Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NRTimnL-Jl£DI5CHE5 DRGFIN gjg Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige ***« *■»*•»**** *** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ******»«•*■****«•* Nr. 42. Wien, Freitag den 15. Oktober 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Ein historisches Dokument. Zur Krise im christlichsozialen Lager. Von Dr. K. Die Enquete des galizischen Landesausschusses. Von R.-Abg. Dr. Gabel. Nationale Verkümmerung. Von B. Maiisdorf. Eröffnung eines jüdischen Volkshauses in Brody. Die Wählerversammlung im Wahlkreis Kurandas. Eröffnung des jüdisch-akademischen Studentenheims in Lemberg. Von der Woche. Parteinachrichten. Ein Tag im alten Sch’chem. Von Ernst Müller. Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Zionistischer Zentralverein Wien . IX., Türkenstraße 9. Lesesaal von 9—12 und 3—7 Uhr geöffnet. -— OSO-- .== O Dienstag 26. d. M. findet im Festsaale des Hotel „Bayrischer Hof“, II., Taborstraße 39 ein VORTRAG des königl. Bibliothekars Dr. Heinrich Löwe aus "Berlin statt. Thema: „Das Land Israel“ Ein Vortrag mit Lichtbildern. Beginn präz. 8 Uhr. Regiebeitrag 60 h. Außerdem gelangen eine beschränkte Anzahl reservierter Plätze ä K 1 zur Ausgabe. Bei dem starken Interesse, das sich für diesen Abend in den breitesten jüdischen Kreisen kundgibt, empfiehlt es sich sehr, die Karten schon vorher im Vereinssekretariat, IX., Türkenstraße 9, wo solche erhältlich sind, zu lösen. Ein historisches Dokument. Die jüdische Kurie in der Bukowina ist gefallen. Wenn es eben der Regierung und ihren Hintermännern nicht gefällt, darf das Gemisch der Völker im Buchenländchen nicht im Frieden leben. Am 9. Oktober wurden die Verhandlungen des Permanenzausschusses geschlossen und der an anderer Stelle veröffentlichte abgeänderte Entwurf genehmigt. Die ausgezeichneten Argumente, die Abg. Dr. Straucher gegen den Standpunkt der Regierung ins Treffen führte, wurden mit Absicht überhört. Er sagte, daß es um so weniger erklärlich sei, die Juden im Entwürfe namenlos zu lassen (mit der merkwürdigen Begründung, daß die Juderiheit nach dem Gesetze nur als Religionsgesellschaft anzusehen wären), als schon die alte Gesetzgebung von Untertanen jüdischer Nation spreche und wies mit Nachdruck darauf hin, daß sich alle Parteien im Lande auf nationale Kurien alle* das Land bewohnenden Volksstämme geeinigt haben. Es nützte nichts. Kuranda und Löwenstein hatten ihr Veto eingelegt, die „Neue Freie Presse“ war auch dagdfeen. Damit war das Schicksal des ersten Entwurfes besiegelt. Aber in denselben Tagen, in welchen entartete Wiener und Lemberger Juden ihr Volk verrieten, beschloß der Permanenzausschuß, folgenden Antrag dem Landtage zur Beschlußfassung zu unterbreiten: „Bei den gegebenen Verh ältnissen der Bukowina hält der Landtag dafür, daß diejudeneine eigene nationale Individualität und einen besonderen Volksstamm bilden, weshalbihneneine eigene Kurie gebührt.“ Zum erstenmal proklamiert hier ein Ausschuß, der sich aus fünf Volkstämmen zusammensetzt, die unbedingte Notwendigkeit der Anerkennung der jüdischen Natio- Ein Tag im alten Sch’chem. Von Emst Müller. Die Berge Ephraims und Samarias haben ein anderes Gepräge als die Judäas. Sie tragen nicht deren kahles Steingewand, dehnen sich mit breiten Rücken und Hängen zu den Seiten gleichmäßiger Täler und sind im Frühling reichlich bewachsen. Die Straße von Jerusalem nach Süden geht an der Plateauhöhe von Ramallah vorbei, wo sich eine prächtige Aussicht auf das Gelände Jerusalems bieten soll, die uns aber versagt ist, da wir zu später Nachtzeit hingelangen. Der Morgen trifft uns nahe dem Teil Asur, dem höchsten Berge, der noch zu Judäa gerechnet wird. Mehrere labende Quellen sprudeln am Wege, der vorüberführt an uralten Bergruinen, deren zwei als Betel und Schilo bezeichnet werden. Einmal windet sich der Weg zu einer beträchtlichen Anhöhe, wo sich plötzlich zur Seite ein lachend farbenreiches Tal öffnet, und dann treten auch wir allmählich in ein Ebenengebiet ein. Dieses wird unfern durch eine Berggruppe begrenzt, welche an ihrer charakteristischen Form schon als die Garizimgruppe zu erkennen ist. Aber, wie so oft in Palästina, täuscht der klare Ausblick über die Entfernung. Mehrere Stunden noch dehnt sich die an Anstrengungen und kleinen Zwischenfällen reiche Tour und bald will es Abend werden. Das ist mit Rücksicht auf die Anmeldungs- und Einquartierungsverhältnisse ziemlich mißlich. Auch sind diese Gegenden nicht allzusicher und von räubernden Arabern öfters heimgesucht. Es ist ein Stück tief binnenländischen, ganz kulturfernen Palästinas. Der jüdischen Kolonisation ist dieses volle Dritteil des Westjordanlandes noch völlig fremd. Eine gewiße Müdigkeit beginnt sich epidemisch auszubreiten und dann weht nach einem heißen Tagesmarsch ein eisiger Wind von wolkenbedeckten Bergen her. Endlich tritt der Weg in eine schmale Talfurche ein, in der plötzlich die langgestreckte Stadt auftaucht. Beiderseits ganz nahe dunkelnde Bergketten. Und ein seltsamer Anblick läßt in lebendiger Deutlichkeit gleichsam ein historisches Motiv auftauchen, das vielleicht einen urfernen Naturzusammenhang hat. Während nämlich der Berg zur Rechten, der mäßige Ebal, von düsteren Wolkengrau umhüllt ist, erscheinen die gerundeten Gipfellinien des Garizim ganz in die ungetrübte Sternennacht hineingetaucht. In biblischer Urzeit war nun bekanntlich der Ebal zum Berg der Flüche, der Garizim zu dem der Segnungen auserkoren. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht allzuviele in dieser riesig ausgedehnten Dorfstadt Äußerster Schmutz wechselt mit einigen neuen Regierungsgenalität vom Standpunkte der Gerechtigkeit und im Interesse der Gesamtheit. Dieses historische Dokument wird noch lange zitiert werden. Allen Verdrehungen zum Trotz, die unsere Bestrebungen als Ausflüsse eines verbohrten Hurrahnationalismus hinstellen möchten, wird durch diesen Antrag dargetan, daß die Anerkennung der jüdischen Nationalität ein notwendiges Erfordernis des Völkerfriedens ist. Deshalb ist es mir ganz selbstverständlich, daß der Kampf um unser Recht nunmehr umso schärfer und energischer geführt werden muß. Dr. Straucher, der nicht nur der Führer der Bukowinaer Judenschaft ist, sondern auch der Obmann des jüdischen Klubs im Abgeordnetenhause, hat diesen Antrag formuliert und durchgesetzt. Damit hat er den Kampf um die jüdische Kurie in den Landtag getragen. Möge er im Streite nicht erlahmen und möge ihn der kräftigste Widerhall in der Judenschaft des Gesamtreiches stützen! Dann wird die jüdische Kurie zustande kommen. Trotzalledem! Zur Krise im christlichsozialen Lager Von D. K. Werdas Entstehen undWerden derchristlichsozialen Partei aufmerksam verfolgt hat, den darf die neueste Krise in derselben, die anläßlich einer Ostmarkversammlung auf der Landstraße ausbrach, nicht wundern. Internationaler Klerikalismus und chauvinistischer, rassenantisemitischer Nationalismus mögen ja im Judenhasse eine Zeit lang kooperieren, auf die Dauer können solche zwei kontradiktorische Gegensätze nicht überbrückt werden. Auch nicht durch den Antisemitismus, der wohl Klerikale und bäuden, Moscheen und Kirchen und einem kleinen deutschen Viertel. Auch ist die Stadt sehr reich an Quellen, welche hier und dort unter dem Boden rauschen. Die Bevölkerung ist von einer unausstehlichen Zudringlichkeit, und jener Charakter, der ihnen zur Richterzeit zugesprochen wurde, Streitsucht und Boshaftigkeit, soll ihnen noch heutigen Tages anhaften. Für den Bibelhistoriker muß Sch’chem*) von allerhöchstem Interesse sein. Die Geschichte der Erzväter spielt wie dunkle Sage um diese Statten. Abraham und Jakob schlugen wiederholt ihre Wanderzelte auf, und hier ward dem Urstammvater die erste Prophezeiung von der Besetzung Kanaans. Josephs Gebeine wurden hier bestattet und Josua hielt hier seine letzte große Rede an das Volk. Auch die Erzählung der schönen Fabel von der Königswahl der Bäume wird hieher verlegt, der Enkel Gideons erzählte sie dem verblüfften Volke als diese in Abimelech den ersten jüdischen König eingesetzt hatte. Aber diese Königswahl hatte einen bösen Ausgang und der Schluß war die völlige *) Der gegenwärtige Name der Stadt Nablus eigentlich nur die verzerrte Form von Neapel; so wurde die Stadt vom röm. Kaiser Vespasian genannt, der sie nach ihrer völligen Zerstörung im jüdischen Kriege neu aufbaute.