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Jüdische Zeitung · 1909-10-08 · 41 (8.10.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 41 falten und uns auf diesem Wege Vereinigungen schaffen, die zwar formell „freiwillig“ sind im Grunde aber durch das enge Band der Kongruenz -der sozialen Interessen zusammengehalten werden. Auch der territorialen Lösung der Judenfrage muß die gesellschaftliche Konsolidierung aller lebensfähigen Elemente der jüdischen Nation, die Koordination aller vorhandenen Kräfte vorausgehen. Es war eine Zeit, wo ideologische und agitatorische Schlagworte die jüdischen Massen zusammengeschweißt batten, wo die Kraft des abstrakten Ideals mächtig genug war, sie dem Worte des Führers gehorsam zu machen. Das Feuer des Ideals hat den Führer verzehrt. Das abstrakte Ideal aber, die „Propaganda des Wortes“ hat m, E. niemals vermocht das „Feuer“ im Volke zur Tat zu verdichten. Heute sind Schlagworte machtlos, das Volk aus der Lethargie zu erwecken. Nur die T a t wäre imstande die gegenwärtige Krisis zu überwinden. Und eine solche Tat kann m. E. sein — die Organisation der jüdischen Wanderung. In dem Masse, wie das Volk sich überzeugen wird, daß etwas Konkretes, Wesentliches erreicht ist, daß seine Bedürfnisse — wenn auch nur teilweise — befriedigt werden, wird es auch allmählich zum Ausbau des großen nationalen Werkes herangezogen werden können. Auf dem Wege einer breit demokratischen Organisation dieser Tätigkeit wird man das Zutrauen der Wanderer selbst und der Volksmassen erlangen können, was zweifellos eine der Hauptbedingungen einer erfolgreichen Tätigkeit ist, an deren Mangel die bisherigen philantropischen „Hilfswerke“ kläglich gescheitert sind. Die Annäherung des Ideals und der Massen, des Endzieles und der Bewegung — ist m. E. die vornehmste Aufgabe der jüdischen Migratiönspolitik, Von diesem Gesichtspunkte aus betrachte ich auch den Kongreß zur jüdischen Wanderung, der in den nächsten Monaten in Wien stattfinden wird. Damit will ich keineswegs sagen, daß des Kongreß sich auf den Standpunkt der territorischen Lösung der Judenfrage stellen soll oder wird. Wie der Kongreß seine Aufgabe — die Regelung der jüdischen Wanderung — auffassen wird, welche Bedeutung er ihr zuschreiben wird, das ist Nebensache. Diejenigen, die ihre Vorstellung über die Entwicklungsziele der jüdischen Geschichte aus der Analyse der historischen Schicksale und der gegenwärtigen sozialen Triebkräfte des jüdischen Lebens geschöpft haben, die wissen genau, daß, wer das Alpha gesagt haben wird, zweifelsohne bis zum Omega gehen wird müssen. Denn — fata volentem ducunt, nolentem trahunt . . . (Das Schicksal führt den Willigen und schleppt den Trotzigen.) VI. Während bei den anderen Nationen, wo die Auswanderung nicht im entferntesten eine so große nationale Bedeutung hat, wie bei uns Juden — so bei den Tschechen, Slowaken, Italienern — die Oeffentlichkeit sich lebhaft mit diesem Problem befaßt, spezielle Auswanderungsbanken, verschiedene Unterstützungsgesellschaften (wie die italienische „Humanitaria“) und ähnliche Organisationen geschaffen werden, ist bei uns in dieser Beziehung bisher fast nichts von Bedeutung auch nur unternommen worden. Die italienische Regierung ist im Begriffe eine internationale Emigrationskonferenz zu berufen. Wo ist dasjenige Organ, welches die Interessen des jüdischen Wanderers als solchen vertreten könnte? Jetzt, wo das Gewitter ausgebrochen ist, beginnen wir allmählich zu erwachen. „Die jüdische Emigration ist ein tiefer unaufhörlicher nationaler Prozeß geworden, der die Emigrations- und Immigrationsländer berührt. Es ist nun Zeit, in diesen Prozeß Planmäßigkeit und System hineinzubringen und einen gewissen Teil der jüdischen Bevölkerung zur Landwirtschaft heranzuziehen.“ So charakterisiert die gegenwärtige Situation eine Deklaration, die vor kurzem von verschiedenen jüdischen Parteien und Organisationen in Amerika veröffentlicht worden ist und die zum ersten Male die Notwendigkeit des geplanten Kongresses ausgesprochen hat. „Planmäßigkeit und System 1“ — das ist das Programm. Zielbewußt organisatorisch in den stychischen Emigrationsstrom eingreifen, ihn zuerst „regulieren“, von den bisherigen überfüllten Zentren ablenken, das schwere Los des Wanderers einigermaßen erleichtern — das ist der erste Schritt der Organisation. Dabei wird man gewiß nicht stehen bleiben können. Nachdem man die Richtung des Wandererstromes geändert haben wird, wird sich bald von, sich die fernere Aufgabe ergeben — auch seinen Charakter zu ändern. Die städtische Arbeiter- , und Kleinhändleremigration wird allmählich in eine Ackerbaukolonisation umgewandelt werden müssen. — Das werden m. E. — schematisch ausgedrückt — die allgemeinen Direktiven einer zielbewußt nationalen jüdischen Migrationspolitik sein müssen. VIL Welches sind nun im einzelnen die nächsten konkreten Aufgaben, die man bei der Regelung der jüdischen Wanderung zu lösen haben wird? — Um die Wanderung5 zu organisieren und zu beherrschen, muß man sie, selbstverständlich, vor allem kennen. Daß wir aber die jüdische Migration auch nur annähernd kennen, wird wohl niemand behaupten. Die allseitige statistische Erforschung des Wandererstromes, seiner sozialen Zusammensetzung, seines professionellen Bestandes, seiner materiellen und geistigen Bedürfnisse sowie seiner Mittel und Potenzen — diese theoretische Arbeit, die aber, natürlich, von größter praktischer Bedeutung ist, muß vor allem unternommen werden. Die amerikanische Organisation zur Unterstützung der jüdischen Einwanderer hat diese Arbeit in Bezug auf Amerika bereits begonnen. — Was die eigentliche Regelung der jüdischen Wanderung anbetrifft, so sind die Aufgaben ^derselben selbstredend in den Emigrationsländern andere als die in den Trans- und Immigrationsländern. — Das größte Uebel, welches die Organisation in den Auswanderung s ländern zu bekämpfen haben wird, ist zweifellos das abscheuliche Agentenwesen, diese wahre Plage des jüdischen Wanderers. Die östlichen Emigrationsbureaus der Organisation werden die Funktionen der Agenten übernehmen müssen, wie die Besorgung ausländischer Pässe, Schiffskarten etc. Auf diese Weise werden bedeutende Geldmittel teilweise den Emigranten selbst erspart werden, teilweise der Organisation zur Deckung der laufenden Ausgaben zugeführt werden. Ferner muß eine sorgfältige ärztliche Besichtigung der Emigranten vor der Abreise organisiert werden, wodurch die Zurücksendung von Tausenden Emigranten jährlich aus sanitär-medizinischen Rücksichten vermieden werden wird. Schließlich kommt hier die breiteste Information über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Immigrationszentren in Betracht. Der Emigrant soll von vomeherein wissen, wohin er geht und was ihn dort im allgemeinen erwartet. Hinsichtlich der Transmigration erscheint als Hauptaufgabe die Erlangung möglichst günstiger Reisebedingungen für die Emigranten — auf dem Wege von Abmachungen mit den Dampfschiffs- und Eisenbahngesellschaften, durch Erlangung von Konzessionen von denselben etc., sowie überhaupt der allseitige Schutz und die Verpflegung der Emigranten unterwegs. In den Immjgrationsländern schließlich besteht die Regelung der Wanderung gegenwärtig, wie gesagt in der allmählichen Ablenkung der Einwanderer von den bisherigen wenigen Zentren, in der zweckmäßigen Organisation des Arbeitsnachweises und was vom Standpunkte unserer historischer Endziele von besonders großer Bedeutung ist — in der breitesten Förderung aller Art landwirtschaftlichen Unternehmungen und Kolonisationsversuchen im jüdischen Volke. VIII. Wo sind nun - die Garantien dafür, daß die Regelung der jüdischen Wanderung nicht in den Sand verlaufen wird, wie es mit allen bisherigen „Hilfswerken“ und Palliativen geschehen ist, daß die Schaffung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens auf dem Wege der konzentrierten Kolonisation die Richtschnur dieser Tätigkeit bilden wird? — Abgesehen davon, daß die Kolonisation als Lösung des jüdischen Wanderungsproblems in letzter Zeit sogar in solchen Kreisen immer mehr Anklang findet, die bisher dem Zionismus und Territorialismus ganz fern geblieben waren, sehen wir in der Wirklichkeit, wie der Ackerbau überhaupt und die Kolonisation insbesondere stycbisch, trotz aller ungünstigen, ja direkt hemmenden Momente, eine immer bedeutendere Rolle im jüdischen Leben zu spielen beginnt. Sogar in Rußland. Die neuesten Forschungen auf dem Gebiete der Oekonomie des russischen Judentums konstatieren, daß „die Juden in den letzten Dezennien ernste Versuche gemacht haben,' sich landwirtschaftlichen Beschäftigungen zuzuwenden, ungeachtet, des. Verbotes im größten Teile des .Ansiedlungsräyons Grund und Boden zu kaufen und zu arrendieren.“ *) ‘ In Amerika hat das Streben der Juden zum platten Lande seinen Ausdruck gefunden, in der gegenwärtig sich dort besonders stark geltend machenden Farmerbewegung, die ■ sogar eine „Jüdische Gesellschaft zur Förderung der Landwirtschaft“ ins Leben gerufen hat. Ferner haben die seit Jahrzehnten in Rußland, Argentinien* Brasilien, Kanada und insbesondere in Palästina bestehenden jüdischen Kolonien klar und deutlich die Unbegründetheit der — sogar im Judentume selbst stark verbreiteten — Meinung über die Unfähigkeit der Juden zur Landwirtschaft dargetan. Und wenn wir hie und da auch ganz oder teilweise mißlungene Kolonisationsversüche zu verzeichnen haben, so liegt der Grund dieser Mißerfolge zum größten Teile in dem System der philantropischen 'und administrativen Bevormundung, die dem Kolonisten jede eigene Initiative und jeden Unternehmungsgeist raubt. Gewiß hat nicht jede Kolonisation als solche für uns einen gleichen nationalen Wert. Von den gegenwärtig in Betracht kommenden Kolonisatiönsgebieten gebührt in nationaler Beziehung der Türkei zweifellos die erste Stelle. Mit dieser Tatsache wird die Organisation, die sich mit der Regelung der jüdischen Wanderung befassen wird, umsomehr rechnen mäßen, da von den wenigen für die jüdische Einwanderung historisch noch in Betracht zu ziehenden Ländern die Türkei gerade dasjenige ist, wo eine städtische Handwerker- und Kleinhändlerimmigration gegenwärtig in größerem Umfange unmöglich ist, während eine Ackerbaukolonisation dort durchgeführt werden kann, die übrigens mit der Zeit auch eine bedeutendere städtische Einwanderung ermöglichen könnte. Welcher Ansicht man über die Bedeutung des türkischen Reiches überhaupt und Palästinas insbesondere für die Zukunft der jüdischen Nation auch sein mag, eins steht wohl außer Zweifel: die Türkei ist gegenwärtig eines der. für uns Juden.in nationaler Beziehung bedeutendsten Zentren und wird es voraussichtlich immer mehr werden. Das sind im Großen und Ganzen1 die augenblicklich wichtigsten Aufgaben und Direktiven einer zielbewußten jüdischen Wanderungspolitik, deren Einzelheiten sich natürlich im Verlaufe der Regelungstätigkeit von selbst ergeben werden. Ob wir'diesen Aufgaben, insbesondere in ihren historischen Endzielen gewachsen sind, darüber wird uns die vielleicht nicht allzuferne Zukunft belehren. Vieles hängt jedenfalls von unserem guten Willen und unserer Energie ab. : Die galizische Landtagswahlreform und die Juden. Von Moriz Freundlich. Die gegenwärtige Session des galizischen Landtages steht im Zeichen der Wahlreform und der autonomistischen Bestrebungen. Der galizische Landtag, ist der vollständigen Willkür der Schlachzizenherrschaft preisgegeben. Die 8 Millionen Bewohner Galiziens sind 2000 Schlachzizenfamilien, welche die ganze politische Macht in ihren Händen haben, vollständig ausgeliefert. Dieses Privilegiensystem ist nun zur Zeit, des Volksparlamentes unhaltbar geworden und .ein heftiger Kampf um die Wahlreform steht bevor. Wir Juden dürfen diesem Kampfe nicht gleichgiltig und teilnahmslos Zusehen, denn er ist für unsere ganze politische Zukunft von größter Bedeutung. In Galizien, wo Polen und Ruthenen in fast gleicher Anzahl wohnen, bilden die nahezu 1 Million Juden das Zünglein an der Wage. Der polnische Charakter des Landes steht und fällt mit der Freundschaft oder Gegnerschaft des jüdischen Volkes. Dies ist den galizischen Machthabern nur zu gut bekannt und darum setzen sie alle Hebel in Bewegung um die politische Selbstständigkeit der Juden hintanzuhalten. Der gegenwärtige Landtag zählt unter 161 Abgeordneter 5 Juden, während unter den 106 gal. Abgeordneten für den Reichsrat sich lOJuden befinden. Man ersieht daraus, *) B. Bruzkus, „Der professionelle Stand der jüdischen Bevölkerung Rußlands“ (russisch), St. Petersburg, 1908 p. 75, f.

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