Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 IÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Wirtschaft in Kollision gerät, was naturgemäß ziemlich häufig geschieht, unterdrückt und auch sonst stiefmütterlich behandelt wird. Gleichzeitig, aber entwickelt sie Industrie außerhalb des Landes, die Produkte derselben gelangen in die entferntesten Winkel des Landes und erschweren so jedwede inländische Gewerbeproduktion schon in ihren Uranfängen. — Sie schaden aber auch dem inländischen Handwerke. — Denn gegenwärtig kann sich der Handwerker nicht darauf beschränken, seine Erzeugnisse nur auf Bedeckung und nur für den Lokalbedarf herzustellen, sondern um existieren zu können, muß er auf Vorrat und für den Außenmarkt arbeiten. — Auf diesem Gebiete-begegnet er jedoch auf Schritt und Tritt dem billigeren und für das konsumierende Publikum leichter zugänglichen, weil ja in Betreff der Verkaufsmöglichkeit besser organisierten ausländischen Fabrikanten. Der Handwerker ist solch einer Konkurrenz nicht gewachsen und muß ihr unterliegen, sein Ruin ist somit unabwendbar. Dem allem nach könnten somit die Gewerbe, zumal das Kleingewerbe und das Handwerk, nur dann bestehen, wenn sie diesen Zuständen auf halbem Wege entgegengehen und sich ihnen anpassen werden, wenn sie sich also entweder zu solch mächtigen Verbänden zusammenschließen, daß sie im Stande wären, mit den außerhalb des Landes fabriksmäßig hergestellten Erzeugnissen zu konkurrieren und die letzteren zu verdrängen, woran aber zu glauben mir sehr schwer fällt (wenn man die sehr triste Lage des galizischen Gewerbes und die niedrige Bildungsstufe unserer Handwerker kennt) oder aber, wenn sie ihre Produktion mit jener der großen Fabrikanten und Gewerbetreibenden in Verbindung bringen. Dieser letztere Weg wäre durchaus kein neuer und beruht erdarauf, daß der Kleingewerbetreibende, oder der Handwerker, oder auch ganze Gruppen derselben Halbfabrikate erzeugen, welche dann iu die Fabriken gelangen und dort ihre fabriksmäßige Ausfertigung und Fertigstellung erhalten, oder auch so, daß die Gewerbetreibenden und Handwerker von den Fabriken selbst schon fertige Halbfabrikate bekommen, welche sie dann ausfertigen, indem sie denselben den Stempel einer individuellen Arbeit verleihen. Eine derartige Anpassung an den fabriksmäßigen Großbetrieb finden wir in Böhmen, in denSchweiz und in Süd-und Mittel-Deutschland, wo auch eine umfangreiche, gerade diesem Zweige der Nationalökonomie speziell gewidmete Literatur entstanden ist. Die Anlehnung des jüdischen Kleingewerbes und Handwerkes an große inländische Fabriken ist aber unmöglich, weil eben letztere im Lande nicht vorhanden sind und auch noch aus dem Grunde, weil die polnische Gesellschaft die Entwicklungsbestrebungen unserer Gewerbetreibenden und Handwerker ungern sieht, oder sie überhaupt werktägig nicht unterstützt, — und das ist eben jener indivi- - duelle Grund, dessentwegen die galizische Judenschaft sich an die außenländischen Produktionen stützen muß. Wenngleich die Verbindung der jüdischen Produktion in Galizien mit der Großproduktion außerhalb des Landes auf den ersten Blick als ein unmögliches Beginnen erscheinen dürfte, so sind dennoch kleine, wenn auch bescheidene Anfänge solch’ einer Verbindung hierlands schon vorhanden. Es befaßt sich damit der „Galizische Hilfsverein in Wien“, und dessen Aktion hat auch schon in vielen Fällen die Unterstützung der Fabrikanten und Gewerbetreibenden gefunden, zumal insoweit die Letzteren — Juden waren. Es wäre also nur noch nötig, diese Aktionen zu vertiefen, zu verbreiten und zu verallgemeinern, sowie dieselben auf eine umfangreiche Basis zu stellen. Daß dem jüdischen. Kleinhandel nur durch die Gewährung eines billigen Kredites, welcher naturgemäß nur vom Ausland kommen kann, aufgeholfen werden kann, das wurde schon öfters in diesem Blatte erörtert. Auch der landwirtschaftliche Erwerb, angenommen, daß früher entsprechende Landesverbände gebildet werden, kann’ nur durch einen gesicherten Absatz seiner Produkte im Auslande auf eine rationelle Basis gestellt werden. Die hiemit vorgeschlagenen Wege sind zweifellos beschwerlicher Natur, und oft werden sie nicht denjenigen Erfolg und Wohlstand nach sich ziehen, den wir der jüdischen Bevölkerung in Galizien gern wünschen möchten, aber von den vielen Mitteln, dem jüdischen Elende zu steuern, ist dieser Weg meines Erachtens der vielleicht noch am ehesten gangbare und erreichbare. Hiebei zählen wir selbstverständlich auf die werktätige Beihife und auf den guten Willen unserer Glaubensgenossen außerhalb des Landes, unserer Fabrikanten, Gewerbetreibenden und überhaupt der sozial geschulten und von den sozialen Aufgaben durchdrungenen Männer, und diese Hilfe sollte umso früher geleistet werden, als ja die galizische Judenschaft trotz der in ihr schlummernden, tüchtigen Kräfte und trotz der ihr angeborenen Entwicklungsfähigkeit, — ohne diese Hilfe, — zweifellos in den Abgrund des Elendes herabstürzen und zum ökonomischen Untergänge verurteilt sein wird. Austriacae res. Nationale Fragen erörtert von einem Deutschen *). I. Die Wiener Sozialdemokraten (nämlich die Maßgebenden und nicht die Masse der Arbeiter, die überhaupt nichts zu reden, sondern nur zu glauben haben) *) Wir haben es seit jeher für sehr wichtig gehalten, das österreichische Nationalitätenprob lern von den verschiedensten Standpunkten zu beleuchten. Wir geben daher diesen interessanten Ausführungen eines sehr geschätzten arischen Autors Raum, ohne uns mit ihnen zu identifizieren. Anm. d. Red. ärger ist, er wiederholt in kaum besserer Form i seinen eigenen „Meierjosofowicz“.*) Die beiden bedeutendsten Dramatiker aus Gordins Kreise, K o b r i n und L i b i n, haben der Schule und ihrer Auffassung vom Inhalt volle Treue bewiesen. Nur in der letzten Zeit, als es von Pogrom- Stücken und Pogrom-Erzählungen zu wimmeln begann, haben sie es mit dem neuen Stoffe versucht; Kobrin schrieb ein Pogrom-Drama „Der große Jude“. Libin eines „Der ewige Jude“. Ich kenne diese Stücke nicht, soweit man sich aber auf unsere Kritiker verlassen kann, haben sie ihren Verfassern und dem jüdischee Drama wenig Ehre gemacht. Sie sind auch wie echte und rechte Gelegenheitsmache rasch in der Versenkung verschwunden. * * * Fragt man sich, warum so selten in der Goldfaden-Gordinschen Schule jüdische Probleme behandelt werden, gibt es nur eine Antwort: Mangel an Originalität. Die Stoffe für die Dramen stammen zum großen Teil aus nichtjüdischen Quellen. Anstatt die eigene Fantasie anzustrengen, Themen aus dem *) Nach gewissen Lebensumständen des „Acher“ zu schließen stand Gordin überhaupt nicht der jüdische Tanai vor Augen, sondern der griechisohe Philosoph Sokrates. Gordinist nicht genug Künstler und Denker gewesen, um das unterschiedliche zwichen beiden zu fühlen. eigenen Erlebnis, aus dem eigenen Volke zu schöpfen, nachdem es sich unsere Schriftsteller leicht übernahmen das Repertoire des christlichen Theaters und verjüdischten das fremde Milieu. War es ihnen doch nie um den Inhalt, immer nnr um ein neues Kassenstück zu tun. Goldfaden, so bezeugte mir Jakob P. Adler, unser ältester Schauspieler, hat viele Stoffe der rumänischen Literatur entlehnt. Koldumie, Schmendrik etc., stammen aus dieser Quelle. Aber auch ohne fremde Versicherung merkt man vielen Goldfaden’schen Stücken den fremden Einschlag an. Ich erinnere nur an die Studentenszene im Kunilemel. Für die Schundschreiber aus Gordins Schule bedarf es auch keiner Eideshelfer. Sie sind richtige Parasiten, welche sich verschiedentlichen Unsinn fremder Literatur ausgesucht haben, um ihn in jüdischem Gewände zu vergrößern. Natürlich scheuten sie nicht zurück, sich an den Meisterwerken der Weltliteratur zu vergreifen. So beging S c h o m e r die Geschmacklosigkeit Gogols „Revisor“ auf die angegebene Weise zu verschandeln. Auch Gordins Stücken sieht man oft die ungleiche Paarung an. So ist z. B.: „Deborahle aus guter Familie“ eine Umarbeitung von Ostrowskis „Wem passiert kein Unglück?“, Salomonchen Charlatan von Ostrowskis „Armut ist keine Schande“. Die Quelle vom „Jüdischen König Lear“ ist betrachtet die Deutschen-Tschechenfrage als einen Konflikt zwischen Peter Zapfet und Jan Slouzil. Zapfel verhöhnt den Slouzil, der bös wird. Dann kommt der Wiener sozialdemokratische Abgeordnete und sagt: „RuhigZapfel, der Slouzil ist auch ein Mensch. Menschen, Menschen sind wir Alle. Wir sind sogar Nur-Menschen und Slouzil speziell ein Wähler und ich brauche die tschechischen Wähler, sonst könnte es schief gehen„. — Aber der Standpunkt einiger Interessenten, die nebenbei auch von Diäten leben wollen, womöglich pauschaliert, ist doch nicht der der großen Masse, der diese Ernährungsart nicht zugänglich ist; d. h. aller jener, die ihre Nahrung aus Ackerbau, Gewerbe, Industrie und dem reellen Handel ziehen. Diese brauchen ein auf gesunder Grundlage beruhendes, geordnetes für die Zukunft gesichertes Staatswesen, nicht aber einen Staat auf Kündigung für zehn Jahre und ein Völkerkonglomerat das nur die eine Tendenz zeigt, auseinanderzustreben. Ein Staat auf gesunder, geordneter, gesieherter Grundlage, kann nur ein Nationalstaat sein. Wir Deutsche brauchen den deutschen Nationalstaat ob wir Unternehmer oder Arbeiter sind, denn an der Möglichkeit des Bestandes einer Industrie sind beide Stände trotz des Gegensatzes in der Frage nach der Teilung des Gewinnes in gleichen Maße interessiert, die Arbeiter sogar noch in einen höheren. Zuerst muß die Henne leben können, die die goldenen Eier legt und dann kann man sich oder muß man sich über die Art der Verteilung einigen. Wir brauchen also den Nationalstaat, d. h. das einige, geschlossene Deutsche Reich, das das Gebiet zwischen Riesengebirge und adriatischem Meere mit Triest, Küstenland und Istrien in sich schließt. Der Regent dieses Gebietes muß wieder König von Baiern, Sachsen etc. wieder ein deutscher Reichsfürst werden, wie er es bis 1866 durch nahezu tausend Jahre gewesen war. Es handelt sich dabei freilich um die Frage, die im Mittelpunkte des österreichischen Konfliktes steht, die Frage, wie die nationale Zukunft der Slawen zu sichern ist, deren Wohnsitze in das bezeichnete Gebiet fallen, der Tschechen und S l o v e n e n. Wir haben aber für die Lösung dieser Frage ein Vorbild im deutschen Reiche in den von König von Sachsen geschaffenen Schutzmaßregeln zur Erhaltung des slawischen Volkes, der Wenden, die allerdings in das deutsche Reich inkorporiert wurden, als sie noch nicht auf der Stufe der Zivilisation standen und daher zum größten Teile noch germanisiert werden konnten. Umsomehr zeigt es von dem Gerechtigkeitsgefühl des deutschen Volkes, daß es den Rest des Wendenvolkes mit zirka 200.000 Menschen, der in der Umgebung von Bautzen wohnte, nicht durch eine brutale Entnationalisierung zu verhalten, sondern im Gegenteil alle Anstalten traf, daß er sich, erhalten und fortleben konnte. Die Wenden erkennen weltbekannt. „Der Baum der Erkenntnis“ ist eine Nachahmung von Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“, wobei nur Hebbels Tischler Anton verjudisiert worden ist, während sein Sohn eine Kopie aus Konstantins und Najdienows „Wanjuschins Kinder“ ist. „Der Fremde“ ist nach Gordins eigenem Geständnis Tennysons „Enoch Arden“ verwandt. Die obengenannte „Sappho“ soll eine Schwester der „Sappho“ Daudets sein. „Den Unbekannten“ und die Philosophie Salomo Chuzens kann man in Przybiszewskis „Goldenen Flüssen“ wiederfinden. Die Heldin im „Schwur“ ist Hauptmanns Weib gewordener „Fuhrmann Henschel“, dessen Geschlecht Gordin der Schauspielerin Lipzin zu Gefallen ändern mußte. Ich möchte auch schwören, daß „Die Schechitah (Schlachten)“ mit all ihrem jüdischen Um und Auf ein Vorbild hat. Es findet sich in ihr eine Szene aus Ostrowskis „Was Gott vereinigt hat, wird der Mensch nicht trennen“. Es ist die Szene, wo die Eltern der unglücklich verheirateten Tochter erklären, sie müsse zu ihrem brutalen Mann zurückkehren. Dabei ist zu bemerken, daß eine solche Zumutung zwar bei einem rechtgläubigen Christen, wie ihn Ostrowski darstellt, wohl möglich ist, weil für ihn die Ehe als unauflöslich gilt, sich aber im Munde eines jüdischen Rabbiners, der notabene eine gute Einnahme aus Scheidungeu er-