Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 43 sich unverhältnismäßig die Anzahl der Taglöhner, die vom täglichen Verdienste lebend, keine berufliche Ausbildung besitzen, also das Arbeiterproletariat bilden, welches am leichtesten zum Bettlerberufe übergeht. Die absolute Ziffer derselben beläuft sich auf zirka 50,000 und proportionell steht die Sache so, daß — während bei den Polen 10, bei den Evangelischen 8 und bei den Ruthenen je 5 solche Erwerbende auf 1000 berufstätige Personen entfallen — bei den Juden derer 75 und in Ostgalizien sogar 80 auf je 1000 kommen! Von allen jüdischen Taglöhnern in ganz Oesterreich entfallen auf Galizien 88'1 %. Der Perzentsatz derjenigen, die überhaupt ohne jeden Beruf sind, beträgt bei den Juden 7.97» von der ganzen jüdischen Bevölkerung, bei den Protestanten 4-57», bei den Polen 2'2aj» und bei den Ruthenen 0'97». Auf je 1000 erwerbstätige Personen entfallen bei den Katholiken 757 und bei den Juden gar 1922 Personen, die überhaupt keinen Erwerb haben, d. h. jeder Katholik arbeitet für sich und noch für 7» eines anderen Familienmitgliedes, wogegen jeder Jude für sich und noch für zwei andere Familienmitglieder arbeitet. Daß speziell unter dem weiblichen Geschlechte das Elend sich in einer geradezu erschreckenden Weise verbreitet — das haben die Beratungen der jüngst abgehaltenen Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels evident dargetan. Diese Verhandlungen haben bekanntlich erwiesen, daß Galizien und insbesondere die jüdischen Mädchen das größte Kontigent der aus Elend gefadenen Mädchen liefern. Dieser fortwährende, ökonomische Niedergang der galizischen Juden, welcher auch die immer mehr zunehmende Emigration der Juden aus Galizien zur Folge hat, würde für die Zukunft der Juden ein ungünstiges Horoskop stellen, wenn eine gewisse dem Judentume innewohnende Abwehrkraft, sowie die Fähigkeit des Judentums, sich den geänderten Erwerbs - Bedingungen jeweils anzupassen, dem nicht entgegenwirken würden. Wir behaupten das auf Grund der einschlägigen statistischen Daten. Es würde Niemand daran glauben, d a ß b e i m Ackerbau zirka 50.000 Juden beschäftigt sind, welche fast 120.000 Menschen ernähren. Bios an landwirtschaftlichen Arbeitern gibt es in Westgalizien 5243 und in Ostgalizien 27.452, und zwar: in Westgalizien ist die Anzahl der landwirtschaftlichen Arbeiter nicht kleiner als die Anzahl der im Warenhandel (also der eigentlichen Domäne des jüdischen Erwerbs) beschäftigten, jüdischen Arbeiter, und in Ostgalizien übersteigt die Anzahl der landwirtschaftlichen Arbeiter fast ums Doppelte die Anzahl der Arbeiter im Warenhandel. Mangels einer vergleichenden Berufsstatistik fällt es schwer, die Progression des Anteiles der Juden in der Industrie und im Handwerk, zu beurteilen, aber die absoluten Zahlen weisen nach, daß dieser Anteil ein bedeutender ist. Neben 155.298 in der Industrie und im Handwerke, beschäftigten Christen sind darin 73.206 Juden, (zu vergleichen mit den 81.617 im Handel beschäftigten) tätig, von der Industrie und von Handwerke leben im Ganzen, d. h. Erwerbstätige und deren Familien, 232.917 Personen (vom Handel 279.571). Von allen, in der metallurgischen Industrie in Ostgalizien beschäftigten Personen, sowohl Juden als auch Christen — bilden die Juden 56'97» — in der chemischen Industrie 5677», — >n der Produktion der Lebensmittel-Artikel 53’87», — in der Papierbranche und in der Lederbranche 52'87», in der Kleiderkonfektion 41'27», in der Weberei 28'3% — u. s. w. Dagegen ist in Westgalizien der perzentuelle Anteil der Juden in der Industrie ein bedeutend schwächerer (von 327» bis 207»)■ Aus den obigen Ziffern ergibt sich, daß die aus dem Handel und den ihm verwandten.Berufen immer mehr verdrängten Juden durchaus nicht gänzlich entgleisen, sondern sich selbst auf neue Berufe werfen, obwohl von denen im Allgemeinen angenommen wird, daß die Judenj sich, zu denselben nicht eignen. Aber dieser Kampf, den die juden um die Eroberung neuer Erwerbsmöglichkeiten führen, wird ohne jedweden Plan, ohne vorhergehende Beratschlagung mit Fachkundigen, ohne irgendwelche Verbände und einzeln geführt. Wieviel Kräfte in diesem Kampfe vergeudet, wieviel Existenzen hiebei ruiniert werden, das ist leicht zu ermessen, wenn hiebei erwogen wird, daß von Seite der Behörde und der Gesellschaft, welche im allgemeinen jedem christlichen Gewerbetreibenden oder Handwerker zu Hilfe kommen, der jüdische Gewerbtreibende oder Handwerker immer nur Chikanen, Schwierigkeiten, Unlust und Abwehr zu erwarten hat. Deshalb dürfte es wohl praktischer sein an Stelle einer allgemein-jüdischen Landesenquete, eine Anzahl besonderer Spezialenqueten für jede Gruppe der verwandten Gewerbe einzuberufen, da es dann möglich wäre, bei solchen Spezialenquete jeden einzelnen Beruf individuell zu besprechen, sowie die Bedingungen seiner Entwicklungsmöglichkeit und der demselben zu gewährenden Hilfe ausfindig zu machen. Insoweit es sich nun darum handelt, einen allgemeinen Rettungsplan zu entwerfen, so glaube ich, daß der hauptsächlichste Schwerpunkt darin liegt, daß die Juden vom Handelsberufe zur Industrie und zum Handwerke überführt und diese beiden Erwerbszweige gehoben werden müssen. Aber dieser Prozeß kann meines Erachtensaus allgemeinen und individuellen Gründen, nicht anders als nur durch eine starke und strikte Anlehnung ans Ausland vor sich gehen. Die allgemeinen Gründe liegen darin, daß im Lande selbst die Entwicklung einer selbständigen Industrie,für lange Zeit ganz unmöglich, oder zu mindesten sehr unwahrscheinlich ist. Die Bevölkerung in Galizien ist zumeist eine ackerbautreibende und die Landespolitik ist daher auf die Unterstütsung der Landwirtschaft gerichtet, während die Industrie, dort wo sie mit der Landbei seinem niederträchtigen Renegaten- [ geschäft tüchtig die Finger verbrannt und sich die Feindschaft aller, auch der Deutschfreisinnigen, zugezogen hat, entbindet uns nicht der Pflicht, Derartiges für alle Zukunft unmöglich zu machen. Als die jüdischen Arbeiter Warschaus sahen, wie das Unwesen der Kuppler und Zutreiber in ihrem Stadtteil überhandnahm, und den guten Ruf ihrer Familien untergrub, blieben sie eines Tages von der Arbeit fort, vereinigten sich zu einer starken Truppe und prügelten die Schande aus ihrer Gasse hinaus. Seit damals sollen sie Ruhe haben. Exempla trahunt... Es ist hoch an der Zeit, daß wir ein Großreinemachen vornehmen. Gestalten wie Kuranda müssen von der Bildfläche des politischen Lebens verschwinden, sonst sind wir nicht wert, daß Theodor Herzl für uns gelebt hat. Die Enquete des galizischen Landesausschusses. Eine Rundfrage. Wie unseren Lesern bekannt ist, hat sich die Jüdische Zeitung“ in Sachen der angekündigten Enquete des galizischen Landesausschusses über die Notlage der galizischen Juden mit einer Rundfrage an den jüdischen Klub und zahlreiche nichtjüdische und jüdische führende Persönlichkeiten gewendet Es wurden insbesondere folgende Fragen gestellt: 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des galizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, um der galizischen Judennot entgegenzuwirken? Wir veröffentlichen die Antworten in der Reihenfolge, in welcher sie bei uns einliefen.*) IX. R.-R.-Abg. Dr. Heinrich Gabel, Mitglied des “jüdischen Klub“: (Fortsetzung.) Im Laufe von fast 20 Jahren, seit der Einberufung der letzten jüdischen Enquete, hat sich nun die Lage der galizischen Juden wesentlich, und zwar zu ihren Ungunsten, geändert. — Es vermehrte *) Bisher wurden die Antworten folgender Autoren veröffentlicht: R.-Abg. Dr. Eugen Lewickyj, R.-Abg. Prof. Dr. Arthur Mahler, Adolf Böhm, Mitglied des Großen zionistischen Aktionskomitees, Dr. J. K o h n, Prof. Dr. Leon Kellner, Alfred Lanzer, Obmann des „jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“. Dr. Nathan Birnbaum, (Mathias A c h e r) und Maxim A n i n. unangenehmes New-Yorker Bourgeois hat es Gorj din darin nicht gebracht. Um des Berggeistes Beschwerden als gerechtfertigt zu erweisen, hätte es doch nicht der Vorführung eines Familienbildes bedurft, das für die Juden keineswegs typisch ist. Spielwut und Buhlerei sind doch nicht spezifisch jüdische Verbrechen. Und die in dieser Gesellschaft zum Untergang bestimmte Persönlichkeit ist ein Mädchen von sechzehn Lenzen, das in Rußland schon Schekel gezahlt hat Daß es in dem Sommerplatz zu Fall kommen muß, ist nicht aus seinen natürlichen Anlagen heraus zu erklären, sondern hat eine geheimnisvolle Ursache — in Gordins Sucht nach Ueberraschungen und billigen Effekten. In dem Stück „Ohne Heim“ versucht Gordin zu zeigen, wie das amerikanische Milieu das jüdische Familienleben vernichtet und das eingewurzelte, lebendige Gefühl für Blutsverwandte ertötet Er erzählt des Langen und Breiten allerlei Geschichten, in deren Mittelpunkt von der Unverträglichkeit zwischen einem aufgeklärten Mann und einer orthodoxen simplen Frau steht Die Frau wird ihrem Manne langweilig und zuwider, er verliebt sich in ein gescheiteres, gebildeteres Mädchen. Daß diese Möglichkeit ebenso amerikanisch wie jüdisch, russisch, deutsch oder französisch ist, wird jedermann zugeben. Außerdem ist dieser Gedanke nicht originell, da ihn Gerhard Hauptr mann vor siebzehn Jahren — Gott verzeihe mir | | den Vergleich — in seinem „Einsamen Menschen“ behandelt hat. Nur einmal tritt Gordin in die Welt bedeutender Probleme. Das geschieht in „Gott, Mensch und Teu fei“. Der Teufel verachtet die Menschen. In seinen Augen sind alle schlecht. „Eju gam achad“, nicht eine Ausnahme unter ihnen. Auch Herscheie der Thoraschreiber, welcher Wohlgefallen in Gottes Augen gefunden hat, ist nur rechtschaffen und fromm, bis die Verführung naht. Der Teufel versucht nun, ihn durch Geld zu schlechten Taten zu verleiten. Er macht ihn reich, und siehe da; Herscheie versteht sich zu jeder Teufelei: Er leiht Geld gegen Prozente, gibt seiner Frau den Scheidungsbrief, heiratet eine juuge schöne Nichte und gründet Fabriken, um sich durch fremde Arbeit zu bereichern. Bei jedem neuen Schritt kämpft Herscheie gegen des Teufels böse Einflüsterungen, um schließlich doch allen Versuchungen zu erliegen. Als aber einer seiner Arbeiter bei einem Unfall seine Hand verliert da wird es Herscheie klar, wie weit er sich von seiner einstigen Bahn entfernt hat, und er macht seinem sündebeladenen Leben ein Ende. Der Teufel verliert das Spiel. Von allen früheren Werken Gordins besitzt dieses den größten Wert. Nur hat leider Gordins Kraft versagt, das Problem richtig durchzuführen. Der Vorhang hebt sich und Gordin , läßt uns wissen: Ihr werdet sehen, wie der gute | edle und fromme Herscheie dem Teufel in die Hände fällt“. Der Vorhang sinkt und hebt sich wieder und Gordin sagt uns: Da habt Ihr es. Seine Voraussage ist eingetroffen. Herscheie ist zu Geld gekommen und sündigt damit. Wir aber fragen staunend, wie das denn möglich gewesen sei. Es fehlt das Zwischenglied, die Entwicklung. Gordin präsentiert sich uns hier als Zauberkünstler, dessen Schnelligkeit uns den Glauben raubt. Während aber der fromme Schreiber ein bleicher Schatten der Wahrheit ist, kommen in dem Stück vorzügliche Episodenfiguren vor. Noch einmal wendet sich Gordin einem hoch über der Alltäglichkeit stehenden Thema zu. Er dramatisiert die Gestalt Elisa ben Abujahs, des großen Tanai, der seine früheren Lehren verworfen hat und ein „Acher“, ein anderer geworden ist. Der tragische Gehalt ruht hier in der Entwicklung, die zur Widerrufung vorhergehender Behauptungen zwingt. Man wird nicht annehmen, daß dieser bedeutende Gelehrte und Gesetzesverkünder unter den Juden sich über Nacht ins Gegenteil verkehrt hat. Nein, eiserne Ursachen, innere und äußere, mußten lange Zeit gewirkt haben, um ihn zur Verneinung dessen zu bringen, was er den größten Teil seines Lebens für reinste göttliche Weisheit gehalten hat. Dies alles darzustellen, ist der Reiz einer Acher-Tragödie. Aber Gordin begibt sich der Wirkung, denn in seinem Acher ist die Umwandlung schon vollzogen.; Gordin schafft eine schwache Kopie von Gutzkows.^Urie 1 Acosta“ oder, was noch