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Jüdische Zeitung · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IQDISCHE ZEITUNG. Nr. 45 Und seine Unwissenheit ist ein Verbrechen gegen jene Männer des Geistes, die in jüdischer Sprache für ihr Volk und für die Menschheit Edelstes und Schönstes gesagt und gesungen haben. Wie kommt ein Perez, einPinski, ein Asch,einJehojosch,ein Reisen, ein Rosen feld, wie kommt das Volk dieser Männer dazu, von einem anmaßenden Nichtswisser in des Milieu des Budapester Orpheums geschleppt zu werden? Doch, wenn es wenigstens nur Ignoranz wäre! Es ist aber sicherlich mehr. So unwissend kann der Unglückselige ja doch nicht sein, Ich verstehe, daß er in gewohnter Geistesweite keiner Erscheinung nahekommt, die außerhalb seines Parteihorizontes liegt. Aber wenn ich nicht sehr irre, ist ja die jüdische Sprache schon innerhalb des sozialdemokratischen Parteihorizontes aufgetaucht. Ich meine damit noch gar nicht die bösen „Separatisten“. Denn auch in der „jüdischen Sektion“ der polnischen Sozialdemokratie in Galizien gilt die jüdische Sprache schon längst nicht mehr als „verdorbenes Deutsch“. Vom „Bund“ gar nicht zu reden, von dem der Herr aus der „Arbeiterzeitung“ doch sicher schon etwas gehört haben muß. Vielleicht redet er sich aber darauf aus, daß er nur einen Wiener sozialdemokratischen Parteihorizont kennt . Dann lade ich ihn, aber ganz und gar nicht höflich, ein, in der „Arbeiterzeitung“ nachzuschlagen. Auf den Abdruck der bundistischen Forderung nach Gleichberechtigung der jüdischen Sprache in Schule und Amt will ich ihn gar nicht aufm erksam machen. Das war Berichterstattung und kann aus einem Zensurversehen in die Zeitung hineingelassen und von ihm übersehen worden sein. Aber ganze große, aus dem Jüdischen übersetzte Feuilletons kann er doch nicht übersehen haben. Allerdings hat die Redaktion stets „vergessen“, die Tatsache der Uebersetzung aus dem „Budapester Orpheumdeutsch“ anzugeben. Doch dafür sitzt er ja an der Quelle, sollte ich meinen. Läuten muß er davon doch wenigstens gehört haben . . . Es ist also nicht bloß sträfliche Ignoranz, sondern auch boshafte Entstellungsabsicht, die die Feder des Herrn von der „Arbeiterzeitung“ geführt hat. Ob es dabei ein Milderungsgrund ist, daß er auch Tausende seiner Klassen- und Parteigenossen, rücksichtslos, wie eben nur so eine Grimassenmumie sein kann, mitkränkte — das wage ich nicht zu entscheiden. Natürlich kommt es mir nicht in den Sinn, nur den Schreiber der Notiz zu belasten, die Redaktion der „Arbeiterzeitung“ selber aber von der Verantwortung frei zu sprechen. Sie sind einander würdig, der war, daß sie nicht stumpf und fühllos das Leben 1 nahmen, sondemmitqualvollemEmpfinden. Allejahre aber wurden ihnen eine Schule des Verachtens. Als sie noch stolze Erinnerungen inmitten eines elenden : Lebens gewahrt hatten, lernten sie den Haß ihrer Verfolger zu verachten. Als aber deren Verachtung sie ganz umschlang wie eine graue böse Schlange, da wurde ihr Herz voll Bitterkeit und sie begannen sich selbst zu verachten — mit der Verachtung ihrer Feinde. Ihr Eigenes wurde ihnen selbst eine Schande — und, um ihr Dasein erträglich zu finden, kehrten sie ihr schmähliches Fühlen gegen das Einzige was noch aus dem Dämmern ihrer Vergangenheit herüberleuchtete. Man darf aber sagen, daß nicht alle solchen Veracbtens voll wurden, sondern manchen quoll aus der . Glutasche des Leides eine neue, reinere Liebesflamme auf, still und unsichtbar allen Hassenden. jene Sklaven aber wurden nach und nach fast völlig zu dem, was ihre Feinde von ihnen dachten, jene sagten, daß ihnen nur unreine Beschäftigung möglich sei und sie konnten nur solche betreiben. Jene glaubten, daß sie feige und schmählich seien — und sie waren zarter und schwächer — und diese verkrochen sich mißtrauisch vor dem Haschein eines faulen Blattes. lene lachten in traurige Spaßmacher — und seine geistige Heimat. Neugierig bin ich übrigens, wie lange noch jene Sozialdemokraten, die sich betonter jüdischer Gefühle erfreuen, die ewigen Angriffe des ignoranten Wiener sozialistischen Judenklüngels auf ihre Eigenart und Sprache ruhig ertragen werden? Hoffentlich nimmt ihre Langmut bald ein Ende und sie entschließen sich, den Herren ein bischen auf die Finger zu klopfen. Schon als Sozialisten haben sie die Pflicht, den Sozialismus von diesen Vergewaltigern der Freiheit zu säubern. Ein Gespräch mit Doktor Tewfik Riza Bey. Der bekannte Parlamentarier und Führer der Jungtürken, Universitätsprofessor Dr. Tewfik Riza Bey hatte die Freundlichkeit, Herrn Samuel Bettelheim, Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, zu empfangen und demselben eine längere Unterredung über die: zionistische Bewegung zu gewähren. Das Gespräch, welches in französischer Sprache geführt wurde, drehte sich ausschließlich um Fragen der jüdischen Einwanderung nach, Palästina und ist in Folgendem im Wesentlichen dem Wortlaute nach wiedergegeben: Bettel heim. Ich gestatte mir, als Mitarbeiter eines hiesigen jüdischen Blattes um einige Minuten zu bitten. Tewfik Riza Bey. Ich bin sehr gerne bereit, Ihnen jede gewünschte Aufklärung zu geben. B. Sie hatten die Freundlichkeit, im; verflossenen Jahre sich einigen Journalisten gegenüber in sehr sympatischer Weise über: die zionistische Bewegung zu äußern. Von anderer Seite ist jedoch verlautet worden,: daß Sie diesbezüglich ihre Meinung geändert hätten. Es wäre uns daher sehr angenehm von Ihnen selbst zu erfahren, daß Sie tatsächlich der zionistischen Sache unveränderte Sympathie entgegenbringen. T. R. B. Durchaus, mein Herr. B. Das ist sehr erfreulich. Ich darf also versichern, daß wir die Ehre haben, in Ihnen einen Verteidiger unserer Bestrebungen zu haben. T. R. B. Gewiß, ich habe stets meine warme Sympathie für die Israeliten ausgesprochen. Ich bin in einem iraelitischen Milieu aufgewachsen, bin mit ihnen zusammen unterrichtet worden, kenne daher: sehr gut ihre Vorzüge. Ich bin auch stets bereit,die Interessen der Israeliten zu wahren. Ich bringe der zionistischen Sache meine besten Sympathien entgegen. Es sind freimumpfem, ehrlichem Unwissen über ihre königlichen Traditionen und auf den Lippen der Sklaven : spiegelte sich ein ekelhaftes Grinsen. Aus der Unnatur ihres Lebens wurden ihre Körper verkrümmt, was noch des Adels in ihrem Antlitz verblieben , war, von Furcht und Haß und Verachtung verzerrt,; ihr Gang wurde unstet und träge, ihr Fühlen von ' nichtiger Spekulation erdrückt, ihr Wollen eng und ziellos. Nur ihre Kinder zeigten manchmal etwas von dem; Adel ihrer Geburt und manche ihrer Frauen trugen | jenen innigen Duft der herrlichen Gärten, die einst; im fernen Heimatlande geleuchtet hatten.- Es wandelten sich die Zeiten. Und es geschah; eines Tages, daß man den Sklaven eine Art Freij heit gab. Sie sollten nicht mehr auf öffentlichen j Schauzügen ihre Schmach entblößen, sie sollten nicht mehr in schmutzigen Winkeln hausen und Abj Zeichen der Schande an ihrem Gewände tragen, j Schweigen sollten sie freilich auch weiter noch,: wenn man sie öffentlich schmähte, sie mit Schmutz j bewarf und sie aller Bedingungen eines reinen,! ehrlichen Lebens zu. berauben trachtete. Aber es! wäre auch anmaßend gewesen für Sklaven, die so j hohe Gnade erfahren, auch noch die Rechte ge-; borener Menschen zu fordern, zumal ihnen diese ja! durch das Gesetz schon gegeben waren. lieh auch Fehler geschehen, welche Mißverständnis erregen konnten. B. Wie dürfte sich die Majorität des Parlamentes der zionistischen Idee gegen-' über verhalten? T. R. B. Wird die Sache einmal vor das Parlament kommen, so werde ich mit aller Entschiedenheit dafür eintreten und ich glaube mein Wort wird gehört werden. B. Es wird von anderer Seite verbreitet, daß sich bei Ihnen viel Opposition dagegen erheben wird. T. R. B. Die zionistische Frage ist noch keine offizielle geworden, man kann nach einzelnen Stimmen nicht urteilen. Ich meinerseits bin — wie gesagt — Ihrer Sache sehr geneigt. Ich kenne ja alle jüdischen Führer und bin mit einigen in persönlicher Verbindung gestanden. Ich kenne auch Herrn Zangwill. B. Sieht man also die Einwandernng der Juden gerne? T. R. B. Die Israeliten (Tewfik Bey vermied das Wort Jude) sind bei uns stets gerne gesehen gewesen. Ich habe dies auch gestern zu drei Budapester israelitischen Journalisten gesagt, welche mich in dieser Angelegenheit interviewten. B. Dennoch bestehen aber noch die Beschränkungen der Immigration. Sie kennen doch gewiß die Einrichtung der roten Zettel? T. R. B. Ja. Unter dem konstitutionellen Regime hören solche Dinge natürlich auf. B. Sie bestehen aber in anderer Form. Das zionistische Zentralorgan berichtet, daß der Grandrabbin den Minister um Abschaffung der roten Zettel gebeten hat. Der Minister versprach die roten Zettel abzuschaffen, bemerkte aber, daß die Immigranten immerhin auch weiter registriert würden. Der Grandrabbin erwiderte hierauf, daß dies dasselbe in anderer Form wäre, der Minister erklärte aber, nicht mehr tun zu können. Das ist aber nur die Ansicht eines Ministers — fiel hier Tewfik Bey rasch ein — resp. eines Ministeriums und nicht die derOffentlickeit, ein nächstes Ministerium fügte er mit einen bedeutsamen Lächeln hinzu — kann andere Ansichten haben. Zum Schlüsse sagte Tewfik Riza Bey: „Sie können also ver- sichert sein, daß ich die Interessen der Israeliten sehr gerne vertreten werde. Die Israeliten sollen sich mit ihren Angelegenheiten stets vertrauensvoll an mich wenden.“ Aufruf. Am 18. Gheschwan d. J. (2. November) werden es 25 Jahre sein, seitdem in der Stadt Kattowitz die erste Konferenz der Und vielen der Sklaven tat die neue Freiheit noch gar wohl. Denn obgleich sie nicht ebenbürtig waren den Eingeborenen, so hatten sie anderseits sogar manches vor ihnen voraus. Denn, als sie Sklaven waren, hatten sie all jene Eigenschaften in erhöhtem Maße gelernt, welche sie in der Freiheit zu Größe und Macht gebrauchen konnten, da der Dienende List und Gewalt am meisten übt, sieht und vielleicht auch achtet. So kamen sie bald in die Höhe — und nur ein lächerlich kleines Etwas schien sie noch von dem ruhig-sicheren Leben der anderen zu trennen — der Umstand, daß sie Sklaven gewesen waren. Und wie wohl auch ihre Sklaverei im Grunde nur ein verbanntes Königtum gewesen war, so war es doch angenehmer, all ihre Vergangenheit von sich zu werfen als einer unbekannten Hoffnung zu dienen. Im Gegenteile mußte ihnen alles daran gelegen sein, das Band mit ihren Brüdern zu zerschneiden, zumal mit den leidenden und noch mehr mit den hoffenden, weil solche Bande inniger und stärker werden können. Und sie hatten eine sonderbare Gewohnheit angenommen. Sahen sie nämlich, daß Sklavenbrüder gepeitscht und gepeinigt wurden, dann schrien sie selber auf, aber so laut, daß das stille Schluchzen der Brüder davon übertönt wurde — wer aber näher

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