der damals erst im Entstehen begriffen war und in der Chibath-Zion-Bewegung seinen bescheidenen Ausdruck fand, war in jenen Tagen nicht mehr als das intime Ideal einiger weniger Männer, die von praktischer Betätigung sehr weit entfernt waren. Er hatte keinen konkreten Inhalt, keine konkrete Form. Die vereinzelten und versprengten Kräfte der ersten Chowewe-Zion fanden vor sich nichts, was das Objekt ihrer Tätigkeit, oder Bestrebungen hätte bilden können, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß für eine nationale Tätigkeit in planmäßiger, organisierter Form kein Raum war, da die notwendige Voraussetzung hierfür fehlte: es fehlte die zentrale Institution, das berufene, autoritative,, unentwegt wirkende Zentrum, wo sämtliche Fäden der Arbeit zusammenliefen, die die Keime der zukünftigen Entwicklung in sich bärge. Eine solche Institution gab uns die Kattowitzer Konferenz. Das Odessaer Palästina-Komitee, das im Jahre 1890 die offizielle- Sanktion erhielt, ist ein Produkt der Kattowitzer Konferenz. Mit der Gründung des Komitees trat unsere Bewegung in ein neues Stadium ein, in das Stadium vereinheitlichter, planmäßiger und organisierter Arbeit. Auf diese Weise betrat unsere Bewegung den für jede öffentliche Betätigung, ganz besonders aber für jede große Volksaktion einzig gangbaren Weg. Die Kattowitzer Konferenz darf also als der erste Keim angesehen werden, dem unsere nationale Arbeit in den verschiedenen Formen entsprossen ist, die sie im Laufe ihrer fünfundzwanzigjährigen stufenweisen Entwicklung angenommen hat. Das Odessaer Palästina-Komitee sieht es daher als seine heilige Pflicht an, seinen Freunden allerorts zu empfehlen, das 25jährige Jubiläum der Kattowitzer Konferenz feierlich zu begehen und am Sonntag, 23. Cheschwan, dem Schlußtage der Konferenz folgende Veranstaltungen zu treffen: 1) In den Synagogen soll .das Andenken jener verewigten hervorragenden Chowewe-Zion, die sich an den Kattowitter zuhorchte, erkannte, daß solcher Schmerz nur einem peinlichen Anblick galt und daß sie mit ihrem Schrei auch jenes Anblicks loszuwerden trachteten. Und sie mochten gerne, daß es ihren einstigen Brüdern gut gehe, um ihrer eigenen Ruhe willen. Die Hoffenden aber waren ihnen vollends ein Greuel. Denn sie hofften ja gerade hach dem, was s i e gerne vergessen und hinter sich werfen wollten. Denn sie selbst wollten ja auch gerne eine Art Band mit ihren Brüdern haben, wenn sie nur nicht daran erinnert wurden, daß sie — in der Verbannung sind. Und immer kochte etwas in ihnen auf, wenn sie daran gemahnt wurden, daß die Befreiung der Sklaverei eine andere sei als die der Sklaven. In jenen Tagen aber ereignete sich ein seltsames Wunder. Es geschah nämlich, daß inmitten des Sklavengeschlechtes ein König geboren wurde. Alles an ihm war königlich, sein Wuchs, sein Wort, seine Bewegung, sein Sinnen und seine Seele. Und da er ein geboreuer König war, erkannte' er, daß unter seinen Brüdern noch verbannte Könige leben. Und da seine Seele eine Königsheimat hatte, wußte er, daß es für die verbannten Könige noch eine Heimat gebe. Und da er einen Königswillen hatte, wollte er alle verbannten Könige um sich scharen, Beratungen beteiligten,*) allen voran das Andenken des Vorsitzenden der Konferenz, Dr. Pinsker, durch eine Gedenkfeier (Haskoratb-N’-schomaus) geehrt und entsprechende Gedenkreden gehalten werden; 2) des Fernern soll an diesem Tage zu Gunsten des vom Odessaer Palästina- Komitee gegründeten und den Namen Dr. Pinskers führenden palästinensischen Schulfonds eifrig gesammelt werden. Wir hoffen, daß unsere Freunde und Gesinnungsgenossen bestrebt sein werden, unseren Anregungen zu entsprechen und so das Andenken der ersten zionistischen Konferenz und der ersten hervorragenden Führer unserer Regenarations-Bewegung würdig zu feiern. 25. Tischri 5670. Das Odessaer Palästina-Komitee Der Präsident: M. Ussischkin. * * * Das Programm der Veranstaltungen zur Feier des 25 jährigen Jubiläums der Kattowitzer Konferenz, Sonntag, den 7. November 1909,lautet: Interne Festsitzung vormittag 10 Uhr im Sitzungssaale der Jüdischen Gemeinde (August-Schneiderstr.) Tages -Ordnung: 1) Eröffnungsansprache des Vorsitzenden des Gruppenverbandes Herrn Arnold Wiener, Kattowitz. 2) Ansprache des Präsidenten des E. A. C. Herrn David Wolffsohn. 3) Ansprache des Delegierten des Odessaer Palästina-Komitees. 4) Begrüßung der Deputationen. 5) Festvortrag von Herrn Dr. Aron Sandler-Breslau: „Die historische Bedeutung der Kattowitzer Konferenz“. — Die Gesangs- und Harmoniumvorträge zu Beginn und am Schlüsse des Festaktes hat Oberkantor Singer freundlichst übernommen. Oeffentliche Versammlung nachmittag */. 5 Uhr im großen Saale des „Deutschen Hauses“.T ages-Ordnung:l) Ansprache des Präsidenten des Aktionskomitees Herrn David Wolffsohn. 2} Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Thon-Krakau: „Von Kattowitz bis Basel“. 3) Vortrag des Herrn Dr. Witkowsky-Berlin: „Der Zionismus und die deutschen Juden“. 4) Ansprache des Reichsratsabgeordneten Herrn Adolf Stand-Wien. — Nachmittag 2 Uhr im Grand- Restaurant August Schneiderstraße (frühere Räume der „Eintracht“): Festmahl. Abends 9 Uhr im Grand-Restaurant August- Schneiderstraße: Fest-Abend. Kommers. Jüdisch-künstlerische Darbietungen. Buffet. Bazar. Zwangloses Beisammensein. * * *) Dr. Leon Pinsker, Rabbi Samuel Mohilewer, Dr. J. M. Rabbinowitz, Alexander Zederbaum, David Gordon, Klonimos Wissotzky, Jakob Daiches, L. Kliwansky, M. Moses, J. M. Mayersohn, Dr. Drübinowitz, L. Schalit, L. Kalischer. um sie in ihre Heimat zu führen. Und siehe! er wies den verzauberten Sklaven ihr Land — und starb. Und jene hatten von ihm die große, tatenzeugende Sehnsucht empfangen. Hier wird die Chronik lückenhaft und sie weiß nur einiges vom Ende zu erzählen. Die verbannten Könige nämlich standen wirklich auf und fanden ihr herrliches Heimatland, das ihrer seit Jahrtausenden harrte. Die aber nicht den großen Mut zum völligen Wechsel ihres Lebens fanden und die noch das Zeichen der Verachtung auf ihrer Stirne trugen — blieben weiter in den Ländern der Verbannung und lebten stiller und litten weiter, als Fremde, wenn auch nicht als Sklaven, und lernten von der Zukunft zu träumen. Und sie litten auch leichter, weil sie wußten, daß sie eine ferne Heimat hatten. Jene aber, welche erst in der Freiheit völlig zu Sklaven geworden waren, konnten den Eingeborenen nie an Wuchs und Größe gleich werden und lebten weiter in Wohlleben und Verachtung. Es soll aber einzelne gegeben haben, welche schließlich zurückkehrten und doch lieber verbannte Könige bleiben wollten als aus eigenem feigem Willen — Sklaven. Notiz: Von den Teilnehmern am Vormittag-Festakt wird ein Festbeitrag von M 1.50 erhoben, wofür sie zu sämtlichen Veranstaltungen (inkl. der Nachmittagversammlung) freien Zutritt genießen. Es wird gebeten, Festkleidung anzulegen. Für die öffentliche Versammlung am Nachmittag werden Karten ausgegeben, die im Vorverkauf ä 50 Pfg. für Kattowitz in der Buchhandlung von Georg Hirsch und in den Zigarrenhandlungen von Silbermann und Sachs (Bahnhofstraße) für die übrigen Orte bei dem Vorsitzenden der zionistischen Ortsgruppe erhältlich sind. Karten an der Kassa 75 Pfg. Auswärtige Festteilnehmer belieben Anfragen und Wünsche bez. Wohnungen etc. an Herrn Arnold Wiener, Kattowitz, Karlstraße 1 (Telefon 131 und 1025) zu richten. Der neunte Kongreß. Von Adolf Böhm, Wien. Die Organisationsfrage.*) (Schluß.) Dr. Bodenheimer schlägt vor, die Organisation auf die Vereine zu basieren, so daß nur Mitglieder von solchen das Wahlrecht zum Kongreß hätten. Dadurch wird bezweckt, daß man den Schekel von jedermann nehmen und die Eingänge aus der Schekelsammlung gewaltig steigern könnte, während das Recht mitzubestimmen nur solchen Zionisten zukäme, welche durch Teilnahme an einem Verein der Landesorganisation angehören und diese unterstützen sowie ein wirklich reges Interesse an den entscheidenden Fragen haben. Dieser Gedanke ist wiederholt, auch von mir, vertreten worden, aber-derzeit unausführbar. In Rußland ist eine Vereinsbildung heute unmöglich, auch in Galizien ist eine solche bei dem Gros der Zionisten nur sehr schwer durchzuführen. Wohl sieht der Entwurf Bodenheimers für diese Verhältnisse Ausnahmsbestimmungen vor, aber damit ist der ganze Entwurf illusorisch, weil die Ausnahmen einen zu großen Umfang annehmen würden. Auch kann man sich in weiten Kreisen mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß der Schekel einfach zu einem Geldsammelmittel umgewandelt werden soll. Dies entspricht durchaus nicht dem Grundgedanken unserer Bewegung, welche nicht zu einem Vereinsverband erstarren sondern sich die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit einer wirklichen Volksbewegung erhalten soll. Der Vorschlag Dr, Bodenheimers ist daher heute noch nicht reif zur Durchführung. Immerhin muß sein Grundgedanke als wichtig bezeichnet werden. Aber nicht bloß wegen der Möglichkeit durch ihn mehr Geld zu sammeln, sondern angesichts der großen Schäden, welche durch die allzulose Skruktur unserer Organisation verursacht werden. Heute kann sich jedermann durch eine Zahlung von einer Krone und zwanzig Hellern in die zionistische Bewegung einkaufen und sein Wort in die Wagschale werfen. Wir in Wien haben diesbezüglich schon sehr schmerzliche Erfahrungen gemacht. Ich stehe daher auf dem Standpunkt, daß ein vollwertiger Zionist nur jener Jude ist, dessen Zionismus nicht bloß darin besteht, daß er eine Programmformel „anerkennt“, sondern der auch streng auf dem Boden desjüdischenNationalismus und der Demokratie steht. Das sind Voraussetzungen, die leider in der Programmformel nicht deutlich ausgesprochen sind, ihr aber zugrunde liegen. Da wir das Programm absolut nicht ändern dürfen, so muß eine organisatorische Handhabe dafür gegeben sein, nur solche als Parteigenossen anzuerkennen, bei denen jene Voraussetzungen zutreffen. Dies ist möglich, wenn die Organisationen auf Vereine aufgebaut werden, die nicht gezwungen sind, jedermann wahllos aufzunehmen. *) Siehe Artikel in Nr. 44.