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Jüdische Zeitung · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite-6 jüdische; zeitung. Nr. 44 treter der Regierung der Täufling Szterenyi, Staatssekretär im Handelsministerium, erschien und eine schwungvolle, echt christliche Rede hielt. Wer da weiß, welche reaktionäre, buchstäblich analphabete Elemente einem solchen kleinstädtischen "katholischen Gesellenverein angehören, wird sich wahrlich über diesen Schritt der ungarischen Regierung wundern, jüdische Gelehrsamkeit, das ist was anderes ... Die Tätigkeit des „Jüdischen Nationalfonds“ in Ungarn ist der katholischen Volkspartei ein Dorn im Auge. Insbesondere die Errichtung von Verkaufsstellen für Nationalfondsmarken hält das ehrenwerte Organ dieser Partei in Erregung. „Es ist unerhört“, schreibt dieses Blatt, „daß in königlich ungarischen Tabakläden nebst ungarischen Briefmarken die Marken eines fremden Nationalstaates verschleißt werden. Es ändert nichts an der Tatsache, daß dieser Staat erst gegründet werden muß. Es ist auch unerhört, daß ungarische Staatsbürger auf ihre Briefe fremde Nationalstaatsmarken kleben. Diesem Unfug muß ein Ende bereitet werden.“ Dann zitiert das Blatt die Anregung des Direktoriums des NF., wonach bei Begleichung von Rechnungen die Hellerbeträge in NF-Marken bezahlt und kaufmännische Fakturen, Bestellungen etc. mit solchen Marken versehen werden sollten. „Dies würde den Ruin des ungarischen Handels bedeuten“, seufzt das fromme Blatt, „da — wie bekannt — sämtliche ungarische Großindustrielle und Großkaufleute Zionisten sind (?), die in der Zukunft solche Bestellungen, welche mit keinen N.-F.-Marken versehen sind, nicht ausführen werden. Daran würde der ungarische Handel, wenn auch nicht zugrunde gehen so doch schweren Schaden erleiden Interessanter sind die Ausführungen, die in der jüngst herausgegebenen Broschüre des zum neuen Leben erwachten Antisemitenführers Viktor Istöczy enthalten sind. Istöczy, der durch sein Treiben den Tisza-Eszlärer Prozeß - hervorgerufen hat, beabsichtigt eine neue antisemitische Partei unter dem Namen „Sozialpolitische Partei“ zu gründen. Einer der Hauptprogrammpunkte ist — wie sonderbar dies auch klingen mag — die Unterstützung der zionistischen Bestrebungen. Er zitiert den Wortlaut seines im Jahre 1878 dem ungarischen Parlament unterbreiteten Antrages, wonach das gemeinsame Ministerium des Aeußem beauftragt wird, eventuelle jüdische, auf Palästina bezügliche Aspirationen zu begünstigen und denselben zur Ausführung zu verhelfen. Unter anderem will er auch die Genehmigung der Statuten der Ungarländischen zionistischen Organisation durchsetzen. Er rechnet mit Bestimmtheit darauf, daß die sozialpolitische Partei in Kürze Zustandekommen wird. Es sollen nicht weniger als 200 Kandidaten für die nächsten Wahlen auftreten, deren Sieg — vermutet Herr Istöczy — als sicher angenommen werden kann, „da das ganze Volk antisemitisch ist“. Istöczy ist heutzutage eine kompromittierte Persönlichkeit und kann auf keinen Erfolg rechnen, seine Ausführungen geben jedoch zu denken. ■ *- _-• . B-ö. Zu dem „Problem der jüdischen Wanderung.“ Vom Schriftsteller Herrn Maxim A n i n, dem Verfasser des in Nr. 35 und 41 der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlichten Aufsatzes; „Probleme der jüdischen Wanderung“, erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Angesichts der Mißverständnisse; die der Wortlaut meines letzten Artikels-möglicherweise hervorrufen könnte, bitte ich Sie höflich folgenden wenigen Zeilen, die der Aufklärimg und -Vervollständigung des Gesagten dienen -sollen, - in ihrer gesch. Zeitschrift Platz geben zu wollen. Für einen jeden, derauf dem Standpunkteder territorialen Lösung der Judenfrage steht, sollte es ohne weiteres klär sein, daß in unserem an sozialen Formen — insbesondere hinsichtlich der Landwirtschaft und Kolonisation — so armen jüdischen Leben «ine jede'Erfahrung — positiver -oder negativer Natur — weiche sichauf das Gebiet der jüdischen Kolonisation bezieht, von größter praktischer Bedeutung ist. Von diesem Gesichtspunkt aus — Und nur von diesem- — habe ichvon den bisherigen jüdischen Kolonisationsversuchen die in Palästina besonders hervorgehoben, nicht etwa, weil ich darin die territoriale Lösung der Judenfrage erblicke, , sondern weil m. E. nirgends soviel Kräfte angewendet und so verhältnismäßig-wenig Resultate erzielt worden sind, wie gerade hier.' Wir hätten daher hier sehr vieles zu lernen . . . Dem prinzipiellen Palästinismus aber kann ich als Anhänger der Ideen der zionisfischen-sozialistischen Arbeiterpartei (S. S.) keineswegs beipflichten. Denn nach meiner unmaßgebenden Meinung eignet sich Palästina wie nach seinem Umfange und seinen ethnischen Bedingungen, so auch nach den Kolonisationsmöglichkeiten nicht für das'zukünftige jüdische Freiland.! Wenn ich dabei in meinem Artikel von der Bedeutung des türkischen Reiches für die jüdische Wanderung in der Zukunft sprach, so hatte ich dabei die in letzter Zeit so oft ventilierte Möglichkeit einer breiten jüdischen Massenkolonisation in Mesopotamien im Auge, die-viel eher den Interessen des Wanderervolkes entsprechen könnte und die infolgedessen von allen jüdischen Parteirichtungen — die Zionisten nicht ausgenommen — akzeptiert werden kann. ■» . Mit vorzüglicher Hochachtung Wien. . r Maxim An in. ■ Von äer Woche. Dritter deutscher Judentag. Samstag den 17. Oktober fand zu Breslau die diesjährige Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Juden“'-'statt, der für uns Oesterreicher von besonderen Interesse ist, weil die politische und wirtschaftliche Stellung der Juden in den Ostmarken, in. denen bekanntlich mit preußischer Schärfe die Polen germanisiert werden, den Hauptgegenstand der Beratungen bildeten. Nach einem religiösen Referate,,das natürlich ganzüberflüssig war und überdies-mißglückte,. (es polemisierte gegen das Christentum), folgten die Referate „Abwanderung der j-uden aus der Provinz Posen„ und „Di§:Juden in den Ostmarken“;was hahen sie dem preußischen Staate und was hat er ihnen geleistet?“1 Die Beratungen ergaben die traurige Tatsache,,.cjaß in der Provinz Posen innerhalb eines Jahrzehntes 116 Städte über 25%, 54 Städte 50 % ihrer jüdischen Bevölkerung verloren haben. Den Geist der aus-den Referaten und den gefaßten Resolutionen sprach, müssen wir e n tsch i e d en ,verurt-e ii en, zumal in der Begründung der vorgelegten Thesen auf die Förderung des Deutschtums in dep Ostmarken und auf die Parteinahme der J.uden für die Deutschen gegen .die Polen besonderer Nachdruck gelegt vy.ird„:. *- * Antisemitismus in Kroatien. . Wenn in eine>m Lande durch die Fehler der verschiedenen Parteiführer, die gesammte Politik in eine Sackgasse gerät, dann wird ein Sündenbock gesucht und gewöhnlich auch gefunden, ln den meisten Fällen ist es der Jude. Sowiederholt sich auch in Kr o a t i e n die in den übrigen Teilen der Monarchie bekannte;Erscheinung, daß untergehe n d e Parteien. -;äls letzten Rettungsanker den Antisemitismus betrachten. Die kroatischen Parteiensind vollständig zerklüftet, jede in sich; gespalten, alle zusammen Ohne klares real isierbares Programm; vielmehr aufgebaut) auf Personenkultus im gegenseitigen^ Kampfe ühmer zu -den verwerflichsten Mitteln, speziell auth zum Antisemitismus bereit. Die serbo-kroatische Koalition, in-ihrer-Zusammensetzung, in ihrer Ziellosigkeit und Taktik, in der Aera des Entstehens und Vergehens der magyarischen sehr ähnlich, mit ihr durch die berüchtigte Fiumaner'Resolution verbunden war schon durch Wahldes Äntisemitenhäuptlings T a s k a u charakterisiert. : Trotzdem haben5 die kroatischen Juden den Sirenenklängen des Herrn Supilo und Konsorten Folge leistend, bei den letzten Landtagswahlen zum großen Teile — in Ermanglung einer anderen ihnen konvenierenden Opposition gegen das unhaltbare System Rauch — ihre-Stimmen den Kandidaten der kroatischen Koalition gegeben. Und der Dank ist derselbe, wie der der magyarischen'Koalition: De r-A n ti s e m i ti s m u S. Erst vor'kurzem benützte aus einem nichtigen -Anlässe ein Hauptorgan derkroatischen Koalition die Gelegenheit, um den kroatischen Juden mit dem — Antisemitismus zu drohen, weil sie sich mit den „Fremden des Landes“ verbinden. Wer sind dies? Baron Rauch* Dr. Frank oder die. se rbo-kroatisch e K o.a 1 i t i o,n? Darüber sind, eben die verschiedenen Gruppen verschiedener Meinung! In allen aber ist der Antisemitismus latent und von allen Fraktionen werden die kroatischen Juden als Kanonenfutter be-r nützt. S i e werden dafür verantwortlich gemacht, wenn kroatische und serbische Chauvinisten den kroatisch-serbischen Gegensatz zuspitzen und verewigen. Die Juden sind weiters daran Schuld, wenn infolge einer unfähigen Politik Kroatien die Sklavenketten der magyarisch-oligarchischen Gewaltherrschaft nicht abzuschütteln vermag; und wenn schließlich infolge der Vernachlässigung jeder großzügigen Sozialreform in Kroatien die allgemeine wirtschaftliche Not wächst, so ist natürlich daran nur die jüdische Ausbeutung schuldjg. Ueberall der gleiche Entwicklungsgang. Werden die kroatischen Juden die Lehre ziehen? * * * Cesare Lombroso. Vorige Woche verschied im Alter von 74 Jahren ein jüdischer KönigderWissenschaft,Cesare Lombroso. Ein Nachhomme eines alten Judengeschlechtes, hatte er alle Kennzeichen des edlen jüdischen Rassetypus: Gründlichkeit, Fleiß, Genügsamkeit, Unbeugsamkeit und Wahrheitsliebe. Wenn er auch im Leben seines Volkes keine Rolle gespielt hat und jüdischen Leiden und Freuden ferngestaiiden ist, so hatte er doch für die Bestrebungen der jüdisesen Renaissance inniges Verständnis. Sein tiefer sittlicher Ernst, sein Glaube ah den Menschen Hessen ihn auch die Ideale des modernen Judentums verstehen. Wiederholt äußerte ersieh über den Zionismus in sympatischer und achtungsvoller Weise. In einem Artikel der „Welt“ schrieb er: . . . „So verspricht denn Zion das Beispiel einer neuen Bevölkerung zu bieten, die mit den alten Ueberlieferurigen alle modernen Hilfsmittel vereinigt, der es gelingt, alle jene durch die Jahrhunderte' urid das Unglück in der hebräischen Rasse entwickelten verborgenen Kräfte zusammenlaufen zu lassen . „... .Aber haben jene (die Westjuden)- wejl es ihnen gilt geht und weil sie ein Vaterland gefunden “haben, das Recht zu vergessen, daß sie Brüder besitzen, denen es schlecht geht, die kein Vaterland haben?“ Darum haben wir, trotzdem er nicht Schulter an Schulter mit uns kämpfte, das Recht nicht nur auf ihn stolz zu sein, sondern uns auch zu freuen, daß es gerade ein Jude war, der durch jahrelange, ernste wissenschaftliche Arbeit die Welt gelehrt hat „nicht Sünder sondern Tor, nicht Verbrecher sondern Kranker, nicht Mörder sondern Wahnsinniger? zu sagen. Seine wissenshhaftliche Bedeutung möge von Berufeneren gewürdigt werden; wir freuen uns des Menschen und Juden Lombroso. Und mit Genugtuung vermerken wir, daß dieser große Jude nicht nur ein Großer des Geistes sondern, auch ein Fürst im Reiche der Menschlichkeit war. . „ *. Vereinigte jüdische Arbeiterpartei Amerikas. Die * IV: JähreSkonferenz der „Poalei Zion“, die vom 1. bis 6. Oktober tagte, war sehr stark besucht und nahm einen inhaltsreichen Verlauf. Nach der Eröffnungsrede des Herrn Awrunin sprachen Dr. Syrkin und A. Goldberg, bisherige Führer der Sözialisten-Territorialisten, über die Vereinigung der radikalen, national-jüdischen Parteien (Sozialisfen- Territorialisten und Sejmisten). Dr. Syrkin sagte, daß der -von ihm selbst früher vertretene territörialistische Standpunkt Zangwills auf einem Irrtum beruhe. Die historische Verknüpfung der Judörf mit Palästina sei unzerstörbar. Goldberg sagte’ u. a.: ^Die russische Revolution hat uns getrennt, die türkische Revolution aber hat uns wieder vereinigt. In den letzten Jahren sind europäische und asiatische Völker erwacht. Der Jude, der sowohl’ mit Europa wie auch mit Asien1 verbunden ist, handelt im Geiste der Zeit, wenn er-eine wirkliche nationale Freiheit erstrebt.“ Dr. Schitlowsky, das geistige Haupt der sogenannten „Sejmisten“ (die eine pö-5 iitisch-kulturelle Autonomie für die Juden m ihren gegenwärtigen Wohnländern erstreben), erläuterte hr wirkungsvoller Weise seine Entwicklung zur zionistischen Anschauung. Nach Verlesung vonmehreren Begrüßungen und Tetegtammen wurde - das' Vereinigungsprögrämm eingehend besprochen und angenommen. Es wurden dann folgende Resolütio-; nem gefaßt: -1. Die1 nationale Arbeit in-den-Exil-

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