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Jüdische Zeitung · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 . JÜDISCHE ZEITUNG. der W. 0. den Steuersäckel zu füllen, das Wahlrecht in den Dienst der Steuerschraube zu , stellen. Diese unglückliche Verquickung von Steuerrecht und Wahlrecht tritt am krassesten zu Tage in jener vielverrufenen Bestimmung des § 2 W. O. „Ausgeschlossen vom aktiven Wahlrecht sind: : _ a) ' b) diejenigen, welche am Tage des Ablaufes des kundgemachten Wahl - Reklamationstermines (§ 6), diesen Tag mitgerechnet, für das laufende Jahr die Kultussteuer nicht bezahlt haben“. Die einmalige unpünktliche Zahlung der Kultussteuer hat die Aberkennung des Wahlrechtes zur Folge, eine Maßregel, die nach staatlichem Rechte (§ 425 St. P. 0.) nur über den flüchtigen Verbrecher verhängt wird, der sich trotz der öffentlichen Vorladung nicht dem Gerichte stellt! Zu solchen Konsequenzen gelangt eine Wahlordnung, die nicht darauf ausgeht, das Wahlrecht so zu regeln, daß die geeignetste Persönlichkeit aus der Urne hervorgehe, sondern die einzig und allein in widernatürlicher Verkennung ihres Zweckes das Ziel im Auge hat, einen Druck auf die Steuerzahler auszuüben. Und doch wird dieses Ziel nicht erreicht, weil demjenigen, der die Kultussteuer nicht zahlen will, das aktive Wahlrecht etwas ganz Gleichgiltiges ist. Vom goldenen Horn. Von M. J. Cohen. Es war meine Absicht, Ihnen zunächst über das Judentum in dieser wundervolleh Märchenstadt zu berichten. Ich wollte über "die Gemeinde und ihre Einrichtungen, den Chacham Baschy (Eminenz!) Schulen, Bethäuser u. dgl. mehr eingehende Studien machen, die Lebensweise der hiesigen Spaniolen, ihre Sitten und Gebräuche, Sorgen und Wünsche in erschöpfender Weise schildern. Das geht momentan leider noch nicht an. ln Pera, Galäta und Stambul habe ich nämlich bis jetzt wenig oder gar nichts spezifisch jüdisches gesehen. Man hört wohl hie und da das alte kastilisch-jüdische Idiom und erkennt daraus, daß es in Konstantinopel auch spaiiiolische Juden gibt. Sonst aber verschwinden diese Leute im unbeschreiblichen Gewühl und werden von den Wogen des vielsprachigen und buntscheckigen Tohu-wabohu förmlich verschlungen. Es ist auch schwierig, die Juden in den geschäftlichen Stadtteilen als solche zu erkennen. Die „Vornehmen“ tragen sich ä la fran^ais und sprechen französisch mit einander, so daß man sie für Fremde halten kann, während sich die Uebrigen in Aussehen, Kleidung und Gebahren fast gar nicht von Türken, Armeniern, Griechen.oder Kurden unterscheiden. Trotzdem ich selbst Spaniole bin und den Orient zu kennen vermeine, passiert es mir oft, daß ich speziell die jüdischen „Hamals“ (Lastträger) von ihren kurdischen Berufsgenossen nicht zu unterscheiden vermag. Ich bin auf Spaniolen gestoßen, die ich für Kurden hielt, weil sie ein buntes Tuch turbanartig-um den Fez .geschlungen hatten, und habe hingegen Kurden spaniolisch angesprochen, natürlich ohne eine Antwort erhalten zu haben. Hier ist eben alles kunterbunt durcheinander geworfen, für den Fremden, der die Verhältnisse nicht kennt, unentwirrbares, Atem beklemmendes Chaos, der wahre Narrenturm. In den nächsten Tagen werde ichdie jüdischen Vorstädte Konstantinopels, wie Haskeny, Bahat u. a. besuchen und Ihnen meinen Bericht erstatten. In diesen Vororten wohnen die Juden in großen, kompakten Gruppen neben einander; hier pulsiert das eigentliche jüdische Leben von Byzanz. Viel erfreuliches wird kaum zn melden sein. Das habe ich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts bereits ersehen, und in diesem Sinne lauten übereinstimmend alle Informationen, welche ich von Leuten erhalte, die die jüdischen Verhältnisse dieser Stadt kennen. Bei den reicheren Juden herrscht krasse Ignoranz,verbunden mit der größten Indifferenz für alles Jüdische, bei den anderen Klassen wieder dieselbe krasse Ignoranz in Zusammenhang mit allen Miseren einer hilflosen resignierten Armut. Ja, die Alliance Israelite Universelle! Wenn die ihre hehre Mission vor 30 oder 40 Jahren richtig verstanden hätte, wenn dieser Weltverein gewollt hätte, den orientalischen Juden nebst einer gediegenen elementaren Bildung auch jüdische Kenntnisse beizubringen, ihnen-Liebe und Verständnis für das Judentum einzuftößen, dann stünde es heute ganz anders mit diesem tüchtigen Zweig des jüdischen Volksstammes.-Heute können nahezu alle jungen Spaniolen Konstantinopels, ein paar französische Brocken sprechen und schreiben, sonst aber nichts, absolut nichts. Und weil sie alle dasselbe Maß von „Kenntnissen“ haben, nützen sie keinem mehr. — Man muß der Alliance für diese Sünde gram sein, auch wenn man ihre übrigen Verdienste voll und ganz anerkennt. Die Spaniolen hier stehen leider auf einem sehr tiefen kulturellen Niveau. Sie sind in Konstantinopel der einzige Volksstamm, welcher der verheißungsvoll wunderbaren Wendung der Dinge ratlos gegenübersteht. Sie wissen mit der neuen Lage nichts anzufangen, bekunden nicht das geringste Verständnis für den großartigen Umschwung und ihre Folgen und werden, sofern kein Wunder geschieht, an der weiteren Entwicklung keinen Anteil haben. Während Mohammedaner, Griechen und Armenier, ja sogar die rückständigen Araber und Albanier mutig und energisch an der Reorganisation ihrer Gemeinden arbeiten, ihre Schulen reformieren, den Unterricht in ihrer Nationalsprache kräftig fördern und sich im Allgemeinen für die kommenden Ereignisse und Möglichkeiten zielbewußt, rüsten und vorbereiten, tun die Juden hier nichts dergleichen. Wohl gibt es eine Anzahl junger Spaniolen — meistens Autodidakten — welche sich die türkische Sprache in Wort und Schrift angeeigeet haben, doch haben sie alle ein gemeinsames, einziges Bestreben, ein Ideal! Beamte zu werden, einen gut dotierten Posten in der politischen Administraiion oder bei der Justiz zu erhalten. Weiter reichen ihre Wünsche nicht; ein höheres Ziel existiert für sie nicht. Das Judentum hier braucht Belehrung und Führung, sonst wird und muß es gänzlich versumpfen. Nur die jüdisch-nationale Idee kann der immer mehr um sich greifenden Erstarrung und Verwesung Einhalt tun und diesem absterbenden, großen und schönen Zweig des jüdischen Stammes neue frische Lebenssäfte einflößen. Nur der Zionismus ist berufen, Lehrer und Führer für die Spaniolen zu sein. Das scheint die zionistische Zentralleitung eingesehen zu haben, und Anzeichen einer beginnenden Aktion nach dieser Richtung treten bereits hervor. Ich habe hier in Konstantinopel einige ausgezeichnete Männer kennen gelernt. Namen von Ruf, die ich jedoch lieber nicht angeben will, welche im Stillen, dafür aber umso eifriger, für zionistische Zwecke arbeiten. Auch freut es mich ungemein, mitteilen zu können, daß das in französischer Sprache erscheinende Wochenblatt „L’Aurore“, welches vorzüglich redigiert wird, ebenso offenherzig als geschickt den zionistischen Gedanken propagiert. Auch ein spaniolisches Wochenblatt „El Judio“, welches seit einiger Zeit hier erscheint und mit Takt- und Geschick redigiert wird, kann und muß uns ohne Zweifel wertvolle Dienste leisten. Ueberhaupt kann die außerordentlich erfreuliche Erscheinuug nicht übersehen werden, daß die Spaniolen in der Türkei seit Beginn der neuen Aera sehr viel Verständnis und Sympathie für den zionistischen Gedanken bekunden. Besonders der Mittelstand, soweit er von der „französischen Krankheit“ noch nicht ganz zerfressen ist, zeigt lebhaftes Interesse für den Zionismus. Dies tritt in der größten Spaniolengemeinde des Reiches, in Saloniki, besondes stark in die Erscheinung. Aber auch hier machen sich erfreuliche Symptome bemerklich. An einem Halbfeiertage des verflossenen Sukkothfestes hat die erste zionistische Versammlung in Konstantinopel stattgefunden, welche massenhaft besucht ' war. Herr Nachum S o k o 1 o w hielt eine Rede in klassischem Hebräisch, welche geradezu helle Begeisterung bei jenen hervorrief, die ihn verstehen konnten. Ich zweifle zwar-sehr daran, daß auch nur ein kleiner Bruchteil der spaniolischen Zuhörerschaft Sokolows Ausführungen verstanden hat, aber viele ließen sie sich erklären oder übersetzen. Derartige Veranstaltungen sollte man öfter wiederholen, besonders in den jüdischen Vierteln, und man sollte spaniolisch zum Volke reden. Auch sollten die zionistischenKreisenichtgarzuzaghaft und bedächtig auftreten. Damit erreicht man im Orient wenig und leistet noch dem Argwohn Vorschub, als ob der Zionismus wirklich etwas zu verbergen hätte. Ich gebe ja gerne zu, daß Vorsicht dringend geboten ist, aber allzugroße Vorsicht wird auch hier als Schwäche gedeutet. Hier vielleicht mehr als ander¬ Seite 5 wärts. Zumindest sollte man von zionistischer Seite endlich darangehen, überall, wo Juden in größeren Gruppen wohnen, Zweigvereine zu gründen und eine jüdisch-nationale Organisation zu schaffen, welche als Plattform für eine jüdisch-nationale Politik dienen würde. Daran fehlt es grade den Juden im ottomanischen Reiche, ihr Unglück ist es ja eben, daß sie nicht organisiert sind und kein einheitliches Programm besitzen. Das freie Wort und ein strammes kluges Auftreten kann uns unter den jetzigen Verhältnissen nur nützen. Diesbezüglich könnten wir von den hiesigen Griechen, Armeniern und Bulgaren viel lernen. Wir haben unter den hiesigen Spaniolen auch enragierte Assimilanten und Zionistenfresser. Ihr Organ ist der „El Tiempo“ eines gewissen Fresco, das älteste und meistgelesene spaniolische Blatt im Reich. Herr Fresco, welcher uns stets mit seinem Haß beehrt hat, kannte unter dem despotischen Regime kein höheres und schöneres Ideal für das orientalische Judentum als die Bestrebungen der Alliance Israelite Universelle. Jetzt hat er ein anderes Steckenpferd gefunden, den Ottomanismus. Die orientalischen Juden haben nichts besseres und eiligeres zu tun als im Ottomanismus restlos aufzugeben. Vergeblich wird man ihm beweisen wollen daß die neue freie Türkei auf nationaler Grundlage aufgebaut werden soll, daß sie von den verschiedenen-Völkerschaften das Opfer ihrer Nationalität gar nicht verlangt und daß man als nationaler Jude ein vorzüglicher ottomanischer Staatsbürger und Patriot sein kann. Das leuchtet ihm nicht ein. Er tut über den Zionismus höchst entrüstet, sieht in ihm eine eminente Gefahr für das ottomanische Judentum, beschuldigt die Zionisten des Verrats am ottomanischen Vaterlande, tobt und rast gegen uns wie ein Besessener. Was ist dagegen zu machen? Es ist ein pathologischer Fall. Man muß ihn austoben lassen. Konstantinopel, Oktober 1909. Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Trostlose Gedanken steigen auf, wenn man über die Lage der Juden in Ungarn berichten soll. Ueberall zeigen sich Schattenbilder, nirgends ein Lichtrahl, der wenigstens für kurze Zeit die mißlichen Zustände vergessen lassen könnte. Die Juden werden nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete zurückgedrängt, auch die sogenannten „liberalen“ Berufszweige sind ihnen hermetisch verschlossen. Hunderte von jungen Juden, die nach unsäglichen Entbehrungen das Mittelschullehrerdiplom erreicht haben, sind außerstande, eine Stellung an den städtischen oder kommunalen Mittelschulen zu erlangen, da ihnen ein weit wichtigeres Dokument als das Lehrerdiplom, der Taufschein, fehlt. So manche der Kandidaten beschaffen sich diese „Eintrittskarte“, die übrigen darben weiter, besserer Zeiten harrend. Mit welcher Ruchlosigkeit der ungarische Kultusminister, der Abgott der Führer der ungarischen Orthodoxie, diese Zeiten fern zu halten versteht, charakterisiert am besten folgender Fall. 13 Professorenstellen an ungarischen Mittelschulen wurden vakant und hätten ausgeschrieben werden sollen. Was tut der Herr Minister? Seine Exzellenz versetzt 13 Personen von königl. katholischen Gymnasien auf diese Stellen und schreibt den Konkurs für so und so viel Stellen an königl. katholischen Anstalten aus. Hauptbedingung: katholisches Glaubensbekenntnis ... Ein anderer Fall. Die ungarischen Juden brüsten sich seit Jahrzehnten mit ihrem Landes- Rabbinerseminar, das sie auch mitunter „s t a a t- I i c h“ zu nennen pflegen, obwohl dasselbe von dem den Juden auferlegten Krigstribut vom Jahre 1849 errichtet wurde. Der um die jüdische Wissenschaft wohlverdiente Rabbi Moses -Bio c h, der jahrzehntelang Rektor dieser jüdischen Hochschule war, ist vor einigen Wochen verschieden. DieBestattung fand unter großer Beteiligung der jüdischen Kreise statt, die königlich ungarische Regierung hat jedoch mit ihrem Fernbleiben geglänzt Dies kann ihr nicht verargt werden, da sie anderweitig vollauf beschäftigt war und daher nicht die genügende Zeit besaß, um sich bei der Bestattung des Leiters einer Hochschule, wenn auch nur durch einen Sektionschef, vertreten zu lassen. Zur selben Zeit hat nämlich der katholische Gesellenverein in Kalocsa sein 25 jähriges Jubiläum gefeiert, bei welcher als Ve r

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