Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 41 Ausweisungen ohne Ende. Aus Petersburg schreibt man: Laut einer speziellen allerhöchsten Erlaubnis haben sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 266 jüdische Familien in den Städten des Kubaner Kreises ansässig gemacht. Vierzehn von jenen Familien haben vor zehn Jahren von der höheren Administration die Erlaubnis erhalten, sich in Jekaterinodar niederzulassen und mit Handelsbetrieben zu befassen. Vor einigen Wochen erhielten diese jüdischen Kaufleute plötzlich eine Verfügung des Gouverneurs, wonach sie bis Ende Oktober d.J. ihre Geschäfte liquidieren und die Stadt verlassen müssen. Unter den Ausgewiesenen befinden sich auch sehr wohlhabende Kaufleute, die einen geschäftlichen Jahresumsatz von 7—SOO.OOO Rubeln haben. Der vor kurzem aus Jekaterinodar hieher zurückgekehrte Dumaabgeordnete Pokrowski wird sich im Aufträge der ausgevviesenen Juden beim Kriegsminister für eine Aufhebung der Ausweisungsverfügung verwenden, deren Ausführung nach Pokrowskis Meinung dem gesamten dortigen Handels¬ und Industriebetrieb schweren Schaden zufügen würde. Wird der Kriegsminister diesem Gesuche Folge leisten? Die russische Regierung pflegt sonst bei Ausweisungen von Juden in „selbstloser“ Weise auch die allgemeinen Interessen der russischen Bürger wenig zu berücksichtigen. * * * Von den Juden in London. Wie aus einer durch die Stadtverwaltung veröffentlichten Statistik hervorgeht, haben im Jahre 1906 1599 jüdische Eheschließungen in London stattgefunden, das sind 39'6 auf 1000 allgemeine Eheschließungen. Im Jahre 1907 sank die Zahl der jüdischen Eheschließungen auf 1474, 36‘3 auf 1000. Die Zahl der wahlberechtigten Juden betrug in London 137 per 1000; in East End jedoch erreichte die Zahl kaum die Hälfte davon. * * * Wie die Türkei ihre Juden schützt. Die in der Schweiz lebenden türkischen Juden haften sich an den Großrabbiner des Ottomanischc-n Reiches mit der Mitteilung gewandt, daß ihnen das Hausiergewerbe, verboten worden sei. Haim Nahuni Effendi leitete sofort die nötigen Schritte beim Minister des Auswärtigen ein und hatte die Genugtuung, daß dieser sofort bei der Schweizer Regierung intervenierte. Der Erfolg war die Aufhebung der freiheitswidrigen Bestimmung. —. Wenn österreichische Juden in Rußland den schmachvollsten Ausnahmebestimmungen unterworfen werden, so handelt es sich für unsere Regierung um eine „innere Angelegenheit des befreundeten Nachbarstaates“. * * * Auswanderungschronik. Nach offiziellen Mitteilungen sind in den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Monat Juli d. j. 66.218 Immigranten, darunter 9357 Juden, 11954 Italiener, 7855 Polen, 5049 Deutsche, 3516 Engländer, 2324 Griechen, 1485 Kroaten, Slavonier u. a. eingewanJjert. In demselben Monat sind 2330 Einwanderer zurückgeschickt worden, und zwar: 1850, weil sie dem Lande zur Last fällen würden, 181 wegen ansteckender Krankheiten, 64 kontraktbrüchige Arbeiter, 35 Verbrecher, 25 unsittliche Frauen, 23 Epileptiker, 19 Idioten, 17 Kinder unter 16 [ähren, die ohne Eltern kamen, ln Argentinien sind im Jahre 190S 255710 Einwanderer (Zwischer/deck-Passagiere) eingetroffen Außerdem kamen noch 16223 Personen in der I. und II. Klasse. Im vorhergehenden Jahre betrug die Zahl der Einwanderer‘‘um 46607 weniger. Von den Immigranten im Jahre 1908 waren 125479 Spanier, 93490 Italiener, 9111 Syrier, 8500 Russen, 3823 Franzosen, 2551 Oesterreicher, 2469 Deutsche, 2083 Portugiesen, 1879 Engländer u. a. Nach Konfessionen verteilen sich die Immigranten : 2379S8 Kathöliken, 5444 Juden, 12268 verschiedene andere. 1 Kurandas Genossen. Außer den Wiener Assimilanten K uranda und Gomperz und der „Neuen Freien Presse“ sind auch die Polenklubisraeliten und ein Czernowitzer Journalist, ein gewisser Herr Dr. Menczel, am Verrate der Bukouiinaer Juden beteiligt gewesen. Unter allen diesen Herren ist der Abg. Dr. Löwenstein wohl der ruchloseste. Dieser Mensch, der Lakaientum zum politischen Ideal und Maklertum zum Leitgedanken des. galizischen Judentums machen möchte, hat im Laufe der wenigen Jahre, wo er zum Unglück unserer galizischen Brüder irq öffentlichen Leben steht, so viel Fluchwürdiges begangen, daß er die allgemeine politische Moral des Landes geradezu verpestet hat. Die hinterlistige Verschacherung "der Bukowinaer Juden ist nur logische Fortsetzung seines bisherigen Gehabens. Er und-sein Schwiegervater, der berüchtigte Samuel Edler ,.v. H o ro wi tz, schrecken vor keinem noch so verwerflichen Mittel zurück, um nur ihr Ziel, das ist Befriedigung ihres persönlichen Ehrgeizes und ihrer egoistischen Interessen, zu erreichen. Das Ideal dieser Herren ist der Profit. Wenn auch die Erreichung ihres „Ideals“ nur durch Sklaverei, Selbstentmannung, Würdelosigkeit, Dickhäuiertum, Verleumdung und Anbiedern möglich ist, die Herrn machen sich nichts daraus. Dem Einflüsse Löwensteins ist es zu verdanken, daß “sein Freund Prof. Sternbach jüdische Lehrer nur unter der Bedingung anstellt, wenn sie erklären, polnischnational zu sein. Löwensteins Politik bezweckt die bedingungslose Auslieferung der galizischen Juden an die polnischen Machthaber. Löwenstein hat die eiserne Stirne gehabt, die galizischen Wahlschwindeleien zu verteidigen. Löwenstein und seine israelitisch-polnischen Kollegen sind’s, die mit den Antisemiten koaliert, nach Geßmanns Pfeife tanzen. Um sich bei den Polen einzuschmeicheln und es ihnen recht sinnfällig zu machen, daß er unentbehrlicher Hausjude ist, führt dieser Mauschel gegen alles, was nicht ausgesprochen assimilatorisch ist, einen umso fluchwürdigeren Kampf, als die Waffen, deren er sich bedient, in giftigste Jauche getaucht sind. Und dieser Mensch, der Typus des bewußten und widerwärtigsten Helotentums, dem kein treugesinnter Jude sogar die Achtung, die man ehrlichen politischen Gegnern entgegenbringt, schenken kann, hatte den Mut, im Namen der Juden gegen den jüdischen Kataster aufzutreten! Und derselbe Löwenstein ist Interpret der jüdischen Wünsche und Forderungen . . .! Schiller sagt: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre!“ Wenn wir nicht solche Auswüchse wie Kur an da, Löwen stein und Konsorten mit Stumpf und Stiel aus unserer Gemeinschaft ausrotten werden, wahrlich, dann verdienen wir allesamt ehrlos und nichtswürdig gescholten zu werden! Die Alliance und kein Ende. Wir fürchten wirklich schon, unsere Leser zu ermüden, wenn wir immer wieder der Alliance auf die Finger klopfen müssen, aber unsere publizistische Pflicht zwingt uns, diese Gesellschaft auf ihren Irrwegen treu zu begleiten und ihre Taten der Oeffentlichkeit zu melden. „Ost und West“, das Organ der Alliance, veröffentlichte letzthin den Wortlaut der inzwischen berühmt gewordenen, 4a^tjpsep Aeußerung des Aliiancepräsidenten Narcisse"Levenj’ 'gegenüber cler' Abordnung des türkischen Parlaments. Der Passus lautet: „Eine Andeutung auf die zionistische Bewegung beantwortete der Redner (Dr. Riza Bey) dahin, daß es geraten sei, diese Bewegung nicht zu unterstützen. Die Türkei habe im Sinne, ihre Türen allen Verfolgten offen zu halten, die zu ihr kommen, um ihre Kräfte zu brauchen oder ihre Kapitalien nutzbar zu machen. Sie würde eine Bewegung nicht dulden, die das Aufrollen einer in Wirklichkeit nicht existierenden jüdischen Frage bezwecke, einer Frage, die hervorzurufen, nicht im Interesse der Israeliten liege. Herr Leven erklärte, daß diese Auffassung den Ansichten der Alliance voll entspräche. Die Alliance habe es bisher verstanden, dem Zionismus fernzubleiben und habe vermieden, ihn in irgend einer Art zu ermutigen. eine Labe meiner vermoderten Seele, Deine stilvollen Ausführungen in mich aufzunehmen. Da ferner Dein Brief zugleich mit einer Künstlerkarte (ein picksüßer Engel schwingt darauf einen überquellenden Blumenkorb) von der schokoladebraunen Emmy ankam, tat ich vor Freude einen Sprung, daß die unter mir wohnhafte Familie Prsk (zu Wohl sein!) sich über „de naiche Hehr“ beklagte. Ja, mein vereintester Brüderling, so sittsam gefestiget und so traut eingepolstert wie Du, wohne ich nicht. Meine Departements hat mir keine zärtliche Tanten-Fürsorge errungen und vorbereitet, sondern meine eigene Männerkraft hat dieses elende Loch mit den aschgrauen Wänden erkämpft. Stelle Dir vor: Vier völlig gleiche Wände in Quadratform, behaftet mit drei Kupferstichen: „Die Ermordung Cäsars“, „Maria Stuart am Schaffot“ und „Von Wölfen verfolgt“. Wenn ich diese Kunstwerke vor dem Einschlafen betrachte, erwache ich in Schweiß gebadet. Ferner: Ein Bett mit Krümmungen, eine Kommode, die sich einbildet, auf drei Füßen stehen zu können und ein Waschtisch, über den bei Lampenbeleuchtung die Schwaben Wettrennen. Meine Hausleute sprechen lediglich das Idiom des heiligen Wenzelslaus, für das ich, wie Du weißt, ein besonderes Faible habe. Deine wohlbegründete Anfrage, o Philosoph, warum ich gerade dieses Eden zu meinem Hoflager erkoren habe, beantworte ich präzise mit dem parlamentarischen Wort: Budget-Rücksichten. Mein liebevoller Alter, der an dörperliche Verhältnisse gewohnt ist, hat meinen Monatswechsel mit K 70 — sage siebenzig — festgesetzt und hofft, daß ich mir davon auf die Sommerreise etwas ersparen werde. Meine widerstrebende Meinung erledigte er mit dem Hinweis auf meinen Vetter Emmerich, der bekanntlich sich, seine Familie und eine unglücklich verheiratete Kousine erhält, seine Prüfungen mit Auszeichnung ablegt und Ausschußmitglied des Vogelschutzvereines ist. Ich werde mich wohl demnächst auf Pferdehandel oder Schriftstellerei werfen müssen, um meine ausschweifenden Gelüste nach warmen Nachtmählern und reiner Wäsche befriedigen zu können. Desohngeachtet, Carissime, fühle ich mich in dieser alten Stadt sehr jung und habe bereits in der Tochter meines Schusters, Hedwicka mit Namen, einen triftigen Grund zum Weiterleben gefunden. Sie sagt zwar immer „Jezis Maria!“, wenn ich ihr durch Zusammenpressen ihrer Wangen — oder anderweitiger Haut — meine idealen Gefühle ausdrücke, ist aber ansonsten tolerant wie Kaiser Rudolf II, Gott habe ihn selig. Du, ein Selchfleisch gibt es hier, daß einem die Lehren Mosis verwerflich erscheinen! Und das Bier ist von beseligender Würze. Die Inskriptionen, die gestern begonnen haben, mache ich derzeit noch nicht jnit, weil ich die diesfälligen Geldbeträge zur Vervollständigung' meiner Toilette und zur Ausfüllung einer brausenden Nacht verwendet habe. Ich habe aber bereits eine treue Seele gefunden, die aus Menschenfreundlichkeit mir einige Hundertkronenstücke gegen 9 bis 20 Prozent vorknallen wird. O, verdonnere mich nicht, zartbesaitetes Freundesherz! Und schreibe bald Deinem zeitraubenden K a r I o.