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Jüdische Zeitung · 1909-10-08 · 41 (8.10.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 hängern dieses Antrages auch mehrere maßgebende Personen des Deutschen Schulvereines. Ich nenne u. a. nur den Abgeordneten Weidenhofer und das Ehrenmitglied Steinwciidcr, welch letzterer sieb bekanntlich rühmt, der erste Antisemit in Oesterreich gewesen zu sein. Aber auch die verehrL Unterzeichner Ihres an mich. gerichteten Schreibens haben dieser Bewegung ihren Tribut darbringen müssen.. Der hochverehrte und mitunterschriebene Dr. Groß war es bekanrilitch, welcher seinerzeit den gewählten deutsch jüdischen Wiener Abgeordneten Hovk -und Genossen mitteilte, sie könnten nicht in u .* deutsch.: Fcusctiriitsp; rtei aüfgenommen werden, offenbar nur weil, sie jüdische Wähler vertreten. Und auch der hochgeschätzte unterschriebene Dichter Rosegger hat sich einmal auf eine Anfrage über Heinrich Heine ausgesprochen, er kenne Heine nicht genügend, um über ihn ein Urteil zu fällen. Zufällig ist natürlich Heine auch ein Jude. Und das sind die Besten unter unseren deutschen Brüdern. Ich frage Sie nun offen und ehrlich hochverehrte Herren, was hat ein Jude, wenn er einen Funken Charakter und Selbstachtung besitzt bei deutschen Unternehmungen zu suchen? In einem jüngst veröffentlichten Schreiben des Herrn Dr. Groß wurde eine ähnliche Ansicht, wie die meine damit zu entkräften gesucht, indem er sagte, alle Deutschen ohne Unterschied der politischen Richtung sollten zur Erhaltung der nationalen Güter beitragen. Das ist ein großer Irrtum. Der Antisemitismus ist keine politische Richtung. Der Antisemitismus ist der Prüfstein für die Kulturhöhe und Gesittung eines Volkes. 120 Jahre nach Erklärung der Menschenrechte in Frankreich kann, es unter gesitteten Menschen keine Frage mehr gehen, ob die Existenzberechtigung der menschlichen Individuen von der Abstammung oder gar der Konfession abhängig sei. Antisemitismus kann nichts anderes sein, als ein Rest von Barbarei. Das kann man keine politische Parole nennen. Leider ist aber die einzige geistige Bewegung, welche bei dem deutschen Volke in Oesterreich seit 30 Jahren irgendwelchen Erfolg hatte, der Antisemitismus. Diese Bewegung hat das Rechtsgefühl des ganzen Volkes untergraben und dasselbe korrumpiert, sogar unser Verhältnis zu Ungarn unheilbar vergiftet. Wer mit offenen Augen die laufenden Erreignisse verfolgt hat, dem konnte nicht entgehen, wie seit den 70 er Jahren geradezu parallel mit dem Erfolg des Antisemitismus der politische, nationale, kulturelle Einfluß des Deutschtums in Oesterreich zurückgegangen ist. Den Schaden, den diese Bewegung angerichtet hat, hat also in erster Linie das deutsche Volk selbst zu tragen, und wir Juden können ihm nicht einmal Hilfe leisten, auch wenn wir wollten, denn jede Aktion oder Vereinigung unter den Deutschösterreichern, bei welcher Juden mitarbeiten, wird ja schön durch deren Mithilfe, infolgedessen in den Augen der Volksgenossen geschädigt. Wir Juden führen jetzt einen schweren Kampf um unsere Existenz. In allen Kreisen und allen Berufen. Fangen wir an bei den Gelehrten zum Beispiel, den ärztlichen. Wie wird doch unseren Stammesgen'ossen mit allen und nicht sehr sauberen Mitteln die Existenz erschwert durch ihre sogenannten arischen Genossen! Nicht anders ist es im Handel und Wandel, wo man auf allen Ecken auf Boykott und ähnliche Feindschaft stößt. Unsere Lehrer, unsere Aspiranten bei Beamtenstellen, sie finden überall verschlossene Türen. Sogar der Handelsbeflissene findet nur noch bei Stammesgenossen und da nicht immer Unterkunft. Unsere Studentenschaft mußte sich erst durch ihren Mut und Energie und mit dem Degen in der Hand an unseren Universitäten ihre Rechte erkämpfen, ln allen gemeinnützigen Instituten an unseren Hochschulen, welche meistens durch die Spenden jüdischer Bürger ins Leben gerufen wurden, suchen die deutschen Jünglinge unsere Söhne zu verdrängen. Ich erinnere nur an die Mensa academica. Ja schon unsere Kinder, kaum daß sie die Schwelle der Volksschule übertreten, bekommen den Ernst des Lebens zu spüren, indem unsere deutschen Volksgenossen schon ihren Kindern gegen uns, das Fremdvolk, Haß und Verachtung lehren. Und während die deutschnationalen Jünglinge an den Universitäten brüllen — Juden heraus — kommen ihre Papas und schicken uns Zirkularschreiben, worin wir um einen Beitrag zur Beteiligung des bedrohten deutschen Volkstums ersucht werden .... Das jüdische Volk in Oesterreich kämpft also tagtäglich einen verzweifelten Kampf um seine Existenz und da ist doch die erste und heiligste Pflicht derjenigen unter uns, welche einigermaßen wohlhabend und begütert sind, mit ihrer Opferwilligkeit für ihre eigenen und bedrückten und mit Unrecht verfolgten Volksgenossen einzutreten, soweit es ihre Mittel erlauben. Einen Vorteil aber hat der uns aufgedrängte Kampf für uns gehabt. Er hat uns befreit von heuchlerischen Illusionen und Selbsttäuschungen. Wir haben eingesehen, daß wir selbst ein Volk sind, eine Volksgemeinschaft, welche ruhmreichere Traditionen als irgend eine andere hat. Es ist ein leerer Wahn und eine Geschmacklosigkeit, darum zu buhlen, einer anderen Volksgemeinschaft anzugehören. Unser Judentum repräsentiert in Augen aller vorurteilslosen Menschen das lebende Prinzip der Gewissensfreiheit und der Menschenrechte. Glücklicherweise beginnt diese Einsicht mehr und mehr unter unserem vielgeprüften Volk Eingang zu finden, daß es eine Täuschung und Illusion war, die weder Ehre noch Vorteil bringen kann, wenn wir unsere Abstammung verleugnen und uns in die Reihe einer anderen Volksgemeinschaft eindrängen wollen. Nicht ohne innere Kämpfe und nicht leicht bin ich zu diesem Standpunkte gelangt und mit mir noch viele Tausende. Auch heute noch kann ich meine Sympathien für deutsches Wesen und deutsche Kultur nicht verleugnen und: ich bedauere lebhaft die Bedrängnisse, in welcher sich das deutsche Volk in Oesterreich heute befindet. Wir wünschen Bestrebungen, wie der Ihren, vollen Erfolg. Das deutsche Volk in Oesterreich zählt, wie es in Ihrem Aufiufe heißt, genug Leute, die den Bettel von zwei Millionen Kronen aus eigenem aufbrlngeu können. Es sind solche darunter, welche annähernd so viel für eine schöne Villa, für eine Maitresse oder Theatersport opfern, und es wird ein Prüfstein für die moralische Beschaffenheit und Opferwilligkeit des deutschen Volkes in Oesterreich sein, ob Ihre Sammlung Erfolg hat. Ich wünsche es Ihnen vom Herzen. Aber so viel werden Sie nach all dem, was ich hier geschrieben und was übrigens nur jedermann bekannte Tatsachen sind, einsehen, daß es für einen Juden wenig charaktervoll wäre und von wenig Selbstachtung zeigen würde, wenn er sich an Ihrer Aktion beteiligte und ebenso verwunderlich finde ich es, wenn Sie von uns für solche Zwecke Geld annehmen. Das ist natürlich Geschmacksache. Vielleicht, daß der arische Volksgeist hierüber andere Anschauungen hat und nach dem Grundsätze handelt: Non ölet! Parteinachrichten. Die Bukowinaer Wahlreform und das galizische Zentralkomitee. In einer Sitzung vom 27. Sept. befaßte sich das galizische Zentralkomitee mit der Frage der Jüdischen Kurie im Bukowinaer Wahlreform entwurf, drückte dem Abg. S t r a u c h e r für seine unermüdliche Arbeit seine Anerkennung aus und beschloß eine großzügige Aktion zu Unterstützung der Forderung der Bukowinaer Juden einzuleiten. Demgemäß finden am 10. d. in allen größeren Städten Galiziens Volksversammlungen statt, in welchen diese Angelegenheit zur Sprache gelangen wird. * * * Mitteilung des Bureaus des IX. Zionistenkongresses. In eingehenden Konferenzen sind in Hamburg in Gegenwart des Herrn Präsidenten Wolffsohn, des Herrn Professor Dr. Ornstein-Groningen, Vorstehers des VIII. Zionistenkongresses im Haag und des Herrn Sekretär Berger-Köln die allgemeinen Richtlinien für die Vorbereitungen des IX. Kongresses festgelegt worden. Der Kongreß findet bekanntlich im „Konzerthaus Hamburg“ statt, das nach übereinstimmendem Urteil geeignetere Räume enthält, als sie irgend einem der früheren Kongresse zur Verfügung standen. Zur Erledigung der Vorbereitungsarbeiten ist bereits jetzt unter dem Namen ‘„Bureau des IX. Zionistenkongresses“ in Hamburg, Gr. Bleichen 65, I, ein Bureau eingerichtet worden, das unter Leitung eines dreigliedrigen Direktoriums steht. Diesem Direktorium steht eine Anzahl Komitees zur Seite, von denen das Wohnungs- und das Reisekomitee ihre Tätigkeit bereits aufgenommen haben. Das Wohnungskomitee wird bestrebt sein, ganze Hotels zu mieten, in denen die Delegierten je nach ihren Wünschen und Ansprüchen konzentriert werden können. Auch ist es gelungen, für eine kleine Anzahl von Delegierten unentgeltliche Unterkunft bei Gesinnungsgenossen zu sichern. Nähere Angaben über die Wohnungsbesorgung werden demnächst bekanntgegeben werden. Das Reisekomitee wird die zweckmäßigsten Reiserouten ermitteln und veröffentlichen. Auch wird es bestrebt sein, die Gewährung von Ermäßigungen, namentlich seitens der Schiffahrtsgesellschaften zu erlangen: Alle Mitteilungen und Anfragen sind zu richten an das: Bureau des IX. Zionistenkongresse s, H a m b u r g, G r. B 1 e i c h e n 65, I. Telegrammadresse: Orghip Hamburg. * * * Jüdischer Abituriententag 1909 in Wien. In den Kreisen der Abiturienten Wiens und der Provinzstädte gibt sich für den am 14. d. M., ‘/; 8 Uhr abends im Hotel Zentral, II. Taborstraße, stattfindenden Abituriententag ein lebhaftes Interesse kund. Diese Veranstaltung dürfte ihren Zweck, die Einführung der jüdischen Abiturienten in die zionistischen und studentischen Verhältnisse Wiens, voll erreichen. Zur Tagesordnung wäre noch nachztftragen, daß Herr Dr. Ernst Müller, der bekanntlich mehrere Jahre als Lehrer am hebräischen Gy mnasium in Jaffa gewirkt hatte, über „Palästina und die Jugend“ referieren wird. « * * Mitteilungen des innerösterreichischen Distriktskomitees. Wir richten hiemit an alle Gesinnungsgenossen, welche in diesem Jahre noch keinen Schekel gezahlt haben, die dringende Aufforderung, dies schleunigst zu tun, da die Schekelsammlung am 15. Oktober 190&ge-scblosse-n wird: Sämtliehe Schekelhefte mögen uns von den Inhabern derselben gefälligst unverzüglich zugesandt werden, auch diejenigen, auf weiche keine Zahlungen erfolgt sind! Das i. ö. Distriktskomitee. Der Ka!-Clown. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so fröhlich bin. Ein Männchen aus uralten Zeiten. Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Es ist so klein und possierlich Und quosselt so melodiös, Und gratuliert so manierlich Und ist so entzückend nervös. Sein Smoking hat sonder Frage Die allerfeinste Fasson, Die „Sitzung“ zwecks „Stellung“ zur „Lage“ Ist seine besondere Passion. Es fuchtelt und bläht seine Nüstern, Belustigt das ganze Couloir Und steht sehr nah den Ministern — Besonders im Pissoir. Des öftern wird er gar schneidig, Der Parlaments-Pierrot, Und kriecht den „Großen“ geschmeidig — Pardon! Ich meinte nur so! Das Männlein stört unser Erwachen? Der Hanswurst ist unser Feind? Ich mußte anfangs lachen, Doch dann hab’ ich geweint — - — Beda. Probleme der jüdischen Wanderung. Von Maxim A n i n. V.*) Eine rationelle demokratisch geleitete Migrationspolitik, welche die Konzentration der jüdischen Wanderer zu ihrem Leitstern hat, das ist, wie wir gesehen haben, die einzige Sphäre im jüdischen Leben, wo eine Brücke von der Gegenwart zur Zukunft gebaut werden kann, denn hier liegt das Endziel und die Bewegung in einer Fläche. Die Konzentration der jüdischen Wanderung bedeutet — die Lösung der akuten jüdischen Migrationsfrage einerseits und des großen nationalen Problems, der historischen Judenfrage andererseits. Will man daher mit den jüdischen Volksmassen in eine natürliche organische Verbindung und engere Fühlung kommen, so ist das am ehesten eben auf diesem Boden möglich. — Wie überall, so müssen aber auch hier die Eigenartigkeiten des anomalen jüdischen Daseins in Betracht gezogen werden. Während bei den staatlich organisierten Nationen sämtliche sozialen Schichten bereits tatsächlich durch eine Reihe politischer und sozialer Zwangsorganisationen miteinander verbunden sind, ist das bei uns Juden durchaus nicht der Fall. Als staatslose und dabei noch „exterritoriale“ Nation, müssen wir zur Erreichung unserer nationalen Ziele vielmehr eine intensive gesellschaftliche Selbsttätigkeit ent- *) Siehe Nummer 35 der „Jüd. Zeitung“ vom 27. August 1909.

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