Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 daß wir selbst im Zentralparlamente besser vertreten sind als im galizischen Landtag. Bis zu den letzten Wahlen verfügte die Stanczyken-(Schlachzizen)Partei über die 73 Majorität im Landtag und erst bei den letzten Wahlen, die unter dem Eindrücke des allgemeinen Wahlrechtes für den Reichsrat standen, gelang es den bürgerlichen Parteien eine ansehnliche Minorität zu erlangen und die 73 Mehrheit der Stanczyken auf eine einfache absolute Majorität herabzumindern. Die bürgerlichen Parteien des Landtags, die im Gegensatz zur konservativen „Rechten“ die Opposition bilden, gliedern sich in die Linke (Allpolen und fortschrittliche Demokraten), polnische Volkspartei und Klerikale. Die Ruthenen, welchen der Landtag ebensowenig Gerechtigkeit willfahren läßt wie den Juden, zerfallen in Jungruthenen und Altruthenen (Moskalofilen). Von den polnischbürgerlichen Parteien nehmen die Allpolen den größten Einfluß auf die Landespolitik. Sie haben das Präsidium des landtägigen Polenklubs inne und sie verstehen es durch brutale Ausnützung der ihnen zur Verfügung stehenden Macht ihre Forderungen durchzusetzen. Sie vertreten auch am energischesten das Verlangen nach einer Wahlreform und dies nicht etwa aus demokratischen, sondern aus parteipolitischen Gründen, wohl wissend, daß sie durch ein reformiertes Wahlsystem verstärkt in den Landtag einziehen würden. Als nationale Chauvinisten sind sie die größten Gegner der jüdischnationalen Bewegung. Sie suchen auch mit allen Mitteln die politische Selbstständigkeit der Juden zu hintertreiben. Zur Zeit als das allgemeine Wahlrecht für den Reichsrat eingeführt werden sollte, sprach sich der Allpole Glombinski, der jetzige Obmann des reichsrätlichen und landtäglichen Polenklubs gegen die „voraussetzunglose Wahl von jüdischen Abgeordneten“ aus, d. h. er stellte sich auf den Standpunkt, daß man den Juden nicht die Möglichkeit geben solle, selbstständig und unabhängig ihre Abgeordneten wählen zu .können, sondern daß man die Wahl von jüdischen Abgeordneten dem Ermessen und Wohlwollen der Polen überlasse. Die Allpolen sind auch die einzige Partei, welche schon seit 2 Jahren ein vollständig ausgearbeitetes Wahlreformprojekt hat und dasselbe mit allem Nachdruck vertritt.*) Dieses famose Projekt, dem der nationale Kataster zugrunde liegt, zeigt in krassester Weise wie die Allpolen die Juden politisch entrechten'und über ihre Stimmen verfügen wollen. Nach dem allpolnischen Projekte soll ein polnischer und. ein ruthenischer Kataster eingeführt werden. Der Kataster, der zum Schutze der polnischen Minoritäten Ostgaliziens gedacht ist, soll auch von vornherein die Anzahl der Abgeordneten beider Nationen feststellen, unabhängig davon, wieviele Wähler sich alljährlich in den polnischen oder ruthenischen Kataster eintragen lassen, lieber dieses *) Inzwischen haben auch die polnische Volkspartei und die Konservativen Wahlreformprojekte ausgearbeitet, die den nationalen Kataster verwerfen. Auch diese übergehen vollständig die jüdischen Minimalforderungen. (Anm. d. Red.) Projekt sagt das „Slowe Polskie“ (das Organ der i Allpolen) weiter: ' I „Es handelt sich hier nicht nur um den Landtag, sondern auch um das Parlament. Denn wenn irgend ein Landtag den nationalen Kataster für die Landtagswähler einführt, so ist nach der parlamentarischen Wahlordnung das Parlament bei den Wahlen eo ipso dazu verpflichtet“.! „Der Versuch hat jedoch gezeigt, daß das System der Wahlkreise mit 2 Mandaten uns nicht genügend vor schmerzlichen' Ueberraschungen k la Mahler sichert. Vor solchen Ueberraschungen kann uns nur der nationale Kataster bewahren“. Augenscheinlich gefällt den Allpolen der Nationalkataster so gut, daß sie ihn auch für die Reichsratswahlen gerne eingeführt sehen möchten. Das System der Vergewaltigung der Nationen soll auch hier in Anwendung gebracht werden.t Die jüdisch-nationalen Abgeordneten, die ihnen ein Dorn im Auge sind, sollen zur Unmöglichkeit werden. Aber noch einen Vorteil soll der nationale Kataster haben. Der Kataster soll einen Schritt vorwärts zur Sonderstellung Galiziens, zu seiner Autonomie bedeuten. So sagt das „Slowo Polskie“. „Aber vielleicht der wichtigste Vorteil des Katasters wird der sein, daß er, den Landtag ein für allemal von der Kuratel Wiens befreien wird. „So lange die polnischen Minoritäten zusammen mit den ruthenischen Majoritäten stimmen, ist das Los der polnischen Mandate der östlichen Bezirke in der Hand der Regierung gelegen. Es ist wohl richtig — heute mischt sich Wien nicht in die Wahlen unseres Landes, doch wer kann uns die Zukunft verbürgen?“ Die Nationaldemokraten: leben in der beständigen Furcht, die Regierung könnte sich einmal veranlaßt sehen, den Miststall der galizischen Wahlpraktiker zu säubern. Dann wehe ihnen! Wie würde sich das Bild verändern 1 Es wurde sich zeigen, wie die polnischen Machthaber jahrzehntelang durch Mißbrauch der Amtsgewalt, durch brutale und rücksichtslose Unterdrückung der Nationen die Oeffentlichkeit über die wahren Verhältnisse des Landes täuschten, als sie den polnischen Charakter desselben fesstellen. >- Es ist wirklich verwunderlich, wie skrupellos die Allpolen ein ganzes Volk von den primitivsten politischen Rechten ausschließen, wie sie nach ihren Gutdünken über die jüdischen Stimmen schalten und walten wollen. Die Juden, so' kalkulieren die Allpolen, würden sich zweifellos in den polnischen Kataster eintragen lassen. Erstens können sie an der Anzahl der nationalen Abgeordneten nichts mehr ändern und zweitens würden sie einen viel größeren Einfluß nuf die Wahl in den polnischen Wahlkreisen haben, weil diese bedeutend kleiner sein würden, als die ruthenischen. In den1 ruthenischen Wahlkreisen würde die geringe Anzahl der jüdischen Stimmen bedeutungslos sein, während sie in den polnischen Wahlkreisen gar häufig den Ausschlag geben könnte. Man sieht die Allpolen sind ebenso schlaue wie skrupellose Politiker. Es liegt nun an uns Jüdischnationalen, daß sie die Rechnung ohne den Wirt machen. Es kann unserer Nationalpartei der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie in diesem Falle den Ereignissen tatenlos entgegensah. Das allpolnische Wahlreformprojekt müßte einen Sturm der Entrüstung und des Widerstandes entfesseln, der den polnischen Machthabern zeigen wurde, daß die Juden Galiziens ihre Rechte zu verteidigen wissen und sich nicht vergewaltigen lassen. Gerade jetzt, wo in der Bukowina der nationale Kataster für die Juden proklamiert wird, müßten wir durch unermüdliche Agitation das Land aufrütteln und den Massen das politische Selbständigkeitsgefühl beibringen. Die letzten Reichsratswahlen haben gezeigt, daß unsere Judenmassen Galiziens schon politisch reif sind, und daß unsere politischen Bestrebungen den lautesten Widerhall bei ihnen finden. Das ganze Volk muß sich wie ein Mann erheben, um dieses System der brutalen Vergewaltigung und Entrechtung energisch zurückzuweisen. Dann wird auch das jüdische Volk Galiziens eine seiner Anzahl entsprechende Vertretung im Landtage finden. Aus dem jüdischen Leben. Ein neues Judenprivileg in der Türkei. Aus Konstantinopel wird berichtet: Der „Aurore“ zufolge wird dem Großrabbinat demnächst vom Ministerium des öffentlichen Unterrichts die offizielle Mitteilung zugehen, daß fortab alle Abiturienten jüdischer Schulen der Türkei, sobald ihr Zeugnis vom Chachambaschi bestätigt ist, ohne Prüfung zu den jeweilig höheren türkischen Staatsschulen zugelassen werden sollen. Es werden demnach die Absolventen der jüdischen Primaschulen in die „Rischdies“, die der höheren Anstalten in die „Idadies“ und die der jüdischen Institute von Gymnasialrang ohne weiteres in die Universitäten Zugang haben. Wenn diese Bewilligung ein neues wichtiges Privileg für das Großrabbinat bedeutet, das damit die wirkungsvollste Aufsicht über alle jüdischen Schulen des Reiches erhält, so ist sie zu gleicher Zeit ein eminent wichtiger Schritt zur Hebung dieser Anstalten selber. Mehr noch: so lange keine neuen, einschneidenden Programmvorschriften von der Regierung ergehen, die auch die Privatschulen treffen würden, bildet dieses Privileg in sich die Gewähr der absoluten Unterrichtsfreiheit und damit des nationalen Charakters der jüdischen Schulen, vorausgesetzt, daß ein solcher vorhanden ist. Daß der Großrabbiner nicht anstehen wird, diesen Schulen, deren pädagogische Höhe ja außer Frage steht, in jedem Falle die nötige Bestätigung der Zeugnisse zu verleihen, ist ja doch wohl nicht zu bezweifeln. * * Westjuden. (Novelle von Ben David). Wien, 10. September 1906. Lieber Karl! Ich wußte es bereits zur Zeit deines Schwures, mir ohne Verzug nach deiner Ankunft in Prag zu schreiben, daß ich als erster unsern brieflichen Verkehr beginnen werde. Ich kenne deine gutmütige und unbesiegliche Vergessenheit und verzeihe dir hiemit im vornhinein alle zukünftigen Vergehen gegen mich, insoweit sie dieser sympathischen Taktlosigkeit entspringen. Allerdings muß ich hinzufügen, daß ich keine Zeile an dich je schreiben werde, ehe du meinen Brief beantwortet haben wirst. Dies zur Darnachrichtung. Mein erstes Studienjahr in der Fremde hat keinen unfreundlichen Beginn. Die Bude, die mir meine fürsorgliche Tante aufgenommen hat, ist mit allen Bequemlichkeiten gesegnet und gewährt eine fröhlich-belebte Aussicht auf die Währingerstraße, eine jugendlich pulsierende Hauptader der anmutigen Vindabona. Ferneher grüßt die milde Rundung des Kahlenberges und wenn ich mich geschmeidig aus dem Fenster lehne, sehe ich den gemütlich drohenden Zeigefinger von St. Stephan. Meine geistige Nahrung habe ich bereits ausgepackt und mein Schiller lächelt mich anheimelnd aus dem altmodischen Regal an. Die Antritts-Visiten hatte ich im Laufe des gestrigen Tages erledigt und wurde sowohl bei meinem vornehmen Onkel Julius (Oberstabsarzt a. D. und katholisch) wie von meinem tuchhändlerischen Schwager mit offenen Armen und gediegenen Schnäpsen empfangen. Bei Onkel Julius wohnt gerade eine Nichte tantenseits, die den duftigen Namen Lilly führt und von bemerkenswerter Feingeistigkeit und unzweifelhafter Anmut ist. Die Inskriptionen an der alma mater beginnen übermorgen und die stolze Halle des schweren Barok-Juwels ist beständig reich belebt. Dort traf ich auch den blassen Heger, der voriges Jahr dei uns zuhaus maturiert hat und immer mit dem Turnlehrer in Fehde gelegen ist. Er trägt eine blaue Kappe und hat sehr kühl gegrüßt. Ich finde keinen Anlaß, die Gründe dieser Temperatur zu untersuchen. Auch deinen ehemaligen Freund Max Beck habe ich auf der Ringstraße gesprochen. Er ist in irgend einem Manufaktur-Geschäft angestellt und wird dort, wie er grimmig bemerkt, jämmerlich augebeutet Fortwährend sprach er von Mehrwert und Kapitalismus und lud mich dringend in irgend einen sozialdemokratischen Verein ein; ich habe ihm zugesagt, weil ich ein lebhaftes Interesse für Politik empfinde und besonders im ersten Jahr, das bekanntlich nicht sehr viel Studien- Arbeit auferlegt, die gewaltigen Lücken meiner allgemeinen Bildung ausfüllen möchte. Ich glaube dir in großen Umrissen meine Denkwürdigeiten mitgeteilt zu haben und erwarte eine entsprechende Revanche. Solltest du zufällig in Prag eine schöne Ausgabe des Heine finden, kaufe sie für mich an. Hier in Wien ist alles teuer. Sei herzlich gegrüßt von deinen Fritz. Prag, Graben. 20. 9. 1906. Mein Jugendgespiel und Herzensfreund! Fürs erste; meine allertiefst empfundenen Dank für Deine honigmilde Auffassung meines verderbten Charakters. Es war