Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 lÜDISCHE ZEITUNG, Seite 3 nisatlonen aufrecht hält, die Verhältnisse an Ort und Stelle studiert, die Bedürfnisse der Massen kennen lernt, etc. Nach außen vermissen wir ebenso eine feste Führung. Infolge der Umwälzungen in der Türkei ist die ganze Bewegung alarmiert, aber kein richtunggebendes Wort ertönt von oben. Die „Welt“, die unser Antlitz nach außen ist, bringt sentimentale, philosophische und dialektische Leitartikel, nur keine politischen. Sie ist überhaupt kein Organ, daß einen leitenden Willen zum Ausdruck bringt, sondern eine Antologie von Korrespondenzen. Im Falle Goldberger hat sie es nicht verstanden, die Würde der zion. Organisation zu wahren. Wir haben allerdings immerfort gehört, daß unser Präsident in Konstantinopel verhandelt. Aber auch heut erfuhren wir nicht, worüber. Welches ist Ihr Plan, Ihr System? Welche Rolle sollen unsere Unternehmungen, Bank, Nationalfonds in diesem Plan spielen. Auf der ganzen Linie herrscht Systemlosigkeit. Sie vergessen auch fortwährend an die Psychologie der Massen. Die besten Unternehmungen nützen uns nichts, wenn wir keinen Einfluß mehr auf das Volk haben, wenn die propagandistische Kraft unsere Idee erlischt, weil sich der Zionismus bureaukratisiert lind zu einer Verwaltung von Institutionen herabsinkt, wie das jetzt der Fall ist. Sie können den Nationalfonds noch so gut verwalten, wenn sie die Massen verlieren, so wird der Nationalfonds nichts zu verwalten haben. Die Hauptsache für uns ist deshalb die Neugestaltung der Leitung. Diese darf sich nicht in ein Provinznest, wie Köln, vergraben, sondern, muß nach Berlin verlegt werden. Dort müssen mindestens 3 Mitglieder des E. A. C. ihren Sitz haben, die kollegial in den wichtigsten Fragen die Richtungslinien festlegen müssen. Ferner ist eine Ressortteilung nötig. Ein wunder Punkt ist es, daß nur Leute im Ehrenamt die Geschäfte erledigen. Ich verlange ferner, daß unsere Vertreter in Konstantinopel und Jaffa ins E. A. C. gewählt werden, damit sie Bewegungsfreiheit haben. Will der eine mit dem andern heute in Verbindung treten, so geht das nicht direkt, sondern der eine muß als Angestellter der Bank nach dem -Haag; der’ andere nach Berlin schreiben. Dadurch tritt eine Verzögerung von Wochen ein. Bei den heutigen Verhältnissen in der Türkei gilt es aber, rasch zu handeln. Dr. H a n d t k e (Berlin). Der Beircht des E. Ä. C. schweigt sich über die Hauptsache aus. Die ganze zion. Oeffentlichkeit ist durch die neuesten politischen Verhältnisse alarmiert, von manchen Seiten wird eine Programmänderung verlangt und unser Zentralorgan und unsere Leitung schweigen sich darüber völlig aus. Redner verlangt unbedingte Aufrechthaltung des Programms, ohne das es keinen politischen Zionismus gibt. Kann: Ich muß gegenüber verschiedenen Angriffen feststellen, daß die jüdische Kolonialbank gerade durch ihre Beteiligung an der A. P. C. die eminent politischen Interessen der Bewegung in Tragödie selbst. Asch ist überhaupt kein Dramatiker. Das bewies er mit seinem „Sabbatai Zewi“. Höchstens versteht er sich etwas auf Theatereffekte, wie wir an dem Stück „Der Gott der Rache“ beobachten können. Hirschbein lieferte bis jetzt überhaupt nur Talentproben. Er berechtigt aber zu großen Hoffnungen. Es liegt in Perez, Asch und Hirschbein ein Streben nach Kuust, ein dichterischer Ernst, ein Suchen und Ringen nach der Form. Sie mögen Fehler haben, mögen etwas undramatisch und wenig bühnenfähig sein, aber es fehlt ihnen das Schundelement, welches die Werke der New- Yorker Schule verunstaltet. Diese Unterscheidung macht uns überhaupt die Werke der drei genannten Dichter lesbarer, angenehmer, genußreicher. So gewöhnte man sich erst mit ihrem Auftreten daran, das jüdische Drama als Kunst und gute Literatur zu betrachten. Um die letzte Lücke zu füllen, muß ich noch einen Dramatiker anführen, dessen man sich gewöhnlich erinnert, wenn man vom jüdischen Drama spricht. Da ich es selber bin, kann ich nicht gut mein eigener Richter sein. Als zwar der bekannte österreichische Schriftsteller Hermann Bahr, über „Das junge Oesterreich“ schrieb, widmete er seiner eigenen Person ein großes Kapitel, dazu noch das größte. Es gibt auch einige jüdische Dramatiker, Palästina dokumentiert hat. Redner führt einige Ziffern an, die dies deutlich illustrieren. Das Direktorium ist sich dessen voll bewußt, daß die Bank in erster Linie für zionistische Zwecke da ist. Rechtsanwalt Gronemann wendet sich gegen die hier geübte Kritik. Sie sprechen von Abflauen der Begeisterung für den Zionismus. Das trifft nicht zu. In Berlin gibt es heute zwanzigmal mehr Leute, die unseren Standpunkt teilen, als organisierte Zionisten selbst. Er verweist auf die kulurelle Richtung, die Frage der nationalen Erziehung. Vor Jahren einmal tauchte das Projekt der Hochschule auf. Ueber die Verwirklichung jedoch habe ich noch keinen Artikel gelesen. Was uns not tut, ist ein Zentrum der jüdischen Kultur, eine jüdische Akademie, eine Stiftung, wo das jüdische Leben einen gesicherten Ruhepunkt findet. Professor W a r b u r g: Ich muß auf einige Bemerkungen, die zum Berichte des Palästinaressorts gemacht wurden, zurückkommen. In bezug auf den Nationalfonds muß ich auf eine Bemerkung des Herrn Podlischewski zurückkommen, daß wir kein Land in der bisherigen Weise kaufen sollen, weil dadurch nur eine schlechte Kategorie von Bauern entsteht. Es ist ganz richtig, daß der Ansiedler auf eigener Scholle viel besser arbeitet. Aber es gibt auch eine gute Qualität von landwirtschaftlichen Arbeitern, die auf Pachtbesitz gut arbeiten. Herr Böhm vertritt den Standpunkt, daß man deswegen mit dem Nationalfonds nichts machen soll, weil er bald erschöpft sein wird. Sie werden aber aus dem letzten Bilanzberichte des N. F. ersehen, daß das Gegenteil der Fall ist, indem an bar und Effekten 55.000 Pfd. St. vorhanden war, während in Landbesitz nur 11.295 Pfd. St. angelegt waren. Bezüglich der industriellen Tätigkeit in Palästina glaubte man einen Widerspruch zwischen meinen heutigen Bemerkungen und früheren Aeußerungen gefunden zu haben. Ich vertrete aber heute noch den Standpunkt, daß die Indnstriemöglichkeiten in Palästina nicht so bedeutend sind, wie die landwirtschaftlichen. Zum Schlüsse möchte ich noch auf die Kulturfrage zurückkommen. Ich halte das Mikro-biologische Institut für keine solche verfehlte Idee, wie Herr Trietsch dies tut. Wir haben auch den Bezalel ganz klein angefangen. Das Institut soll das Zentrum sein, von dem die ganze hygienische Frage Palästinas behandelt wird. Wenn wir Palästina nicht von Malaria frei bekommen, werden wir sehr schwer arbeiten können, und es ist leicht, das Land davon zu befreien. In bezug auf die Kulurfrage stimme ich durchaus mit Herrn Dr. Gronemann überein, daß sie für uns von großer Wichtigkeit ist. Wir.können mit dieser Frage in Palästina am meisten nach außen hin wirken. Es ist das ein großes Gebiet, auf dem wir arbeiten können, und darum strebe ich dafür, daß wir unseren Kulturfonds vermehren. Er ist bisher leider sehr klein geblieben. Wir haben ja für Kulturzwecke speziell die Oelbaumspende begründet, die das Zentrum der Kulturbestrebungen sein soll. Diese wächst tagtäglich und ich glaube daher, wir brauchen in bezug auf die Kulturfrage uns keine Sorgen für die Zukunft zu machen. die bei Vorlesungen über das jüdische Drama nur von sich selbst sprechen. Ich will selbst schlechten Deutungen ausweichen und überlasse das Urteil über mein Schaffen späteren Kritikern. Ich will nur die Namen und die Chronologie meiner Dramen anführen. Meine dramatischen Werke sind: „Jissurim (Leiden)“, Einakter (1899); Eisik Scheftel, Arbeiterdrama in drei Akten (1899); „Die Mutter“, Drama in drei Akten (1901), „Die Familie Zewi“, Tragödie von dem einzigen letzten Juden, in vier Akten (1903); „Vom Glück vergessen“, Einakter (1904); „Der Ozar (Schatz)“, Tragikomödie in vier Akten (1906); „Der ewige Jude“, erster Teil von einer Messias-Tetralogie, Einakter (1906; „Jankel, der Schmied“, Schauspiel in vier Akten (1906). Ich muß noch aufmerksam machen, daß ich den Titel „der Familie Zewi“ etwas ausführlicher als auf dem Titelblatt angegeben habe. Ich mußte das tun, weil etliche Kritiker dieses Stück falsch verstanden und falsch deuteten und die Meinung verbreitet haben, daß die Tragödie des einzigen letzten Juden ein Pogrom-Drama ä la Tschirikows „Juden“ sei. Schlußwort. Ich bin zu Ende, will nun resümieren und Rechnung machen. Die Entwicklung des jüdischen Dramas weist vorläufig drei Stadien auf. Im ersten wollen die Präsident Wolffsohn kommt auf die an der Leitung geübte Kritik zurück. Ich werde versuchen, Ihnen zu zeigen, daß Ihre Kritik nicht ganz gerechtfertigt ist. Die Herren aus Oesterreich beklagen sich darüber, daß die Sitzung in Köln und nicht in Berlin abgehalten wird. Die Herren gingen soweit, auch im Namen der russischen Mitglieder zu sprechen. Ich habe nun Gelegenheit gehabt, in Konstantinopel Gg. zu sprechen, die mich gleichfalls veranlassen wollten, daß die Sitzung in Berlin stattfinde. Es ist mir aber gelungen, die Herren zu überzeugen, daß es nicht möglich ist, und sie haben sich damit zufrieden gegeben. Ich habe auch den Herren nach Oesterreich geschrieben, doch ich sehe, daß durch Korrespondenzen doch nicht alles erledigt werden kann. Wir haben schon einmal eine Sitzung in Berlin abgehalten, es war eine der wichtigsten Sitzungen, und erschienen sind auch damals nur insgesamt 27 Herren. Welcher große Unterschied liegt nun darin, ob die Herren nach Köln oder Berlin fahren? Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es für mich persönlich bequemer wäre, wenn die Sitzung in Berlin sein könnte. Aber es geht eben nicht, weil wir das ganze Bureau hinübernehmen müßten. Der Nationalfonds müßte schon einige Tage vorher 3 bis 4 Beamte hinüberschicken. Ebenso das Zentralbureau. Wir haben aber keinen so großen Beamtenstab, um die Herren auf so lange Zeit hier entbehren zu können. Man vermißt ein Programm, eine Parole der Leitung, diese Klage höre ich seit langem. Wenn aber dann das A. C. Zusammentritt und das E. A. C. gibt Bericht über seine Tätigkeit wird immer wieder nur kritisiert und immer wieder wird gesagt, das Große A. C. werde nicht genügend herangezogen. Wie würde aber erst die Kritik ausfüllen, wenn die Leitung wirklich diese berühmten Parolen ausgäbe? Würden Sie nicht wieder darüber klagen, daß das A. C. nicht vorher gefragt worden sei? Und dann vergessen Sie nicht, daß es mitdem äußeren Applomb allein nicht getan ist. Die wirkliche Arbeit wird doch getan, ohne daß wir darüber immer groß berichten. Denn es hätte doch keinen Wert, die Oeffentlichkeit mit sensationellen Mitteilungen über Versuche, Aussichten, Möglichkeiten zu verblüffen. Ich bin gewiß der Meinung, daß wir nicht unfehlbar sind und ich werde mich freuen, wenn sie Tüchtigere, Geeignetere, Berufenere finden, die Sie in die Leitung wählen. Aber mit Worten, Begriffen, ist es nicht getan. Sie müssen der Leitung die Möglichkeit geben, zu arbeiten, dadurch, daß sie Männer hineinwählen, die wirklich arbeiten wollen und auch können. Dann aber müssen Sie endlich für geordnete Finanzverhältnisse sorgen. Ich bin der Ansicht derjenigen Herren, die sich dafür eingesetzt haben, daß unsere Institutionen, die wir geschaffen haben, unser Budget zu tragen haben. Ich bin aber nicht der Ansicht des Herrn Böhm, daß der Nationalfonds hierbei eine Ausnahme spielt und man von ihm nichts nehmen darf. Alle Institutionen müssen zur Erhaltung der Bewegung beitragen. Wenn Sie diesen Antrag unterstützen, können wir endlich zu jener idealen Organisation kommen, wo nur bezahlte Mitglieder an der Spitze der Bewegung Schriftsteller nur das Volk amüsieren und schaffen Werke, welche denselben Wert haben wie Zirkus- Pantomimen, Werke, deren Inhalt lächerlich und roh, deren Menschen Krüppel, Karrikaturen und Marionetten sind. Im zweiten wird ein Schritt zur Kunst getan, man bleibt aber auf der Grenze zwischen Kunst und Schund stehen. Der Inhalt wird reicher, lebensähnlicher, die Menschen bekommen mehr Realität, aber die Theaterschriftsteller dieser Epoche haben hauptsächlich den Erfolg im Auge und lassen ihr bischen Kunstverstand im Schundelement ertrinken. Die beiden ersten Stadien haben noch das gemeinsam, daß ihr Inhalt meist erbangt, nicht originell und unjüdisch ist. Im dritten verschwindet das Schundelement vollkommen, die Werke sind durchdrungen vom ernsten Streben zur Kunst, der Inhalt wird selbständiger und jüdisch. Der Weg, welchen das jüdische Drama nunmehr einschlagen muß, ist ohne Zweifel durch die Strebungen der Jüngsten vorgezeichnet. Aber die größere Theatralik der Vorgänger darf nicht vernachlässigt werden. Der künstlerische Ernst der dritten und die Theatralik der zweiten Gruppe müßten also die noch zu gewärtigende vierte Entwicklungsepoche ergeben.