Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438261--1446-2441041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 42 Extrem-Nationale eine Zeit lang einigen, aber eben so rasch trennen muß. Für den Klerikalismus ist der Jude der Repräsentant der materialistischen-liberalen Weltanschauung, der Vorkämpfer des „sozialistischen Umsturzes“, „der Freimauerei “und der „antichristlichen Nationaljtätenhetze“ für den rassen antisemitischen Deutschnationalismus (wie überhaupt für die Chauvinisten aller Zungen) eine inferiore Rasse von Eindringlingen und Gästen, als die den Extrem-Deutschnationalen ebenso auch die Tschechen, Polen, Ruthenen, Italiener etc. gelten. Der Klerikalismus, welcher „die Verbrüderung aller Völker in Christo “propagiert und auch die getauften Juden von dieser Verbrüderung nicht ausschließt, muß naturgemäß den Rassenantisemitismus als letzte Konsequenz des radikalen Nationalismus verwerfen, der ihm als eine „heidnische Theorie“ gilt Der Nationalitätenhader, das Werk des „kapitalistischen Judenliberalismus“, der „die christlichen Völker Oesterreichs“ verhetzt/ um sie sodann in ökonomischer Hinsicht auszuplündern. Der Gedankengang dieser Art Antisemitismus kommt in der letzten Rede des christlichsozialen Arbeiterführers Abgeordneten Kunschak zum Ausdruck. Er sagte vor einigen Tagen in einer christlichsozialen Arbeiterversammlung in Währing nnter anderem folgendes: „Bemerkenswert ist an der ganzen antitschechischen Abwehrbewegung, daß sie unter dem Protektorate der Judenpresse eingeleitet und durchgeführt wird. Bei den nationalen Kampfe spielen nicht nur politische sondern auch volkswirtschaftliche Gründe mit. Seit B adeni wußte die „Judenpresse“ den nationalen Kampf für die Ausbeutungsabsichten des Großkapitals nutzbar zu mac hen.“> Wenn die „Neue Freie Presse“ und die „Narodni Listy“, beide von lauter Juden geschrieben, fortwährend in nationaler Begeisterung „machen“, da möchte ich meinen, daß angesichts dieserTatsache wir erneut und mit allem Nachdruck ein zweites weltbewegendes Motiv des politischen Kampfes in den Vordergrund schieben müssen den Antisemitismus, die Kennzeichnung des gemeinsamen Gegners. Also dieser Antisemitismus soll ein Schachzug gegen den extremen Nationalismus bedeuten, ihm seine assimilatorischjüdischen Verbündeten entziehen und die „Völkerversöhnung im Zeichen der christlichen Sozialreform anbahnen“. Von ganz anderen . Gesichtspunkten geht der deutschnätipnale Antisemitismus aus, der nun immer mehr auch in der christlichsozialen Partei sich breit macht. Für ihn ist Nationalismus und Antisemitismus u n t r e n n bar; aus dem ersten folgt naturgemäß der letztere. Die „Tschechen- und. Judengefahr“ . müssen gleichmäßig abgewehrt, aber auch der. internationale Klerikalismus,.dem der „Antisemitismus nur Mittel für seine egoistische Zwecke ist“. Für den extrem-nationalen Rassenantisemiten gilt ja auch die katholische Kirche für „verjudet“, daher seine letzte und äußerste Konsequenz „Los von Rom“ und „Los von Juda“ ist. Diese tiefe Kluft zwischen den beiden im christlichsozialen Lager bestehenden Strömungen müssen die österreichischen Juden wohl erfassen, um in der Zukunft ihre Politik darnach einzurichten und die Fehler zu vermeiden, die sie in der Vergangenheit begingen und neuerlich zu begehen von verschiedenen pseudoliberalen assimilatorischen Politikern und ihrem Preßgefolge verleitet werden. Diese „Politiker“ freuen sich jetzt bereits über den viel zu früh angekündigten Zerfall der Christlichsozialen, protegieren deren rassenantisemitischen Flügel derselben, weil er sich „antiklerikal“ und „deutschnational“ gebärdet und wetteifern mit ihm in der — Tschechenfrage. Dabei bilden sich diese Toren ein, damit die Renaissance des „Liberalismus“ und der „Demokratie“ — wie sie die Herren Assimilänten verstehen, anzubahnen. So wird die .klerikal-christlichsoziale Bewegung und der Antisemitismus nicht überwunden werden. Ganz im Gegenteit: es werden ihm alle jene in die Arme getrieben, die des Nationalitätenhaders müde sind und eine österreichische und sozialreformatorische Politik erstreben. Die Stärke der Christlichsozialen ist eben weder der Klerikalismus der einen, noch der Chauvinismus und Radauantisemitismus der anderen, sondern das in Oesterreich vorhandene Bedürfnis nach einer völkerversöhnenden, sozialreformatorischen Reichspartei. So lange eine solche nicht aus den Modernen aller Völker sich bildet, ist an einen „Zerfall“ der Christlichsozialen nicht zu denken und falls er doch jetzt einträte, würden nicht die Juden, sondern nur die deutschnationalen Antisemiten davon profitieren. Verwüstung der Stadt. Ein zweitesmal vollzog sich | hier ein verhängnisvolles Ereignis, als nach dem Tode Salomos die Stämme sich im Sch’chem versammelten, um Rehobeam zu krönen, der indes die Forderungen des Volkes hohnvoll zurückwies. Dies war nach dem biblischen Bericht der Anlaß für die Scheidung der zwei Reiche, und Sch’chem blieb unter den ersten Königen Residenzstadt des Reiches Israel, die Hauptstadt Samarias. Aber noch viel später knüpfte sich wieder eine verhängnisvolle Spaltung an den Schauplatz dieser Stadt. Nun lebt als uraltes Zeugnis blos noch hier die merkwürdige Volksruine der Samaritaner. Die Bibel führt in einer im Prinzip glaubhaften, nur sagengeschmückten Weise ihren Ursprung darauf zurück, daß nach dem Untergange des Reiches Israel allerlei fremde Kolonisten des Assyrerreiches hier angesiedelt wurden. Wohl aber werden sich diese mit dem Reste der eingebomen Ephraimiten vermischt haben. Die eigene Tradition der Samaritaner, welche sich selbst für die strengen Hüter des Gesetzes, für die wahren Söhne Israels und die Juden für. die „Abgespaltenen“ halten, führt den Ursprung der Scheidung in eine uralte Zeit, bis auf den Hohepriester Eli zurück. So anerkennen sie aus der Bibel auch nur die fünf Bücher und einen Teil des Buches Josua, während sie der ganzen weiteren Geschichte einen anderen Sinn geben. Immer hat zwischen Juden und „Kutäern“ das feindseligste Verhänltnis bestanden, letztere hielten es in allen Kriegen mit den Feinden des jüdischen Volksganzen. Nach dem Buche Nehemia rührt dies seit jener Zeit, da ihre Bitte um Teilnahme an dem Baue des neues Tempels zurückgewiesen wurde. Heute ist ihre Zahl auf einen armen Rest herabgesunken. Während es noch im 16. Jahrhundert Ansiedlungen in Damaskus, Gaza und Kairo gegeben haben soll, führen heute nur noch gegen 170 Samaritaner ein ärmliches, in ein paar Häuser zusammengedrängtes Dasein. Vor einigen Jahren sollen sie sich, da sie eine Kinderschule gründen wollten, mit einer Bitte um Unterstützung an einige jüdische Gesellschaften gewendet haben, welche in ziemlich geschmackloser Weise den alten historischen Gegensatz wieder aufwärmten. Da hat Achad-Haam ein jgünstiges Wort für sie gesprochen. Jetzt wohnen sie am Fuße des Garizim, nachdem sie seit Jahrhunderten durch Verfolgungen vom Berge heruntergetrieben wurden, wo ehemals ihr Heiligtum stand. Denn dieser Berg galt ihnen als „Berg des Heiligtums“, während Jerusalem in ihren Augen verachtet war. Noch heilte verrichten sie an den drei Hauptfesten des Jahres ihr Gebet auf dem Garizim und bringen hier alljährlich das uralte Pessachopfer dar. Es ist gerade Sabbat, als wir durch arge Die Enquete des gälizischeri Landesausschuäses. Eine Rundfrage. Wie unseren Lesern bekannt ist, hat sich die „Jüdische Zeitung“ in Sacheri cjer angekündigten Enquete des galizischen Landesausschüsses über die Notlageder galizischen Juden mit einer R ü n d f r a g^e an den jüdischen Klub' und zahlreiche nichtjüdische und jüdische führende Persönlichkeiten gewendet. Es wurden insbesondere folgende Fragen gestellt: 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des galizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, um der galizischen Judennot entgegenzuwirken? Wir veröffentlichen die Antworten in der Reihenfolge, in welcher sie bei uns einliefen.*) IX. R.-R.-Abgeordneter Dr. Heinrich Gabel, Mitglied des „Jüdischen Klub“. Die Enquete des galizischen Landtages über die Notlage der Juden hat ihre Vorgeschichte. Bereits am 16. März 1890 hatte der Reichsratsabgeordnete Dr. Arnold Rappoport im reichsrätlichen Polenklub die Frage der Linderung der schrecklichen Not der galizischen Judenschaft, von der die erschütterndsten Einzelheiten in die Oeffentiichkeit gelangt waren, aufgerollt. Am 23. März 1890 brachte Dr. Rappoport dasselbe Thema neuerlich zur Diskussion, indem er hervorhob, daß an ihn und viele andere Abgeordnete herzbewegende Klagen gelängen, welche die stets wachsende Not der galizischen Juden anschaulich schildern. Dr. Rappoport beantragte die Wahl einer 5 gliedrigen Kommission, welche die Materialien zur Frage der Judennot in Galizien sammeln und auf Grund derselben dem reichsrätlichen Polenklub entsprechende Anträge unterbreiten sollte. An der - Diskussion über-diesen Antrag des Dr. Rappoport beteiligten sich die damaligen Reichsratsabgeordnelen Bobrzynski, Chrzanowski, Pininski, Rutowsky - Lewakowski, Fürst Czartoryski und Jaworsky. Allseitig wurde zugegeben, daß unter den galizischen Juden bittere Not herrsche, es wurde aber darauf hingewiesen, daß für diese ganze Angelegenheit eigentlich der galiz. Landtag zuständig sei, der sich mit derselben zu befassen hätte, und daß übrigens auch unter der *) Bisher wurden die Antworten folgender Autoren veröffentlicht: R.-Abg. Dr. Eugen Lewick y j, R.-Abg. Prof. Dr. Arthur Mahler, Adolf Böhm, Mitglied des Großen zionistischen Aktionskomitees, Dr. J. K o h n, Prof. Dr. Leon Kellner, Alfred Lanzer, Obmann des „jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“. Dr. Nathan Birnbaum, (Mathias A c h e r) und Maxim A n i n. Winkelgäßchen der Wohnung des Hohepriesters zugehen. Ihr grenzt sehr nahe der schmucklose Betraum an. Wir begegnen zuerst dem zweiten Priester, der hebräisch spricht und uns zum Gottesdienste einläßt. Eine Art feierlicher Haltung haben diese Leute, welche rote Turbans und lange weiße Mäntel tragen. Die Hohepriesterfamilie ziert noch ein ehrsames Zöpfchen. Hebräisch sprechen nur der Hohepriester Jakuf und sein Schamasch, der zugleich Lehrer ist, in einer selbst im Vergleich zum Sephardischen ganz fremdartig klingenden Aussprache. Ihre Umgangssprache, die einst ein aramäischen Dialekt war, ist jetzt die arabische. Selbst argen Verfolgungen ausgesetzt, begrüßen sie die Juden als Brüder, obgleich sie wieder ihren Ahnenstolz mit äußerster Strenge festhalten. Sie nennen sich Söhne Josephs und ihre Priester leiteten sie bis zum siebzehnten Jahrhundert auf den Stamm Ahrons zurück. Auch führen sie in ihrer dürftigen Literatur Chroniken, welche vom Urvater Adam bis in unsere Tage reichen. Auffallend ist ihr hoher Wuchs. Neuere anthropologische Untersuchungen haben sogar ergeben, daß sie das höchstgewachsene Volkselement Syriens und Palästinas bilden, während sie in ihrer Kopfform dem semitischen Urtypus des Beduinen am nächsten kommen sollen. Manche ehrwürdig-jüdische Typen befinden sich unter ihnen, manche aber auch