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Jüdische Zeitung · 1909-10-22 · 43 (22.10.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 43 dieses loyale Vorgehen auch an und lohnen durch treue Anhänglichkeit an das Deutsche Reich, dessen Staatsangehörige, wenn auch nicht dessen Söhne sie sind. Bei den Tschechen und Slovenen steht die Sache allerdings schwieriger, aber nicht unlösbar. Die Tschechen haben in der Zeit Ottokars II. und dann im 15. Jahrhundert zur Zeit der Hussitten und König Podebrads eine erste Stelle in Europa eingenommen nnd die Erinnerung an diese Zeiten lebt fort in der Sehnsucht und Hoffnung auf eine Wiederkehr. Aber auch da stößt uns unwillkürlich ein Beispiel auf: Venedig. Dieses bestand durch tausend Jahre als selbständige Republik, war durch Jahrhunderte die erste Handelsmacht Europas. Heute ist es eine Provinzstadt Italiens und zufrieden über den wirtschaftlichen Aufschwung, in dem es sich befindet Sollten die Tschechen nicht als Staatsangehörige eines großen Reiches, an dessen wirtschaflicher Blüte sie teilnehmen, zu Glück und Zufriedenheit kommen, wenn sie im Besitz nationaler Autonomie, nationaler Universitäten und Theater die vollste Garantie für die Erhaltung ihres Volkstums haben? Gegen diesen Lösungsversuch der nationalen Wirren in Oesterreich haben die Christlich- Sozialen, die sich zu diesem Zweck als „Reichspartei“ auftaten, das alte vormärzliche Gesamt-Oesterreich mit seinem in Provinzen aufgeteilten ungarischen Staate als ihr Staatsideal aufgestellt, das sie zu verwirklichen suchen. Sie rechnen dabei auf die Wirkungen des allgemeinen Stimmrechtes in Ungarn. Sie hoffen, daß dadurch die Nationalitäten Ungarns: Slovaken, Kroaten, Serben, Rumänen, Deutsche etc. zur Majorität gegenüber den Magyaren kommen und den Ruf nach einem Großösterreich ausstoßen und das Schmerlingische Gesamtparlament begründen werden. Da aber auch dieses eine Regierungsmajorität haben müßte, hoffen sie, daß ein durch den Antisemitismus versüßter, volkstümlicher] anationaler eventuell“direkt antinationaler Klerikalismus das Bindeglied sein würde. Man begreift, daß ein solches Programm den Machthabern sehr angenehm sein muß — aber an die Möglichkeit einer Verwirklichung kann man darum nicht glauben, weil mit parlamentarischen Mitteln, wo eine Unmasse nationaler und sozialer Parteien in direktem Widerspruch zu einander zu Worte kommen, nicht zu erreichen ist, was der eine Wille des absoluten Monarchen nicht aufrecht zu erhalten vermochte. Ein Deutscher, d. h. ein Mensch, der sein freies Denken und seine Muttersprache nicht dem vom Klerikalismus erzwungenem Dogma undVolapük (vielleicht wird das LateinischeStaatssprache) opfern wird, wird ein Groß-Oesterreich solcher Art nie über sich ergehen lassen. Ein deutsches Großösterreich ist aber eine Unmöglichkeit II. Die interessanteste Erscheinung auf dem politischen Gebiete ist in unseren Tagen unbedingt die Bildung einer national-jüdischen Partei. Seit Jahren lesen und hören wir von den Geschäftspolitikern der bestehenden Parteien dieziehlt, unglaublich ausnimmt. Auch den Mordversuch in einem Anfall von Wahnsinn finden wir hier wie dort. Und schwören will ich, daß die unjüdischen Taten des frommen Führers einer jüdischen Gemeinde, Zalel Rapoport, eine Unmöglichkeit im Jüdischen Leben sind. Ich wundere mich, wie Gordin auf solche Gedanken verfallen könnt. Das Rätsel war aber gelöst, als ich mich erinnerte, daß Zalel Rapoport ein Doppelgänger des Kaufmanns und Säufers Peter ist, einer bekannten Ostrowski’schen Gestalt. Genug der Beispiele. Wir brauchen jetzt nicht mehr zu zweifeln, daß unseren Schriftstellern auch in selbst erdachten Dramen jüdische Fragen und Problem gleichgitig waren. DurchBearbeitung nicht jüdischer Themen hat sich die Gedankenwelt der jüdischen Dramatiker von rein jüdischen Fragen vollkommen entfernt Und es hätte traurig um die Zukunft des jüdischen Dramas ge standen, wenn nicht andere Dramamit anderen Strebungen auf den Plan getreten wären. (Schluß folgt) selben abgestandenen' Phrasen, die schon grammophonreif geworden sind. Endlich' etwas Neues 1 Eine neue Partei tritt auf, jugendfrisch, noch ohne Parteiterrorismus, der jede individuelle Ansicht tot schweigt oder verketzert und nur Schablonenmenschen duldet, opferwillig, wo auch die Führer noch mit deu Massen sich nur gleichwertig fühlen und nicht als Obernnd Uebermensclien einherstolzieren. Die Juden, die stets Juden geblieben sind, ihre Nation aber als etwas Minderwertiges zu verbergen suchten, sich ihrer Nation schämten, fühlen sich heute als solche und sind stolz einem alten Kulturvolk anzugehören. Wir haben vor etlichen Dezennien ja eine ähnliche Erscheinung bei den Tschechen wahmehmen können. Damals sprach nur das Volk in seinen Unterschichten tschechisch. Die Oberschichten, namentlich die Vertreter der bürgerlichen Intelligenz: Professoren Aerzte, Advokaten vermieden den Gebrauch ' ihrer Muttersprache und wurden Assimilierungsdeutsche. Ein trauriger Anblick. Dann kam der Umschwung und heute werden die einst von der „Neuen Freien Presse“ verhöhnten Tschechen gefürchtet. Das Aushöhnen ist der „Neuen Freien Presse“ im Halse stecken geblieben. Wir erinnern uns der Worte Attinghausens an seinen völksfremden Neffen: „Verblendeter, vom eitlen Glanz verführt, verachte dein Geburtsland! Schäme dich der uralt frommen Sitte deiner Väter! Mit heißen Tränen wirst du dich dereinst heimsehnen nach den väterlichen Bergen, und dieses Heerdenreihens Melodie, die du im stotzen Ueberdruß verschmähst, mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen, wenn sie dir erklingt auf der fremden Erde . . .“ Der Inhalt dieser erhabenen Verse scheint sich zu erfüllen, wenn man die Bestrebungen eines alten Kulturvolkes betrachtet, das nach bald zweitausend Jahren den Boden wieder zu gewinnen sucht, auf dem es als selbständiges Volk sich ausleben könnte. Besonders interessant ist es aber, daß gerade die osteuropäischen Juden bestimmt erscheinen, in der jüdischen Renaissancebewegung eine wichtige Rolle zu spielen. Es hängt dies zweifellos mit dem Umstande zusammen, daß die osteuropäischen Juden sich auch mit' Gewerbebetrieb und Ackerbau beschäftigen und für die Bedürfnisse der Kolonisation wichtige Kenntnisse und Fertigkeiten mitbringen. Man kann aber wohl mit Recht behaupten, daß falls die westeuropäischen Juden nicht so einseitig mit Geldgeschäft und Handel sich befaßt und auf die sogenannten Intelligenzberufe sich verlegt, Gewerbe und Ackerbau aber gemieden hätten,die arischen Arbeiter, Gewerbetreibenden nnd Ackerbauer das Gefühl der Fremdheit überwunden und durch Berufsgemeinschaft Anknüpfungspunkte mit einem Volk gefunden hätten, das ihnen in Folge der Isolierung fremd, ja feindlich erscheinen und bleiben musste. Eine Assimilierung blieb so gänzlich ausgeschlossen. Heute ist die Kluft aber zu groß, um auf diesem Wege einen dauernden Friedenszustand, der doch das Ziel menschlicher Entwicklung sein muß, zu erreichen. Aus einer anständigen Gegnerschaft kann eine Verständigung von Dauer erwachsen. Die äußerliche Liebenswürdigkeit mit latenter Abneigung, die das Zusammenleben von Ariern und Juden seit dem Jahre 1848 charakterisierte, bis der Vorhang fiel und die Wahrheit über die tatsächliche Verlogenheit an den Tag kam, macht es total unmöglich, wieder, wie die Assimilierungsjuden wünschten, das alte Lügenverhältnis herzusteilen. Clara pacta boni amici. Nationale Klärung und Scheidung, dann gute Freundschaft, auf Grund von Offenheit und Wahrheit. Wenn;Politik und Diplomatie bisher gleichbedeutend mit Lug und Trug waren, solange sie Kunststücke Priviligierter waren, muß es anders werden, wenn die Völker reden; diese brauchen kein Theater im realen Leben, sondern Wirklichkeit. W i r brauchen ab erLösungallernationalen Fragen, bevor wir gemeinsam auf internationalem Wege im Sinne des Sozialismus die eine soziale Frage zur Lösung bringen können. Dr. K. S. Der Dreier. „Nu“ — sprach der Kommerzienrat — Was sind das für neue Lad? Nicht genug, daß man ein Jud ist, Was doch fürs Geschäft nicht gut ist Nicht genug, daß wieder heuer Größer wird die Kultussteuer Und die Kinder bitter leiden, (Weil die Eltern sie beschneiden) Durch Verganis Furie-. ' Will man eine Kurie!!! Jeder — nicht soll man’s erleben! — Soli sich zu erkennen geben, Kurz, sie haben da in petto Wie sagt Gomperzleben? Ghetto! Und das Herr Kommerzienrat Seufzt besorgt und spielt P a gat. „Wie heißt Ghetto?“ sagt Herr Kruder Von der Firma Kohn<£ Bruder; „Ich bin aus Groß-Jenikau, Und aus Saaz ist meine Frau; Mein Papa — Gott hab’ ihn selig! — Aß zwar oft und gerne Belik, Doch er war bereits als Kind Freiheitlich und deutsch gesinnt! Und Re nee mein einziger Sohn Ist Augsburger Konfession, Als Studentei — ich erfuhr es — Schlug er etwas vier Mensures; Wer kann zweifeln, daß er Christ Oder daß er Deutscher ist?? SiegfriedKruder schweigt und schwitzt, Schaut ins Blatt und sagt: Gespritzt! „Keine Aufregung, ich bitte!“ Spricht Herr Sonnenschein, der Dritte „Bukowina?“ Seh’ Dir an da! Wozu haben wir Kuranda, Was doch Antizionist Und ein k. k. Hof rät ist?! Kurie? Da muß ich lachen: Der Kuranda wird schon machen! Der ist von besonderem Schlag, „Macht“ den ganzen lieben Tag; Eh’ daß andere nur gedacht, Hat Kuranda schon gemacht. Na! Was wird er sich genieren? Wetten wir, Sie werden’s spüren! Räuspert sich und spricht hierauf: Meine Herren, ich qemms auf. Beda. Parteinachrichten. Sitzung des Großen Aktionskomitees am Mittwoch den 13. Oktober in Köln.*) An der Sitzung des Großen A. C. nahmen 23 Mitglieder teil: In einer vertraulichen Sitzung gibt Präsident Wolffsohn eine ausführliche Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse im Ottomanischen Reiche, sofern diese unsere zionistischen Bestrebungen betreffen. Er bezeichnet die jetzige Lage als ein Uebergangsstadium von den veralteten rückständigen zu ganz modernen, freiheitlichen und verfassungsrechtlichen Regierungsformen. Er führt des Näheren aus, daß die Entwicklung unsrer kolonisatorischen und kulturellen Unternehmungen parallel mit dem Fortschritt der Neugestaltung des ottonomischen Reiches vor sich gehen muß. In Anbetracht der Voreingenommenheit und der Unklarheit, die über unsre Wege und Ziele noch in vielen türkischen Kreisen herrschen, sei es Pflicht, durch eine anhaltende gründliche Belehrung und Aufklärungsarbeit sowohl die Nützlichkeit und die Loyalität unserer Bestrebungen, wie auch die Mittel und Wege ans Licht zu fördern. Präsident Wolffsohn schließt seinen eingehenden Bericht mit einem Hinweis auf eine Reihe ergänzender Details der Mitteilungen, die Herr Sokolow, der soeben aus Konstantinopel zurückgekehrt ist, mltteilen werde. Herr Sokolow berichtet sodann über die Bedeutung und die Stellung verschiedener Preßorgane, sowie über die kulturell-jüdischen Verhältnisse in Konstantinopel. An diese Berichte knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Einen weiteren Gegenstand der Sitzung bildete die in einem Teil der zionistischen Presse erörterte *) Die von uns in der vorigen Nummer veröffentlichte Meldung von der Aufnahme eines Punktes „Programm - Deklaration“ in die Tagesordnung des Kongresses entspricht nicht den Tatsachen. Der Irrtum ist auf eine amtliche Verstümmelung der Depesche zurückzuführen. (Anmerkung d. Red.)

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