Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 ■ Die Unterhaltung, die . sich. beinahe, zwei , Stunden hinzog, trug den Stempel großer Herzlichkeit. Daß der Präsident der ältesten jüdischen Weltyereinigung eine andere , jüdische Organisation bei der Türkei denunziert, ist ein fluchwürdiges Beginnen. Wenn die Alliance heute, nachdem das Vorgehen ihrer Führer von allen Seiten gebrandmarkt wurde, sich nicht scheut, nochmals durch eine neue Veröffentlichung diese Denunziation nur recht publik zu machen, so zeugt das von einer eisernen Stirne und dem Fehlen jedes echten jüdischen Gefühls. Ein gleiches Zeugnis legt eine Tatsache ab, auf welche die Präger „Selbstwehr“ kürzlich aufmerksam gemacht hat: daß die Alliance eine Spende von der britischen Bibelgesellschaft, die unter den Juden christliche Mission treibt und Proselyten .macht, annimmt! Das tut eine jüdische Gesellschaft, die in ihrem Berichte betont, auf streng religiösem Boden zu stehen! Die Sache selbst erübrigt wohl | jedes Kommentars. In den letzten Tagen ist auch ein Urteil eines •deutschen landwirtschaftlichen Sachverständigen Dr. Lothar Mayer, Berlin, über die Ackerbauschule •der Alliance, „Mikweh Israel“ in Jaffa, bekannt geworden. Es ist ein Seitenstück zu dem Urteil ‘Philippsons über die Allianceschulen im.Orient. Das Gutachten, das in der Berliner „Jüdischen Rundschau“ Nr. 33 d. J. publiziert wurde, ist ein vernichtendes. Mayer sagt über seinen Besuch in der Schule wörtlich: Die Gutswirtschaft bot ein Bild großerVerwahrlosung. Offensichtlich fehlt es’anjedertechnischen Direkt o n. Am Felde fand ich 16 Paar jämmerlicher Ochsen . . . Die Verwendung des arabischen Pfluges bedeutet eine enorme Verschwendung von Menschenarbeit... In den Wirtschaftsgebäuden lag alles so herum, wie es vor Jahren einmal irgend einem nützlichen Zweck rgedient hat . . . Die Leistung ist kläglich . . . etc. Mayer sagt am Schlüsse: Ich kann mir nicht denken, daß die Macht der öffentlichen Meinung der jüdischen Kreise der Alliance gegenüber ohnmächtig sein sollte. Gewiß kann sich das ein unparteiischer, wohlwollender Fachmann nicht denken. Würde er aber die Alliance und ihre Leute kennen, dann wüßte er, daß an dem Eigentum, der •Unfähigkeit und der Volksfeindlichkeit der Alliance ^nichts zu ändern ist. * * * Wir erhielten folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Ich bitte um Aufnahme folgender Notiz, für •die ich Ihnen sehr verbunden wäre: Im gegenwärtigen Momente, da so viel über die Stellung der Isr. Allianz zum Zionismus gesprochen und geschrieben wird, finde ich es an der Zeit, als Illustration zum Verhältnis der Wiener Isr. Allianz zu den'kulturellen Bestrebungen des Judentums, folgendes charakteristische Faktum zur •öffentlichen Kenntnis zu bringen: Die hebräische Schule in M i k o 1 a j o w a. D., die mit einem Analphabetenkurse verbun- den ist und in jeder Beziehung Erfolge aufzuweisen hat, wandte sich an den Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, mit dem Ersuchen um eine jährliche Subvention. -Zufolge einer zwischen dem Hilfsverein und der Isr. Allianz getroffenen Vereinbarung sollten alle ins kulturelle Gebiet einschlagenden Angelegenheiten der Isr. Allianz zu Wien abgetreten werden. Auch das Subventionsgesuch der eingangs genannten hebräischen Schule kam daher an die Isr. Allianz. — Als längere Zeit ohne Antwort verstrich, begab ich mich persönlich in die Isr. Allianz, wo ich Herrn Sekretär Dr. Kaminka die Bitte vortrug, er möge die günstige Erledi- gung des Subventionsgesuches beschleunigen. Darauf erhielt ich folgende Antwort, die ich wörtlich zitiere: „Wir können Esperantoschulen nicht subventionieren.“ Als ich meinem außerordentlichen Erstaunen Ausdruck gab, von einem Rabbiner derartiges zu hören, erhielt ich die Weisung, ein Nachtragsgesuch einzubringen. Dies geschah. Die Subvention wurde — ohne Angabe von Gründen — verweigert. Durch meine Intervention bin ich aber um eine Erfahrung reicher geworden: ich habe den Typus des Protestrabbiners kennen gelernt. Für die Aufnahme bestens dankend, zeichne ich hochachtungsvoll mit Zionsgruß Dr. H. L. f (Name und Adresse des Einsenders sind der Redaktion bekannt.) JÜDISCHE. ZEITUNG. Seite 9 Palästina. Die technische Erschliessung des jüdischen Ansiedlungsgebietes. Referat, erstattet in der Versammlung der AUg. Jüd. Kolonisations-Organ., Berlin, 22. Mai 1909. Von Kultur-Ingenieur J. Treidel, Haiffa. III. Wegebau. Neben der Ent- und Bewässerung gehört der Wegebau zu den wichtigsten Vorarbeiten der Kolonisation. Das Gedeihen der Kolonien ist eben so sehr von den Ab- und Zufuhrverhältnissen als von der Qualität des Bodens und von Landwirtschaftsmethoden abhängig. Der Ausbau des Wegenetzes muß meiner Ansicht nach im gleichen Tempo mit dem Grunderwerb vorangehen, wenn man eine schnelle Entwicklung der Kolonieen herbeiführen will. Dabei sollte auch dem Wegenetze zweiter und dritter Ordnung, dem der Vicinal- und Feldwege die nötige Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im Verwaltungsbezirke Tiberias hat die Jewish Colonisation Association im vergangenen Jahre ein großes Netz von Feldwegen tracieren und ausbauen lassen und damit die vorher wüsten und unzugänglichen Abhänge des Höhenzuges von Delaika dem Ackerbau und der Kolonisation erschlossen. Im allgemeinen fehlt es auch nicht an gutem Beschotterungsmaterial. Im Dscholän und im Bezirke Tiberias steht die äußerst dauerhafte Basaltlava zur Verfügung, im übrigen Palästina, wo die Kreideformation vorherrscht, liefert der Cenoman guten Schotter, während das Senongestein bisweilen zu weich ist. Der Bau der Heeresstraßen obliegt der Vilajetsverwaltung, während die Befestigung und Neuanlage der Straßen zweiter und dritter Ordnung der Privatinitiative überlassen bleibt. IV. Parzellierung des Bodens. Eine gut geleitete Parzellierungsgesellschaft könnte die Ansiedlung von brauchbaren Einwanderern ganz besonders fördern. . Die erste Schwierigkeit, die sich dem Einwanderer entgegenstellt, ist der Mangel an käuflichem Farmland. Die Bodenhändler bieten ihm zuweilen ganze Gemarkungen zum Verkaufe an, mit denen ihm nicht geholfen ist, da er weder imstande ist, eine so großes Gebiet zu erstehen, noch es zu bewirtschaften. Selbst wenn ihm auch mitten im arabischen Feliahendorfe ein geeignetes Grundstück angeboten würde, was aber äußerst selten vorkommt, so wäre ihm auch damit kaum gedient, da er nicht aus eigenen Mitteln die allgemeinen Ameliorationen ausführen könnte, die von einer Parzellierungsgesellschaft mit Leichtigkeit bewältigt werden können, wie z. B. Anlage von Zufuhrwegen, Trockenlegung der Sümpfe, Bewässerungsanlage, Wasserleitung etc. Die Parzellierungsgesellschaften in Verbindung mit einer Agrarbank können große Latifundien aufkaufen, ameliorieren, in Lose verteilen, Wirtschaftsgebäude errichten und die einzelnen Farmen gegen mäßige Amortisations- und Zinsraten verkaufen. Der neue Ansiedler könnte dann sofort mit der Bewirtschaftung einer solchen Farm beginnen, während er jetzt gezwungen ist, einen großen Bruchteil seines mitgebrachten Kapitals zu verzehren, bevor er den Boden gekauft, sein Haus errichtet und die ersten Ameliorationen durchgeführt hat. Unter den sich um Ansiedlung bewerbenden Farmern sollten solche bevorzugt werden die einige Jahre lang im Lande landwirtschaftlich beschäftigt waren. Auf diese Weise hätte die Gesellschaft die größere Gewähr für das Fortkommen des neuen Kolonisten. Unter Anwendung ähnlicher Methoden hat die Jewish Colonisation Association während der letzten 5 Jahre manche schöne Arbeit im Bezirke Tiberias geleistet. Die von ihr gezeitigten Resultate sollten zur weiteren Parzellierungstätigkeit anspornen zum Segen unserer bedrängten, zur Auswanderung gezwungenen Brüder, zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden und zur Stärkung des jüdischen Einflusses in dem neuen jüdischen Ansiedelungsgebiete. Die Fortschritte des Landes. In seiner Neujahrsrundschau schreibt der „Jewish Chronicle“ über Palästina: Dieser Teil des türkischen Reiches, an den die Gefühle und Hoffnungen des jüdischen Volkes geknüpft sind, ist in erfreulichem Aufschwung begriffen. Der Bericht des englischen Konsuls, der vor einigen Monaten erschienen ist, zeigt zwar ein Nachlassen der Importziffern Jaffas für 1908 (kaum 1 •/« gegen 1907), dagegen waren die Exportziffern um 15 7. höher als im Vorjahre. Gegen 1904 sind aber Export und Import um 1007» höher (Export 556.G00 gegen 295.000 Pfd., Import 803.000 gegen 473.000 Pfd.). Der Konsularbericht zähit zahlreiche Projekte auf, die für die Hebung Palästinas in Schwebe sind, neue Eisenbahnlinien, Konzessionen zur Ausbeutung der im Toten Meer enthaltenen Salze, die von französischen Kapitalisten angesucht werden, ferner solche zur Ausbeutung der Minen im Jordantal, zur Etablierung einer Handelskammer in Jerusalem etc. All dies zeugt von einem neu erwachten Unternehmungsgeist. Nach dem Bericht der Zentralbehörden in Konstantinopel will auch die Regierung mit aller Kraft an der Hebung des Landes mitarbeiten. Der neue Gouverneur von Jerusalem geht mit Eifer ans Werk. Er bildete unter dem Vorsitze des Oberstleutnants Nowry Bey eine Kommission, welche die Aufgabe hat, zu erforschen, was der Landwirtschaft Palästinas not tut. Er schärfte der Stadtverwaltung ein, sich mit der Frage der Kolonisation Jerusalems zu befassen. Es verlautet auch, daß die Frage der Wasserversorgung der Stadt in ein entscheidendes Stadium gelangt sei und sich eine kapitalkräftige Gesellschaft gebildet habe, um ein diesbezügliches Projekt auszuführen. Es ist erfreulich, daß an den Fortschritte n Palästinas diejuden einen beträchtlichen Anteil haben. Am meisten tragen die Zionisten dazu bei. Durch die Anglo Palestine Cy., welche ausgezeichnet arbeitet, dem Nationalfond&und anderen Institutionen beweisen, daß sie einsehen, daß sie die materielle und moralische Regeneration Palästinas anstreben müssen, als Hauptmittel zur Erreichung ihrer Ziele. Aber auch von Nichtzionisten wird viel für die Renaissance Palästinas geleistet. Beweis hiefür die geplante Errichtung einer technischen Hochschule in Haifa, für die Jacob Schiff eine halbe Million Kronen gegeben hat. Die Ernte des Jahres scheint heuer eine vorzügliche zu sein. * * * Vereinigung hebräischer Lehrer. Die Vereinigung der Lehrer des Hebräischen in Palästina hielt kürzlich in Sichron Jakob ihre Jahresversammlung ab. Unter anderem hielt auch Prof. Schatz eine Ansprache. * * * Projekte der ICA. für Mesopotamien. Wie der Konstantinopeler Korrespondent des „Jewish Chronicle“ meldet, hat der Rat der ICA. beschlossen, einen Versuch mit Kolonisierung fruchtbarer Gegenden in Mesopotamien zu machen. Um keine rechtlichen Schwierigkeiten seitens der türkischen Regierung zu haben, will die ICA. eine Gesellschaft m. b. H., natürlich aus eigenen Mitteln, nach türkischen Rechte, mit dem Sitze in Konstantinopel, bilden. Sobald die Gesellschaft konzessioniert sein wird, will die ICA. die Tätigkeit sofort aufnehmen. Ihr Generalinspektor für die Kolonien im Orient hat Ordre erhalten, sich bereit zu machen, nach Mesopotamien zu gehen. Chev. Isaac, der Vertreter der ICA. in Konstantinopel, hat bereits Schritte bei der Regierung unternommen. Es heißt, daß der Ministerrat, der sich am 5. d. M. mit der Sache beschäftigt hat, dem Projekte sehr geneigt ist. * * * Export nach Palästina. Der russische Generalkonsul von Jerusalem gab den russischen Industriellen bekannt, daß sie auf dem Palästinenser Markte ein gutes Absatzgebiet für Eisen und Eisenwaren finden könnten. Bis jetzt deckt Palästina den Bedarf an Eisen durch Import aus Belgien und Schweden.