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Jüdische Zeitung · 1909-10-08 · 41 (8.10.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 41 die Beratungen in der Wahlreformfrage wieder auf- ■nehmen. Der Inhalt des abgeänderten Entwurfes ist noch nicht bekannt und man darf auf seinen Wortlaut gespannt sein. Da der Obmann des jüdischen Klubs im Abgeordetenhause, Dr. Benno Straucher, dem Permanenzausschusse angehört, ist die Sicherheit geboten, daß unsere Volksgenossen nicht über’s Ohr gehauen werden. Nach der Schlußberatung im Ausschüsse tritt bekanntlich der Landtag zwecks Durchbesprechung der Wahlreform für 5 bis 6 Tage zusammen. Wir werden unsere Leser auf dem Laufenden erhalten. * * * Die „Neue Freie Presse“ für das „Wahlghetto“. Die „Neue Freie“ billigt das „Wahlghetto“ in Bosnien. Die Begründung setzen wir wörtlich hieher: Der Wunsch der bosnischen Juden, einen . Landtagswahlbezirk für sich zu haben, entspringt wesentlich anderen Gründen als denjenigen, welche für die Schaffung jüdischer Wahlbezirke in der Bukowina geltend gemacht werden. Die Gemeinderatswahlen in Sarajewo haben die eigentümliche Situation ergeben, daß die Juden daß Zünglein an der Wage bildeten. Die Partei, für welche die Juden stimmten, siegte. Diese Situation empfanden die Sarajewoer Juden als eine sehr peinliche, weil sie sich mit jener Partei verfeindeten, gegen welche .sie stimmten. Um eine ähnliche Situation bei den Wahlen für den Landtag zu entgehen, stellten sie die Forderung auf, für den Landtag einen eigenen Landtagswahlbezirk zu erhalten, und das Landesstatut trägt diesem Wunsche Rechnung. Wie kommt so etwas in die „Neue Freie Presse? Fast macht es den Eindruck, daß diese! sehr richtige Begründung der modernen, bewußten jüdischen Politik den Argusaugen Benedikts entging :und daß er rasch im letzten Augenblick den Satz eingeflickt hat, daß die Bestrebungen der bosnischen Juden „wesentlich anderen Gründ e n“ entspringen als jene der Bukowinaer Juden. Damit hat er natürlich den Karren erst recht verfahren. So verblödet sind nicht einmal die Wähler Dr. Redlichs und Kurandas, daß sie nicht wüßten: Auch wir sind das Zünglein an der Wage zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen Polen und und Ruthenen. Und erst recht sind es die Bukowinaer Juden. Oder kennt Benedikt seine Kasinojuden besser? Darf er wirklich das „Wahlgetto“ in einer Sonntagsnummer verdammen und in der nächsten begrüßen und dabei noch plump auf den Widerspruch hinweisen? * * * Mischpachath Gomperz. Ein messianischer Freudenrausch ergriff Kurandas Wählerschaft, als sie am Sonntag nach Jomkippur in der „Neuen Freien“ zu Mincha betete. Da stand ein geistreicher Leitartikel „Das Wahl-Ghetto“ zu lesen, der im Namen der mosaischen Religion gegen die jüdische Wahlkurie in der Bukowina und gegen die Aufhalsung des jüdischnationalen Joches überhaupt protestierte. Und kein Geringerer als Theodor Gomperz, k. k. Universitätsprofessor, Herrenhäusler, Mitglied der Akademie der delte, waren sie verschiedener Meinung, doch alle fühlten national. An manchen Abenden stellten sich einige jüdischnationaie Studenten an der Spitze Markus Grünbaums ein und so manche Redeschlacht wurde in dem kleinen Hofzimmer ausgefochten . . . Nun hatte die Jugend das Wort und es hieß seine Stimme recht laut erheben, denn dieses Volk war sich seines Elends noch nicht ganz bewußt. Lange genug hatten die Juden den Rücken gebeugt und wie Fremdlinge unter den anderen Völkern gelebt. Die einen hatten aus alten, vergilbten Büchern ihre Ideale und Hoffnungen geschöpft und auf ein Wunder, auf den kommenden Messias gewartet, die anderen hingegen erhofften von fremder Seite Hilfe und Erlösung . . . Aber das Heil kann nur von den Juden selbst kommen; die Zeit des Bittens und Betteins ist vorüber! — Das war die Sprache der jungen ' Juden, die nur sich und ihrer eigenen Kraft vertrauten ... Wieseltier freute sich über dieses Treiben, i denn er konnte sich mit Stolz sagen, daß er es 1 war, der diese Diskussionsabende ins Leben gerufen, hatte. Auch hoffte er, daß die Leute, wenn sie sich erst an diese Zusammenkünfte gewöhnt hatten, zu kleinen Geldopfern zu bewegen sein werden. Aber vom Verein wollte jetzt niemand etwas wissen. Die Wissenschaften in Petersburg, kurz ein Mann, der nebst seinen Millionen 5 Zeilen Titulatur im Lehmann hinter sich herschleppt, war es, der zu seinen Brüdern herabgestiCgen kam, -um sie zu erretten, wie einst Moses vor den Mizrim, so jetzt vor' den bösen Zionisten. Gerührt sanken im Cafe Herz Sandor Kohn, zuständig nach Nagy Tapolczany (Heil!) und Bohumil Kohn, zuständig nach Goltsch-Jenikau (Heil!), einander in die Arme, sich ihres nun eridgiltig garantierten Deutschtums zu freuen. Nur ein Pedant war in der Kille, dem Theodors Israelitentum verdächtig schien; wußte er ja, daß Theodors Gattin Elise die Tochter des vormaligen Wiener Kultusvorstehers Heinrich Ritters von Sichrowsky ist, dessen Bildnis in der berühmten Ahnengallerie des Kultussitzungsaales Seitenstettengasse hängt, und ..daß die Kinder von Kultusvorstehern mit 50°/*, ihre Enkel aber mit 100% Wahrscheinlichkeit getauft sind. Und was ergaben die genealogischen Studien unseres Pedanten?- Der Erstgeborene des großen Hellenisten Theodor Gomperz, naniens Heinrich, fand es schon als Barmizwejüngei im Jahre 1884 für, schön und gut, das Judentum kapores zu schlagen, denn so wird es einem viel leichter eine Universitätsdozentur zu erlangen. Er hat sie erlangt'. . . Der zweite Sprößling, Rudolf E m a n u e 1, sprengte als 21 jähriger Jüngling anno 1899 die Tore des Konfessions-Ghettos und rettete seine schöne Seele in die Gefilde römischkatholischer Freiheit. Und das jüngste Kind Theodors, Bettina, folgte 1903 als 24 jährige Jungfrau errötend den Spuren ihrer teuren Brüder. Alle drei Apostasien, vollzogen sich im väterlichen Palais, III. Reisnerstraße 13, unter den Augen des liebenden Elternpaares. Indes behielt der Onkel der drei Ausreißer, Philipp Ritter von Gomperz, seine Würden als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Brünn und des Kuratoriums des Mährischjüdischen Landesgiassafonds ruhig weiter, bis sie ihm von den Zionisten verekelt wurden, welche es als unzulässig ausschrien, daß ein Präsident durch 17 Jahre pünktlich jede Sitzung schwänzt. Philipp ließ sich darauf zu Trotz von der Brünner Handelskammer zum Landtagsabgeordneten ernennen und eines Sinnes mit seinem deutschen Bruder Theodor hat er erst dieser Tage dem Obmann des Deutschen Schulvereines, Reichsratsabg. Dr. Groß, welcher sich bekanntlich der Abstimmung über die Resolution Schmidt so tapfer entzogen hat, 2000 K für die Rosegger-Schulstiftung behändigt . . . Und Dr. Stern, der Wiener Kultuspräsident, ist natürlich ein Herz und eine Seele mit Mischpachath Gomperz. Du lieber Gott, erbarme dich endlich deines Volkes und nimm das Joch der Oschirim von unserem Nacken! Amen. Dr. Z. Abgeblitzt! Wie bekannt ist, wird über Initiative des Dichters Peter Rosegger seitens des „Deutschen Schulvereines“ eifrig für deutsche Schulzwecke gesammelt. Studenten sprachen von Zionismus mehr als ihm lieb war und wenn Wieseltier ernst war, lachten sie. Sie waren viel schlagfertiger als er, so daß er gegen sie gar nicht auftreten konnte. Als Wieseltier eines Abends wieder auf sein Projekt zu sprechen kam, erhob sich Markus Grün- bäum und polemisierte in scharfen Worten gegen die Gründung des Vereines. „Wir brauchen keinen Unterstützungsverein für Schnorrer“, rief Markus. „Was nützt es dem Judentum, wenn Einzelnen geholfen wird? Wir wollen die Juden zu freien Männern erziehen. Wir haben ein jüdisches Zentrum gebraucht, das haben wir nun geschaffen. Früher haben wir uns für fremde Ideale begeistert und jetzt sprechen wir nur von unseren Angelegen-; heiten. Was wollen Sie mehr?“! Das Schicksal des galizischen Vereines war hiemit besiegelt. Als Wieseltier sah, daß ihm keiner zu Hilfe kommen wollte, begann er gegen seine eigenen Landsleute loszuziehen. „Die polnischen Juden sind nicht wert, daß sie leben“, rief er aufbrausend, verließ das Lokal und schlug die Tür hinter sich zu . . . Von diesem Tag an mied er den Diskussionsklub. Eine Zweimillionenspende, die sich aus „Bausteinen“ von je 2000 K zusammensetzen soll, wird arigestrebt. Der „Deutsche Schulverein“, der längst ins antisemitische Lager abgeschwenkt ist und erst anläßlich der Resolutiü’n Schmid wieder seine judenfeindliche Gesinnung bekundet hat, tritt gleichwohl mit seiner Bitte um Spenden für diesen Fond auch an Juden heran. Eine gehörige Antwort erhielt’ der „Deutsche Schulvereia“ von Herrn Lucian Brunn er. Wir glauben, diesen Brief unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen und geben ihn vollinhaltlich wieder. Hoffentlich wird er für -andere Juden, die man ebenfalls um Geldspenden ahgeht, vorbildlich sein! „Löbl. Deutscher Schulverein, Wien I. Bräunerstraße 9. Ihre geehrte Zuschrift ddto. 27. Juni ist erst vor wenigen Tagen in meinen Besitz gelangt. Fast muß ich glauben, daß Sie sich in der. Adresse geirrt haben, indem Sie mich zur Zeichnung auf eine Spende von 2000 K für den sogenannten Rosegger- Fond einladen. Der beigelegene Aufruf wendet sich an das deutsche Volk und fordert die Volksgenossen auf, Spenden für die bedrohte Nationalität zu gewähren. Ich kann nun die Ehre nicht annehmen, Ihr Volksgenosse zu sein, denn ich gehöre der ' jüdischen Volksgemeinschaft an und nicht der deutschen, was wohl ziemlich bekannt sein dürfte. Wir Juden haben kein Recht uns als Angehörige des deutschen Volksstammes anzusehen und soweit wir charaktervoll und vernünftig sind, auch keine Lust dazu. In diesem Punkte muß ichmein Einverständnis mit den deutschnationalen Ansichten ausdrücken, daß wir Juden keine t Deutschen seien. Und da diese Frage noch immer vielen'tauten , sehr unklar ist, so werden Sie mir verzeijj'eh. '-we'nn' ich auf ihr sehr weitläufiges Schreiben auch sehr ausführlich antworte, denn Klarheit ist im Interesse aller gelegen. Es gab einmal eine Zeit, in welcher ich mich auch für einen Deutschen hielt. In meiner Jugend, in welcher Deutschland in seiner alter politischen Zerrissenheit existierte, da gab es ein Nationallied, dessen Refrain lautete: „Des Deutschen Vaterland muß größer sein“. Und in Oesterreich galt die Parole, „deutsch sein heißt frei sein“ und damals hielt man sich gerne für einen Deutschen. Freiheit, Fortschritt, Bildung, Treue und Gesittung das waren synonyme Begriffe mit Deutschtum. Es kam dann der deutschfranzösische Krieg und in seinem Gefolge loderte auch das deutsche Nationalgefühl in- Oesterreich mächtig auf. Mancher, der noch ein paar Jahre früher ein Preussenfresser gewesen, wurde dann plötzlich ein begeisterter Alldeutscher. Der Freudentaumel über die Siege der deutschen Vettern fuhr unseren Philistern in die Köpfe und sie wußten vor lauter Rassendünkel, nicht, was sie tun sollten.. Um jene Zeit begann auch der Ansturm der slavischen Völker gegen die politische und kulturelle Stellung der Deutschen in Oesterreich, — und auch die Gründung des deutschen Schulvereins. Ichwarselbstverständlich auch Mitglied desselben und zwar ein begeistertes; zuerst in Triest,, dann in der Schweiz und zuletzt hier. Aber der deutsche Volksgeist in Oesterreich zeigte merkwürdige Wandlungen. Anstatt alle Kräfte zu sammeln, um gegen die römisch klerikalen Vorstösse vorzugehen, entwickelte sich eine ganz andere Volksbewegung. Es war der Kampf gegen die jüdischen Mitbürger, genannt „Antisemitismus“. Und trotz allen politischen Bedrängnissen, welche seitdem die Stellung der Deutschen in Oesterreich bedrohten, ist eigentlich nur eine Volksbewegung unter ihnen erfolgreich gewesen, das ist die Judenhetze. Die Träger der nationalen Bewegung hielten es für ihre Ehrenpflicht strenge Regeln aufzustellen, welche den Menschen berechtigten, der deutschen Edelnation anzugehören, und es begann vor allem eine eifrige Prüfung der Stammbäume. In Linz setzten sich die Edelsten zusammen und schufen das berühmte Linzer Programm. Es folgte nicht mehr dem alten Klang „des Deutschen Vaterland muß größer sein“, es hieß im Gegenteil „des Deutschen Vaterland muß kleiner sein“. Ihre erste Tat war, daß sie ungefähr eine Million an deutsch sprechenden und der deutscnen Kultur anhängenden Bürger im. Osten der Monarchie, in Galizien und der Bukowina an den slavischen „Moloch“ verschenkten. Es waren freilich meistens Juden und keine Deutschen, richtig bemerkt. Und diese Kleindeutschen heißen sich merkwürdigerweise Alldeutsche. Es kann seither in Deutsch-Oesterreich kein Mann und keine Institution Geltung im öffentlichen Leben finden, wenn: sie sich nicht der herrschenden Strömung des Antisemitismus unterwerfen. Auch der verehrlichte Deutsche Schulverein wußte sich diese Strömung nicht vom Halse zu halten, er nahm zuerst judenreine Ortsgruppen auf und seine hervorragendsten Vertreter brüsten sich offen mit ihrer antisemitischen Gesinnung. Als letztes Jahr dem Judenhaß durch die sogenannte Resolution Schmied im Parlamente in einer praktischen gesetzgeberischen Weise Ausdruck gegeben werden sollte, wodurch die jüdischen Staatsbürger in den Schulen auf das Niveau der barbarischen Zustände Rußlands heruntergedrückt werden sollten, da waren unter den eifrigen An»

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