Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 44 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr: 44 Die Aktionskomiteesitzung vom 13. d. hat sich meines Erachtens vollkommen richtig dahin ausgesprochen, daß eine Umänderung des ganzen-Statutes derzeit un-, nötig sei und ein dahingehender Vorschlag dem Kongresse mit unwesentlichen Dingen kostbare Zeit rauben würde. Dagegen seien einzelne Punkte abänderungsbedürftig, vor allem diejenigen über die Zusammensetzung des großen und des engeren Aktionskomitees. Im großen A.C. sollen nach Vorschlag Bodenheimers die Präsidenten der früheren Kongresse, die Direktoren von Bank und Nationalfonds, die Präsidenten der Landesorganisationen mit über 3000 Schekelzahlern, die Mitglieder des Kongreßgerichtes und der Kengreßanwalt, sowie der Leiter des Palästinaamtes Sitz und Stimme haben. Ferner soll die Zahl der vom Kongreß zu wählenden Mitglieder auf 21 eingeschränkt werden. Daß die Leiter unserer Institutionen als solche dem großen A.C. angehören müssen, ist insolange notwendig, als wir nicht die Trennung von Legislative und Exekutive durchführen können. Den Präsidenten der größeren Landesorganisationen Sitz und Stimme im A.C. zu geben, ist ebenfalls nötig und wichtig Die Verminderung der vom Kongreß zu wählenden Mitglieder auf 21 basiert auf dem Gedanken, daß der jetzige Vorgang, bei welchem der Kongreß zirka 60 Aktionskomiteemitglieder wählt, monströs ist und zu den unangenehmsten Kämpfen führt, die besser vermieden werden sollen, eine Ansicht, der ich mich durchaus anschließe. Wenn aber gleichzeitig gemeint wird, daß durch diese Bestimmung das Komitee überhaupt verkleinert und damit aktionsfähiger gemacht wird, so ist das ein Irrtum. Von den 60 Mitgliedern, die heute dem A.C. angehören, sind 12 aus überseeischen Ländern, die niemals zu einer Sitzung kommen können, somit bleiben 48 übrig. Durch den Vorschlag Bodenheimers werden aber insgesammt auch zirka 40 Mitglieder ins A.C. kommen, daher ist der Gewinn nicht groß. Dagegen wird durch den Entwurf ein Uebergewicht der mehr mit Verwaltung tätigen Personen gegenüber den Mandataren der Landmannschaften geschaffen und die bedenkliche Neigung der heutigen Leitung, den Zionismus zu bureaukratisieren, die Volksbewegung in einzelne „Institutionen“ aufzulösen, gefördert. Dagegen möchte ich immer wieder meine warnende Stimme erheben. In jeder Aktionskomiteesitzung, — auch der letzten war es der Fall, — hören wir Verwaltungsberichte, statt daß leitende Prinzipien aufgestellt werden. Es ist klar, daß eineVolksbewegungmit politischen Zielen sie sich erst den neuen Stil aneigneten, verschwand es in Rußland ohne Nachahmung gefunden und epochal gewirkt zu haben. Man sah auf die dramatische Kunst wie auf eine niedrigere Gattung herab und behandelt sie ganz stiefmütterlich. Die jüdischen Schriftsteller verhalten sich unter dem Einfluß der russischen Literatur zum Drama ganz ebenso. Auch sie schreiben nur aus Geringschätzung gegen das Theater keine Dramen, selbst als das jüdische Theater wieder spielen durfte. Denn die Fähigkeit dazu ging ihnen nicht ab. Ein Scholem Aleichem hatte in der nicht-dramatischen Zeit einige Komödien wie z. B. „den Scheidungsbrief“ geschrieben. Um aber zu beweisen, wie verächtlich er sich zum Drama verhielt, muß ich doch mitteilen, daß er nur das in Dialogform dichtete, was er sich in Erzählungsform zu veröffentlichen schämte. Es ist unglaublich, wie wir den großen Scholem Aleichem in dieser Epoche sehen, ohne Witz und ohne Humor. Natürlich fanden diese Art von Dramatikern keine Nachahmer. Man konnte sie nicht ernst nehmen, ebensowenig wie Goldfaden und seine Kompagnie. Am Ende des neunzehnten und Beginn des zwangzigsten Jahrhunderts tritt eine Umwälzung in der russischen Literatur ein. Sie wird dramatisch. Tschechows Dramen siegten über seine Erzähversumpfen muß, wenn ihr nicht Inhalt gegeben, Weg und Ziel gewiesen wird. Das ist die Hauptaufgabe der Leitung und des Aktionskomitees, das Oelen der Verwaltungsmaschinerie ist dagegen untergeordnete Arbeit. Ich kann mich daher für den Vorschlag des Gg. Bodenheimer nicht erwärmen. Ich halte überhaupt derartige Aenderungen für unwesentlich, denn in der Hauptsache bleibt alles beim Alten. Eine wichtige und prinzipielle Aenderung wäre nur in der Trennung von Legislative und Exekutive gegeben. Das ist aber heute nicht durchzuführen. In Bezug auf das engere Aktionskomitee schlägt Dr. Bodenheimer vor, dieses mit 5 Mitgliedern zu fixieren. Auch das ist völlig unnötig. Unser heutiges Statut spricht von 3-7 Mitgliedern und der Kongreß hat dadurch einen gewissen Spielraum. Sind 5 Mitgliedern opportun, so können sie auch nach dem heutigen Statut gewählt werden. Dagegen kann es erforderlich sein, 6 oder 7 zu wählen, was nach der Festlegung auf 5 unmöglich wäre. Dr. Bodenheimer will auch die Ressortleitung ins Statut bringen und schlägt folgende Ressorts vor: 1) Politik und Gesamtleitung. 2) Organisation. 3) Palästina. 4) Finanzinstitut. 5) Propaganda und Presse. So sehr ich für Ressortteilung bin, so sehe ich keinen Grund, die Ressorts im Organisationsstatut aufzuzählen. Denn die Bedürfnisse unserer Partei ändern sich fortwährend und damit werden neue Ressorts nötig, alte Einteilungen überholt. Man sehe sich nur die oben vorgeschlagene an. Schon bei 1) muß gesagt werden, daß die „Gesamtleitung“ dem gesamten A.C. kollegial zustehen muß und nicht einer einzelnen Person. Gerade das war bisher der wundeste Punkt unserer Leitung. Deshalb verlange ich.auch, daß mindestens 3 Mitglieder des E.A.C. an einem Orte wohnen müssen, sonst haben wir keine Leitung, sondern' nur einen Alleinherrscher. Ferner ist Organisation und Propaganda unbedingt zusammenzulegen. Die Teilung zwischen Finanzinstituten und Palästina ist auch keine glückliche —: der Nationalfonds gehört unter beide. Eine Ressortteilung kann eben nicht schematisch vorgenommen werden, sondern sie muß organisch sein. Dazu gehört aber, daß die Leitung einen Arbeitsplan hat, in dem jeder Institution ihr Platz zugewiesen ist, dann gibt es eine organische Ressortteilung. Ich bin deshalb dagegen, daß die Ressorts im Organisationsstatut verewigt werden. Zur Sache selbst bemerke ich, daß mir die von Pasmanik in diesem Blatte angegebene Ressortteilung als die heute einzig richtige erscheint. lungen und traten in den Vordergrund des Interesses. Bald darauf machte Najdienow mit seinem Stück „Wanjuschins Kinder“ Aufsehen, Gorki schenkte dem Drama mehr Aufmerksamkeit, dann versuchten sich Tschirikow, Leon'idAndrejew, Juschkewicz darin und die andern auch. Die jüdische Literaten folgten nach. Man begann in dramatischer Form seine Gefühle und Gedanken herauszuarbeiten. Und ohne Rücksicht auf das Verbot des jüdischen Theaters, maßen die jüdischen Schriftsteller ihre Kräfte an dem Drama. Sie begannen als Naturalisten. Sie bemühten sich in prosaischem, alltäglichem Stile ohne Poesie die Wirklichkeit darzustellen. Das war die Zeit, als Gorki die Führung der russischen Dramatik übernommen hatte. Sowie aber Andrejew an seine Stelle rückte, finden wir auch auf unserer Seite Symbolismus, Mystizismus und Phantastik. Die jüdische Literatur Rußlands nimmt immer jene Richtung ein, die gerade in der russischen Literatur herrscht. Das soll kein- Vorwurf sein. Die gegenseitigen Einwirkungen der Literaturen verschiedener Völker sind eine feststehende Tatsache für den Literaturhistoriker. In' der jüdischen Literatur ist diese Erscheinung umso natürlicher, als ja die jüdischen Schriftsteller meistens Zöglinge fremder Literaturen sind. Hauptsache ist aber, daß das Der Vorschlag Bodenheimers, 3 Mitglieder des E.A.C. vom Kongreß lind 2 vom Aktionskomitee auf Vorschlag jener 3 wählen zu lassen, ist schon in der Kölner- Sitzung völlig unannehmbar bezeichnet worden. Wir können nicht Leiter 1. und 2. Grades schaffen, wobei noch die letzteren von den ersteren vorgeschlagen werden sollen. Es wäre einfacher gewesen, klar auszusprechen: Der Präsident bestimmt jene 2 Mitglieder, die ihm in die Leitung genehm sind. Es ist zu verurteilen, wenn heute, wo die Unzufriedenheit mit dem jetzigen Zustand — wie die letzte Aktionskomiteesitzunggezeigthat — eine fast einmütige ist, der Versuch gemacht wird, die Neugestaltung der Leitung dem Kongreß aus der Hand zu nehmen und dem E.A.C. übertragen zu wollen. Mit solchen nutzlosen Versuchen ruft man nur Mißtrauen und heftige Opposition hervor. Die anderen Vorschläge zur Statutänderung werde ich in einem nächsten Artikel behandeln. Parteinachrichten. Sitzung des Großen Aktionskomitees am Mittwoch den 13. Oktober in Köln. (Fortsetzung der allgemeinen Debatte.) Böhm: Die Verlegung des Kongresses auf den Dezember hat gar keinen stichhaltigen Grund gehabt. Die amerikanischen und südafrikanischen Delegierten werden dadurch ferngehalten, die deutsche Landsmannschaft wird deren Mandate erhalten und dadurch ein Übergewicht erhalten, das ihr nicht zukommt. Auch aus Oesterreich und Rußland werden weniger Delegierte kommen können als es im Sommer der Fall gewesen sein wäre. Zum Bericht des A. C. bemerke ich, daß wir seit Langem überhaupt keine Führung haben. Noch immer beschränkt sich die Tätigkeit der Zentrale im Versenden von Zirkularen. Kein lebendiges Band verknüpft-Zentrale und Organisationen. Den -wichtigsten Fragen steht die Leitung teilnahmslos gegenüber. Zu diesen gehört auch die innere Politik in Oesterreich. Die zion. Weltorganisation kann als solche gewiß keine Landespolitik betreiben, auch wäre jede Einmischung von außen unzulässig. Das heißt aber nicht, daß der Kampf um Anerkennung des jüdischen Nationalität, den wir in Oesterreich führen, den Zionismus überhaupt ni.chts an ge he, welchen Standpunkt die Leitung einnimmt. In irgend einem Winkel der „Welt“ wird unter Korrespondenzen kleingedruckt von diesem Kampf erzählt, die Leitung selbst bekundet nicht das] mindeste j Interesse dafür. Unter solchen Umständen muß die Bewegung verflauen, alles Leben muß aufhören. Ich verlange, daß ein Ressortchef oder Sekretär für Agitation unablässig herumreist, die Verbindung zwischen Leitung und Orgajüdische Drama in Rußland inhaltlich volle Selbstständigkeit aufweist. Jetzt entleiht es nicht mehr fremde Themen, jetzt überträgt es nicht mehr wesensfremde Stoffe in jüdisches Milieu. P e r e z, Asch und Hirschbein stehen auf eigenen Füßen, denken ihre eigenen Gedanken und bilden ihre eigenen Gestalten. In ihren naturalistischen Werken schildern sie die nüchterne Wirklichkeit, die Zustände und Menschen ihrer Umgebung getreu, wie sie sie sehen. In ihren symbolistischen, mystischen und phantastischen Werken zeigen sie uns die Träume ihrer Seele. Und was uns das Wichtigste dünkt: sie sind jüdisch. Jüdische Stoffe, jüdische Probleme werden von ihnen behandelt, Fragen der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Echt jüdische Gestalten treten bei ihnen auf, nicht nur dem Anstrich nach: Selbständigkeit im Schaffen und Jüdischkeit im Inhalt sind der große Fortschritt Perez’, Asch’ und Hirschbeins gegenüber Gordin und seiner Schule. Aber der Fortschritt "zeigt sich nicht nur inhaltlich sondern auch in der Form. Es ist wahr, auch die anderen schufen noch kein rechtes Drama. Perez’ „Goldene Kette“ ist bei allen, ihren Vorzügen mehr ein Stoff für eine Tragödie als eine