Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 ländern bleibt eines der Hauptgebiete in der Parteitätigkeit. 2. Jiddisch und hebräisch sind beide gleicherweise Sprachen des jüdischen Volkes. — Außerdem würde beschlossen, den Namen „Poalei Zion“ in „Jüdische Arbeiterpartei“ umzuwandeln und die Zentrale der Partei nach Palästina zu verlegen. - * . * ■ * Die Sozialisten und die jüdische Einwanderung nach Amerika. Hat die von Herrn Gomperz geleitete American Federation of Labour sich offen gegen die jüdische Einwanderung nach Amerika ausgesprochen, so sagten die Sozialdemokraten, die Federation. sei nicht sozialistisch, ja sozialistenfeindlich. Nun haben wir in Wien das Vergnügen gehabt, einen waschechten amerikanischen Sozialdemokraten, Herrn Viktor Berger zu hören, der am 25. d. im Favoritner Arbeiterheim sprach. Berger sagte, daß die Sozialdemokraten zwar nicht direkte Gegner der Einwanderung seien, aber die Immigration von 'Slovaken, russischen Juden etc. erschwere die sozialistische Organisationsarbeit, daß mögen die Wiener Genossen bedenken. Der Sinn der Worte . ist klar: ln der Praxis sind wir gegen die Einwanderung, trauen uns aber noch nicht, das als Prinzip .auszusprechen. Köstlich war es übrigens auch, daß Berger (der Name klingt nicht ganz unjüdisch) die Genossen darüber aufklärte, daß die Trustmagnaten keine Juden sind, auch Rockefeller, der für einen solchen galt, sei keiner. Dagegen gebe es eine ungeheuere Menge von jüdischen Proletariern in Amerika. Wir fragen in unserer Unschuld: Was geht es die Genossen, welche einen Unterschied zwischen Jude und Nichtjude angeblich nicht kennen, an, ob die amerika- ,nischen Milliardäre Juden sind oder nicht? * * * Naftali Herz Imber. Aus New-York kommt die Nachricht, daß der Dichter des jüdischen Nationalliedes, der „Hatikwah“, Naftali Herz Imber gestorben ist. Imber stammte aus Zloczow in Galizien und ist im Jahre 1852 geboren worden. Sein Schicksal war echtes jüdisches . Dichterschicksal, er litt an.drei Gebresten^ap Armut»; Krankheit und am Judenturile“. •'•Sein Lebtag trieb ihn gemeine Not von Land zu Land; zuerst lebte er in Wien, dann in Konstantinopel, dann in Palästina - von dort zog ihn sein unruhiger Geist nach London, wo er den größten Entbehrungen ausgesetzt war.! Israel Zangrill lernte ihn kennen, ließ ihm seine Unterstützdng angedeihen und nahm seine abenteuerliche Ahasvergestalt zum Vorwurf einer Skizze in dem Kindern des Ghetto! Von London zog Imber in die; jüdische Metropole Amerikas nach New-York, wo er in Elend und Not seine letzten Lebensjahre verbrachte. Ein anderes Schicksal war seiner Schöpfung „Hatikwah“ zu teil. Dieses Lied zog auch von Land . zu Land, aber von Liebe umgeben und vom Siege gekrönt, denn altes Alte und Hoffnungslose floh vor den Tönen dieses jugendkräftigen Freiheitsliedes. In wenigen Jahren eroberte es die besten und gesündesten Schichten des jüdischen Volkes und wurde zum Symbol des neuen Judentums. Möge mit den Klängen dieses Liedes der Name Imbers für ewig verknüpft sein. _• •' ACHTUNG! Die nächsten Veranstaltungen: Freitag, 29. d. M., Cafe City, IX., Porzellangasse, 5 Uhr nachmittags: Vortrag Dr. Ernst Möller aus Jaffa veranstaltet vom „Jüdischen Mädchenklub“. Sonntag, 31. d. M., Festsaal des Ingenieurnnd Architektenvereines, I., Eschenbachgasse 9: Vortrag Prof. Dr|. Max Eisler (Lichtbildervortrag über jüdische Kunst) veranstaltet von der jüd.-akad. Verbindung „Makkabäa“. Samstag, 6. November, Hotel Franz- Josefsbahn IX.: Damenkneipe mit Vorträgen und Tanz veranstaltet vom Ersten Wiener jüdischen Turnverein. -(— Aus dem jüdischen Leben. Gg. Mosers siebzigster Geburtstag. Friedensrichter Moser'aus Leeds, einer unserer hervorragendsten Gesinnungsgenossen, der bekanntlich auf dem VIII. Kongreß das hebräische Gymnasium in Jaffa mit einer großen Spende bedacht hat, feiert am 28. November d. J. seinen siebzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlasse planen die englischen Zionisten eine Ehrung des greisen Gesinnungsgenossen durch zahlreiche Spenden für den Herzlwald. *: . * Kultivierung von Mesopotamien. Der „Jewish Chronide“' meldet aus Konstantinopel: ln einem von dem Wakufminister Hamada Pascha dem Großvezfer überreichten Projekte regt der Minister die Besiedlung und Kultivierung von Mesopotamien an, welches -ein unbebautes Areal von 67,000.000 ha umfaßt. Die für die Kultivierung in Betracht kommende Regidn erstreckt sich von der Provinz Diarbekir bis zürn persischen Golf. Trotzdem der Boden der fruchtbarste und ergiebigste in der ganzen Welt ist, liefert er dem Staat keinen Ertrag. Vor zehn Jahrhunderten, zu Zeiten des Harun-al-Raschid, war Mesopotamien von 30,000.000 Menschen bewohrtt und vollständig bebaut. Hamada hofft dfieses G eb i e t m i t Juden und Sudanesen {zubevölkern und dort ein dem ägyptischen ähnliches landwirtschaftliches System einzuführen. Aus dem Projekt geht hervor, daß die türkische Regierung geneigt ist, die Juden in Massen aufzunehmen. * * * Der jüdische Kataster in der Bukowina nnd die galizische Judenheit. Die ablehnende Haltung des Ministers des Innern, Freiherr von H a e r d 11, in Angelegenheit der nationalen und staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in der Bukowina und die Intrigantenrolle der Abgeordneten Loewenstein und Kuranda riefen in ganz Galizien einen Sturm der Entrüstung hervor. Dieser äußerte sich in einer großen Anzahl von Volksversammlungen, die in den größeren Städten und sogar in den kleinsten Städtchen abgehalten wurden. Ueber Veranlassung des Lemberger D.-K. selbst wurden in seinem Kreise 28 Demonstrationsversammlungen abgehalten, in denen einige einheitliche Resolutionen gefaßt und dem Abg. Dr. S t r a uc h e r, dem Minister des Innern und dem Abg. Dr. Loewenstein auf telegraphischem Wege übermittelt wurden. Es langten Berichte ein aus: Mikolajew, Sambor, Stary Sambor, Gliniany, Jaroslau, Szczerzec, Kulikow, Zolkiew, Zloczow und Skole. Auch aus den übrigen drei Distriktskomitees kommen Berichte über imposante, in vielen Städten abgehaltene Protestversammlungen. So aus Zablotow, Rzeszow und Tarnopol, wo Gg. Dr. Israel Waldmann in einer sehr zahlreich besuchten Volksversammlung referierte, aus S t a n i s 1 a u, wo Gg. Dr. Jonas und aus K rakau, wo Dr. Feldblum über das Thema: „Die Juden und der nationale Wahlkataster in der Bukowina“ Referate hielten. Auch in Lemberg wurde Samstag den 16. d. M., um 7 Uhr abends, unter dem Vorsitze des Gg.Joel Aschkenase eine Protestversammlung abgehalten. Nach dem Referate des Gg. Dr. David Schreiber, des Obmannes des Lemberger D.-K., wurden unter großer Begeisterung und Pfuirufen gegen Loewenstein die bekannten Resolutionen gefaßt. Erklärung. Gegenüber verschiedenen tendenziösen und unwahren Darstellungen, die von gegnerischer Seite über unser Blatt verbreitet werden, erklären die Unterzeichneten folgendes: 1. Die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ wird ausschließlich von einem Preßkomitee geführt, das aus den Unterzeichneten Funktionären der zionistischen Organisation und des Jüdischen Nationalvereines besteht. Gg. Lucian Brunner gehört dem Preßkomitee nicht an und hat auch niemals weder das Komitee, noch eines seiner Mitglieder betreffs der redaktionellen Haltung der „Jüdischen Zeitung“ zu beeinflussen gesucht. Westjuden. (Novelle von B e n D a v i d). (3. Fortsetzung.) Wien, 20. November 1906. . Lieber Karl! Ich ersehe aus Deinem Brief zur Genüge, daß deine Sinnes- -art sich wesentlich von der meinen unterscheidet. Es gibt, glaube ich, zwei Arten von Menschen: solche, die; das Gute nur in dem lieben, was man ißt, trinkt oder körperlich . fühlt, und solche, die nur das Gute dort finden, wo man es ' mit den Sinnen nicht wahrnehmen kann. Und Proselyten machen : ist ein verächtliches Gewerbe. Leider vermag ich auch nicht, gemäß Deinem begreiflichen : Begehren, eine anregende Schilderung meines Wiener- Lebens zu! geben. Das Dir per distantiam so sympathische Fräulein Lilly ist, > trotz'deines skeptischen Lächelns, für mich lediglich ein Mädj chen von Geist und Geschmack und ich zweifle nicht daran, j daß sie für niemanden mehr ist. Solche feine, verklärte Blüten eines schönheitatmenden Lebens könnten den sengenden; 'Hauch der Liebe nie ertragen. Rein und frei schaut sie auf die i himmlischen Nacktheiten des Quinquecento, doch wie ein be-; leidigender Schlag trifft sie ein leichtes Wort. Lilly kann nur! .'schwärmen, nie lieben. I Ueber meine künstlerischen Genüsse zu sprechen, werde; ich mich wohl hüten; und über Bierqualität und sonstige weitj bewegende Dinge kann ich Dir absolut nichts mitteilen. I :i Deshalb verzeihe mir, wenn ich mich statt mit meiner uninteressanten Persönlichkeit lieber mit Dir, Du Canonicus in floribus, befasse. Ich habe nämlich das unabweisliche Bedürfnis, Deine Tätigkeit sowohl in der wohlhonorigen Burschenschaft Cimbria, als auch in demopulenten Hause Schmelkes meiner schulmeisterlichen Kritik zu unterziehen. Ich meine nämlich, daß beide mit Vorsicht zu führen sind, die eine im physischen, die andere im geistigen Sinn. Ich weiß sehr gut den köstlichen Zauber des farbenfrohen Studentenlebens zu schätzen und bedaure es tief, daß meine Veranlagung mich zwingt, auf Krug und Säbel, Kappe und Band, Lied und Feuchtfröhlichkeit zu verzichten. Doch fürchte ich sehr, daß durch die verknöchernde Tradition die jüdischen Jungen in den Prager Korporationen der lächerlichen Deutschtümelei erbarmungslos anheimfällen. Und es gibt wohl in unserer kritischen Zeit keinen dümmeren Anblick, als den Schwur orientalischer Lippen auf treudeutsche, völkische Güter. Auch wir in Wien haben das widerliche Schauspiel dieser krummnasigen Hadmare und stark behaarten Hagen die nach einem gediegenen Pfefferfisch das Lied von den deutschen Eichen anstimmen und wenn ihnen ein waschechter Arier ins Gesicht spuckt, daß für eine Regeneration der Rasse halten. Aber wir haben auch junge Juden — Du kennst wohl den Namen Kadimah — die weder in studentischer Fröhlichkeit noch in der Führung der Waffe einem arischen Studenten nachstehen, aber ihr Sehnen, Trachten und Wirken Ihrem gedrückten, alten, großen Volke widmen--L Und was die schöne Frau Julie betrifft, warne ich Dich