Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 IÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 christlichen Bevölkerung in den Städten und Städtchen eine empfindliche Notlage herrsche. Demnach beantragte Herr Bobrzynski es möge diese vom Dr. Rappoport berührte Angelegenheit der allgemeinen Budgetkommission des Polenklubs unter Hinzuziehung mehrerer zu designierenden Abgeordneten überwiesen werden, wogegen Herr Jaworski noch hinzufügte, die Kommission habe ihr Augenmerk auf die in den Städten und Städtchen allgemein um sich greifende Notlage zu lenken und ihren Bericht hierüber dem Klub vorzulegen. Der Polenklub akzeptierte die Anträge der Herren Bobrzynski und jaworski und der Budgetkommission wurden zu diesem Zwecke die Abgeordneten Herren Fürst Czartoryski, Rappoport, Rosenstöck und Lewakowski beigestellt. Soviel mir bekannt ist, wurde über diese Angelegenheit im Polenklub des Reichsrates später nicht mehr debattiert. Gleichzeitig aber fand in demselben Jahre auch in Galizien eine Diskussion über das Elend der jüdischen Bevölkerung statt. Der damalige Landmarschall Graf Tarnowski hat auf den 18. März 1890 in. Beratungssaal des galiz. Landesausschusses eine diesbezügliche Enquete einberufen, zu welcher die Herren Dr. Furchtmann, Franke, Feldstein, Dr. Goldmann, Dr. German, Dr. Hofern, Dr. Herschmann, Samuel de Horowitz, Klärmann, Konarski, Lazarus Lilien, Dr Löwenstein, Dr. Marckwicki, Pipes, Romanowicz, Starkei, Dr. Wereszczynski, Dr. Zgörski und Zima eingeladen wurden, also lauter Männer, die schon damals und später durch fast 20 Jahre die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in Galizien inne hatten, da sie schon damals Abgeordnete, Bankdirektoren, Professoren, Landesausschußräte etc. waren oder bald später wurden. Alle Redner drückten ihre Befriedigung darüber aus „daß die Gelegenheit geboten worden sei, die jüdische Frage in einem ernsten Kreise und auf eine unparteiische Weise zu besprechen, welche geeignet sei positive Resultate zu ergeben“ sowie daß „ ein Kreis der bedeutendsten Persönlichkeiten sich zu dem Zwecke versammle, um nicht nur objektiv, sondern im höchsten Grade entgegenkommend über die Reform der jüdischen Verhältnisse im Lande zu beraten, was als ein grandioser Beweis der hohen politischen Reife und des toleranten Geistes unserermaßgebenden Sphären erscheint“. Am 21. Mai fand im Landtagsgebäude die zweite Sitzung dieser Enquete statt, welcher abermals der Landmarschall präsidierte — und am 25. Mai 1890 wurde die letzte Sitzung abgehalfen. — Diese Enquete faßte Beschlüsse, welche sie „alle ausgeführt haben wollte“, u. zw. auf dem Schulgebiete: es seien zu errichten, Fröbelschulen, Abendschulen für die Jugend, Schulen zur Heranbildung von jüdischen Religionslehrern und Rabinatschulen; — betreffend Handwerk und Gewerbe: es seien Stipendien zu gewähren, an die Gewerbeschulen besuchende Jugend, an Meister, welche Lehrlinge in Handwerken heranbilden, sowie überhaupt behufs Hebung der schon existierenden, resp. behufs Bildung neuer Gewerbe — ferner betreffs des Ackerbaues, ——————i—^ von einem fremden, fast kriegerischen Einschlag. Die Kinder erscheinen ziemlich verwahrlost. Und auch das Los der Frauen ist wohl ein trauriges, wenn auch patriarchalisches, im Falle der ’Kinderlosigkeit ist den Männern zweifache Heirat gestattet, und fast alle Frauen leben in einer Art Harem, einem besonderen Frauenhause. Wir wohnen dem Gottesdienste bei. Das Betreten des Gebetraumes ist wie bei den Mohammedanern nur nach Ablegung der Schuhe gestattet. Die Beter hocken mit gekreuzten Knien auf dem Boden, auf Teppichen, in ziemlich gleichmäßigen Reihen, Die Gebetbücher sind hebräisch geschrieben, in arabischen Buchstaben, und an den Hauptstellen in jenen Schriftzügen, welche samaritanisch heißen und in Wirklichkeit das echte Althebräisch sind. Von Seite zu Seite wiederholt sich der Satz: „Lo jesch eloha ela echad“, in seltsamer Weise an das „Sch’mo Israel“ und das mohammedanische „Allah il Allah“ erinnernd. Der Hohepriester liest stehend die Torah und von Zeit zu Zeit fällt die Gemeinde in minutenlangen Gesängen ein, welche wie ein uraltes, stark bewegtes und dennoch maßvoll feierliches Unisono tönen, uns in eine Jahrtausend ferne Urzeit versetzen, die hier gleichsam in steinerner Urkraft, unberührt vom Wandel der Jahrhunderte, stehen geblieben ist. der Gartenpflege, des Obstbaues etc.: es mögen diejenigen Juden subventioniert werden, welche den Ackerbau, die Gartenkunst, den Obstbau usw. gewerbsmäßig betreiben. Am Schlüsse der Enquete dankte der Landmarschall den Mitgliedern für ihre wirksame Teilnahme an den Beratungen und Dr. Goldmann drückte die sichere Hoffnung aus, daß die unter solch einem erlauchten Vorsitze gefaßten Beschlüsse dazu beitragen werden, einen Weg zu finden um sämtliche Bestrebungen zur Bereinigung der jüdischen Frage zu unterstützen. Leider haben aber schon die Ereignisse des nächsten Jahres jene „sicheren Hoffnungen“ gänzlich zerstört. Es kam nämlich die Angelegenheit „Podhajce“, mit Bezug auf welcher der jetzt mit dem Denunzieren der Zionisten als Polenfeinde stabil sich abgebende Herr Hermann Feldstein schrieb: „Dies sei eigentlich eine antisemitische Angelegenheit, denn kein Fall habe besser in einer jeden Zweifel ausschliessenden Weise dargetan, daß der Antisemitismus in Fleisch und Blut der polnischen Gesellschaft übergangen ist, und daß derselbe die Grundlage ihrer Anschauungen, der Leitstern Ihrer Gefühle sei“. „Der Schleier ist zerrissen — weg mit der Scheinheiligkeit und mit der Verstellung — wir sehen uns wieder inmitten der exklusiven, adeligen und Stände-Gesellschaft, welche mit einer keine Bedenken und Grenzen kennenden Rücksichtslosigkeit offen und öffentlich die Juden zu einem fremden und feindlichen Elemente stempelt, zu deren Vertreibung aus allen Stellungen und Posten hinstrebt und vor ihnen alle Wege ehrlichen Erwerbes versperrt“. Die Angelegenheit „Podhajce“ hatte einen agrarischen Hintergrund, Als. nämlich der gegenseitige Versicherungsverein in Krakau den ganzen Podhajcer Schlüssel dem Juden Lilienfeld verpachtet hatte, veranstalteten die ganze polnische Presse und alle agrarischen Verbände mit der k, k. galizischen Agrikultur-Gesellschaft an der Spitze ein derartiges Kesseltreiben, daß die Lilienfelds von dem schon geschlossenen Vertrage zurücktreten mußten. In demselben Jahre fand die Generalversammlung der sog. „Kölka rolnicze“ (ländlicher Agrikulturvereine), statt, welcher der Kardinal Fürstbischof von Krakau Dr. Dunajewski präsidierte und deren Berichterstatter Dr. Duleba aus Lemberg war. Prof. Stefcz, derzeit Beamter des Landesausschusses, versuchte der Notwendigkeit der Errichtung von christlichen-Kleinverschleissen nachzuweisen, welche dem Bauer den Juden und das Wirtshaus za vertreten hätten. Der Bauer Moksa verlangte, „daß die Herren die Juden aus den Wirtshäusern herauswerfen“, worauf ihm Dr. Duleba antwortetn, wer ist daran schuldig? Wir selbst! denn wir können uns ebenso um die Propinations-Pachtung bewerben, wie es die Juden getan haben. Ich kenne „Kolka rolnicze“, welche die Propination gepachtet haben, folgen wir ihrem Beispiele“. — Ebenso antwortete den Bauern Herr Anton Swiezewski. Herr Herrman Feldstein schrieb nun in Besprechung dieser Versammlung folgendermaßen: „Die Bestrebungen der „Kölka rolnicze“ lassen sich damit erklären, daß es sich darum handelt, den Juden vom gesamten Handel, wenn auch mit eigenem Schaden zu vertreiben. Diese Bestrebungen tragen an sich ein abträgliches Merkmal, welches den Verbänden einen agitatorischen Charakter verleihen.“ Solche Fälle, wie die Affaire „Podhajce“ und die obige Versammlung der „Kölka rolnicze“ wiederholten sich seit jener Zeit immer häufiger. Die polnische Gesellschaft hat nicht nur die Juden zu keinerlei neuen Stellungen zugelassen, sondern sie vielmehr aus den von ihnen schon eingenommenen systematisch verdrängt und auch für die Zukunft stellt sich die Lage der galizischen Juden nicht rosiger dar. Schon heute wirft ihren schwarzen Schatten auf die Existenz von 30.000 jüdischen Familien, die im Jahre 1910 eintretende Erlöschung des Propinationsrechtes voraus. Dann werden alle Schenker gezwungen sein, sich um Schankkonzessionen zu bewerben und die Verteilung der letzteren liegt in den Händen der Gemeinden und der Bezirkshauptleute. Sapienti sat. . Auch die Menschen, welche an der Enquete im Jahre 1890 teilnahmen — haben sich nicht geändert. Sie standen damals und stehen auch heute in bedeutendem Maße an der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten aber außer schönen Worten haben sie sich noch nie zu einer einzigen wirklichen Tat verstiegen. Wenn also die galizische Enquete wirklich stattfinden sollte — die fortwährende Verschiebung derselben läßt auch dies zweifelhaft erscheinen - dann wird die Enquete wohl umfangreiche Reden und schöne Versicherungen, nicht aber eine reale Veränderung in bisherigen Verhältnissen -- im Gefolge haben. (Schlußartikel folgt.) Von der Woche. Der IX. Kongreß. Der IX. Kongreß, der bekanntlich Ende Dezember in Hamburg stattfindet, beherrscht natürlich das zionistische Leben. Wenn auch die österreichischen Zionisten durch die politischen Vorgänge in Atem gehalten sind, wird gleichwohl mit voller Energie zum Kongreß gerüstet. Die österreichische Landsmannschaft wird wohl vorbereitet in Hamburg erscheinen. In Wien sorgt vor allem der ungemein rührige zionistische Zen tra I verei n für gründliche Aussprache und Aufklärung. Zunächst hat das Mitglied des Aktionskomitees, Herr Adolf Böhm, in den Räumen des zionistischen Zentralvereines einen grundlegenden Vortrag über alle die zahlreichen Probleme gehalten, die den nächsten Kongreß beherrschen werden. Dann folgte der ungemein anregende Vortrag Dr. Franz Oppenheimers, der der jüdischen Agrarpolitik gemidmet war und über den wir an anderer Stelle berichten. * * * Die Bukowinaer Wahlreform. Die Bukowinaer Wahlreform ist gemacht. Die jüdische Kurie ist ausgeschaitet. Man hat die Juden mit den Deutschen zusammengekoppelt und ihnen großmütig konzediert, in diesem wirklichen Wahlghetto eine „Interessenpolitik“ zu treiben. In diesem Sinne wurden für die Städtemandate Majorität s- und Minoritätsvertretungen bezüglich des deutsch-jüdischen Katasters vorgesehen, während in den „deutsch-jüdischen“ Landgemeinden das Prinzip der territorialen Abgrenzung möglichst gewahrt blieb. Dadurch sind den Juden neun Mandate gesichert. Der Landtag soll sich folgendermaßen zusammensetzen: Aus 2 Virilstimmen. 13 Vertretern des Großgrundbesitzes. 7 Vertretern der Handelskammer und der Städte. 24 Vertretern der Landgemeinden und 17 Abgeordneten aus der allgemeinen Wählerklasse der Städte und Landgemeinden. Es entfallen somit auf die einzelnen Nationen von den 29 Abgeordneten der Gemeinden: 10 auf die rumänischen, 10 _uf die ruthenischen, 8 auf die deutsche und jüdische und 1 auf die polnische Bevölkerung; während von den 17 Abgeordneten der allgemeinen Wählerklasse 6 auf die rumänische, 6 auf die ruthenische, 4 auf die deutsche und jüdische, und 1 auf die polnische Bevölkerung entfallen. Die Wahlkreiseinteilung ist auch getroffen. Der Landtag soll am 15. des Monates zwecks Genehmigung der Wahlreform zusammentreten. * . * In der „österreichischen Schulzeitung“ vom 26. September finden wir folgende bemerkenswerte Korrespondenz: „Schützet mich vor meinen Freunden!...“ In der Budgetdebatte erwähnte der zionistische Abgeordnete Dr. Gabel auch die Präterierung der jüdischen Lehrer. Auch der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien nahm seinerzeit in einer Resolution Stellung gegen das den jüdischen Kollegen zugefügte Unrecht. Sehen wir nun wie die Kultusgemeinde ihre Lehrer behandelt. In den weitaus meisten Schulen Wiens wird der israelitische Religionsunterricht nicht intern erteilt, sondern die Schüler von mehreren Schulen erhalten ihn zusammen in einer Sammelschule. Wird nun an einer dieser Schulen — nehmen wir vier an — eine Privatistenprüfung abgehalten, so darf der israelitische Religionslehrer der Sammelschule die Prüfung aus Religion nicht vornehmen, außer die Prüfung aus den weltlichen Gegenständen wird an der Schule abgehalten, an der die israelitischen Schüler den (Sammel)- unterricht erhalten. Er darf also die Privatistenprüfungen nur einer Schule vornehmen, die der andern drei nicht 1 Diese fallen einigen dazu be-