Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 42 stellten „Prüfungkommissären“ zu — selbstverständlich Protektionskinder erster Güte. Für die 21 Bezirke sind ihrer fünf bestellt. So fallen alle Prüfungen der Bezirke I, H, XI und XX einem Herrn A zu. Die Bezirke III bis X eingeschlossen sind einem Herrn R zur „Nutznießung“ überantwortet. Man muß sagen: Mit großer Objektivität hat hier die Kultusgemeinde beiden Lieblingen die Bezirke zugeteilt. Jeder erhielt neben sehr „fruchtbaren“ auch minder fruchtbare zugewiesen. Zugewiesen auf Kosten der andern zahlreichen Religionslehrer an Sammelschulen. Aber das ist noch nicht genug! Diese Herren „Prüfungskommissäre“ erhalten auch noch den internen Unterricht an jenen Schulen des I. und II. Bezirkes überantwortet, an denen die meisten Prüfungen jüdischer Kinder stattfinden. Nachdem der Kultusvorstand gegen die unbillige . Behandlung der jüdischen Lehrer durch den Stadtrat protestiert hat, wäre es nur recht und billig, daß der Stadtrat gegen die schlechte Behandlung unserer jüdischen Kollegen von seiten des Vorstandes der Kultusgemeinde seine Stimme erhebe. Vorläufig aber sagt die Kultusgemeinde: „Schlägst du meinen Juden, schlag* ich — ihn auch.“ Wir sind zwar ziemlich abgehärtet und an die rühmlich bekannte Mißwirtschaft im Wiener Kahal gewöhnt: Aber an die in vorstehender Notiz geschilderten Zustände (und an alles was an Unterdrückung, Demütigung und Benachteiligung des größten Teiles unserer jüdischen Lehrerschaft damit zusammenhängt) können wir selbst dann nicht glauben, wenn wir erwägen, daß ein Dr. Stern diese Gemeinde regiert. Wir veröffentlichen also das oben Gesagte vorläufig mit Vorbehalt, werden aber nicht ermangeln, der Sache auf den Grund zu gehen und ehestens die breite Oeffentlichkeit zu informieren. * * * Die Landtage. Der Verlauf der Landtagsverhandlungen in den einzelnen österreichischen Kronländern illustriert drastisch die Tatsache der Zwecklosigkeit, ja Schädlichkeit des Prinzipes der Länder autonomie. Der böhmischeLandtag, die Hochburg der tschechischen Staatsrechtler wurde vertagt, weil sich die dortigen Wortführer der deutschen und tschechischen Bourgeoisie über die weltbewegende Frage nicht einigen konnten, welche Punkte zuerst zur Verhandlung gelangen sollten. Im mährischen Landtage dauert ungeschwächt das deutschtschechische Nationaütätengezänke fort, in der gal i zischen Landesstube, dessen Kompetenz die Allpolen beständig erweitern wollen, hat sich der polnisch-ruthenische Gegensatz derart zugespitzt, daß die Ruthenen zur Waffe der Obstruktion griffen. Aehnlich geht es in den Landesstuben zu Graz, Laibach und Triest. Wenn aber ausnahmsweise ein Landtag, wie z. B. der bukowinaische eine positive Arbeit leistet und unter vollständiger Uebereinstimmung aller beteiligten Nationalität einen nationalen Kataster mit Anerkennung der Juden als selbstständige Nationalität — also ein eminent nationales Friedenswerk — vereinbart, dann sanktioniert wieder die Regierung diese Vorlage nicht! Welchen Wert hat also das Institut der Landtage, ja der gesamte derzeitige Parlamentarismus des Reiches? Daß aber eine Sanierung auf dem Wege der Erweiterung der Länder autonomie nicht möglich ist, zeigt ebenso die Lebensunfähigkeit der verschiedenen zisleithanischen Landtage, wie die des ungarischen und kroatischen. Nationale Verkümmerung. Von Baruch Malisdorf (Wien). Irre ich nicht, so war es ein „griechischer Denker“, von dem der Ausspruch herrührt: „Der Kampf ist der Vater aller Dinge“. Sicher aber ist, daß je ernster eine Sache ist oder werden soll, desto heftiger der Kampf für sie und — gegen sie geführt wird. Wir halten die nationale Sache für eine sehr ernste Sache, und die jüdisch-nationale, zumal sie hoch im Werden ist, erst recht dafür. Und so ist der Kampf, der um sie entbrennt, begreiflich. Nur darf es uns nicht gleichgiltig sein, von welcher Art die Gegner der nationalen Sache sind und mit was für Waffen gekämpft wird. Zu unseren Gegnern gehört beharrlich der politische Liberalismus und seine Kampfesart ist eine doppelte. Soweit er durch die Tagespresse repräsentiert wird, übt er die angeblich vornehme, in Wirklichkeit feige Methode des Schweigens uns gegenüber und des Verschweigens fast alles dessen, was für das nationale Judentum wesentlich ist oder notwendig. Wo er aber in offenem Kampfe uns entgegentritt, in der Parlamentsdebatte, inöffentlichen Versammlungen, da kämpft er mit verbrauchten und verrosteten Waffen. An Oberflächlichkeit im Gedankengang, an Charakterlosigkeit kommt ihm keine andere Partei gleich — wenigstens hier in Oesterreich, wenigstens sofern es sich um die liberalen Berufspolitiker handelt. Aber wir hätten es nicht für möglich gehalten, daß ein Mann, der abseits von aller praktischen Politik, auf einem besonderen Geistesgebiete sich in ernster, tüchtiger Arbeit betätigt, daß ein Gelehrter und Philosoph wie Theodor Gomperz, auf den ersten Pfiff und Ruf der liberalen „N. F. Presse“ in der politischen Arena erscheint und in der gleichen Weise wie jene, ja womöglich noch oberflächlicher und geistloser das zionistische und nationale Judentum angreift. Es geschieht freilich nicht zum ersten Mal. Vor einigen Jahren hatte Gomperz zur nationalen und zionistischen Bewegung sich geäussert. Damals waren es doch noch allgemeine Gesichtspunkte, die er geltend machte: so namentlich das Kulturproblem. Er sah in dem Heraufkommen der jüdisch-nationalen Art eine Gefahr für die Juden selbst; sie würden, so meinte er, durch sie um zweitausend Jahre in der Kultur zurückgeworfen werden. Wie? Weshalb? Die Antwort auf diese Fragen blieb er schuldig. Aber man konnte sich mancherlei denken. Genug, er hatte einen Grund um die Kultur zu fürchten — wenn auch die Begründung unterblieb. Und heute? Soll etwa dieses armselige Gedankenbündel mit der geschmackvollen Etikette „Wahfghetto“ die Begründung sein jener großen Furcht vor dem Kultursturz? Ein Kultursturz ist diese Kundgebung wohl, aber ein Sturz seiner selbst! Man stelle nur diese kindisch-naiven Aeußerungen über Deutschtum und Judentum, über das Wesen der zionistischen und nationalen Bewegung, über Politik und politische Gleichberechtigung jenen prächtigen Gedankenmassen gegenüber in seinen „Griechischen Denkern“ und messe den Abstand zwischen Gomperz, dem Philosophen, und Gomperz dem — politischen Handlager der „Neuen Freien Presse“. Oder merkt es dieser Mann nicht, daß er hier ganz gewöhnliche Handlangerdienste leistet? Und daß dieses Blatt seinen Namen nur brauchte, um seine Autorität zu mißbrauchen? Es ist heute üblich, die Natur und den Charakter des Einzelnen als ein notwendiges Produkt seiner Zeit und seiner Umwelt aufzufassen. Nun, ich denke, ein gut Stück eigenen Willens mag bei der Entwicklung eines Menschen doch auch in Betracht kommen; aber zweifellos erweist sich eine Zeitrichtung von ungeheurer, ja ungeheuerlicher Wirkung auf den Einzelnen. Am verderblichsten aber, scheint es, wirkt der politische Zeitgeist. Man sollte es nicht glauben, bis zu welchem Grade nationaler Verkümmerung der politische Liberalismus die Juden heruntergebracht hat. Ein Zeitraum von zwei oder drei Generationen hat genügt, um die Liberalen „jüdischer Abkunft“ mit einem Widerwillen gegen alles zu erfüllen, was irgendwie ans Judentum erinnern könnte. Und bald konstruierte man sich ein Judentum, vor dem man Grund haben mochte, sich zu schämen und — zu entsetzen. Es war ein Bild jüdischen; Jammers und jüdischer Niedrigkeit, ein Bild jüdischen Golusleidens und engen Ghettolebens — aber; gottlob, es war ein Bild der Vergangenheit: und wenn es einmal zu flüchtigem Leben erwachte in einer vorüberwandelnden Einzelgestalt des Ostens, so wandte man sich davon ab, wie wenn man sich in ihm selbst verachtete — und streckte sich um so stolzer in der „Freiheit, die man meinte“, in der Freiheit vor allem von allem — Judentum. Ich kann mir nicht anders denken, als daß Gomperz diese alte liberale Konstruktion des Judentums im Sinne hat, wenn er uns und anderen, vermutlich zur Abschreckung, das kleine Medusenbilderl mit der Ueberschrift: „Das Wahl-Ghetto“ entgegenhält. Die Liberalen seines Schlages, die Kurandas und die anderen, mag das schrecken. „Wahl-Ghetto! Ghetto! Ghetto!“ rufen sie entsetzt, die Kurandas, und rennen — zum Ministerpräsidenten oder — zum Kultusvorstand — je nachdem. Aber uns schreckt das nicht. Wir sehen in dem uns vorgehaltenen „Wahl-Ghetto“ nur eben was es ist: ein kurioses Medusenbilderl, nichts anderes; aber wir sehen im Judentum ein ganz anderes Bild. Uns beginnt das Judentum nicht beim Ghetto und endet nicht dabei — und wird niemals beim Ghetto enden. Wir sind älter als das Ghetto, älter als das Golus. Zwar der Sage nach sind wir im Golus ein Volk geworden; aber es ist eine schöne Sage, denn sie berichtet weiter, daß wir, zu einem Volk geworden, uns die Freiheit nahmen, frei zu werden; und diese Freiheit durch einige Jahrhunderte hatten und übten, und in einem Lande, das nach übereinstimmender Sage, ein schönes Land ist und ein gutes Land, wert der Sehnsucht, die wir nach ihm haben. Was fällt Ihnen bei, Herr Professor, zu 'sagen, unser Programm lasse sich ja doch nur in der Zukunft verwirklichen und in der — Fremde? Ist denn Judentum bloß Zukunft; ist es nicht auch Gegenwart und ein schönes und ein großes Stück Vergangenheit? Ich denke doch, Herr Professor, Judentum ist nicht blos Gegenwart, sondern auch Vergangenheit; aber eine, die nicht „vergessen und vergeben sein will“, die vielmehr so lebendig und so wirklich da steht, wie das Vaterhaus, das der Sohn verlassen hat. Je weiter er auf seiner Wanderschaft gelangt, um so sehnsüchtiger wendet er sich nach ihm zurück. Ich denke doch, Herr Professor, daß es „zum Wesen des Zionismus“, gehört, nicht blos Zukunft zu sein, sondern auch sei eine Art Vergangenheit. Und wie denn — Fremde? Jenes reiche Sagenland und schöne Wirklichkeitsland, uns sollte es ' die Fremde sein? Palästina? Sagt der Christ von Palästina Fremde? Sagt’s der Muhamedaner? Und uns sollte es Fremde sein, denen es eine tausendjährige Heimat gewesen und eine zweitausendjährige Sehnsucht? Die Hand auf’s Herz, Herr Professor, sagten Sie Fremde, auch wenn das Land — Hellas wäre und die Hellenen Juden, .oder die Juden Hellenen? Nur so mit Rücksicht auf die Heimat, die wir jetzt haben? Ist es denn wirklich so, daß zwischen der einen und der anderen ein Gegensatz sein müsse? Wir lieben diesen Boden; wir lieben ihn mitunter, wie wenn er unsere einzige Heimat wäre; und wir lieben die andere, wie wenn sie es wäre. Und ich finde, daß die Liebe nie zu groß sein kann für diese und für diese; aber dennoch, dennoch dorthin mehr sich neigt, und dahin die Sehnsucht größer geht, wo die Träume schöner, und die Wirklichkeit verheißungsvoller. Wie Sie doch recht behalten, Herr Professor; das sind Worte und Gefühle von Schwärmern. Ich schäme mich, als einer dieser Schwärmer. Doch zum Schluß eine Frage: Finden Sie es nicht sonderbar, Herr Professor; daß derselbe Mensch so viel Sinn und Verständnis haben kann für die Individualitäten eines ganzen Volkes, wie zum Beispiel Sie, Herr Professor, für die „Griechischen Denker“ fast gar kein Verständnis für die Individualität eines Volkes, und noch dazu — des eigenen? Aber ich vergesse, daß Sie, Herr Professor, dem jüdischen Volke gar nicht angehören, und bloß „jüdischer Abkunft“ sind. War Heine ein Jude oder „jüdischer Abkunft“? und Spinoza? und — doch genug; ich sehe, es bringt Sie ein wenig in Verlegenheit. Oder irre ich mich? Parteinachrichten. Abg. Stand vor seinen Wählern. Am 4. Oktoter hatte die Wählerschaft Podkaniens Gelegenheit, ihren beliebten Abg. Stand, der zwecks Abstattung des Rechenschaftsberichtes über seine bisherige parlamentarische Tätigkeit hierher gekommen war, zu begrüßen. Die Ovationen während des Empfanges, sowie die Einfahrt ins Städtchen zeugten von der immensen Beliebtheit und Popularität, deren sich Abg. Stand im Kreise seiner Wählerschaft erfreut. Der Präsident der israel. Kultusgemeinde und der-Präsident des Vereines „Ahavath Zion“ begrüßten in warmen Ansprachen den Abg., ihm für den Besuch dankend. Es fanden zwei massenhaft besuchte Versammlungen statt. Die erste wurde im Bethause für die jüd. Wähler unter Vorsitz des H. Silberg abgehalten. Der erste Redner, Herr Jonas Reiser, skizzierte kurz die aufopferungsvolle Tätigkeit des Abg.