Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vereinsnachrichten. Verurteilt! Man hat wieder einmal erklärt; daß wir nicht da sind und hat uns neuerdings zu einer „Religionsgemeinschaft“ verurteilt. Diesmal war’s das Reichsgericht und damit sich das bei Behandlung jüdischer Angelegenheiten notwendige, allgemeine Gaudium einstelle — der J-udenstämmling Dr. Unger hat präsidiert. Der Anlaß ist ziemlich belanglos. Ein Czernowitzer Advokat hat sich durch die Nichtannahme einer im Jüdischen abgefaßten Anzeige von der Gründung eines Theatervereines seitens der politischen Behörde beschwert gefühlt. Wir nehmen keinen Anstand, zu erklären, daß es nicht nur untaktisch sondern auch sehr unzeitgemäß war, gerade in dieser Angelegenheit im Sinne des Art. 19 des Staatsgrundgesetzes „über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger“*) ein reichsgerichtliches Urteil zu provozieren. Man beginnt einen Hausbau nicht mit dem *) Der bezügliche Passus des Art. 19, in welchem insbesondere das Wort „landesüblich“ von unseren Staatsrcchtslehrern heiß' umstritten ist, lautet: „Alle Volksstämme sind gleichberechtigt und jeder Volksstanim hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung seiner Nationalität und Sprache. Die Gleichberechtigung aller landesüblichen Sprachen in Schule, Amt und öffentlichem Leben wird vom Staate anerkannt.“ Die Könige und die Sklaven. (Eine allegorische Geschichte von Ben-Israel.) Es lebte einmal, im fernen Osten, ein Geschlecht von Königen. Nicht zwar waren sie Könige, weil sie Heere befehligt, Länder verwüstet, Völker geknechtet hätten und weil ihnen Untertanen mit Leib und Leben Eigentum gewesen wären, sondern : nur ihre Art war so edel, ihre Gedanken so vornehm, ihr Tun so groß und ihr Mut so rein, daß sie nicht anders als Könige genannt werden konnten. Und dieses Geschlecht lebte in einem Glanze, der aus ihm stammte, Jahrhunderte um Jahrhunderte, bis zu der schrecklichen Stunde der Verbannung. Denn es war geschehen, daß die Letzten des Geschlechtes, so in jenen fernen Landen lebten, nicht mehr ihres Glanzes achteten, ihre Art vergaßen, ihrer Gedanken Schwung im gleichen Gang der Tage abstumpften, ihren Mut schwächten und ihre reine Tat befleckten. Darum wurden sie plötzlich des Landes 'Verbannt, .das so sonnig und duftend gewesen war und in eine ferne Oede verstoßen, wo rauhe Menschen mit rauher Faust und wildem Hasse miteinander rangen um ein Stück reicheren und lichteren Lebens, denn das Land war finster und nebelschwer, und die Dachfirst und man rollt ijicht am Anfänge unseres schweren Kampfe^ um Anerkennung der jüdischen Nationalität die bei uns in Oesterreich so leidige Sprachenfrage auf. Aber schließlieh hat ja ein Privatmann auf eigene Faust Beschwerde geführt und selbst verfloss^nene Juden ä la Unger werden ihm gute Gründe zubilligen müssen. Von 811.3*1 Juden Galiziens und der Bukowina haben — betont die Beschwerde — 800.000 jüdische Mutter- und Umgangssprache. Die große Masse werde sinnlos nach der ßprache der entnationalisierten jüdischen Oberschicht administrativ verschiedenen fremden Nationen zugerechnet. Dabei sei map sich des Scheines wohl bewußt und lasse die jüdische Sprache überall dort gelten, wo sie als Verständigungsmittel und ohne Anspruch auf öffentlichrechtliche Geltung im Amt und öffentlichen Leben auftrete. Der Richter, der Beamte verhandle in jüdischer Sprache und eine jüdische Volksversammlung sei noch nie aus sprachlichen Rücksichten untersagt worden. Der Ostjude halbe seine eigene Sprache, seine eigene Schrift und seine eigene Literatur, die eben.jetzt in modern 'Wissenschaftlicher und publizistischer Betätigung zu neuer Blüte emporsteige. Diese Beschwerde drängte naturgemäß das Reichsgericht zur Entscheidung der Vorfrage, ob es einen jüdischen Volksstamm gebe. Das Reichsgericht glaubte diese Frage nach der Mantz’schen Ausgabe unserer Gesetze beantworten zu können, zog sich zwischen die Paragraphen zurück und erklärte dann feierlich, daß es in Oesterreich keine jüdische Nation gebe.. . Legen wiris zu dem Andern! Solche „Entscheidungen“ bereiten höchstens dem Herrn Hofrat Kuranda und Herrn Dr. Löwenstein eine tröstliche Viertelstunde, ln einigen Jahren wird man über dieses „Erkenntnis“ samt seinen Gründen den Kopf schütteln und der Chronist wird, um es dem Publieinst Könige gewesen waren, gingen wie fremde Bettler umher zwischen jenen finsteren und starken Völkern, deren finsterste und stärkste den Sieg davontrugen über die zarteren und feineren und sich mit Feuer und Schwert im Lande verbreiteten. Aber auch dies» wurden, als sie des Friedens pflogen und sich Staaten zimmerten, ihres gefesteten Besitzes satt und froh und guter Gedanken, und es gingen wohl auch solche aus ihnen hervor, die im inneren Herzen freier und frohmütiger wurden gegen einander. Je geordneter und reicher aber das Land wurde, desto mehr bedurfte es, wenn auch nicht des tatsächlichen Sklavendienstes, so doch eines verzerrten, verkrümmten Menschenbildes, um all die Finsternis, die in ihr reicheres Dasein mitgegangen war, um all ihren noch nicht gebändigten Haß und ihre rohe, keinen Gegenstand findende Heiterkeit daran zu entladen. So wurden denn, die einst Könige gewesen waren und noch immer die feinen Körper und die empfindsamen Seelen ihres einstigen Daseins trugen, ein willkommenes Spiel jenem Haß und jener Heiterkeit, denn sie hatten gegen solchen Haß und solche Heiterkeit keine Wehr in sich. Und sie wurden zu Sklaven und Narren zugleich in den prächtigen, wohlgeordneten, aller Sitte vollen Reichen der fremden Völker. kum verständlich zu machen, erläuternd bemerken, daß es von einem getauften Juden abgefaßt wurde . . . „Ein Budapester Orpheum- Spaß vor dem Reichsgericht.“ Von Dr. Nathan Birnbaum (Czernowitz). Ein Ungenannter hat jüngst anläßlich der bekannten Entscheidung des Reichsgerichtes, in der Wiener „Arbeiterzeitung“ eine Notiz veröffentlicht, welche die jüdische Sprache und die Verfechter ihres Rechtes lächerlich machen soll. Ich würde es gerne versuchen, dem Manne zu Gewissen zu reden und ihm halbwegs begreiflich zu machen, daß er — seine Ueberzeugung sei welche immer — keine Ursache hat, auf seine Leistung stolz zu sein. Aber das wäre ein aussichtsloses Beginnen. Denn ich kenne ihn, oder besser, seinen Typus. Ich weiß, daß er zu jenen Juden gehört, für die wir alle leiden müssen, und die geistig und sittlich feinere Naturen — ob Juden oder Arier — zur Verzweiflung treiben. Von solchen Grimassenschneidern mit Hirnmumien in den Schädeln ist keine Einkehr zu erwarten. Da heißt es einfach brüsk die Wahrheit heraussagen, wobei es mir natürlich nicht einfällt, mich in eine sprachwissenschaftliche Kontroverse einzulassen. Für eine solche suche ich mir schon andere Gegner aus. Hier will ich nur den wildesten Unsinn hervorheben, der schlimm genug ist, auch wenn er bloß Unwissenheit seinen Ursprung verdankt. Wenn nämlich jemand Jüdisch mit dem Budapester Orpheumdeutsch verwechselt, dann ist er jedenfalls unfähig, über das Thema auch nur ein Wort weiterzusprechen. Manche gab es wohl unter ihnen, welche noch immer den großen Traum ihrer Königsheimat in der Seele trugen. Aber es waren ihrer viele, in denen ein schwerer Schmerz aufstieg vor dem Haße, der sie mit tausend Pfeilen durchbohrte, bis er in ihrer eigenen Seele wieder erwachte, schwer, dumpf und ohnmächtig. Und die Liebe war von ihnen ringsum entfernt, seit sie das lichte Königsland verlassen hatten, und sie war in die schauervolle Einheit der Qual zusammengepreßt und in die Einzigkeit des Stöhnens und der Gottverlassenheit. Jene anderen aber haßten ihre Körper, weil sie reiner und immer noch zarter waren als die ihren, und sie haßten ihre Seelen, weil noch ein Adel des Königtums in ihrem Gebaren lag, und sie haßten die Reinheit in ihnen und ihren eigenen Haß. Nach und nach aber wurden jene verbannten Könige wirklich zu Sklaven — denn sie begannen daran zu glauben, daß sie geborene Sklaven seien. War ja alles Königliche ihres Wesens seit langen Tagen so sehr dem Spott und Schimpf preisgegeben, daß sie es immer tiefer verbargen und zuletzt so tief vergruben, daß es sich vor ihnen selber verbarg. Und ihr äußeres Leben und Tun war das von Sklaven. So übten sie die Geberde der Sklaven so lange, bis ihre eigene Seele sie annahm. Das Letzte, was ihnen noch von ihrem Königsdasein verblieb, Sinne seiner Menschen schwer und stumpf. Und die